Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Frustriert von Praxis-Tätigkeit - Alternativen?
Hallo zusammen,
ich bin momentan in einer Zwickmühle was meine berufliche Zukunft angeht und wollte mal Eure Meinung hören.
Ich habe kurz vor Weihnachten meinen Facharzt Pädiatrie gemacht und habe bis jetzt die Entscheidung des "was danach" auf hinterher verschoben. Da es nun soweit ist, bin ich immer mehr am Grübeln und leider drängt auch die Zeit etwas.
Das letzte Drittel meiner Ausbildung habe ich in einer Praxis absolviert und nach einiger Zeit kam das Angebot die Praxis im Folgenden zu übernehmen, da der bisherige Inhaber auf das Rentenalter zugeht.
Die Arbeit damals in der Klinik hat mir zwar Spaß gemacht, es gab allerdings auch viele unschöne Aspekte (keine Ausbildung, teils Rivalitäten, keine Perspektive), daher habe ich damals das Angebot zu wechseln angenommen. Jetzt ist es allerdings so dass ich leider zunehmend desillusioniert vom Alltag in der Praxis bin und große Zweifel habe ob das das Richtige für mich ist. Ein reines Durchschleusen der Patienten, die berühmte 3-Minuten-Medizin, unzufriedene Eltern, lange Wartezeiten und ein enormes Aufkommen an Patienten bei dem bei jedem einzelnen die Zeit fehlt, ist einfach frustrierend. Erschwerend kommt hinzu dass die Praxis am Rande eines Problemviertels liegt - mit entsprechendem Patienten-/Elternklientel. Das Angebot der Übernahme ist absolut fair, müsste allerdings zeitnah stattfinden. Als erste Zweifel kamen, dachte ich noch dass ich mich an die Arbeit unter Zeitdruck gewöhnen könnte, oder zumindest die Vorteile (Bezahlung, keine Dienste, etc) überwiegen, inzwischen bin ich aber unsicher ob nicht das Risiko besteht bis zur Rente ungern zur Arbeit zu gehen.
Leider gibt es in der Region keine Alternativen zu meiner alten Klinik, ein Wegzug ist durch Kinder und die berufliche örtliche Bindung meiner Frau leider auch nicht möglich.
Zwischenzeitlich habe ich bereits über einen Wechsel bzw Neuanfang in einem neuen Fach nachgedacht, nach all den Jahren und bei meinem Alter (habe mir mit Elternzeit etc Zeit gelassen), erscheint mir das aber auch nur als Notlösung, zumal die Pädiatrie weiterhin interessant für mich ist.
Ging/geht es jemandem ähnlich? Hat jemand den Schritt zurück in die Klinik mal gewagt oder selbst nach Facharzt einen anderen gemacht?
Bin für Erfahrungen und Anregungen dankbar!
aschenputtel1977
29.12.2022, 15:25
Ich bin in die Niederlassung gewechselt und auch wenn es ein furchtbares Arbeiten manchmal ist (ich habe die Praxis auch im größten Stadtteil der Stadt und es ist ein "Ghetto") und grade im Moment es einfach nur ätzend ist: Ich möchte nicht zurück. Klar, wenn man krank ist, ist es doof mit krank-melden. Und ja, es viel "durchschleusen", aber der größte Teil der Konsultationen sind auch einfach unwichtiger "Murks", den die Familien eigentlich zu Hause hinbekommen sollten... Und sie wollen nur, das man mal "draufhorcht" oder das "abklärt". Vielleicht hilft es, es so zu sehen: DU erziehst dir deine Patienten! Ich habe damals konsequent angefangen: 1. Nur noch mit Termin, ja auch in der Akutsprechstunde, grade da! 2. Es werden keine Geschwisterkinder mitgebracht, die Praxis ist kein Smaland bei Ikea! 3. Termine zu Vorsorgen etc., die unentschuldigt nicht wahrgenommen werden, werden rigoros mit Ausfallgebühren geahndet.
Außerhalb der momentanen Extremsituation läuft es so gut, die MFAs finden es gut, die Eltern erst recht, Wartezeiten von maximal 30 Minuten, wenn alles glatt läuft, sogar unter 10 Minuten. Es hat gedauert, aber die meisten Familien halten sich dran.
Ja du bist häufig der Familienarzt, das ist das Wesen der Pädiatrie. Und ja, es wird immer Dinge und Situationen geben, die dich innerlich heulend zurücklassen, weil du weißt, dass die Eltern das nicht aufbringen können, was die Kinder eigentlich brauchen, eben weil sie selber es nie anders gelernt haben. DAS wirst du nicht lösen, NIE!
Schlussendlich muss man für das ambulante Arbeiten gemacht sein, das ist wahr. Und wenn man es nicht ist, weil man sich gerne in Fälle vergräbt oder Dinge über lange Gespräche lösen muss, dann sollte man sich das auch nicht antun denke ich. Für MICH und meine Familie hat es sich absolut gelohnt.
Das alles hilft dir wahrscheinlich nicht weiter, aber vielleicht gibt es mal einen anderen Denkanstoß: Mach dir deine (Arbeit)Welt, wie sie dir gefällt :D :D :D
Es ist ein ungünstiger Moment, um zu erkennen, ob es wirklich Freude bringt. Ich liebe meinen Job als niedergelassene Pädiaterin, aber aktuell würde ich auch gerne weglaufen. Die Grippesaison macht einfach keinen Spaß und schon gar nicht, wenn alle anderen Kolleg:innen im Urlaub sind.
Als wir übernommen haben, hatten wir quasi ausschließlich Patient:innen aus schwierigen Verhältnissen oder Impfgegner:innen, da unser Vorgänger einfach alles nach Wunsch gemacht hat. Er ist den schwierigen Familien nicht mit JA und Forderungen gekommen, hat Wunsch-Ergotherapie und sowas einfach aufgeschrieben, Reiseapotheke auffüllen ...
Da wir jedes Rezept nur mit passendem Hintergrund ausstellen, Impfablehnung nicht ohne intensives Gespräch und Unterschrift, usw. hat sich unser Klientel dann doch auch gewandelt. Jetzt haben wir eine Mischung aus den gebliebenen schwierigen Herkunftsfamilien und auch andere, die in der großen Nachbarstadt arbeiten, aber in meiner Praxisstadt wohnen, wo es deutlich günstiger ist.
Also quasi gleicher Tenor wie aschenputtel: Du machst dir dein Klientel mit deinen Regeln und deine Regeln sind in Ordnung. Du wirst dann deine passenden Patient:innen dazu bekommen. Es ruckelt sich im Laufe der ersten 1-2 Jahre zurecht, sicher mit ein wenig Ärger, aber auch mit viel Lob von den richtigen!
DrSkywalker
29.12.2022, 16:36
Ich finde in den Fächern Kinderheilkunde und Allgemeinmedizin macht noch mehr als überall sonst die Dosis das Gift. 40 Stunden pro Woche reine Sprechstunde plus das außen rum in der Allgemeinmedizin führt bei den meisten zum Burnout das steht fest. Die Arbeit ist emotional sehr fordernd, weil man nicht nur für ein Körperteil oä zuständig ist, sondern oft für die Gesamtsituation.
Außerdem musst du dir wirklich überlegen, ob du eine Praxis in einem Problemviertel übernehmen möchtest. ich würde das nicht machen, weil es eine Lebensentscheidung ist.
Es ist schon deutlich netter in einer Akademikerstadt im Wohngebiet eine Praxis zu haben als im Hartz IV plattenbauland, obwohl diese Menschen natürlich viel mehr einen guten Arzt nötighaben, aber es ist echt hart teilweise. ich habe beides gesehen.
Mittlerweile sehe ich meinen Niederlassung als Möglichkeit der Selbstverwirklichung und als sehr sehr gut bezahlten Job um Geld zu verdienen. es gibt immer mal wieder harte Phasen, wie aktuell, da macht es wirklich kaum mehr Spaß. 100 mal Infekt der oberen Atemwege am Tag nervt einfach. Wir haben es so gelöst, dass wir die Arbeitsbelastung für den Einzelnen in der Regel so steuern, dass man auch in schlechten Phasen nicht völlig platt ist. In der Selbstständigkeit kann man einfach sehr viele Stellschrauben so einstellen, dass es am Ende doch passt, oben waren ja auch schon sehr gute hinweise! Wird schon werden, aber vielleicht suchst du dir doch eine andere Praxis?
aschenputtel1977
29.12.2022, 17:39
Ich persönlich habe ja eher die Erfahrung gemacht, dass die "Akademiker"Eltern anstrengend sind, weil alles ausdiskutiert werden muss, von "alternativen" Heilmethoden will ich mal gar nicht erst anfangen. Morbus Lehrer trifft es doch schon häufig. Da sind mir die einfach strukturierten Eltern viel lieber, die, wenn auch manchmal mit nachdrücklicher Einordnung meinerseits, machen was ich ihnen sage und ich somit das beim Kind erreiche, was ich mit meiner Therapie bezwecke.
Als Pädiater kann man als erstes das Wort "Ergotherapie" nicht mehr hören, finde ich. Ich hatte das große Glück, dass meine Vorgängerin sehr motiviert bis zum Schluss war, schon viel in der Praxis sehr modern lief und sie mir sehr, sehr viel beigebracht hat. Das sehe ich jetzt bei Kolleginnen anders.
Das Entscheidende ist, dass man bei einer Tätigkeit sich selbst treu bleiben kann, nicht unterdrücken muss was einem wichtig ist. Falls das nicht gegeben ist, ist es dringend notwendig zu wechseln.
Frust kann aber auch andere Ursachen haben.
Ein Karrierecoaching ist in der Hinsicht ganz gut - kann das nur weiterempfehlen.
Auch was Alternativen betrifft die dir dann wirklich besser zusagen - was das ist kannst du dir letzten Endes nur selbst beantworten. Dazu muss man aber erstmal die richtigen Fragen stellen bzw. gestellt bekommen.
Und sie wollen nur, das man mal "draufhorcht" oder das "abklärt".
Kurzer Einwand aus Elternsicht: genau deswegen geh ich doch mit meinem Kind in die Praxis, weil ich zuhause nicht in die Ohren schauen und auf die Lunge hören kann :-nix 95% meiner Praxisbesuche waren aus dem Grund, "nur Fieber" hätte ich zuhause auch mit ihm auskurieren können.
Espressa
29.12.2022, 19:00
Ich geh immer zu selten und vor allem zu spät zum Arzt. Weil ich immer meine „ das geht schon“.
In der Vergangenheit hat sich das eher als ungünstig erwiesen, naja.
Gestern hatte ich regelhaften Termin bei unserem Pädiater zur Impfung mit allen vier Kindern. Er hat alle kurz untersucht und geimpft, dauerte zusammen keine 20 Minuten. Ich hab €234,80 bezahlt. Also, komm nach Luxemburg. Soweit ich weiß arbeitet er halbtags in der Klinik.
Fun fact: Hab auch nach einem Ergotherapie-Rezept gefragt (nach Empfehlung nach erfolgter Diagnostik auswärts), soll ich mir auswärts geben lassen. Ja merci. Ich meine, er hat die Arztbriefe auch bekommen, ich war schon da, naja egal. Jetzt weiß ich ja dass es wohl ein Reizwort ist…
Vielen Dank für Euren Input und die Erfahrungen!
Insbesondere die Schilderungen von aschenputtel1977 und annekii haben mich sehr beruhigt und mir gezeigt dass es nicht nur mir so geht dass man in Zeiten wie diesen einfach weglaufen möchte ;)
Auch der mehrfach genannte Hinweis dass man durchaus Einfluss nehmen kann auf das Klientel und dessen Erziehung, hat meine diesbezügliche Hoffnung gestärkt!
Mit alternativeren Akademiker-Eltern hatte ich in meiner Famulatur viel zu tun - oftmals auch sehr langwierig und schwierige Gespräche.
So hat sicher alles seine Vor- und Nachteile und da die einzige Option eine Rückkehr an eine Klinik wäre in der ich mich auch nicht immer wohlgefühlt habe, ist Praxis mit den obengenannten Maßnahmen und Anregungen wahrscheinlich der beste Weg. Einige Zeit kann ich noch beobachten und überlegen bevor ich mich dann festlegen muss.
Auswandern ist zwar keine Option aber bei den Honoraren würden ja einzelne Tage im Monat in Luxemburg ausreichen 😉
Das Entscheidende ist, dass man bei einer Tätigkeit sich selbst treu bleiben kann, nicht unterdrücken muss was einem wichtig ist. Falls das nicht gegeben ist, ist es dringend notwendig zu wechseln.
Frust kann aber auch andere Ursachen haben.
Ein Karrierecoaching ist in der Hinsicht ganz gut - kann das nur weiterempfehlen.
Auch was Alternativen betrifft die dir dann wirklich besser zusagen - was das ist kannst du dir letzten Endes nur selbst beantworten. Dazu muss man aber erstmal die richtigen Fragen stellen bzw. gestellt bekommen.
Danke für deinen Hinweis, vielleicht wäre ein Karriere-Coaching in meiner Situation tatsächlich nicht verkehrt! Hast du eine konkrete Empfehlung?
Danke, Grüße
dauerte zusammen keine 20 Minuten. Ich hab €234,80 bezahlt.
Und das findest du viel?
Espressa
30.12.2022, 07:05
Und das findest du viel?
Du nicht?
Ich finde es genug.
Egal welche Art arztkonsultation kommt man hier kaum unter 60-70€ weg. Ist doch ok?
Wenn ich das mit der deutschen Quartalspauschale vergleiche…
Von den 234,80€ musst du erst einmal noch ggf. Sachkosten etc. abziehen. Nach GoÄ zahlt man für eine psychiatrische Behandlung (nicht PT) als Privatpatient in Deutschland bei Faktor 2,3 für 20 min auch 60-70€. Die GoÄ ist seit 25 Jahren nicht angepasst worden. Bei steigenden Kosten über die letzten 10 Jahre ist das im Vergleich zu Handwerkern und anderen Selbständig Tätigen jetzt nicht so exorbitant viel. Du darfst ja nicht vergessen, dass Freiberuflich Tätige (neben den laufenden Kosten der Praxis) auch noch alles entsprechend versteuern müssen und höhere Kosten bzgl. Sozialabgaben, Versicherung etc. haben.
Thomas24
30.12.2022, 08:03
Du nicht?
Ich finde es genug.
Egal welche Art arztkonsultation kommt man hier kaum unter 60-70€ weg. Ist doch ok?
Wenn ich das mit der deutschen Quartalspauschale vergleiche…
Reflex hat es schon gut dargestellt- unsere Gebührenordnung ist auf dem Stand von 1996 (!!!), Miete, Personalkosten, Energiepreise etc. haben sich seit 1996 aber ein wenig verändert.
In Deutschland ist ärztliche Dienstleistung zu günstig und die Quartalspauschale ist geradezu skandalös niedrig. Kein Wunder, dass im reinen GKV Betrieb ohne Quersubvention durch IGel und Privatpatienten dann nur "3 Min Medizin im Fließband" möglich ist.
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