Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Probezeit - gekündigt werden?
FairMagic
17.04.2023, 22:56
Hallo liebes Forum,
nachdem die Studienzeit und die Zeit post Examen nun vorbei sind, durfte ich seit April die ersten zwei Wochen an einer Inneren an einer Uniklinik meine Assistenzzeit beginnen und eingearbeitet werden.
Kurzum: Ich bin total überfordert!
Es gibt auf einmal so unglaublich viel, was es zu beachten gilt. Dann klingelt mein Telefon, dann kriege ich wieder was Neues gezeigt und am Ende sitze ich vorm PC, habe 3-4 Programme parallel laufen und klicke wirr vor mich hin. Ohne Sinn, Verstand oder Struktur. Wenn ich dann eine Übergabe mache, werde ich unsicher und stammel vor mich hin. Werde nach Befunden gefragt, die ich mir längst hätte anschauen sollen, nach Medikamenten, über die ich mir hätte Gedanken machen sollen, und kann keine Struktur für mich finden.
Dabei war ich im Studium immer gut (M2 Note 2, M3 Note 1) und habe in meinen Stud.Hilfskraft-Jobs und im PJ stets positives Feedback bekommen.
Leider fühlt es sich jetzt gar nicht so an, als hätte das auch nur das aller geringste an Bedeutung. Und das ist gerade wahnsinnig frustrierend.
Im Beruf und im Speziellen in der Rolle als Arzt angekommen, fühle ich mich noch nicht.
Ich weiß, dass es erst 2 Wochen sind und ich wohl noch mehr Zeit brauche.
Und während ich mir das sehr plausibel einrede, schwirrt trotzalledem hin und wieder der Gedanke in mir umher, dass mir bald einfach so in der Probezeit gekündigt wird.
Wie ging es euch so am Anfang? Ging es da jemandem ähnlich?
Würde mich auch schon über ein paar beruhigende Worte freuen.
Liebe Grüße! :)
Coxy-Baby
17.04.2023, 23:17
Das ist völlig normal, so geht's jedem am Anfang! Studium und Arztsein sind nunmal total unterschiedliche Dinge... Also Versuch locker zu bleiben ;-)
Feuerblick
18.04.2023, 06:14
Die Überforderung ist normal. Aber wenn du im PJ gutes Feedback bekommen hast - welche Struktur hattest du denn dort? Arbeit auf Zuruf? Dann setz dich hin, mach dir eine Stationsliste, auf der du hinter jedem Patienten das Wesentliche einträgst - insbesondere, welche Untersuchungen noch fehlen, noch angeordnet oder angeschaut werden müssen. Diese Stations-To-Do-Listen haben mich am Anfang gerettet. Um diese Liste zu erstellen, muss man sich nämlich einmal strukturiert Gedanken über jeden Patienten und seine Erkrankung machen. Die erste Liste dauert etwas, aber danach läuft das von alleine.
Übrigens: Auch erfahrene Ärzte haben nicht immer jeden Befund parat und/oder schon angeschaut. Die wichtigen aber sollte man auf dem Schirm haben. Gleiches gilt für Medikamente. Du kennst eines nicht? Aufschreiben, sofort nachschlagen.
Endoplasmatisches Reticulum
18.04.2023, 08:54
Erst einmal ist der Anfang immer schwer, wie die Vorposter schon gesagt haben.
Dann kann es sein, dass die Klinik dir strukturell zusätzliche Steine in den Weg legt. Ich habe Kliniken erlebt, da wurden tagtäglich Patienten spontan hin und her geschoben, mehrfache Übergaben am Tag, selten angefangene Briefe, ständig Zusatzaufgaben auf Zuruf. In solchen Strukturen kommen auch erfahrene Ärzte früher oder später durcheinander, da wäre man als Anfänger vollends verloren. Also immer selbstkritisch bleiben, aber dir auch nicht unbedingt jeden Schuh anziehen. Zu früh zu viele Patienten ist auch immer gerne eine Ursache von Irritationen.
Zuletzt ist auch Vorgesetztenführung eine Kunst, die gelernt sein will. Der Altassistent kennt auch nicht alle Befunde und Laborwerte. Aber er hat die Routine, hat alle Labore angeschaut, und wenn er dann in der Visite nach einem bestimmten Wert gefragt wird, sagt er vielleicht selbstsicher "normwertig", weil er weiß, dass ihm das sonst bei der Durchsicht aufgefallen wäre. Der Neuling traut sich das natürlich nicht, kennt den aktuellen Wert nicht auswendig, hat sich auf dem Spicker dummerweise nur fünf andere Werte notiert aber nicht den gefragten - und fühlt sich dann dumm.
Lernt man alles mit der Zeit.
SerkanTulum
18.04.2023, 09:18
Das ist völlig normal. War bei jedem so. Bleib einfach weiter dran, lerne und übe jeden Tag und lass dich nicht entmutigen.
Ich bin damals direkt nach dem Studium in die Schweiz gegangen, an eine grosse Uniklinik. Ich habe damals auf der Chirurgie gearbetet und wurde direkt am ersten Tag auf die Notaufnahme gesteckt. Es war meine erste Stelle und direkt am ersten Arbeitstag landete ich auf eine der grössten chirurgischen schweizer Notaufnahmen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich dann am ersten Tag dort stand, direkt in den Schockraum für einen Sprung aus 15 Meter musste.
In diesem Beruf wird man oft ins kalte Wasser geworfen. Einfach weitermachen :)
alphamethyldopa
18.04.2023, 17:24
Ich kann dir dieses Video von meinem Lieblingsyoutuber Dr Glaucomflecken empfehlen https://youtube.com/shorts/jE_hz2oSPrc?feature=share
FairMagic
18.04.2023, 21:19
Danke für die lieben Antworten.
Heute war schon mal einer der "suck less than yesterday" Tage.
Das gibt einem dann ein besseres Gefühl.
Aber es gibt trotzdem noch so super viele Unsicherheiten, die gelegentlich meinen kleinen inneren Imposter wecken und mich fragen lassen, wann denn so eine Kündigung kommen könnte.
FairMagic
18.04.2023, 21:22
Und @Feuerblick:
Genau das ist auch gerade am Anfang schwierig.
Klar hatte ich meine PJ-Routine, aber die meiste Zeit wurde eben auf Zuruf gearbeitet.
Und das hat sich nun auch schlagartig geändert, woran ich mich erstmal gewöhnen muss.
Das ist völlig normal am Anfang. Ich war damals die ersten Wochen zusammen mit einem sehr erfahrenen und überdurchschnittlich guten Kollegen auf Station. Und während er gefühlt alles wusste, immer den Überblick hatte, alles regeln konnte und dann auch noch auf alles eine Antwort hatte, kam ich mir nur einfach nur dumm, unfähig und nutzlos vor. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich das alles hinkriegen soll. Fast 4 Jahre später bin ich immer noch da und werde von den jungen Kolleg*innen angerufen wenn sie nicht weiter wissen oder Hilfe brauchen ;-) Man wächst mit seinem Aufgaben, in 4 Wochen sieht die Welt schon wieder anders aus. Am Anfang ist es einfach so viel Input, das muss man erstmal verarbeiten können.
Was du beschreibst, ist nach zwei Wochen VÖLLIG normal. Es braucht einige Monate, bis man die Basics so halbwegs beherrscht.
Also mach dir mal keine Sorgen. Deshalb würde nie jemand gekündigt werden.
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