Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Erfahrungen - Charité Orthopädie/Unfaillchirurgie
MoeKreuzen
28.05.2023, 11:25
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich möchte mich um eine Stelle (Charité /Ortho) bewerben und bitte deswegen nach erfolgloser Internet- und Forensuche um Rat
-Qualität der Facharztausbildung? (kann man viel machen/lernen? Führungskultur?)
-Besonderheiten bei der Bewerbung? Gibt es da etwas zu beachten?
Zu mir: fachfremde (nicht chirurgisch) Doktorarbeit klinisch/experimentell, Note Studium insgesamt 2 aus Heidelberg, PJ Tertial Charité /Ortho steht an
Ich bin von Berlin und natürlich von der Uniklinik begeistert. Ich würde sehr sehr gerne nach Berlin aber ich denke die Qualität der Weiterbildung wird für mich am Ende doch ausschlaggebend sein, zumal ich ggf irgendwann zurück ins Ausland kehre und dort auch der Ruf der Klinik eine größere Rolle für die Karriere spielt. PJ Tertial kann ich noch wechseln, falls ihr sehr schlechte Erfahrungen an der Charité gemacht habt. Als Famulant hatte ich in Heidelberg einen guten Eindruck von der Abteilung. Würdet ihr mir empfehlen, mindestens für die Facharztausbildung doch in Heidelberg zu bleiben?
Vielen Dank im Voraus und liebe Grüße
Also die Charité war in den letzten Monaten so oft wegen Streiks, Protesten und Arbeitsniederlegung aufgrund der miesen Arbeitsbedingungen in den Schlagzeilen, das konnte man doch gar nicht übersehen. Wer da immer noch hinmöchte, sollte wissen, was ihn/sie dort erwartet. Meine paar Semester Studium an der Uni (allerdings 20 Jahre her) waren damals schon mehr als abschreckend. Vielleicht weiß jemand was, der aktuell dort arbeitet, ob es sich gebessert hat. Achja, zu bedenken ist natürlich, dass Charité viele Campus hat und die möglicherweise unterschiedlich sind: Mitte, Virchow, Buch ... Buch schien damals noch ganz ok, Mitte fand ich ziemliche Katastrophe. Wenn du da Ortho machst, siehst du es ja und dann stehen die Chancen ja bestimmt auch schon etwas besser.
Ansonsten halt einfach bewerben, wie in jeder anderen Klinik auch.
MoeKreuzen
28.05.2023, 17:59
Also die Charité war in den letzten Monaten so oft wegen Streiks, Protesten und Arbeitsniederlegung aufgrund der miesen Arbeitsbedingungen in den Schlagzeilen, das konnte man doch gar nicht übersehen. Wer da immer noch hinmöchte, sollte wissen, was ihn/sie dort erwartet. Meine paar Semester Studium an der Uni (allerdings 20 Jahre her) waren damals schon mehr als abschreckend. Vielleicht weiß jemand was, der aktuell dort arbeitet, ob es sich gebessert hat. Achja, zu bedenken ist natürlich, dass Charité viele Campus hat und die möglicherweise unterschiedlich sind: Mitte, Virchow, Buch ... Buch schien damals noch ganz ok, Mitte fand ich ziemliche Katastrophe. Wenn du da Ortho machst, siehst du es ja und dann stehen die Chancen ja bestimmt auch schon etwas besser.
Ansonsten halt einfach bewerben, wie in jeder anderen Klinik auch.
Vielen Dank für Deine Antwort! Ich habe mich wirklich darüber gefreut und wusste selber tatsächlich nicht von den Schlagzeilen.
Was sagt das über die Qualität der Weiterbildung aus? Ich denke, dass für Assistenzärzte schlechte Arbeitsbedingungen generell eher die Regel als die Ausnahme ist, und v.a. an einer Klinik wie der Charite bin ich automatisch von schlechten Arbeitsbedingungen ausgegangen
Im Sinne von langen Arbeitstagen ohne finanziellen "Ausgleich". Damit bin ich einverstanden, solange die Qualität der Weiterbildung der der Versorgung entspricht.
Wenn ich das CMS der Charite als Wunschabteilung in den Foren nicht ausschließen kann, ist mein Plan die Abteilung im PJ kennenzulernen. Jedoch bin ich gefühlt zum Teil auf PJ angewiesen in Sachen Bewerbung, da meine Diss fachfremd ist und ich am Ende doch eine 2 hatte. Ich versuche deswegen schon vor Beginn des Tertials eine Wunschabteilung abzugrenzen.
Ich würde mich über eure Erfahrungen sehr freuen
Liebe Grüße und danke im Voraus
Feuerblick
28.05.2023, 18:46
*räusper* Nein, bitte: Lange Arbeitstage ohne finanziellen oder sonstigen Ausgleich sollte man NIEMALS akzeptieren - egal, wie gut die Weiterbildung ist. Damit erweist du denen, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, einen Bärendienst. Tu das bitte nicht! Kein Mensch sollte ohne Lohn für seine Arbeit arbeiten müssen. Und genau das tust du, wenn du Überstunden machst, ohne dass du dafür einen Ausgleich bekommst.
Nochmal: Bitte nicht! Diese Zeiten sind vorbei und wenn auch Assistenzärzte das verinnerlichen, dann werden es auch die Kliniken irgendwann lernen müssen. Weiterbildung ist der Job einer Weiterbildungsstelle. Dafür sollten keine unbezahlten Überstunden notwendig sein!
Was macht denn für dich die "Qualität" der Weiterbildung aus? Dass die Fälle spannend sind? Dass die Oberärzte dir viel beibringen? Dass du viel machen darfst? Unikliniken sind ja bekannt dafür, dass sie den ersten Punkt erfüllen, aber die beiden anderen nicht. Als kleiner Anfänger bist du ganz unten in der Hackordnung und darfst lange Zeit nur die langweilige Drecksarbeit machen. Die einfachen Fälle, die man als Anfänger selber managen/operieren kann, die man als Grundlage können muss und gut üben kann, landen tendenziell eher in den städtischen Kliniken. Die spannenden Fälle machen die erfahrenen Leute, davon hast du also gar nichts. Immerhin hast du am Ende den guten Namen in deinem Lebenslauf und vielleicht ein paar Publikationen.
Ich hab auch keine Informationen aus erster Hand aus dieser Klinik, aber aus anderen Charite-Kliniken hab ich nie was Gutes gehört. Die müssen auch gar nichts bieten, bei denen stehen die Leute ja eh Schlange. Aber wenn du eh ein Tertial dort machen kannst, dann probiere es doch einfach aus und frag die anderen Assistenten.
MoeKreuzen
28.05.2023, 20:29
*räusper* Nein, bitte: Lange Arbeitstage ohne finanziellen oder sonstigen Ausgleich sollte man NIEMALS akzeptieren - egal, wie gut die Weiterbildung ist. Damit erweist du denen, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, einen Bärendienst. Tu das bitte nicht! Kein Mensch sollte ohne Lohn für seine Arbeit arbeiten müssen. Und genau das tust du, wenn du Überstunden machst, ohne dass du dafür einen Ausgleich bekommst.
Nochmal: Bitte nicht! Diese Zeiten sind vorbei und wenn auch Assistenzärzte das verinnerlichen, dann werden es auch die Kliniken irgendwann lernen müssen. Weiterbildung ist der Job einer Weiterbildungsstelle. Dafür sollten keine unbezahlten Überstunden notwendig sein!
Ist es nicht leider trotzdem im Moment an vielen Unikliniken die Realität ? Ich kann deine Vorgehensweise trotzdem sehr gut nachvollziehen .
MoeKreuzen
28.05.2023, 20:37
Was macht denn für dich die "Qualität" der Weiterbildung aus? Dass die Fälle spannend sind? Dass die Oberärzte dir viel beibringen? Dass du viel machen darfst? Unikliniken sind ja bekannt dafür, dass sie den ersten Punkt erfüllen, aber die beiden anderen nicht. Als kleiner Anfänger bist du ganz unten in der Hackordnung und darfst lange Zeit nur die langweilige Drecksarbeit machen. Die einfachen Fälle, die man als Anfänger selber managen/operieren kann, die man als Grundlage können muss und gut üben kann, landen tendenziell eher in den städtischen Kliniken. Die spannenden Fälle machen die erfahrenen Leute, davon hast du also gar nichts. Immerhin hast du am Ende den guten Namen in deinem Lebenslauf und vielleicht ein paar Publikationen.
Ich hab auch keine Informationen aus erster Hand aus dieser Klinik, aber aus anderen Charite-Kliniken hab ich nie was Gutes gehört. Die müssen auch gar nichts bieten, bei denen stehen die Leute ja eh Schlange. Aber wenn du eh ein Tertial dort machen kannst, dann probiere es doch einfach aus und frag die anderen Assistenten.
vielen Dank für deine Antwort. Ich stelle mir das so vor, dass man zwar am Anfang die langweilige.. "Drecksarbeit" :D macht, nach 1-2 Jahren aber ein bisschen mehr darf, und im Anschluss dann nochmal mehr, sodass man am Ende der Facharztausbildung dann doch eine Weiterbildung erhalten hat, die der Qualität der Versorgung an der Klinik entspricht. So kenne ich das zumindest aus den USA, aber ich kenne niemanden in der Charite. Ich hoffe, dass ich doch vor dem PJ schon mehr erfahren kann.
Wenn ich das CMS der Charite als Wunschabteilung in den Foren nicht ausschließen kann, ist mein Plan die Abteilung im PJ kennenzulernen. Jedoch bin ich gefühlt zum Teil auf PJ angewiesen in Sachen Bewerbung, da meine Diss fachfremd ist und ich am Ende doch eine 2 hatte. Ich versuche deswegen schon vor Beginn des Tertials eine Wunschabteilung abzugrenzen.
Vielen herzlichen Dank und liebe Grüße
Die Note der Diss interessiert keinen. An meiner Uni kannst du z.B. nichts besseres als eine 3 bekommen, wenn die Arbeit nicht publikationsbasiert ist.
MoeKreuzen
28.05.2023, 20:52
Die Note der Diss interessiert keinen. An meiner Uni kannst du z.B. nichts besseres als eine 3 bekommen, wenn die Arbeit nicht publikationsbasiert ist.
Danke, das ist gut zu wissen, aber ich denke ich habe das schlecht formuliert. 2 wäre meine Durchschnittsnote von den 3 Staatsexamina
Feuerblick
28.05.2023, 21:03
Ist es nicht leider trotzdem im Moment an vielen Unikliniken die Realität ? Ich kann deine Vorgehensweise trotzdem sehr gut nachvollziehen .
Ist es, aber man sollte das bittedanke eben NICHT akzeptieren. Sonst ändert sich nie etwas.
][truba][
28.05.2023, 21:04
Also so wie du dir das vorstellst, läuft es in der deutschen „Ausbildung“ selten.
Hatten letztens eine Hospitantin, die vorher an der Uni Dresden gearbeitet hat. Die hat erzählt, dass dort Kollegen Forschungsjahre als Ausbildungszeit anerkannt bekamen und dann als frische FA zum Teil Oberarzt wurden und kaum die einfachsten Eingriffe beherrschten. Dementsprechend wurden die dann erstmal ausgebildet, selbst an den Eingriffen, die ich schon im 3. und 4. Jahr sicher durchführen konnte.
Und das wird bei vielen universitären Abteilungen so laufen.
Man muss entscheiden was einem wichtiger ist. Der Name bei dem man mal „ausgebildet“ wurde oder ob man wirklich eine richtige Ausbildung erhalten hat, meistens aber eher an einem nicht universitären Haus.
Lightyagami
28.05.2023, 21:46
Ich arbeite selber nicht an der Charité und habe dort auch nicht studiert, kann dir aber die Erfahrungen 2 meiner Freundin*Innen berichten, die dort vor einigen Jahren angefangen hatten bzw hospitiert hatten:
Ich rate dir dringend dazu, die Finger von der Charité zu lassen.
Wie mein Vorredner bereits schrieb, ist die Charité nicht grundlos monatelang in den Medien bzgl. sehr hohem Workload, Stress, schlechter Weiterbildung etc etc. aufgefallen.
Eine Freundin, mit der ich gemeinsam studiert hatte, hatte dort angefangen, weil Sie u. a. auch aus Berlin kam und dort mehr oder weniger gebunden war.
Spoiler alert: Nach 6 Monaten die Klinik gewechselt.
Warum, wirst du dich wahrscheinlich fragen:
Katastrophale Klinikorganisation, Überstunden ohne Ende (die du dir natürlich nicht aufschreiben darfst, weil ("das hier ist die Charité!!"), sehr cholerische Oberärzt*Innen/Leitungsteam, teilweilse gingen die Anfeindungen echt unter die Gürtellinie während Besprechungen/ Visite etc etc.
Laut ihr war man dort nur eine "overpaid secretary" als Assistenzarzt/ärztin.
Die Weiterbildung ist grade in den ersten Jahren sehr zäh und besteht fast nur aus Station und Ambulanz. Wenn du wirklich früh gefördert werden willst, musst du schon reinhauen mit Pubs etc., um den oberen einen gewissen Mehrwert verkaufen zu können (was aber ja eigentlich überhaupt nicht Sinn und Zweck einer Weiterbildungsklinik sein sollte, aber whatever).
Und noch zum Schluss: Laut ihr ist es leider (immer noch) ein Vorteil, als Typ da zu starten bzw tätig zu sein. Das Leitungsteam ist fast immer noch ein "Only White Boys"-Club.
Siehst, ist leider sehr nüchtern, aber immer noch nur ein individueller Einblick. Die Charité lebt halt noch sehr von ihrem Pseudomythos ("europäisches Johns Hopkins-Äquivalent") und den unzähligen Propagandafilmen auf Youtube, die eine Art "Elitementalität" zu projizieren versucht, was unzählige Ahnungslose aus ganz Europa anscheinend dazu veranlasst, einen wirklich schlechten Deal hinsichtlich Arbeitsbedingungen, Workload, schlechter Weiterbildung etc. einzugehen.
Muss jeder für sich selber wissen, ob man dafür bereit ist, sich das antun zu wollen.
P.S. Wie meine Vorredner bereits sagten: Du musst heutzutage keine schlechten Arbeitsbedingungen mehr akzeptieren (Gott sei Dank). Wenn es weiterhin Kollegin*Innen gibt, die sowas kommentarlos hinnehmen, dann schießen wir uns langfristig wirklich immer selber ins Knie. Der Arbeitsmarkt ist aktuell so gut wie noch nie und gerade deswegen, solltest du keine "Sklavenarbeit" akzeptieren, nur weil auf dem Briefkopf "Charité" draufsteht.
Just my 2 Cents.
Stuntman Mike
29.05.2023, 19:26
P.S. Wie meine Vorredner bereits sagten: Du musst heutzutage keine schlechten Arbeitsbedingungen mehr akzeptieren (Gott sei Dank). Wenn es weiterhin Kollegin*Innen gibt, die sowas kommentarlos hinnehmen, dann schießen wir uns langfristig wirklich immer selber ins Knie. Der Arbeitsmarkt ist aktuell so gut wie noch nie und gerade deswegen, solltest du keine "Sklavenarbeit" akzeptieren, nur weil auf dem Briefkopf "Charité" draufsteht.
Ganz genau. Das Perfide ist, die Chefärzte, Personalabteilungen etc. leben davon, den Assistenten zu vermitteln, dass sie nichts wert sind und gefälligst dankbar zu sein haben…. Es ist Zeit, das nicht mehr mitzumachen.
Es gibt auch noch andere große Unfallchirurgien in Berlin (Vivantes Neukölln, UKB, DRK Westenend…) Wenn Du Typen wie Rocket Romano (mal die ersten Staffeln “ER” streamen) magst 😉, kannst Du sein Pendant gerne in einer der Charité-UChis erleben. Hab aber nie dort gearbeitet. Nur durch Praktika/Unterricht etc. mitbekommen.
Auch wenn das mit der Charite nichts zu tun hat, aber ich denke, dass das ein gewichtiger Faktor ist: In Berlin ist es mittlerweile so gut wie unmöglich, eine bezahlbare Wohnung zu finden.
Ich habe an der charite studiert und interessierte mich sogar für die UCH/Ortho im CMSC. Hatte auch mein Wahlpflichtmodul in der Abteilung und ein Kumpel arbeitet derzeit auch dort.
Meine Erfahrung ist folgende:
- wenn du keine Paper schreibst, bist du der Dödel, der die Station schmeißt und wirst nicht gefördert
- einige OÄ sind noch von der alten Sorte, da fliegen gern mal die Fetzen im OP
- stell dich auf seeeehr viele Überstunden ein (Dienstbeginn 6:30 bis nicht selten 20 Uhr)
- du hast Einblicke in sehr seltene Krankheitsbilder
- wenn du richtig Gas gibst, wirst du gut gefördert und kannst z.B. eine Sportmannschaft betreuen
- man muss es wirklich wollen...
Hoffe, ich konnte dir ein bisschen in deiner Entscheidungsfindung behilflich sein. Sonst gerne auch per PM.
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