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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : retrospektive Arbeit wirklich so viel weniger wert?



Celine Blesch
02.12.2022, 17:39
Hallo liebe Leute,

ich bin jetzt im 5. Semester und habe überlegt, im nächsten Semester mit meiner Doktorarbeit anzufangen.
Ich habe jetzt auch ein Angebot für eine retrospektive Arbeit in einem Fachbereich angeboten bekommen, welcher mich auch sehr interessiert und in dem ich mir gut vorstellen kann, auch später mal zu arbeiten.
Jetzt habe ich aber von mehreren Seiten gehört, dass eine retrospektive Arbeit doch sehr viel weniger wert ist als bspw. eine experimentelle Arbeit. Natürlich ist der Aufwand ein anderer und dementsprechend die Aussicht auf eine gute Note wohl schlechter - aber ist das so schlimm?
Ich habe nur Bedenken, mich jetzt für etwas zu entscheiden, was mir später dann eine Chance verwehrt.
Ich weiß aber auch, dass ich mich eher am Patient:innenbett sehe als im Labor, aber schließt sich so Forschung dann direkt aus? Und wie sehen die Aufstiegsmöglichkeiten in einer (Uni)Klinik mit einer retrospektiven Arbeit dann aus? Nimmt mir das die Chance eine gute Anstellung zu bekommen, ggf. Oberärztin o.ä zu werden?

Ich weiß, ich habe noch genug Zeit, auch noch auf etwas anderes zu warten - aber wie sehen so Eure Erfahrungen aus? Kann mit vielleicht auch jemand, der/die schon eine retrospektive Arbeit gemacht hat, vielleicht auch mal erzählen, wie die Arbeit dann so aussieht? Ich kann mir irgendwie noch nicht viel unter "du bekommst fertige Daten und analysierst die dann" vorstellen. Ich habe ja jetzt auch noch nicht soo viel Wissen nach dem Physikum :D

Ich würde mich sehr über Antworten und Erfahrungen freuen :D

Danke!

Nefazodon
02.12.2022, 19:56
Hallo Celine,

Ich denke, es hängt ein bisschen davon ab, was Du später machen willst. Willst Du später in die Forschung, willst Du dich habilitieren, willst Du Professorin an der Uni werden? -Dann kann es schon sein, dass die Entscheidung für eine retrospektive Arbeit negative Auswirkungen hat.

Willst Du all das nicht, willst Du einfach nur eine "normale" Karriere machen, bis zur Oberärztin (auch an Unis), dann ist es eigentlich egal.
Wenn Du keine Karriere in der Wissenschaft machen willst, interessiert sich niemand für das Thema deiner Doktorarbeit. Hauptsache fertig. An nicht-universitären Häusern (auch Maximalversorger) ist es mittlerweile Gang- und Gäbe dass nicht mal mehr alle Oberärzte promoviert sind.

Autolyse
02.12.2022, 20:27
Hallo Celine,

Ich denke, es hängt ein bisschen davon ab, was Du später machen willst. Willst Du später in die Forschung, willst Du dich habilitieren, willst Du Professorin an der Uni werden? -Dann kann es schon sein, dass die Entscheidung für eine retrospektive Arbeit negative Auswirkungen hat.
[...]
Wobei da auch gilt: Eine publizierte retrospektive Arbeit ist mehr wert, als eine unveröffentliche experimentelle Dissertation, die bestenfalls der Gutachter überflogen hat.

Bonnerin
02.12.2022, 21:50
Long story, short: Du willst habilitieren? Dann sollte es im Optimal was Prospektives sein um zumindest ein Magna zu bekommen.

Willst du einfach nur den Titel, damit du "Herr/Frau Doktor" bist, dann ists egal. Mach die reteospektive Arbeit, wenn sie dich interessiert und die Betreuung okay ist. Mit der Betreuung steht und fällt in den meisten Fällen die Promotion.

Wie schon gesagt wurde, die Zahl der neuen Ärzt:innen mit Promotion nimmt (zumindest subjektiv) stetig ab. Es ist in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eher so, dass viele zwar mindestens 1 Promotion anfangen, aber eben nicht zu Ende bringen. Eine abgeschlossene Promotion (egal welcher Art) ist also ein Pluspunkt. Im universitären Bereich gibts auch noch das schöne WissZeitVG, das regelt, wie lange man problemlos unpromoviert beschäftigt sein kann. Ausnahmen bestätigen die Regeln, ist aber meist leichter, promoviert zu sein - egal ob experimentell, klinisch, restrospektiv oder theoretisch. ;-)

Celine Blesch
03.12.2022, 07:17
Danke für eure Antworten!

Ja, ich glaube, ich möchte eher eine "normale" Karriere machen, also wahrscheinlich auch nicht habilitieren.


Hat denn jemand von euch schon eine retrospektive Arbeit fertig und kann mir auch etwas über den Ablauf des Schreibens erzählen?
Oder kommt das dann im Laufe der Zeit und mit der Betreuung?
Ich kann mir wie gesagt noch gar nichts darunter vorstellen, irgendwelche Daten zu analysieren...

davo
03.12.2022, 08:10
Vor dem Schreiben muss man erst mal analysieren, und davor erst mal planen, was man überhaupt warum wie analysieren will. Das ist das größere Problem. Da man immer wieder auf neue Hürden und Probleme stößt, und dann entsprechende Anpassungen vornehmen muss. Ist ein stark iterativer Prozess. Und ohne statistische Vorkenntnisse ist es natürlich auch sehr zeitaufwändig, sich diese anzueignen - zumindest dann, wenn man einen gewissen Qualitätsanspruch hat. Eine gute retrospektive Arbeit ist sehr anspruchsvoll - auch wenn das Mediziner oft nicht verstehen.

Wenn dich eine Uniklinik-Karriere nicht interessiert, ist die Art der Doktorarbeit IMHO irrelevant. Essentiell ist aber IMMER eine sehr gute Betreuung. Die natürlich auch eine statistische Einarbeitung umfassen sollte (was in der Medizin leider fast nie der Fall ist).

Es gibt aber natürlich viele Bücher, die die Grundprinzipien der statistischen Arbeit und Durchführung medizinischer Studien abhandeln. Findest du sicher auch einiges in deiner Uni-Bib.

Endoplasmatisches Reticulum
03.12.2022, 11:38
Und ohne statistische Vorkenntnisse ist es natürlich auch sehr zeitaufwändig, sich diese anzueignen - zumindest dann, wenn man einen gewissen Qualitätsanspruch hat. Eine gute retrospektive Arbeit ist sehr anspruchsvoll - auch wenn das Mediziner oft nicht verstehen.
This. Eine gute Statistik ist kognitiv deutlich anspruchsvoller, als über ein Jahr im Labor eine Hand voll Versuche zu erlernen und sie so lange stumpf zu wiederholen, bis sie mechanisch sitzen. Dass statistische Arbeiten so einen schlechten Ruf haben, ist halt im Wesentlichen ein Schatten der Vergangenheit, weil es dort zumindest die Möglichkeit gab, mit sehr billigen Arbeiten zu promovieren. Bei experimentellen Arbeiten kommt man halt - selbst wenn man vielleicht methodisch kaum etwas leistet, was nicht ein BTA-Schüler in der Ausbildung lernt - kaum drumherum, eine gewisse Mindestzeit in die Versuchsdurchführung zu investieren. Das macht die Arbeit nicht automatisch anspruchsvoller oder wertvoller, definitiv aber müßiger. Wobei auch das aufweicht. Manche meiner Kommilitonen hatten "experimentelle" Doktorarbeiten, wo sie studienbegleitend alle 2 Wochen einen Sontag im Labor saßen und von den TAs fertig präparierte Histo-Schnitte mikroskopiert haben.

Davon ab ist klinische Forschung oft sehr viel patientennäher als laborative Grundlagenorschung. Das muss nicht schlechter sein, aber es ist anders. Die Schnittpunkte experimenteller Laborforschung mit ärztlicher Tätigkeit sind minimal, eigentlich ist das für uns ein Exkurs in eine fremde Welt. Nicht umsonst sagt man scherzhaft, dass Leute in der Laborrotation "aus der Klinik raus sind". Klinische Forschung hingegen kann nahtlos an den "normalen" ärztlichen Beruf anschließen, wenn man das möchte. Statistische Expertise ist in meiner Erfahrung zunehmend auch an nichtuniversitären Häusern gerne gesehen, wo man mit Labor-Skills oft wenig anfangen kann, aber durch die zunehmende Besetzung aller Chefposten mit forschungsaffinen Professoren zumindest im Rahmen von klinischer Feierabendforschung einen Skill mit Mehrwert mitbringt.

Ich halte die Unterscheidung für überbewertet. Man hablititiert sich mit Publikationen. Wenn die am Ende der Zielgeraden an der zweistelligen Zahl kratzen, ist es doch sekundär, ob die Doktorarbeit 10 Jahre vorher eine elfte Publikation beigetragen hat oder nicht. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass sich der massive Mehraufwand vom Magna zum (möglichen) Summa aus ROI-Perspektive fast nie lohnt. Kann man halt machen, wenn es einen interessiert.

Eine Anmerkung zum Schluss: Retrospektivität ist ein Studiendesign. Eine retrospektive Arbeit heißt nicht, dass man die Daten vorgelegt oder sonstwie serviert bekommt.

Celine Blesch
03.12.2022, 13:37
Vor dem Schreiben muss man erst mal analysieren, und davor erst mal planen, was man überhaupt warum wie analysieren will. Das ist das größere Problem. Da man immer wieder auf neue Hürden und Probleme stößt, und dann entsprechende Anpassungen vornehmen muss. Ist ein stark iterativer Prozess. Und ohne statistische Vorkenntnisse ist es natürlich auch sehr zeitaufwändig, sich diese anzueignen - zumindest dann, wenn man einen gewissen Qualitätsanspruch hat. Eine gute retrospektive Arbeit ist sehr anspruchsvoll - auch wenn das Mediziner oft nicht verstehen.

Wenn dich eine Uniklinik-Karriere nicht interessiert, ist die Art der Doktorarbeit IMHO irrelevant. Essentiell ist aber IMMER eine sehr gute Betreuung. Die natürlich auch eine statistische Einarbeitung umfassen sollte (was in der Medizin leider fast nie der Fall ist).

Es gibt aber natürlich viele Bücher, die die Grundprinzipien der statistischen Arbeit und Durchführung medizinischer Studien abhandeln. Findest du sicher auch einiges in deiner Uni-Bib.

Danke für die Antwort!

Ja, ich hatte auch das Gefühl, dass diese statistische Arbeit (die doch ja aber in allen Arten der Doktorarbeit gemacht werden muss) irgendwie oft unterschätzt wird.
Vielleicht sollte ich mich damit auch vorher nochmal mehr auseinandersetzen, bevor ich irgendetwas beginne - das mit den Büchern ist eine gute Idee!

Ich habe jetzt im Allgemeinen den Eindruck bekommen, dass man vielleicht mit einer prospektiven Arbeit am besten fährt, wenn man nicht ausgerechnet ins Labor möchte - was ich ja schon eher usschließen würde...