Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Lauterbach plant Gesetz gegen Aufkauf von Arztpraxen
GloriaSchmidt
28.12.2022, 19:00
Ich finde die Vorstellung absurd, eine Regulierung gegen Mechanismen, die ein System für 99.9 % der möglichen Teilnehmer unzugänglich machen, wäre schlecht, weil sie die Teilnahme am System einschränken würde.
Ich finde eine Arztpraxis ist nun mal ne Arztpraxis und möglicher „Teilnehmer“ sollte n Arzt sein - eine Regulierung, die unterbindet, dass Investoren da mitmischen ist begrüßenswert. Ein Arzt führt die Praxis ( hoffentlich) nicht nur gewinnorientiert - im Gegensatz zum Investor
Thomas24
28.12.2022, 19:05
Ich habe nicht von "deutschem Ultrakapitalismus" gesprochen. Sondern von einer typisch deutschen Tendenz zur Überregulierung in Verbindung mit dem Ultrakapitalismus der weltweiten Finanzmärkte, an denen deutsche Kassensitze mittlerweile gehandelt werden. Vielleicht kann die KV beim "Verkauf" der Sitze theoretisch auch anders entscheiden, aber das tut sie offenbar so selten, dass die Investoren in der Regel schon bekommen, was sie wollen.
Au contraire, mon ami. Es ist sogar so häufig vorgekommen, dass die "pöhsen" Investoren im Regelfall dazu übergegangen sind, dass die Übergabe des KV Sitzes im Wege des privilegierten Praxisübergangs mit der höchstmöglichen Sicherheit gewährleistet werden kann (im Regelfall über den Weg der Anstellung des Altinhabers für 3 Jahre). Machen die internationalen Hedgefonds so (bzw. deren wesentliche Teilhaber, z.B. die kanadische Lehrergewerkschaft) genauso, wie der kleine deutsche Mittelständler, der ein paar Sitze haben möchte.
Korrekt, und dass das Recht zur Abrechnung mit dem Gesundheitssystem dabei zu einem Handelsgut internationaler Finanzakteure wird ist ein absurdes Ergebnis dieses Systems. Ich bin ein Freund der freien Marktwirtschaft, aber zu dieser gehört eben auch das Abbauen von künstlichen Markteintrittsbarrieren, und gerade nicht, dass man großen Akteuren das Aufbauen von monopolartigen Stellungen erlaubt. Und erst recht nicht, kleinen Akteuren die Teilnahme am Markt zu verwehren.
Als überzeugter Kapitalist teile ich deine Einstellung zu 100%. Das System der KV Sitze ist meines Erachtens nach ein Relikt aus der Vergangenheit und sollte in dieser Form nicht mehr existieren, weil es ein teures, ineffizientes und bürokratisches Relikt aus dem 20 Jahrhundert darstellt. Es mag ja ursprünglich vielleicht mal gute Idee gewesen sein, die Anzahl der Leistungserbringer einerseits zu begrenzen und damit dem einzelnen Leistungserbringer einerseits ein gewisses Mindesteinkommen zu gewährleisten, andererseits den Versicherten einen niedrigeschwelligen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen mit einem gewissen Versorgungsstandard zu gewährleisten (unabhängig vom Geldbeutel). Aber der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.
Nur: die Regeln sind nun mal wie Sie sind (Hallo Gesetzgeber?), und man kann es keinem Marktteilnehmer (ob groß oder klein) übel nehmen, das Spiel eben so zu spielen :-nix Wir alle machen die Regeln nicht, wir müssen uns nur daran halten.
Und eins sollte man nie vergessen: der Politik sind die Arbeitsbedingungen der Ärzteschaft komplett egal. Weder die Niederlassungschancen, noch die Perspektiven interessieren da irgendjemanden auch nur im mindesten.
Was genau führt er deiner Meinung nach denn im Schilde? Aus meiner Sicht ist es andersherum: Das aktuelle System führt mittelfristig dazu, dass fast alle (lukrativen) Kassensitze fest in der Hand von Private-Equity-Fonds sein werden, und für die Ärzte selbst entweder nur das platte, unrentable Land oder die Anstellung bleibt. Insofern steuern wir schon auf ein Worst-Case-Szenario zu und es kann eigentlich nur besser werden.
Neben dem erklärten Ziel, die Zahl der Krankenhäuser zu verringern (und die sich abzeichnende Insolvenzwelle spielt ihm da in die Karten), schwebt Herrn Lauterbach ganz klar eine Abschwächung der ärztlichen freiberuflichen Tätigkeit (Freiberufler sind auch deutlich widerspenstiger als Angestellte, und die Ärzteschaft sowieso immer noch zu selbstbewusst) vor, mittelfristig vermutlich sogar die Abschaffung der zweigleisigen Facharztversorgung (in Kliniken und Praxen), mehr zu klinikbetriebenen Polikliniken/ MVZs (dreimal darfst du raten, wo Herrn L. nach seiner Bundestagslaufbahn lukrative Beratertätigkeiten, vielleicht auch wieder Aufsichtsratpöstchen erwarten werden).
Die Signale seitens der Politik sind seit Jahren unverändert: haltet die Fresse und macht einfach.
Man kann es nicht anders verstehen- die GoÄ Novelle beispielsweise sollte kostenneutral (!) erfolgen- dabei ist unsere Gebührenordnung noch auf dem Stand von 1996.
So lese ich die Beiträge ehrlicherweise auch...
Das sei Dir unbenommen.
Thomas24
28.12.2022, 19:17
Ich habe aktuell entweder die Perspektive,
in einer Klinik zu arbeiten (nie wieder!), angestellt in einer Praxis/MVZ oder einen Sitz zu ergattern für 400.000€ (umziehen kommt nicht in Frage…).
Dass der „Sitz“/ die Praxis/ die Teilhaberschaft in einer BAG so absurd teuer ist, liegt doch nunmal daran, dass hier Handel getrieben wird mit einem Gut (GKV Patienten behandeln zu dürfen), dass eigentlich kein Wirtschaftsgut sein sollte und durch Investoren auf dem Markt so absurde Summen annimmt.
"Absurd" teuer ist erstmal gar nichts, du hast ja nicht mal Angaben gemacht, wie die 400 K Zustande kommen und wie dein jährlicher Gewinn ist. Wofür sollst du überhaupt 400 k bezahlen? Vielleicht für den materiellen Praxiswert + und nur zu einem geringeren Teil für den Goodwill, oder umgekehrt? Wie ist der Preis berechnet worden? Ärztekammermethode? Modifizierte Ertragswertmethode?
Wenn es sich rechnet, dann RECHNET ES SICH. Dann kauf dir doch bitte-danke den Sitz für 400 K, wo ist denn bitteschön das Problem? Lass dir die BWAs der letzten drei Jahre zeigen und alle relevanten Verträge (Miete, Arbeitsverträge etc.) und nimm Dir nen ordentlichen Steuerberater. Hast du dich jemals mit Themen wie Abschreibung und Finanzierung befasst? Nur eine kurze Minute vielleicht? Wenn nein, dann engagier jemanden, der dich für die DD an die Hand nimmt :-keks
400 K (fremdfinanziertes) Investment in einem Geschäftsfeld, dass immer noch zu hervorragenden Konditionen finanziert wird, kaum Ausfallrisiken hat und mit ein bisschen Mühe und Engagement zweistellige Renditen für dich als Inhaberin -über Jahrzehnte- sichern kann. Da würden sich in anderen Branchen aber viele Menschen alle 10 Finger ablecken...
Aber nein, 400 K für eine Existenzgründung sind ja unverschämt teuer und schuld sind die bösen Hedgefunds *Facepalm*.
Edit: Sorry für den Tonfall, aber manchmal macht mich das Ausmaß an unreflektierter Ahnungslosigkeit fassungslos. Es ist am Ende ganz einfach: was bezahlst du, und das setzt du in Relation, was du dafür bekommst. Und wenn die beiden Größen in einem ordentlichen Verhältnis zueinander stehen (was ich mal bei Dir annehme), dann kannst du kaufen. Und nein, vor einer Niederlassung muss man sich keine Sorgen machen. Und nein, die bösen Hedgefunds machen Dir nicht das Geschäft kaputt. Und nein, du musst weder deine Seele, noch deinen Erstgeborenen Satan opfern, um dem Ruin zu entgehen. Sky und Evil werden mir da recht geben.
DrSkywalker
28.12.2022, 19:29
Ja, die Kaufpreise für Arztpraxen sind etwas, was viele junge Kollegen nicht einordnen können.
Hier um die Ecke wollte ein Kollege 100.000 € für eine Hausarztpraxis welche 300 000 € Gewinn im Jahr abwirft.
Es gab einen sehr konkreten Interessenten, dem war das allerdings zu teuer, " das seh ich nicht ein, der gierige Kollege.. .!!" . Er war dann der Meinung es sei viel schlauer, einfach einen frei verfügbaren Sitz zu nehmen und eine Praxis nebenan aufzumachen, auch noch zwei Quartale später als eigentlich geplant, ohne Personal, ohne Patienten, from scratch Neugründung. Hier darf ich es ja sagen: so ein trottel.
Thomas24
28.12.2022, 19:38
Ja, die Kaufpreise für Arztpraxen sind etwas, was viele junge Kollegen nicht einordnen können.
Hier um die Ecke wollte ein Kollege 100.000 € für eine Hausarztpraxis welche 300 000 € Gewinn im Jahr abwirft.
Es gab einen sehr konkreten Interessenten, dem war das allerdings zu teuer, " das seh ich nicht ein, der gierige Kollege.. .!!" . Er war dann der Meinung es sei viel schlauer, einfach einen frei verfügbaren Sitz zu nehmen und eine Praxis nebenan aufzumachen, auch noch zwei Quartale später als eigentlich geplant, ohne Personal, ohne Patienten, from scratch Neugründung. Hier darf ich es ja sagen: so ein trottel.
Amen :-oopss
Feuerblick
28.12.2022, 19:40
Ich glaube dennoch, dass man, egal was man tut, das Rad nicht zurückdrehen kann. In Umfragen geben immer mehr Ärzte an, lieber angestellt sein zu wollen. Nicht wegen des finanziellen Risikos alleine sondern wegen anderer Unwägbarkeiten. Als Selbständiger kann man eben nicht mal eben Elternzeit nehmen, kurz krank sein oder alle nervige Bürokratie auf andere abwälzen.
Selbst wenn ich mit eigenem Sitz hätte Millionär werden und mit Ende 50 in Rente gehen können - nö, danke!
Relaxometrie
28.12.2022, 20:07
Hier um die Ecke wollte ein Kollege 100.000 € für eine Hausarztpraxis welche 300 000 € Gewinn im Jahr abwirft.
Als betriebswirtschaftlich ahnungslose Person würde ich mich, wenn ich Interesse an dieser Praxis hätte, allerdings auch beraten lassen. Das klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein. Also einfach denken "Ist ja super, die Praxis kaufe ich." würde ich auch nicht. Unter welchen Voraussetzungen macht man dort 300.000€ Gewinn pro Jahr? 20 Stunden jeden Tag (also wirklich auch am Wochenende) arbeiten? Massenhaft, auch sinnlose, IGeL-Leistungen anbieten? Sehr hoher Privatpatientenanteil?
Vielleicht gibt es für eine neu eröffnete Praxis Fördergelder, die man für die Übernahme einer vorhandenen Praxis nicht bekommt?
GloriaSchmidt
28.12.2022, 21:37
"Absurd" teuer ist erstmal gar nichts, du hast ja nicht mal Angaben gemacht, wie die 400 K Zustande kommen und wie dein jährlicher Gewinn ist. Wofür sollst du überhaupt 400 k bezahlen? Vielleicht für den materiellen Praxiswert + und nur zu einem geringeren Teil für den Goodwill, oder umgekehrt? Wie ist der Preis berechnet worden? Ärztekammermethode? Modifizierte Ertragswertmethode?
Wenn es sich rechnet, dann RECHNET ES SICH. Dann kauf dir doch bitte-danke den Sitz für 400 K, wo ist denn bitteschön das Problem? Lass dir die BWAs der letzten drei Jahre zeigen und alle relevanten Verträge (Miete, Arbeitsverträge etc.) und nimm Dir nen ordentlichen Steuerberater. Hast du dich jemals mit Themen wie Abschreibung und Finanzierung befasst? Nur eine kurze Minute vielleicht? Wenn nein, dann engagier jemanden, der dich für die DD an die Hand nimmt :-keks
Jemanden der mich an die Hand nimmt, bräuchte ich da definitiv 😂 wofür die Kohle ist - keine Ahnung. Partnerschaft in der BAG, Sitz , alles was dazu gehört. Wie es berechnet ist? Keine Ahnung.
Für mich klingt es absolut utopisch - Eigenkapital nicht vorhanden, dafür ne abzuzahlende Immobilie und ein Kleinkind mit allen Risiken. Egal wie gut die Rendite wär, diese Summen sind für mich „abstrus“, weil ich soviel Geld bislang nicht mal aus der Entfernung gesehen habe. Es fühlt sich an wie 400k für die Erlaubnis zu arbeiten. Klar, mit mehr Verdienst.
Als kleiner angestellter Facharzt… da muss ne alte Frau lange für Stricken. Anstellungen werden mir ja hinterher geschmissen.
Ich hab den utopischen Traum einer netten, kleinen Praxis, selbstständig arbeiten, gern mit nem netten Kollegen in ner Doppel Praxis. Das gibt es hier nicht viel, da kommt man nicht dran. Schade find ich das einfach.
Zweizinker
28.12.2022, 22:40
Ich hab den utopischen Traum einer netten, kleinen Praxis, selbstständig arbeiten, gern mit nem netten Kollegen in ner Doppel Praxis. Das gibt es hier nicht viel, da kommt man nicht dran. Schade find ich das einfach.
Oh je, und ich dachte ich wäre der einzige mit solch geisteskranken Vorstellungen. XD
Welches Fach wäre es denn bei dir?
Aus Interesse: Wurde denn so ganz grob die Ertragslage besprochen? €400k (Ein)Kaufpreis für die vom statistischen Bundesamt ausgewiesenen €140k Überschuss je Inhaber in psychiatrischen Praxen würde für mich auch eigenartig klingen, wenn ich auch für €100k Angestelltenbrutto entspannt vor mich hin werkeln kann.
Ja, die Kaufpreise für Arztpraxen sind etwas, was viele junge Kollegen nicht einordnen können.
Hier um die Ecke wollte ein Kollege 100.000 € für eine Hausarztpraxis welche 300 000 € Gewinn im Jahr abwirft.
Es gab einen sehr konkreten Interessenten, dem war das allerdings zu teuer, " das seh ich nicht ein, der gierige Kollege.. .!!" . Er war dann der Meinung es sei viel schlauer, einfach einen frei verfügbaren Sitz zu nehmen und eine Praxis nebenan aufzumachen, auch noch zwei Quartale später als eigentlich geplant, ohne Personal, ohne Patienten, from scratch Neugründung. Hier darf ich es ja sagen: so ein trottel.
Trottel ist ein hartes Wort. Uninformiert trifft es wahrscheinlich.
Es gibt bei einer Arztpraxis halt auch viele Faktoren an die man primär nicht denkt. In München zum Beispiel ist es extrem schwierig MFAs zu finden. Davor mehrere in Festanstellung zu übernehmen hat auch einen Wert an sich. Oder der Patientenstamm. Wenn ich mir überlegt bei meinem Hausarzt der ist inzwischen in Rente... ich bin einfach bei seinem Nachfolger. Warum? Weil ich ein genauso fauler Sack bin wie sämtliche anderen Patienten. Warum sollte ich also wechseln? Nur weil der Arzt gewechselt hat?
In absteigender Reihenfolge - welche Praxisformen sind finanziell am lukrativsten? Lässt sich hier auch unabhängig von Fachrichtungen eine Tendenz absehen?
Einzelpraxis - Gemeinschaftspraxis - MVZ in leitender Funktion - Angestellter?
Das sind sowas von Pauschalaussagen die in keinster Weise in der Realität zutreffen!
Eine gut organisierte Einzelpraxis kann lukrativ sein, ist es aber meist nur so mittel. Meist sind Gemeinschaftspraxen lukrativer da man sich Fixkosten teilen kann. Stell dir einfach mal eine Arztpraxis vor. Was braucht die? Einen Tresen, ein Labor, eine Patiententoilette, einen Wartebereich und ein Arztzimmer. Und jetzt macht das für eine Praxis mit 2 Ärzten. Was braucht es mehr? Arztzimmer. Sonst nicht so viel. Bei einer Gemeinschaftspraxis kann man also mit nur bissl mehr Räumen gut auskommen. Mitarbeiter ist ähnlich. Wieviele Leute sitzen am Tresen bei einem einzelnen Arzt? Und bei zwei? Und was ist mit der Computer-/Server-Struktur? Ich will die Einzelpraxis nicht verurteilen, aber oft ist eine Gemeinschaftspraxis aus meiner Sicht lukrativer aufgrund der optimaleren Verteilung der Fixkosten.
MVZ in leitender Funktion kommt extrem drauf an ob man das MVZ als Angestellter leitet oder ob man selbst beteiligt ist. Als Teilhaber kann man extrem gut mitverdienen, als leitender Angestellter verdient man halt das Gehalt eines leitenden Angestellten. Die Höhe hängt dann vom Verhandlungsgeschick ab. Und auch beim "Angestellten" gibt es Spielraum. Als Angestellter im MVZ oder in privaten Häusern sowieso, in öffentlichen Häusern weniger aber auch in gewisser Form.
GloriaSchmidt
29.12.2022, 06:50
Oh je, und ich dachte ich wäre der einzige mit solch geisteskranken Vorstellungen. XD
Welches Fach wäre es denn bei dir?
Psych 😍 mein Traum wäre ja mit nem Neurologen zusammen ne nette Gemeinschaftspraxis…
Aus Interesse: Wurde denn so ganz grob die Ertragslage besprochen? €400k (Ein)Kaufpreis für die vom statistischen Bundesamt ausgewiesenen €140k Überschuss je Inhaber in psychiatrischen Praxen würde für mich auch eigenartig klingen, wenn ich auch für €100k Angestelltenbrutto entspannt vor mich hin werkeln kann.
Etwas mehr ist es schon, ist eine gut ausgestattete, überwiegend neurologische Praxis. Aber klar, ich kann - da haste genau recht - auch für meine 75k weiter rumwerkeln (ich arbeite Teilzeit 75%) 🙈🙈🙈
DrSkywalker
29.12.2022, 07:42
Als betriebswirtschaftlich ahnungslose Person würde ich mich, wenn ich Interesse an dieser Praxis hätte, allerdings auch beraten lassen. Das klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein. Also einfach denken "Ist ja super, die Praxis kaufe ich." würde ich auch nicht. Unter welchen Voraussetzungen macht man dort 300.000€ Gewinn pro Jahr? 20 Stunden jeden Tag (also wirklich auch am Wochenende) arbeiten? Massenhaft, auch sinnlose, IGeL-Leistungen anbieten? Sehr hoher Privatpatientenanteil?
Vielleicht gibt es für eine neu eröffnete Praxis Fördergelder, die man für die Übernahme einer vorhandenen Praxis nicht bekommt?
Man kann sich die Praxis ja bis ins Detail anschauen. Sowohl die BWAs der letzten Jahre, die Konten, die Verträge und natürlich die Abrechnungen. Man sieht genau, wo das Geld herkommt. Man wird dann feststellen, dass diese obigen Zahlen zwar sehr gut, aber nicht unrealistisch und mit harter, ehrlicher Arbeit erreichbar sind. 50-Stunden- Woche und einiges an Fähigkeiten und Verantwortung braucht es schon. Wer gerne Work-Life-Balance möchte, viel Urlaub, viel Freizeit, wenig stress, der soll halt für 70k seine 80% Stelle im Angestelltentummachen, ist doch gut.
Der Kaufpreis ist btw. eigentlich zu niedrig, aber es gibt eben nicht so viele Interessenten. Der Interessent wollte die Praxis übrigens geschenkt, und das, beim besten Willen, würde ich selbst als 75 jähriger Abgeber nicht tun.
Thomas24
29.12.2022, 08:56
Ja, die Kaufpreise für Arztpraxen sind etwas, was viele junge Kollegen nicht einordnen können.
Hier um die Ecke wollte ein Kollege 100.000 € für eine Hausarztpraxis welche 300 000 € Gewinn im Jahr abwirft.
Es gab einen sehr konkreten Interessenten, dem war das allerdings zu teuer, " das seh ich nicht ein, der gierige Kollege.. .!!" . Er war dann der Meinung es sei viel schlauer, einfach einen frei verfügbaren Sitz zu nehmen und eine Praxis nebenan aufzumachen, auch noch zwei Quartale später als eigentlich geplant, ohne Personal, ohne Patienten, from scratch Neugründung. Hier darf ich es ja sagen: so ein trottel.
Der Kaufpreis ist btw. eigentlich zu niedrig, aber es gibt eben nicht so viele Interessenten. Der Interessent wollte die Praxis übrigens geschenkt, und das, beim besten Willen, würde ich selbst als 75 jähriger Abgeber nicht tun.
Wut? Der Abgeber wollte seinem Interessenten die Praxis mit jährlich 300 K Gewinn für einen Kaufpreisfaktor von 0,3 abgeben? Der wollte die aber *geschenkt* haben?? Der Kaufpreis ist doch schon wie geschenkt...:-nix
Ts ts ts, fragt sich nur, wer hier in der Geschichte der gierige Raffzahn gewesen ist. :-oopss
Thomas24
29.12.2022, 09:01
Psych mein Traum wäre ja mit nem Neurologen zusammen ne nette Gemeinschaftspraxis…
Etwas mehr ist es schon, ist eine gut ausgestattete, überwiegend neurologische Praxis. Aber klar, ich kann - da haste genau recht - auch für meine 75k weiter rumwerkeln (ich arbeite Teilzeit 75%)
Äh? Moment mal bitte... Dir wird ein Sitz in einer, wie du sagst "gut ausgestatteten, überwiegend neurologischen" BAG angeboten für knapp 400 K Kaufpreis, der Gewinn pro Inhaber liegt über den von OhDaeSu angegebenen 140 K pro Jahr? Aber dann beklagst du dich, dass du nichts findest, wo du eine nette Praxis gemeinsam mit einem Neurologen aufmachen kannst???
Den Fehler merkst du doch beim lesen vermutlich selber, ne? :-nix
Au contraire, mon ami. Es ist sogar so häufig vorgekommen, dass die "pöhsen" Investoren im Regelfall dazu übergegangen sind, dass die Übergabe des KV Sitzes im Wege des privilegierten Praxisübergangs mit der höchstmöglichen Sicherheit gewährleistet werden kann (im Regelfall über den Weg der Anstellung des Altinhabers für 3 Jahre). Machen die internationalen Hedgefonds so (bzw. deren wesentliche Teilhaber, z.B. die kanadische Lehrergewerkschaft) genauso, wie der kleine deutsche Mittelständler, der ein paar Sitze haben möchte.
Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, was du damit meinst. Am Rande: Ich halte die PE-Funds auch nicht für inhärent „böse“. Sie tun ja nichts Illegales. Nur sollten sie das, was sie da tun, nicht tun dürfen, jedenfalls nicht in dem Stil wie bisher.
Als überzeugter Kapitalist teile ich deine Einstellung zu 100%. Das System der KV Sitze ist meines Erachtens nach ein Relikt aus der Vergangenheit und sollte in dieser Form nicht mehr existieren, weil es ein teures, ineffizientes und bürokratisches Relikt aus dem 20 Jahrhundert darstellt. Es mag ja ursprünglich vielleicht mal gute Idee gewesen sein, die Anzahl der Leistungserbringer einerseits zu begrenzen und damit dem einzelnen Leistungserbringer einerseits ein gewisses Mindesteinkommen zu gewährleisten, andererseits den Versicherten einen niedrigeschwelligen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen mit einem gewissen Versorgungsstandard zu gewährleisten (unabhängig vom Geldbeutel). Aber der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.
Schließe ich mich zu 100% an. Am gerechtesten fände ich ein System mit weitestgehender Niederlassungsfreiheit mit Beschränkung des Direktzuganges zum Facharzt (Überweisungspflicht, nur XX% werden übernommen, wenn man direkt zum Facharzt geht, wie es ja bei vielen PKV-Policen der Fall ist…). Aber das ist ein anderes Thema.
Nur: die Regeln sind nun mal wie Sie sind (Hallo Gesetzgeber?), und man kann es keinem Marktteilnehmer (ob groß oder klein) übel nehmen, das Spiel eben so zu spielen :-nix Wir alle machen die Regeln nicht, wir müssen uns nur daran halten.
Absolut – aber es gibt jemanden, der die Regeln vom Spiel sehr wohl ändern kann, nämlich besagter Gesetzgeber ;)
Zur Klarstellung: Ich halte zwei Dinge für fragwürdig: Erstens, dass die Erlaubnis zur Abrechnung mit dem Sozialsystem eine Handelsware auf internationalen Finanzmärkten ist, und zweitens, dass die Investoren in vielen Fächern die freiberuflichen Ärzte verdrängt haben. Die Freiberuflichkeit ist eine der grundlegenden Säulen des Arztberufes (aus gutem Grund!) und es nimmt unserem Fach viel Attraktivität, dass diese Freiberuflichkeit in vielen Fächern mittlerweile nicht mehr nur sehr teuer, sondern auch unmöglich geworden ist.
Dass man für eine attraktive Praxis Geld bezahlen muss, halte ich für selbstverständlich. Nehmen wir mal eine Praxis mit 200k Reingewinn (das dürfte so über alle Fächer der Durchschnitt/ Median sein) und ein hypothetisches Arbeitgeberbrutto für einen angestellten Arzt von 120k, dann wären wir bei einem fiktiven EBITDA von etwa 80k. 5x EBITDA zu zahlen ist, vor dem Hintergrund von zusätzlicher Arbeitsbelastung und Risiko, angemessen (ein solcher Multiple ist, im Vergleich zu anderen Assets, immer noch recht niedrig). 400k wären für eine solche Praxis also durchaus „fair“ und ein lukratives Investment.
Nur: In vielen Fächern ist der Markt halt einfach leer. Und: Die PE-Funds haben ganz andere Möglichkeiten, was Leverage und Synergien angeht, und können dann schnell mal auf deutlich höhere Multiples gehen, die den normalen Facharzt dann auspreisen. Ökonomisch mag auf diese Weise Wert geschaffen werden, aber das zulasten des klassischen Freiberuflertums und des deutschen Gesundheitswesens (ich kann mir nicht vorstellen, dass besagte Ketten nicht noch einmal sehr viel mehr Geld aus den Patienten rauspressen als ein niedergelassener Arzt – aber auch das ist ein anderes Thema). Es profitieren die Funds, deren Management (über den enorm hohen Carry) und deren Investoren – und mir ist ehrlich gesagt egal, ob es sich um den kanadischen Teachers Fund oder HNWI aus aller Welt oder sonst irgendwen handelt.
Und eins sollte man nie vergessen: der Politik sind die Arbeitsbedingungen der Ärzteschaft komplett egal. Weder die Niederlassungschancen, noch die Perspektiven interessieren da irgendjemanden auch nur im mindesten.
Hätte ich auch gedacht, deswegen hätte ich mit einem solchen Gesetz auch nicht gerechnet. Das Lauterbach diese Ankündigung mit linkspopulistischem Vokabular versieht („Heuschrecken“ – naja, Menschen zu Insekten zu erklären ist schon irgendwie uncool) macht mir auch Bauchschmerzen. Aber trotzdem muss dieser Markt irgendwie reguliert werden. Nicht, weil es nicht schon genug Regulation im Gesundheitswesen gäbe, sondern weil die bestehende Überregulierung die hier besprochenen, absurden und in meinen Augen giftigen Blüten treibt.
Neben dem erklärten Ziel, die Zahl der Krankenhäuser zu verringern (und die sich abzeichnende Insolvenzwelle spielt ihm da in die Karten), schwebt Herrn Lauterbach ganz klar eine Abschwächung der ärztlichen freiberuflichen Tätigkeit (Freiberufler sind auch deutlich widerspenstiger als Angestellte, und die Ärzteschaft sowieso immer noch zu selbstbewusst) vor, mittelfristig vermutlich sogar die Abschaffung der zweigleisigen Facharztversorgung (in Kliniken und Praxen), mehr zu klinikbetriebenen Polikliniken/ MVZs (dreimal darfst du raten, wo Herrn L. nach seiner Bundestagslaufbahn lukrative Beratertätigkeiten, vielleicht auch wieder Aufsichtsratpöstchen erwarten werden).
Ist das so? Dieses Gesetz ginge doch in eine ganz andere Richtung.
GloriaSchmidt
29.12.2022, 11:54
Äh? Moment mal bitte... Dir wird ein Sitz in einer, wie du sagst "gut ausgestatteten, überwiegend neurologischen" BAG angeboten für knapp 400 K Kaufpreis, der Gewinn pro Inhaber liegt über den von OhDaeSu angegebenen 140 K pro Jahr? Aber dann beklagst du dich, dass du nichts findest, wo du eine nette Praxis gemeinsam mit einem Neurologen aufmachen kannst???
Den Fehler merkst du doch beim lesen vermutlich selber, ne? :-nix
Nein, ich merke nix. Hab keinen Plan - ganz ehrlich. Dann würde ich 140k brutto haben statt 95k (mal auf ne VZ Stelle gerechnet) und müsste mehr arbeiten. Und Risiko. Und 400k 😱 du merkst, ich hab keine Ahnung. Angeboten wurde mir das nicht - nur „Anstellung und im
Verlauf könnte ja wer in Rente gehen“ und Option.
Nein, ich merke nix. Hab keinen Plan - ganz ehrlich. Dann würde ich 140k brutto haben statt 95k (mal auf ne VZ Stelle gerechnet) und müsste mehr arbeiten. Und Risiko. Und 400k �� du merkst, ich hab keine Ahnung. Angeboten wurde mir das nicht - nur „Anstellung und im
Verlauf könnte ja wer in Rente gehen“ und Option.
Rechnen wir doch mal. Ist eine reine Bierdeckelrechnung eines kleinen WBA, also bitte mit Vorsicht genießen und auf keinen Fall auf professionelle Beratung verzichten (sollte selbstverständlich sein, nur so als Disclaimer).
Ich gehe mal davon aus, dass mit den 140k Bruttoäquivalent und nicht Reingewinn gemeint sind.
Du hättest 45.000 brutto mehr zur Verfügung. Das entspricht einem internen Zinsfuß vor Steuern von 45.000/400.000 = 11,25%.
Netto wäre dieser Betrag nur etwas mehr als halb so hoch, sofern du deine Partnerschaft nur mit Eigenkapital finanzierst. Ist also eher eine hypothetische Zahl.
Steuerst du nun 100.000€ Eigenkapital bei und finanzierst die restlichen 300.000€ sieht die Sache anders aus. Nehmen wir mal einen Zinssatz von 4% an (bitte kreuzigt mich nicht, wenn diese Annahme nicht stimmt - im derzeitigen Marktumfeld kommt sie mir plausibel vor, ist aber dennoch eine geratene Zahl). Dann zahlst du pro Jahr 4%*300.000 = 12.000€ Zinsen. Du hast dann Mehreinnahmen von 45.000€ - 12.000€ = 33.000€ und damit eine Vorsteuer-Eigenkapitalrendite von sagenhaften 33%. Nach Steuern wären es 0,56*33% = 18,5% - immer noch sehr ordentlich. Aber natürlich auch mit einiges an Mehrarbeit bezahlt. Ich rechne vereinfachend mit einem Grenzsteuersatz von 44%, da durch die kontinuierliche Ausweitung des Solis auf das gesamte Einkommen in dieser Einkommensspanne der tatsächliche Steuersatz nicht konstant und schwierig zu bestimmen ist.
Nehmen wir nun an, dass du den Kredit für die Beteiligung an der Praxis abbezahlst - hier nutze ich nun einen der zahlreichen Tilgungsrechner, den man so im Internet findet. Wenn du in 10 Jahren deinen Kredit von 300.000€ abbezahlt haben möchtest (wieder Annahme eines Zinssatzes von 4%) müsstest du nun etwas mehr als 3.000€ im Monat für die Raten deines Kredites einplanen. Bei 45.000€/12 = 3.750€ Mehreinnahmen im Monat wären das etwa 700€ im Monat, die du in den ersten 10 Jahren deiner Inhabertätigkeit brutto mehr zur Verfügung hättest - also gerade so eine Kompensation für deine Mehrarbeit als Mitinhaber. Nach 10 Jahren wärst du dagegen schuldenfrei und die Mehreinnahmen würden komplett in deine Tasche fließen. Hinzu käme, dass du Eigentümerin vom Sitz und Miteigentümerin der Praxis wärst, du also einen zusätzlichen Vermögenswert von 400.000€ dein Eigen nennen könntest.
Insgesamt würde ich das also noch als "guten Deal" einschätzen, wenn auch nicht so klar wie in anderen Fällen. Ob man Risiko, Mehrarbeit und Verantwortung (u.a. für die Mitarbeiter) in Kauf nimmt ist rein persönliche Präferenz.
Nachtrag: Was mir hier auffällt: Die Preise für Kassensitze müssten allein schon aufgrund der steigenden Zinsen fallen, weil diese die Eigenkapitalrendite der Käufer drücken. Das gilt für Privatkäufer genau so wie für Investoren, die in der Regel mit sehr viel Leverage arbeiten.
Relaxometrie
30.12.2022, 11:12
Boah, WiWi18, da hast Du Dir aber viel Mühe gegeben, das alles auszurechnen :-)
Ich habe jetzt nicht jede Einzelheit genau gelesen. Mir ist aber aufgefallen, dass Du in der Berechnung davon ausgehst, dass GloriaSchmidt die einzige Inhaberin der Praxis wäre. War nicht die Rede von mindestens zwei Inhabern, so dass sich die 400.000€ dann auch auf zwei Personen verteilen? Aber selbst wenn das so wäre.....Deine Rechnung ist interessant zu lesen, um sich mal ein wenig mit der betriebswirtschaftlichen Seite zu befassen.
GloriaSchmidt
30.12.2022, 13:21
Wow! Wiwi18, krass - wirklich, wow. Danke! Damit relativiert sich tatsächlich einiges :-)
@Relaxometrie:
Die Praxis hat mehr Inhaber - aber dennoch wäre der Kaufpreis für für den Einstieg für einen allein als Teilhaber!
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