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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Suche einer retrospektiven Doktorarbeit



remix_
14.06.2023, 08:37
Hallo Leute,

ich habe Schwierigkeiten beim Finden einer Doktorarbeit, die auch etwas mit Unsicherheit bei der Suche zutun hat, da ich akademisch unerfahren und schlecht vernetzt bin.

Als Wartezeit-Student kann ich mir es nicht mehr erlauben geplant 1-2 Freisemester zu nehmen. Dazu komme ich schon ins 9. Semester und das Studium wird bei uns zunehmenden praktischer (Blockpraktia). Habe schon vorher gesucht, aber von 5-7. Semester haben private Umstände mir eine zusätzliche Promotion unmöglich gemacht.

Nach erfolglosem Suchen von prospektiven Doktorarbeiten - entweder keine Antwort, Zusagen zu Arbeiten, die 2 Freisemester beanspruchen oder "ich sei zu spät im Studium", obwohl andere aus meinem Semester dort auch promovieren.. - würde ich mich nun nach einer retrospektiven Doktorarbeit umsehen.
Problem ist, dass es bei uns an der Uni eine Bestreben gibt, retrospektive Doktorarbeiten zu "verbieten". Kenne nur eine Person, die nach langem Bohren eine gefunden hat.

Da ich keine Chancen verspielen möchte, hier ein paar Fragen:

Wie macht man es, wenn eine Abteilungen mehrere Profs und PDs hat? Einen anschreiben oder alle? Nacheinander oder gleichzeitig?
Schreibt ihr in eure Bewerbung direkt was ihr wollt und bereit seid zu leisten?
Schreibt ihr explizit was euch interessiert oder suggeriert ihr "ich nehme alles"?
Was sind für euch tendenziell No-Gos bei einer Bewerbung?
Kennt ihr Fächer, in denen eher retrospektive Arbeiten vergeben werden?
Welche Inhalte kommen in ein Motivationsschreiben? Einige wenige Stellen verlangen eines.

Ist meine Vorstellung, ich könnte eine retrospektive Doktorarbeit finden und sie in den nächsten 2-3 Jahren paralell zu Studium und danach Arbeit beenden naiv?
Gibt es bei euch auch so ein bestreben, die retrospektiven Arbeiten zu verdrängen?
Was hat der Betreuer/die Betreuerin überhaupt davon, dass ihr betreut werdet?

Lohnt es sich an einer anderen Uni umzusehen?

Eine bekannte von mir hat an einer heimatnahen Uni erst im PJ gesucht, mehrere retrospektive Arbeiten "angeboten" bekommen, und diese auch relativ zeitnah nach dem M3 schon abgeschlossen. An der Uni kann man sich relativ Problemlos für einen Promotionsstudiengang einschreiben.

Vielen Dank für hilfreiche Tipps

davo
14.06.2023, 16:03
Ist halt ein ziemlich großer Aufwand, sich jetzt noch eine andere Uni zu suchen. Und dein Ziel, die Doktorarbeit dann studiums-, PJ- bzw. arbeitsbegleitend bis zum Ende des ersten Jahres als Assistenzarzt abzuschließen, halte ich für ziemlich ambitioniert, mit einem hohen Risiko des Scheiterns. Gerade wenn deine bisherige akademische Vorgeschichte nicht so großartig war. Aber selbst wenn du bisher immer top gewesen wärst.

Warum muss es denn überhaupt eine Doktorarbeit sein?

Ich hab jeweils zeitgleich alle Profs und PDs angeschrieben, in Fächern mit wenigen Profs und PDs alle Oberärzte. Und ich hab ganz klar reingeschrieben, was für eine Art Arbeit ich suche, welchen Zeithorizont ich mir vorstelle.

remix_
14.06.2023, 18:43
Meine akademische Vorgeschichte war nicht nicht großartig, ich bin nur unerfahren was die organisatorischen Strukturen angeht und wenig vernetzt. Mir wäre es auch Wurscht, wenn die Arbeit erst im 5. WBJ fertig wäre, dachte nur, dass Betreuer sowas nicht gerne hören(?).

Finde interessant, dass du den Plan für ambitioniert hältst, da ein paar meiner meiner Kommilitonen ein paar Wochen vorher noch prospektive Arbeiten anfangen sind, mit dem Ziel zum M3 fertig zu sein, was auch von den Profs so abgenickt wurde. Ein Jahr Daten sammeln, ein Jahr schreiben. Wie gesagt, bin da unerfahren. Insgesamt lässt sich meinerseits eben auf wenig Erfahrungswissen zugreifen und dieser auch nicht verifizieren, höre alles zwischen <1 Jahr für retrospektive oder 2 Jahre für prospektive bis zu 5 Jahre für eine retrospektive Arbeit. Und von den Assis in der Klinik, in der ich mal als Pfleger arbeitete, haben ziemlich viele noch neben der Arbeit geschrieben.

Eine Doktorarbeit soll es auch nur sein, damit ich es mal versucht habe und es später nicht bereue. Demnach wäre ein Scheitern zwar schade, aber kein Weltuntergang. Tatsächlich würde ich auch gerne lernen, wie man wissenschaftlich arbeitet und schreibt. Für mein Ego bräuchte ich es nicht, bin auch nicht bereit, über "Leichen zu gehen", sonst hätte ich schon eine prospektive Arbeit angenommen. ("Über Leichen" in dem Fall, weil es Leute gibt, die auf meinen Abschluss "warten", bin Pendler, Beziehung usw.)

Habe leider nicht richtig verstanden: hast du bspw. in Abteilung für Innere Medizin Klinik X mit einem Prof und zwei PDs allen gleichzeit eine Mail geschrieben?

Inwiefern ist es ein großer Aufwand einen Prof an einer anderen Uni zu fragen im Vgl. zu seiner eigenen? Im Beispiel mit meiner Bekannten wären die bürokratischen Hürden gering.

Vielen Dank für deinen Beitrag

nie
14.06.2023, 20:32
Ich muss seit 3,5 Jahren „nur noch“ ein paar Daten erheben und „nur noch“ schreiben. Das ist, neben der Arbeit als Assistenzarzt, leichter gesagt als getan. Und ich habe schon den Luxus, dass ich in der Abteilung arbeite in der ich promoviere. Was bedeutet, dass ich jederzeit Zugriff auf alle Daten habe und nicht noch extra irgendwo hinfahren muss. Hab sogar von zuhause Zugriff. Und dennoch komme ich nur langsam voran weil man eben noch genug anderen Mist zutun habe. Und wenn ich mal nicht arbeite, will ich halt auch mal was anderes machen als in der Klinik Daten in Tabellen tippen. Man sich bewusst sein, dass auch eine retrospektive Arbeit sehr zeitintensiv ist. Wir haben auch Studenten, die retrospektive Arbeiten machen. Die sitzen hier jede freie Minute. Teilweise auch am Wochenende. Klar, dazu zwingt sei keiner aber dann schafft man das eben auch nicht in einem Jahr. Je nach Studien ist das raussuchen der Daten sehr aufwendig, viele Daten sind unvollständig oder man muss in Papierarchieven wühlen. Oft ändert sich auch mittendrin nochmal was an der Fragestellung und man muss Daten nacherheben. Es brauche schon viel Zeitaufwand und Disziplin um innerhalb eines Jahres die Datenerfassung zu machen, das sollte man nicht unterschätzen. Und es ist halt echt stupide Arbeit, was die Motivation nicht gerade fördert. Been there, done that… Ich hatte auch mal das Ziel, innerhalb von zwei Jahren fertig zu sein, was auch so abgenickt wurde. Wäre theoretisch wohl auch möglich gewesen aber die Praxis steht halt nochmal auf einem anderen Blatt.


Mach ruhig eine Doktorarbeit wenn du Bock drauf hast, auch retrospektiv. Muss nicht jeder fancy experimentelle Dinge machen. Aber sei dir im Klaren, dass auch das mit Aufwand und Zeit verbunden ist. Und Profs viel versprechen wenn der Tag lang ist. Es braucht schon optimale Bedingungen und viel Zeit und Disziplin um so eine Doktorarbeit in zwei Jahren durchzuziehen.

remix_
14.06.2023, 20:42
Auch dir vielen Dank für deine Antwort. Macht mir etwas Mut.

Dass die Arbeit an sich frustran und stupide sein kann (oder ist), ist mir bewusst. Auch vor Arbeit am Wochenende schrecke ich nicht ab und bin auch bereit, die Arbeit in die Länge ziehen zu müssen.

Der Hauptgrund für eine retrospektive Arbeit wäre eben der bei mir, dass ich etwas unflexibel aufgrund meiner Pendelei bin. So sehe ich bei meinen Bekannten und dem einen Beispiel an meiner Uni eben auch, dass diese von zu Hause aus auf die Daten zugreifen können. Ich bin nur einfach nicht mehr bereit dazu ein Freisemester zu nehmen, welches mich die ganze Woche von meinem Hauptwohnsitz entfernt. Ein Semester hinterher mit überwiegender Arbeit von zu Hause wäre eher unproblematisch.

nie
14.06.2023, 22:16
Du solltest vorher aber unbedingt klären ob du Zugriff von zuhause bekommst. In meiner Klinik bekommen das nur Mitarbeiter, keine Studenten/externe Doktoraden. Und selbst als Mitarbeiter braucht man einen guten Grund bzw. hängt es vom Wohlwollen des Chefs ab, der diesen Zugriff genehmigen muss.

Endoplasmatisches Reticulum
14.06.2023, 22:25
Die eigentliche Leistung einer statistischen Dissertation ist nicht die Datenerhebung, sondern - oh Wunder - die Statistik. Erste Fallstricke sind aber, wie von den Vorpostern richtig angemerkt wurde, dass viele Doktoranden ohne solides Konzept starten, irgendwie vor sich her irgendwelche Daten in Tabellen tippen und dann am Ende das Kartenhaus zusammenbricht, weil man sich komplett verrannt hat oder der Prof eine nächtliche Epiphanie hatte und plötzlich ganz andere Dinge spannend findet.

Hingerotzte Arbeiten werden von den Kliniken in meiner Wahrnehmung zunehmend kritischer gesehen, gleich welcher Art sie sind. Ich hatte auch Kommilitonen, die ein paar Semester studienbegleitend chillig mit Kaffée aufs Haus jeden Sonntag für 3 Stunden im Anatomielabor am Mikroskop saßen und ihre 40-Seiten-Arbeiten dann "experimentell" geschimpft haben. Das sagt alles überhaupt nichts aus. Wenn der Aufwand gering sein soll, kommuniziere das - natürlich positiv formuliert. Aber schieße dich nicht auf bestimmte "Arten" von Dissertation ein, die du a priori mit wenig Aufwand verbindest. Das geht sehr wahrscheinlich nach hinten los.

remix_
15.06.2023, 10:17
werde ich, danke @nie


Die eigentliche Leistung einer statistischen Dissertation ist nicht die Datenerhebung, sondern - oh Wunder - die Statistik.

Ist interessant, dass du das sagst. Da ich eben gerne eine retrospektive Arbeit schreiben möchte, beschäftigt mich auch, warum es diese anti-retrospektiven Agenda gibt. Bei den prospektiven Arbeiten, zu denen ich eingeladen wurde, stand alles schon fest - Studiendesign, Ethikantrag usw - ich war halt lediglich der Typ, der bspw. 300 Patienten akquirieren sollte und Untersuchungen durchführen sollte, die jede/r MFA beherrscht (bspw. RR messen + Blut abnehmen) und diese letztlich in Excel Tabellen übertragen sollte. Da frage ich mich schon, worin da die Überlegenheit im Vgl. zu retrospektiven Arbeiten besteht.
Meine Kommilitonen hinterfragen das nicht. "Hmm joa, kein Plan."

Gibt es denn sonst noch Fächer, in denen es tendenziell eine Arbeit von "remote" möglich ist? Es geht mir nicht um die möglichst einfache Arbeit, sondern darum, dass die Arbeit zu meinem Leben passt (zugegeben, Medizingeschichte wäre nicht so meins). Vielleicht Epidemiologie?

nie
15.06.2023, 11:11
Retrospektiv bedeutet halt, dass der Teil
mit dem akquirieren und Messungen/Untersuchungen machen. Du tippst primär bereits vorhandene Befunde in eine Tabelle ein und wertest sie statistisch aus. Da steckt halt nochmal weniger „Eigenleistung“ drin als in prospektiven Studien. Das, was ich aktuell tue, könnte auch eine komplett medizinferne Person ohne akademischen Background machen :-nix

remix_
15.06.2023, 11:33
Das stimmt natürlich, aber inwiefern erhöht es die akademische Leistung, wenn man Hilfsaufgaben macht? Das ist zumindest immer das, was uns hier suggeriert wird.

Endoplasmatisches Reticulum
15.06.2023, 11:35
Laborarbeit ist meist auch nur stupides Pipettierwerk im Rahmen einer ausgewählten Hand voll Methoden. Letztlich ist man da auch oft nur eine fleischerne Maschine, die nach Anlernen die immerselben Handgriffe bis zum Boreout und darüber hinaus repetiert. Aber man muss es halt machen, und das dauert. Ähnliches gilt für die Patientenakquise und die Befunderhebung bei einer prospektiven Studie.

Die Frage ist bloß, was man mit einer "guten" Dissertation verbindet. Ein höherer Mindestaufwand ist ja nicht dasselbe wie ein höherer Mindestanspruch, und beides wird obsolet wenn man sich - egal bei welcher Art von Arbeit - nicht aufs Minimum beschränkt. Es gibt "experimentelle" Wochenendarbeiten, da sitzt man am Mikroskop und schaut sich fertig aufbereitete Schnittpräparate an. Und es gibt "prospektive" Arbeiten, da erhebt die Study Nurse 95 % der Daten.

Ich würde sogar behaupten, eine gute statistische Arbeit ist mit am anspruchsvollsten, weil es sehr schnell sehr mathematisch wird und vielen Ärzten die Affinität dazu fehlt. Aus diesem Grund findet man gute statistische Arbeiten auch immer seltener: billigste Arbeiten will man aus Policy-Gründen nicht mehr anbieten, aber für gute Arbeiten besitzen die meisten Professoren selbst keine suffiziente Kompetenz. Wenn die ihre Paper raushauen, gehen die halt in die Biometrie zur Beratung oder werden gleich komplett dort gerechnet, und zum Dank zeichnet dann der Dipl.-Psych. auf dem Paper mit.


Retrospektiv bedeutet halt, dass der Teil
mit dem akquirieren und Messungen/Untersuchungen machen. Du tippst primär bereits vorhandene Befunde in eine Tabelle ein und wertest sie statistisch aus. Da steckt halt nochmal weniger „Eigenleistung“ drin als in prospektiven Studien.
Nicht zwangsläufig. Du kannst auch selbst erhobene Daten retrospektiv analysieren. Das ist gar nicht so selten, z.B. wenn du ein Langzeit-Follow-Up untersuchst und von allen Patienten der letzten X Jahre einen aktuellen Ist-Zustand benötigst.

remix_
15.06.2023, 12:54
Irgendwie wird auch vielen meiner Kommilitonen verkauft, dass sie Daten erheben sollen und sich dann "der/die Statistiker/in" um die Statistik kümmert und sie wissen eigentlich gar nicht was auf sie zukommt oder was überhaupt der nächste Schritt ist.
Ich würde schon gerne wissen, wie die Abläufe ungefähr sind und was ich zu erwarten habe, damit ich überhaupt weiß, worauf ich mich einlasse.

Was ist denn überhaupt die Voraussetzung einer Abteilung, eine retrospektive Arbeit anbieten zu können (bei uns gibt es keine Börse, also läuft alles auf Anfrage:
Student meldet sich und der Prof guckt, ob er was hätte? Und dafür wären dann "zufällig" schon Daten in irgendwelchen Befunden?
Oder Prof hat ein Thema schon lange im Kopf, gefördert, dass Daten dazu gesammelt werden und wartet darauf, dass sich ein Interessent meldet?

Was hat denn überhaupt ein Prof davon eine Promotionsarbeit zu betreuen? Gerade wenn er/sie beispielsweise gar nicht mehr direkt an der Uni tätig ist, sonder eine Abteilung in einer Wald und Wiesen Klinik leitet (wie zB eine Prof aus meiner Heimat, die alle paar Jahre mal jemanden betreut)?

davo
15.06.2023, 16:24
Mir wäre es auch Wurscht, wenn die Arbeit erst im 5. WBJ fertig wäre, dachte nur, dass Betreuer sowas nicht gerne hören(?).

Die meisten Betreuer, die eine Ahnung von ihrem Job haben, wissen schon, dass die Doktorarbeiten in aller Regel viel länger brauchen, als anfangs beworben wird.


Finde interessant, dass du den Plan für ambitioniert hältst, da ein paar meiner meiner Kommilitonen ein paar Wochen vorher noch prospektive Arbeiten anfangen sind, mit dem Ziel zum M3 fertig zu sein, was auch von den Profs so abgenickt wurde. Ein Jahr Daten sammeln, ein Jahr schreiben. Wie gesagt, bin da unerfahren. Insgesamt lässt sich meinerseits eben auf wenig Erfahrungswissen zugreifen und dieser auch nicht verifizieren, höre alles zwischen <1 Jahr für retrospektive oder 2 Jahre für prospektive bis zu 5 Jahre für eine retrospektive Arbeit. Und von den Assis in der Klinik, in der ich mal als Pfleger arbeitete, haben ziemlich viele noch neben der Arbeit geschrieben.

In zwei Jahren fertig zu sein, wenn man noch nicht mal mit der Datenerhebung begonnen hat, ist hochgradig unrealistisch. Das ist den meisten Profs aber auch egal. Die wollen einfach nur einen Dummkopf, der Daten sammelt und ein Paper schreibt, auf dem sie selbst draufstehen. Die Zeitangaben, die dir potenzielle Betreuer sagen, sind fast immer komplett unrealistisch.

Dass diese Assis noch neben der Arbeit schreiben, ist eh klar. Die Frage ist aber: Werden sie jemals fertig? Und wenn ja, wann?

Um in der statistischen Sprache zu bleiben: Du sprichst gerade von zensierten Daten. Die sind aber nicht besonders sinnvoll, um die durchschnittliche Dauer für eine Doktorarbeit einschätzen zu können.


Eine Doktorarbeit soll es auch nur sein, damit ich es mal versucht habe und es später nicht bereue. Demnach wäre ein Scheitern zwar schade, aber kein Weltuntergang. Tatsächlich würde ich auch gerne lernen, wie man wissenschaftlich arbeitet und schreibt. Für mein Ego bräuchte ich es nicht, bin auch nicht bereit, über "Leichen zu gehen", sonst hätte ich schon eine prospektive Arbeit angenommen. ("Über Leichen" in dem Fall, weil es Leute gibt, die auf meinen Abschluss "warten", bin Pendler, Beziehung usw.)

Dann würde ich dir ehrlich gesagt davon abraten. Außer du findest ein Projekt, das von Betreuung, Location, Thema und Methodik her sehr gut passt. Ansonsten halte ich es für viel unnötigen Stress ohne echte Notwendigkeit.


Habe leider nicht richtig verstanden: hast du bspw. in Abteilung für Innere Medizin Klinik X mit einem Prof und zwei PDs allen gleichzeit eine Mail geschrieben?

Ja, ich hab jeweils zeitgleich alle Profs und PDs angeschrieben.


Inwiefern ist es ein großer Aufwand einen Prof an einer anderen Uni zu fragen im Vgl. zu seiner eigenen? Im Beispiel mit meiner Bekannten wären die bürokratischen Hürden gering.

Ich vermute, dass die meisten potenziellen Betreuer keinen Doktoranden an einer anderen Uni wollen. Das erhöht ja nur das ohnehin schon hohe Abbruchrisiko weiter. Außerdem müsstest du dich zuerst mal informieren, ob das die dortige Promotionsordnung überhaupt erlaubt. Dann müsstest du dir Gedanken machen, wie du die Daten überhaupt aus der Ferne auswerten kannst - Stichwort Datensicherheit. Oft ist es nicht erlaubt, dass die Daten Uni-Computer verlassen.

Wenn du völlige örtliche Flexibilität willst, dann mach lieber eine Literaturarbeit in GTE. Die sind zwar meist sehr aufwändig, aber dafür zumindest eher auch disloziert möglich.


Da ich eben gerne eine retrospektive Arbeit schreiben möchte, beschäftigt mich auch, warum es diese anti-retrospektiven Agenda gibt. Bei den prospektiven Arbeiten, zu denen ich eingeladen wurde, stand alles schon fest - Studiendesign, Ethikantrag usw - ich war halt lediglich der Typ, der bspw. 300 Patienten akquirieren sollte und Untersuchungen durchführen sollte, die jede/r MFA beherrscht (bspw. RR messen + Blut abnehmen) und diese letztlich in Excel Tabellen übertragen sollte. Da frage ich mich schon, worin da die Überlegenheit im Vgl. zu retrospektiven Arbeiten besteht.

In Bezug auf Kausalität und Validität sind prospektive Arbeiten besser. Aber du hast natürlich völlig Recht, dass die eigentliche Durchführung komplett anspruchslos ist.

Das ist aber einfach ein Teil der Medizin-Kultur. Die meisten Mediziner haben absolut keine Ahnung von Statistik (auch die meisten Profs und Betreuer nicht), weshalb man dann halt Doktorarbeiten, bei denen der Doktorand zumindest möglichst viel Drecksarbeit machen musste, subjektiv höher einschätzt. Dass das Unsinn ist, ist eh klar, aber in der Medizin hat sich das halt so etabliert. Darf man IMHO nicht weiter hinterfragen.


Irgendwie wird auch vielen meiner Kommilitonen verkauft, dass sie Daten erheben sollen und sich dann "der/die Statistiker/in" um die Statistik kümmert und sie wissen eigentlich gar nicht was auf sie zukommt oder was überhaupt der nächste Schritt ist.
Ich würde schon gerne wissen, wie die Abläufe ungefähr sind und was ich zu erwarten habe, damit ich überhaupt weiß, worauf ich mich einlasse.

Prinzipiell wäre das sinnvoll, ja. Aber du kannst dir, wie ich schon oben geschrieben habe, eigentlich sicher sein, dass die meisten Profs und Betreuer auch selbst keine Ahnung von Statistik haben. Sie wissen also sozusagen gar nicht, was ihnen da alles entgeht.


Was ist denn überhaupt die Voraussetzung einer Abteilung, eine retrospektive Arbeit anbieten zu können (bei uns gibt es keine Börse, also läuft alles auf Anfrage:
Student meldet sich und der Prof guckt, ob er was hätte? Und dafür wären dann "zufällig" schon Daten in irgendwelchen Befunden?
Oder Prof hat ein Thema schon lange im Kopf, gefördert, dass Daten dazu gesammelt werden und wartet darauf, dass sich ein Interessent meldet?

Kommt alles vor. Die meisten medizinischen Doktorarbeiten sind von Anfang an sehr wenig durchdacht. Und wenn sie mal ausnahmsweise gut durchdacht sind, haben sie den Nachteil, dass man von Anfang bis Ende nur durchführende Kraft ist, weil die ganze Denkarbeit eben wer anderer geleistet hat. Das bringt zwar dann oft eine gute Publikation, aber ist vom Lerneffekt her auch wieder sinnlos.


Was hat denn überhaupt ein Prof davon eine Promotionsarbeit zu betreuen? Gerade wenn er/sie beispielsweise gar nicht mehr direkt an der Uni tätig ist, sonder eine Abteilung in einer Wald und Wiesen Klinik leitet (wie zB eine Prof aus meiner Heimat, die alle paar Jahre mal jemanden betreut)?

Bei so jemandem würde ich keine Doktorarbeit machen wollen. So jemand hat von Wissenschaft keine Ahnung, hat von der Betreuung von Doktoranden keine Ahnung. Beides eindeutige red flags. Wenn du deine Chancen, dass aus der Doktorarbeit was wird, maximieren willst, dann sich dir einen Betreuer, bei dem auch tatsächlich viele Leute relativ flott fertig werden. (Naturgemäß sind das meist jene Betreuer, bei denen es am schwersten ist, eine Doktorarbeit zu bekommen.)