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Endoplasmatisches Reticulum
21.06.2023, 09:06
Und jetzt?
Was man sollte: Überlegen, wie man diese besorgniserregende Entwicklung berufspolititisch begleitet, limitiert, reguliert, formt, und dabei die Wahrung der eigenen Interessen forciert. Was passieren wird: Schlafen bis das Ding gelaufen ist, dann Suprised Pikachu Face.


Aktuell ist es nicht möglich dass ein PA einen AiW komplett/voll ersetzt. Und ich behaupte einfach mal das wird niemals vollständig kommen.
Reicht es denn nicht, wenn ärztliche Tätigkeiten inhaltlich ausgedünnt und ärztliche Valenzen für PAs gestrichen zu werden drohen? Berufspolitik ist oft ein schleichender Prozess. Dass man Tendenzen und Gefahren frühzeitig diskutiert, weil man nicht dort ankommen möchte, wohin man sie im Worse oder Worst Case projiziert, ist gerade der Punkt.


Es wird immer irgendwelche Teile geben die dem Arztvorbehalt unterliegen. Und das macht es doch auch spannend.
Ich finde es nicht spannend, wenn eine PA mir OPs, Wunden, Ultraschall und Patientenkontakt wegnimmt, aber das Rezept, den unsäglichen QM-Sonderjob, 100.000 Unterschriften und die volle Haftung übrig lässt. Derartige Festlegungen müssen von uns Ärzten ausgehen. Nicht von Hochschulfunktionären, die mit aus dem Ausland kopierten PA-Studienplätzen ihre eigenen Professuren sichern. Nicht durch kaufmännische Direktionen in Krankenhäusern, die einer weiteren Ökonomisierungsschraube teurer Personalkosten hinterher sabbern. Und ganz bestimmt nicht von den PAs selbst, deren Studiengangsbeschreibungen sie heute schon als Arzt light vermarkten.

Wer glaubt denn hier ernsthaft, dass eine medizinrechtliche Öffnung ärztlicher Tätigkeiten für nichtärztliches Personal schwerpunktmäßig gerade diejenigen Tätigkeiten übrig lassen wird, die der AiW sich heute vorstellt?


Hast du dir schonmal überlegt Teile deiner Arbeit abzugeben an eine andere Berufsgruppe?
Das gab es ja z.B. bei den DRG-Kodierungen. Dafür wurden auch Valenzen bei den Ärzten gestrichen mit der Begründung, x % der ärztlichen Arbeit falle ja nun weg. Ärzte werden nicht entlastet, das ist eine Illusion. Das Krankenhaus schenkt dir kein bares Geld, indem es deine Arbeit fürs selbe Gehalt reduziert. Die sind doch nicht bekloppt. Aber wenn sie Ärzte in proportionalem Umfang wegstreichen für billigeres Personal, dann sparen sie an Lohnnebenkosten und durch Effizienzsteigerungseffekte spezialisierter Fließbandarbeit. Und wenn sie dann noch klamheimlich überproportional wegstreichen, fühlen sie sich besonders clever. Würden sie aber natürlich niemals versuchen. Geht ja um Entlastung der Ärzte, nicht um den schnöden Mammon. Riiight?

Soweit die Präzedenz. Die DRG-Kodierung war aber auch wirklich ätzend, die vermisst glaube ich kein Arzt. Kodierkräfte schielen auch nicht auf Tätigkeiten, die Assistenzärzte eigentlich gerne machen und von denen sie gerade nicht entlastet werden möchten, sondern für die sie gerne mehr Zeit hätten. Also wofür Physician Assistants, anstatt dass die Kliniken unlängst einfach MFAs oder Pfleger als "Arztassistenten" oder so eingestellt und weitergebildet hätten?


Die Pflege hat es teils extrem gut geschafft sich abzugrenzen und die wissen sehr genau was alles nicht ihr Job ist.
Die Pflege hat erkannt, dass jede Berufsgruppe im Krankenhaus zu jeder Tätigkeit grundsätzlich einfach "Nö" sagen kann, und dann macht es halt ein Arzt. Die haben halt irgendwie die Stellung etabliert, dass fast jeder ärztliche Auftrag eigentlich nicht ihr Job sei, sondern eine Art persönlicher Gefallen, der nach Lust und Laune ausgeführt wird oder nicht. Eine Grundlage dafür ist mir aber nicht bekannt. Das wird immer einfach so in den Raum geschmissen und hingenommen.

Dazumal es auch innerpflegische Konflikte gibt und gab, z.B. zwischen älteren Generationen, die alles an medizinischer Tätigkeit abgelehnt haben, weils sie ja ein eigenes emanzipiertes Berufsbild waren und keine Assis der Ärzte. Die haben sich auf Grundpflege, Dekubitalprophylaxe etc. reduziert. Und dann kamen die jüngeren Generationen, die wieder eher aufs Medizinische schielen, weil Pflege ja "nicht nur Popowischen" ist, und die das Ausführen medizinischerer Tätigkeiten als Ausdruck ihrer Fachkompetenz empfinden.


Und eines muss euch auch endlich klar werden: PAs sind auch sonst nur bedingt eine Konkurrenz in der Weiterbildungszeit.
Verstehe ich nicht. Kausalkette ... ? Inwiefern relativiert denn der Umstand, dass mancherorts Chef- und Oberärzte schon keinen Bock auf Lehre haben oder einzelne ÄiW Vollpfosten sein können, das Konkurrenzpotential durch PAs? Braucht der McDonalds-Kassierer keinen Ersatz durch einen Bestellomaten zu befürchten, weil sein Chef ihn auch aus anderen Gründen feuern kann?

OhDaeSu
21.06.2023, 09:20
Reicht es denn nicht, wenn ärztliche Tätigkeiten inhaltlich ausgedünnt und ärztliche Valenzen für PAs gestrichen zu werden drohen?

Exakt. Ich bekomme mittlerweile Ausschlag, wenn ich diese dödelige Argumentation hier lese. Natürlich wird es weiterhin ÄiW geben und es werden weiterhin einige Aufgaben dem Arztvorbehalt unterliegen, aber Substitution senkt den Bedarf und jede Reduktion im Bedarf wirkt sich auf den Arbeitsmarkt und die ärztliche Verhandlungsposition aus.

schnix25
21.06.2023, 17:12
Es wird sicherlich passieren, dass PA AiW Stellen ersetzen. Bei den privaten Trägern sicher früher als an der auni. Wenn PA auch in Funktionen eingesetzt werden wie Ultraschall, könnte man ja in der Radiologie fast alle AiW durch PA im Prinzip ersetzen. Die Befunde werden dann halt durch OÄ freigegeben. Oder wäre das nicht zulässig?

xenopus laevis
21.06.2023, 18:43
Klar! Und der Oberarzt macht dann gerne Nachts und am Wochenende Vordergrunddienste. Oder weckt er denn jedes Mal den OA für die Freigabe? Zudem besitzen wir für unsere Dienste die Teilfachkunde für Röntgen und CT.

zad22
21.06.2023, 19:36
Ich habe noch den Eindruck einige Kollegen wissen nicht in welchem Ausmaß PAs schon ärztliche Tätigkeiten verrichten. Sonst würden die Kommentare hier nicht so positiv ausfallen.

Problematisch finde ich auch, dass die Zunahme von PAs zu einer Verschärfung der Zwei-Klassen-Medizin führen könnte, insbesondere in der ambulanten Versorgung. GKV-Patienten könnten z.B. vorzugsweise von PAs und Privat-Patienten von Ärzten gesehen werden.

Bille11
21.06.2023, 19:45
Ganz ehrlich, mit meinen 20 Jahren im Beruf….merke ich immer noch und immer wieder, dass gerade jetzt eine der Grundlagen, die mir im Studium in der Vorklinik spielend beigebracht wurden (Elisa, U/A M. Bifemoralis mal ganz schnell rausgegriffen zB in den vergangenen 6 Tagen), die ich JETZT zum Verständnis des Problems meiner Patienten benötige. Die ein PA nicht mal eben zum Verständnis parat hat. Die eine Entscheidungsfindung erschweren würde, könnte ich nicht auf diese Grundlage mal eben jetzt zurückgreifen. Ich bin überzeugt davon, dass Arztsein - und das stark reglementierte, betont auf sehr geballt Wissen anzueignen bestehende Studium - einen dazu befähigt, die Patientenproblematik zu erfassen, regelrecht zu behandeln und darüberhinaus auch entgegen von ‚normalen Abläufen‘ auch bei Sonderfällen abweichen zu können. Qua dessen, was man weiss, mal gelernt hat, oder abstrahieren kann. Auch in dem Bewusstsein, dass ich das Recht und die Pflicht habe, nach bestem Wissen, Kenntnis der aktuellen Wissenschaft und mittels meines Abstraktionsvermögens und einer gewissen Voraussicht auf wahrscheinliche Ausgänge des Behandlungsverlaufes zu behandeln. Das gleiche Problem sehen wir ja auch beim Notfallsanitäter (NFS) - Ausbildung Rettungsdienst, hat viel drauf, kann ca 25 Schemata abarbeiten, kann weitgehend das gröbste reissen, aber wenns an das Besondere geht, ist der Arzt gefragt. Der entgegen einer Leitlinie durch Kenntnisnahme eines einzigen Details möglicherweise vollkommen anders handelt, da dieses Detail den relevanten Unterschied macht.
Zurück zum PA:
Ich mag PA wenn sie als Schnittstelle eingesetzt werden. Als Schnittstelle zwischen Pflege und Arzt, die auf beiden Seiten verbindliche Unterstützung geben können. Die QM, Bestellungen von Instrumentarien, Forschungsdokumentation und Papierkram erledigen, für mich Telefonate zum Zweck der Informationsgewinnung bei Hausärzten oder Angehörigen führen, mal eben den ZVK legen, auf den ich jetzt echt keinen Nerv verschwenden kann, weil ich mit ärztlicher Tätigkeit gebunden bin. Meine Narkose fortführen oder ausleiten, weil ich anderweitig benötigt werde, jederzeit aber verfügbar für Eingreifen bin. Eventuell eine Untersuchung eines mir bekannten stabilen oder instabilen Intensivpatienten übernehmen und diese Befunde mit mir rücksprechen. Die Analgosedierung für die Thoraxdrainagenanlage oder Gastroskopie in meinem Beisein qualifiziert durchführen - der Arzt ist präsent, aber gebunden, der PA kann nach Erfahrung handeln und versteht auf Zuruf die Medikationswünsche und Ziele. Ich kann in einer Rea - genauso wie präklinisch durch den NFS unterstützt - Befunde sammeln und eine therapeutische Konsequenz ziehen, während meine PA die Algorithmen abarbeitet. Oder die Befunde sammeln lassen und meinen Shaldon legen, die Gerinnungstherapeutika korrekt und sicher aufgezogen bekommen. Darauf achten - und das haben PA (und erfahrene Schwestern/Pfleger) drauf - dass Standards eingehalten werden. Die Medikationsstandards drauf haben, bei Abweichungen nachhaken, ob das nicht fehlt (Gerinnung vergessen, noch nicht gesteigert oder bewusst pausiert? Antidiabetika? magenschutz) oder warum etwas so gemacht wird. Die meine Anordnungen auch mit der Pflege möglich machen. Als echte Arztassistenz eben. Ich werde entlastet durch jemanden, der/die meine (Fach)Sprache spricht, frei von pflegerischen Aufgaben ist und im Besten Fall im Haus gross geworden ist, d.h. als Pflegekraft angefangen hat & die Möglichkeiten & Grenzen dieser Abteilung und des Hauses kennt. Vielleicht aber auch ‚guck mal, wir können doch aus dem Lager diesdasjenes…‘ als Therapiemittel von pflegerischer, bzw. langjähriger Arbeit im Haus findet, was genau das umsetzt, was man grad eben braucht.
Aber ich bin Oberarzt. Für mich ist ein PA jemand, der in dem Augenblick zuarbeitet und ebenfalls ein Selbstverständnis und Selbstbewusstsein hat, dass diese Aufgaben genauso wichtig sind. Wichtig ist dabei natürlich auch der Blick und das Gespräch auf Augenhöhe ohne Standesdünkel, die ich bei unseren PA nicht verspüre, haben wir doch 2 komplementäre Arbeitsgebiete und sind erwachsene Menschen mit dem Ziel, unsere Patientenversorgung bestmöglich durchzuführen. Ich bin dankbar für meine PA und sehe, dass in anderen Bereichen unseres Hauses eingesetzte PA andere Aufgaben (zB Dokumentation, Standardentwicklungen und Behandlungspläne mit Leitenden Kollegen gemeinsam) übernehmen, diese hiermit die dortigen Kollegen entlasten.
Wichtig ist halt auch, dass die jeweilige Abteilung den Sinn in der Beschäftigung einer PA sehen und die komplementäre (Schnittstellen-)Funktion allen bewusst ist. Unsere Assistenten lernen dennoch alles - in diesem Moment muss die PA sich eben zurücknehmen oder kann in ausbildender Funktion begleitend als Team mit dem Assistenten arbeiten.

rafiki
22.06.2023, 05:40
Problematisch finde ich auch, dass die Zunahme von PAs zu einer Verschärfung der Zwei-Klassen-Medizin führen könnte, insbesondere in der ambulanten Versorgung. GKV-Patienten könnten z.B. vorzugsweise von PAs und Privat-Patienten von Ärzten gesehen werden.

So ist es. Warum soll das ein Problem sein? Der Großteil der Bevölkerung möchte es doch so.

abcd
22.06.2023, 06:39
@ Bille
Danke, dass Du Dir die Zeit für so eine ausführliche Beschreibung genommen hast.

Kackbratze
22.06.2023, 08:00
Was man nicht vergessen darf, in Deutschland unterliegen PA dem Delegationsprinzip, d.h. ohne Arzt im Hintergrund, der die Verantwortung trägt und sich vorher über die Fähigkeiten informiert hat, ist sowieso nichts möglich.

Wie im Ausland der Umgang mit PA gehandhabt wird, ist für uns genauso wenig relevant, wie die Arbeitsgesetze auf den Cayman-Inseln, auch wenn man gerne was davon haben möchte (warum auch immer), bindend ist das deutsche Recht.

Bille hat es sehr ausführlich und schön zusammengefasst; genau das ist der Stand und das eigentliche Ziel.

Natürlich tauchen da die üblichen Vollblinsen und Insta-Rapper auf, die dann via Social-Media und öffentlichen Druck so tun wollen, als wären sie mehr und könnten das Alles viiel besser als ein unempathischer Arzt.
Da muss man dann, sofern so eine Person in der eigenen Klinik auftaucht, sich auch als Assistent klar positionieren und die reale Position darstellen.

Bislang waren die PA bei uns sehr gut integriert, kannten ihre Position und ihre Grenzen und haben das Team ergänzt, deswegen sehe ich aktuell keine "Gefahr" von dieser Seite aus.
Wie die Politik das Ganze in der Zukunft handhaben will, muss man in den Wahlprogrammen nachlesen und sich dann entscheiden.

Plinius
24.06.2023, 05:30
Was man nicht vergessen darf, in Deutschland unterliegen PA dem Delegationsprinzip, d.h. ohne Arzt im Hintergrund, der die Verantwortung trägt und sich vorher über die Fähigkeiten informiert hat, ist sowieso nichts möglich.

Wie im Ausland der Umgang mit PA gehandhabt wird, ist für uns genauso wenig relevant, wie die Arbeitsgesetze auf den Cayman-Inseln, auch wenn man gerne was davon haben möchte (warum auch immer), bindend ist das deutsche Recht.

Bille hat es sehr ausführlich und schön zusammengefasst; genau das ist der Stand und das eigentliche Ziel.

Natürlich tauchen da die üblichen Vollblinsen und Insta-Rapper auf, die dann via Social-Media und öffentlichen Druck so tun wollen, als wären sie mehr und könnten das Alles viiel besser als ein unempathischer Arzt.
Da muss man dann, sofern so eine Person in der eigenen Klinik auftaucht, sich auch als Assistent klar positionieren und die reale Position darstellen.

Bislang waren die PA bei uns sehr gut integriert, kannten ihre Position und ihre Grenzen und haben das Team ergänzt, deswegen sehe ich aktuell keine "Gefahr" von dieser Seite aus.
Wie die Politik das Ganze in der Zukunft handhaben will, muss man in den Wahlprogrammen nachlesen und sich dann entscheiden.


Das Problem ist, dass diese Personen eben auf TikTok und anderen sozialen Medien extrem präsent sind und besonders jungen Menschen ein völlig falsches Bild von dem Beruf vermitteln. Es wird häufig einfach nur gesagt, was sie alles dürfen, nicht aber, dass ihnen das durch den Arzt delegiert wird.
Vielleicht schaue ich ja zu viel Tik Tok, aber hab da letztens eine PA gesehen, die gesagt hat, dass sie sich bei medizinischen Entscheidungen immer mit den Oberärzten absprechen muss. Kann mir kaum vorstellen, dass sie die Assistenzärzte versehentlich übersprungen hat. Dies gilt natürlich nicht für alle PA‘s, sagt meiner Meinung nach, aber einiges über das Selbstbild dieser Berufsgruppe aus.

Ansonsten muss man sich natürlich die Frage stellen, ob es uns allen wert ist unsere medizinische Versorgung zu entprofessionalisieren. Ich für meinen Teil würdel mich beispielsweise in einem Rechtsstreit auch nicht von einem besseren Rechtsanwaltsfachangestellten vertreten lassen.

Endoplasmatisches Reticulum
24.06.2023, 08:28
Was man nicht vergessen darf, in Deutschland unterliegen PA dem Delegationsprinzip, d.h. ohne Arzt im Hintergrund, der die Verantwortung trägt und sich vorher über die Fähigkeiten informiert hat, ist sowieso nichts möglich.
Wieso sollten andere Länder, aus denen man ein neu geschaffenes Berufsbild kopiert hat, nicht als Referenz dienen? Und nochmal: Recht ist wandelbar. Wir steuern auf eine historische Versorgungskrise zu. Der Druck dessen, was wir heute verschlafen, wird absehbare Nöte tragen, die sich in der weiteren Ausdünnung und Aushöhlung des ärztlichen Berufsbildes manifestieren werden.


Ich bin überzeugt davon, dass Arztsein - und das stark reglementierte, betont auf sehr geballt Wissen anzueignen bestehende Studium - einen dazu befähigt, die Patientenproblematik zu erfassen, regelrecht zu behandeln und darüberhinaus auch entgegen von ‚normalen Abläufen‘ auch bei Sonderfällen abweichen zu können. Qua dessen, was man weiss, mal gelernt hat, oder abstrahieren kann.
Die Studienstruktur von PAs können die Hochschulen ja praktisch willkürlich formen. Die Berufstätigkeit hingegen ist eine Self-fulfilling prophecy: Was man macht, darin wird man besser. Erlauben wir PAs Tätigkeiten, die sich zu großen Teilen mit denen von ÄiW decken, werden sie diese auch erlernen.


Das gleiche Problem sehen wir ja auch beim Notfallsanitäter (NFS) - Ausbildung Rettungsdienst, hat viel drauf, kann ca 25 Schemata abarbeiten, kann weitgehend das gröbste reissen, aber wenns an das Besondere geht, ist der Arzt gefragt.
Vielleicht aber auch, weil es da die harte Linie und die klare Abgrenzung vom Notarzt gibt, und womöglich auch die Haftung noch mehr hemmt. Du glaubst doch aber nicht, dass ein Notfallsani nicht deutlich mehr könnte, wenn er es dürfte und täglich bräuchte?

Mich irritiert die Überzeugung, ein paar Jährchen maximal insuffizientes Studium hätte so eine massive Bedeutung vor dem Hintergrund einer 45jährigen Berufstätigkeit. In anderen Disziplinen weiß man um die Unwichtigkeit dieser paar frühen Abschnitte im Berufsleben, das juckt nach wenigen Jahren keine Sau mehr. Nur wir Ärzte zeigen auch nach Jahrzehnten noch darauf als Beleg, dass wir etwas könnten, was sonst niemand lernen kann. Ach nein, halt. Stimmt ja gar nicht! Eigentlich sind die OÄ hier doch meistens eher der Meinung, dass der AiW nach dem Studium genau gar nichts kann, alles Relevante erst on the job gelernt wird und man sich deshalb erstmal jahrelang in Demut üben soll, verwöhnte eingebildete Jugend, Lehrjahre und Herrenjahre blabliblubb. Nur wenn man sich selbst berufständisch abgrenzen will, ist es plötzlich der Unterschied schlechthin, dass man vor zweieinhalb Dekaden mal im Biochemie-Grundpraktikum Gele gegossen und ein paar POL-Fälle durchsimuliert hat? Hmm ...

Auch bleibt die Frage ungeklärt, warum für die Zuarbeit in der Akutmedizin eine Berufsausbildung reicht, im Krankenhaus aber ein neues akademisches Berufsbild geschaffen werden musste, dass von Anfang an mit rosinengepickten ärztlichen Tätigkeiten beworben wird.


Unsere Assistenten lernen dennoch alles - in diesem Moment muss die PA sich eben zurücknehmen oder kann in ausbildender Funktion begleitend als Team mit dem Assistenten arbeiten.
Du kannst als Oberarzt nicht recht nachvollziehen, warum ÄiW den PA kritisch sehen mögen, nur um beiläufig vorzuschlagen, der Arztassistent könne doch den Arzt ausbilden. Das ist bitter. Aber vielleicht verstehe ich dich auch falsch. Du schreibst ja auch, der PA legt deine ZVKs, wenn du "mit ärztlicher Tätigkeit gebunden" bist, und irgendwie scheint das niemand außer mir irritierend zu finden.


Wir sehen einen institutionalisierten Angriff auf unseren Berufsstand, und die Leute im gemachten Häuschen klatschen Beifall, weil sie meinen, einen akademisierten Spritzenaufzieher und Pflegeflüsterer on top geschenkt zu bekommen. Puh. Die mehrfach angesprochene Finanzierungsfrage wurde ja auch weiterhin gekonnt ignoriert. Aus welchem Hut zaubert man denn nun die PAs?

Dooly
24.06.2023, 08:51
Wer hat eigentlich den Beruf des PAs erfunden und in Deutschland eingeführt? Könnte mir in manchen Bereichen prinzipiell einige Aufgaben für PAs vorstellen, aber nachdem ich hier alles gelesen habe, find ich den Beruf in der Breite mittelfristig für keine Partei sinnvoll. Weder für PAs selbst, noch für Arbeitgeber*innen oder leitende Ärzt*innen/FÄ/OÄ oder längerfristig für das gesamte Gesundheitssystem. In meinem Haus besteht seit mind. Ende 2020 eine Dauerstellenausschreibung für PAs in einer chirurgischen Abteilung. TVL EG 10, befristet für 2 Jahre. Aus der Stellenbeschreibung entnehme ich eigentlich, dass man als PA alle Nachteile einer Ausbildung mit den Nachteilen eines Studiums vereint. Es bestehen keine relevanten Aufstiegsmöglichkeiten und Gehaltssteigerungen, keine Förderung wissenschaftlicher Tätigkeiten, wenig Freiheit. Dazu kommen noch hohe Kosten und falsche Erwartungen. Als Arbeitgeberin würde ich lieber die teureren ÄiWs weiterbilden, die sind deutlich vielseitiger und besser ausgebildet. Oder eben FÄ+PAs und keine ärztliche WB, geht auch. Sehr wichtig find ich die Frage von Endo: Wie werden PAs finanziert? Pflegebudget und Drittmittel, da fallen eher raus. Bestenfalls finanzieren sie sich selbst, indem ihre Arbeit derartig Mehrwert bringt, dass sich deren Beruf selbst trägt. Im schlechteren Fall werden für PAs ärztliche Stellen gestrichen.

Endoplasmatisches Reticulum
24.06.2023, 09:03
Es gibt seit letztem Jahr auch einen Master in Physician Assistance (https://www.carl-remigius.de/studium/physician-assistant-master/). Inhalte sind u.a. Wissenschaftliche Methodik, Patientensicherheit, Gesundheitsmanagement und Risikomanagement.

"Mit deinem Abschluss im Master in Physician Assistance (M.Sc.) kannst du weiterhin als Physician Assistant in einer Klinik oder einer Rehabilitationseinrichtung arbeiten und dort eigenständig leitende Aufgaben übernehmen."

Ich finde die Bezeichnung "Arztassistenz" da schon bizarr.

Dooly
24.06.2023, 09:17
Was soll die Hochschule denn sonst sagen? Zahl uns ein paar tausend Euro und sieh zu, wie du deine Dienste dann an AGs bringst. Selbst merkwürdige Geisteswissenschaften werden als zukunftsfähiges Studium verkauft.

Bonnerin
24.06.2023, 09:18
Die Diskussion, was exakt überhaupt ärztliche Aufgabe ist, finde ich zunächst richtig und wichtig.

Es ist lächerlich, dass Blutabnehmen und Viggos legen an vielen Kliniken diesem Arbeitsstrang zugeordnet werden. Ebenso Dinge wie Befundfaxe von extern anfragen, aber auch die formale Papierdoku der täglichen Visite, Reha-Aufträge...

Das Kerngebiet der ärztlichen Tätigkeit ist meiner Meinung nach die Diagnostik und die Therapie, nicht die Papierverwaltung. Letztere Tätigkeiten sollten eben von anderen Personen übernommen werden. Klassisch wäre da das Stationssekretariat zu nennen, aber viele MFAs wollen eben auch nicht mehr in die Kliniken.

Wenn man diesen Kram aber wegnimmt hat man auf einmal mit der aktuellen, zu geringen ärztlichen Besetzung eigentlich in vielen Bereichen plötzlich wieder eine zumindest adäquate Besetzung mit besserem Arzt/Patienten-Schlüssel und eine bessere Versorgung. Und wenn die Routine halt schneller durch ist hat man oh Wunder auch plötzlich Zeit für Weiterbildung o.ä.

Wir bekommen nicht mehr Ärzte, der Nachwuchsmangel ist in allen Fächern da. Aber ebenso, wie es nicht meine persönliche Aufgabe ist, die Proben auszupacken sollte es nicht ärztliche Aufgabe in der Klinik sein, Betten von A nach B zu schieben oder den Unterlagen hinterherzutelefonieren, die der Patient mal wieder vergessen hat. Für sowas kann man eben auch Assistenz- bzw. Hilfspersonal einstellen.

OhDaeSu
24.06.2023, 09:36
Ich nehme an, das meintest du, aber nochmal glasklar für die Befürworter:

BE, periphere Zugänge, Doku, Proben auspacken, Befunde abheften, Befunden hinterherzutelefonieren, Betten schieben sind alles Aufgaben von Pflege, Stationssekretariat, Transportdienst etc. Diese Professionen gibt es bereits flächendeckend und sie sind klar von Ärzten abgegrenzt. Macht für Ärzte gar keinen Sinn, dafür den eigenen Berufsstand auszuhölen.

Auch witzig zu sehen, wie die arrivierten Kollegen (und damit die einzigen, die einen Hebel bzgl Ausbildung, Delegation usw haben) sich nicht daran stören, die Zukunftsaussichten für junge Ärzte einmal mehr in die Tonne zu treten. Hauptsache es springt noch irgendein Lakai mehr raus.

Dooly
24.06.2023, 09:42
Auf jeden Fall muss es Assistenzpersonal geben! Ich zweifle daran, dass der Beruf des PAs diesbezüglich sinnvoll ist. Es fehlt Büropersonal, MFA (wir haben knapp 3 Jahre gesucht, MTLs suchen wir noch länger), Pflege und Medizin. Man könnte anders steuern. Z. B. den vorhandenen Ausbildungsberufen eine WB finanzieren und ganz gezielt für die eigenen Einsatzbereiche weiterbilden, deutlich übertariflich bezahlen (Sekretariat EG 6, MFA EG 5 —> Sprung auf EG 10 wäre vermutlich ein starkes Argument zurück in den Beruf zu kommen oder ordentliche Leistung zu erbringen). Dafür müsste man Leute nicht dazu bringen ein teures Privatstudium zu absolvieren, ohne jeglichen akademischen Nutzen daraus zu haben. In der PA Stellenbeschreibung von meiner Klinik gibt es eigentlich nichts, was ich eigentlich dem Aufgabenbereich der Pflege zugeordnet hätte.

FuchsiBuchsi
24.06.2023, 12:03
Auf jeden Fall muss es Assistenzpersonal geben! Ich zweifle daran, dass der Beruf des PAs diesbezüglich sinnvoll ist. Es fehlt Büropersonal, MFA (wir haben knapp 3 Jahre gesucht, MTLs suchen wir noch länger), Pflege und Medizin. Man könnte anders steuern. Z. B. den vorhandenen Ausbildungsberufen eine WB finanzieren und ganz gezielt für die eigenen Einsatzbereiche weiterbilden, deutlich übertariflich bezahlen (Sekretariat EG 6, MFA EG 5 —> Sprung auf EG 10 wäre vermutlich ein starkes Argument zurück in den Beruf zu kommen oder ordentliche Leistung zu erbringen). Dafür müsste man Leute nicht dazu bringen ein teures Privatstudium zu absolvieren, ohne jeglichen akademischen Nutzen daraus zu haben. In der PA Stellenbeschreibung von meiner Klinik gibt es eigentlich nichts, was ich eigentlich dem Aufgabenbereich der Pflege zugeordnet hätte.

Ich weiß nicht, ob das als Anreiz ausreicht. Die Schulabgänger beispielsweise sind ja eher scharf auf akademische Berufe und da hälst du denjenigen, die keinen Medizinstudienplatz bekommen, natürlich mit einem Studium der Pflege oder zum PA die passende Möhre vor die Nase. Mir tun die Leute eher leid, gerade wenn das noch auf Insta schön verwässert wird und die Wünsche getriggert werden, damit sich ein paar wenige in ihrer Selbstdarstellung suhlen können. Und dann kommst du da final an und merkst, dass dein Beruf wenig Entwicklungsperspektiven und Karrieremöglichkeiten hat. Was soll es da noch geben? Die PA-Leitung analog zur PDL vielleicht? Aber wenn man so Interviews mit Pflegestudierenden auf YouTube sieht, dann denken die offenbar auch gerne, danach wartet die große Leitungskarriere auf sie, von basaler Pflege schwärmt da komischerweise niemand. Nur so viele Kapitäne brauchen wir dann doch nicht.

Endoplasmatisches Reticulum
24.06.2023, 12:33
Auch witzig zu sehen, wie die arrivierten Kollegen (und damit die einzigen, die einen Hebel bzgl Ausbildung, Delegation usw haben) sich nicht daran stören, die Zukunftsaussichten für junge Ärzte einmal mehr in die Tonne zu treten. Hauptsache es springt noch irgendein Lakai mehr raus.

Hierarchiebrüche sind unproblematisch, solange sie unter einem stattfinden. Die Frage ist, ob das so bleibt, wenn der erste ins Krankenhausmanagement gesprungene Arztassistent M.Sc. Chef- und Oberärzten am runden Tisch erklärt, wie der Laden läuft und wie viele Stellen sie im nächsten Jahr weiterhin besetzen dürfen. Das entsprechende Sitzungprotokoll stelle ich mir zum Schreien komisch vor.

nie
24.06.2023, 12:39
[QUOTE]Mich irritiert die Überzeugung, ein paar Jährchen maximal insuffizientes Studium hätte so eine massive Bedeutung vor dem Hintergrund einer 45jährigen Berufstätigkeit. In anderen Disziplinen weiß man um die Unwichtigkeit dieser paar frühen Abschnitte im Berufsleben, das juckt nach wenigen Jahren keine Sau mehr. Nur wir Ärzte zeigen auch nach Jahrzehnten noch darauf als Beleg, dass wir etwas könnten, was sonst niemand lernen kann. Ach nein, halt. Stimmt ja gar nicht! Eigentlich sind die OÄ hier doch meistens eher der Meinung, dass der AiW nach dem Studium genau gar nichts kann, alles Relevante erst on the job gelernt wird und man sich deshalb erstmal jahrelang in Demut üben soll, verwöhnte eingebildete Jugend, Lehrjahre und Herrenjahre blabliblubb. Nur wenn man sich selbst berufständisch abgrenzen will, ist es plötzlich der Unterschied schlechthin, dass man vor zweieinhalb Dekaden mal im Biochemie-Grundpraktikum Gele gegossen und ein paar POL-Fälle durchsimuliert hat? Hmm ...

Ich war 7 Jahre Rettungsassistentin, habe die Notfallsanitäterprüfung absolviert und habe dann noch gut 2 Jahre als Notfallsanitäterin gearbeitet. Ich war sehr gut in meinem Job, ich war fast 10 Jahre im Rettungsdienst tätig, habe sehr viel gesehen und gemacht, war auf allen Fahrzeugen eingesetzt, die der Rettungsdienst zu bieten hat, habe junge NFS ausgebildet usw. Ich habe Jahre sehr eng bestimmten Notärzten zusammengearbeitet, auch als ich schon studiert habe. Die kannten mich, ich habe teilweise auch Famulaturen in ihren Kliniken gemacht, und haben mir sehr freie Hand gelassen, auch Dinge zutun, die, laut Gesetz, meine Kompetenzen überschreiten.

Je länger ich aber studiert habe, desto bewusster wurde mir, wie wenig ich so als Notfallsanitäterin eigentlich wusste. Dass ich nur einen kleinen Bruchteil der Medizin überhaupt kannte, dass es da draußen noch so unendliche viele Dingen gibt, die nicht in unsere Algorithmen passen. Man lebt so in seiner kleinen Rettungsdienstwelt und denkt, man wüsste alles, was es über (Notfall-)medizin zu wissen gibt. Selbst als Berufsanfängerin, die noch nie einen Tag in der Klinik gearbeitet hat, hatte ich ein größeres theoretisches medizinisches Wissen als ein überdurchschnittlich guter Notfallsanitäter. Ich war mir immer sich, dass ich sofort Notarzt fahren werden, sobald ich die erforderlichen 24 Monaten als Ärztin gearbeitet habe. Denn ich kannte ja das Business auf der Straße, hatte ich ja 10 Jahre gemacht. Und kann so ein Notarzt schon groß können oder wissen, was ich nicht kann? Die Klinik hat mich dann gelehrt, dass so ein Notarzt eine ganze Menge mehr kann und weiß. Mittlerweile arbeite ich seit 4 Jahren als Ärztin und habe immer noch keinen Notarztschein. Ich bin jetzt langsam an dem Punkt, an dem ich mir zutraue, als Notärztin auf die Straße zu gehen.

Ich habe auch heute noch viel Kontakt zu meinen ehemaligen Rettungsdienstkollegen und das sind auch immer noch viele dabei, die der Meinung sind, dass Notärzte völlig überflüssig sind weil sie auch alles wissen und können, was sie ein Notarzt macht. Und das sind auch kompetente Leute, die sich auch sehr viel Wissen angelesen haben und ihren Job echt gut machen. Aber wenn man da mal an der Oberfläche kratzt, steckt halt doch nicht viel tiefergehendes Wissen dahinter. Denn die wissen (bzw. können gar nicht wissen), was sie eigentlich alles nicht wissen.


Ich hab bisher gemischte Erfahrung mit PAs gemacht. Von Leute, die eine echte Hilfe waren und mir das Arbeitsleben extrem erleichtert haben bis zu Leute, die sich einfach maßlos selbst überschätzt haben und eigentlich dauernd ihre Kompetenzen überschritten haben. Wobei du guten und hilfreichen PAs eigentlich alle Jobs gemacht haben, die eine erfahrene und gut eingearbeitete MFA oder Pflegekraft auch machen könnte. Ein richtig sinnvolles Einsatzgebiet für PAs ist mir bis jetzt auch noch nicht eingefallen.