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Pippo866
24.07.2023, 17:31
Hallo allerseits,
Ich bin Medizinstudentin im PJ und mein Ziel ist es seit Längerem, später in der Schmerzmedizin (möglichst mit eigener Praxis) tätig zu sein. Da es leider keinen Facharzt für Schmerzmedizin gibt, wollte ich erst Allgemeinmedizin machen (zwecks Niederlassung, und weil man durch viele Bereiche rotieren kann in der Weiterbildung).
Was mir aber etwas fehlt, sind Erfahrungsberichte von Schmerzmedizinern:
Wie ist der Alltag in der Praxis?
Welcher Facharzt wäre rein fachlich der passendste (klar, es ist oft ein Teil der Anästhesie, aber ist das die beste Wahl)?
Würdet ihr den Weg in die Schmerzmedizin empfehlen?
Famulaturen waren bei den schmerzmedizinischen Praxen, bei denen ich mich beworben habe, leider nicht gewünscht.
Es würde mich sehr freuen, wenn sich jemand, der diesen doch eher seltenen Weg gewählt hat, meldet und berichtet!
Immerweiter90
24.07.2023, 20:20
Die meisten Schmerztherapeuten, die ich kenne, sind Anästhesisten danach 12 Monate und die Kurse für die Schmerztherapie Zusatzbezeichnung. Du kannst dich als Anästhesist/Schmerztherapeut niederlassen.
Einige Kliniken haben eine Schmerzambulanz, schau mal, ob Du nicht dort mal ein paar Tage hospitieren kannst, um mal in die Materie rein zu schnuppern. Ich persönlich finde die Schmerztherapie auch fachlich sehr interessant, könnte auf Dauer aber nicht mit dem typischen Klientel arbeiten, da teilweise sehr anstrengenden.
Vielen chronischen Schmerzpatienten, die ich kenne und ja, die schwierig sind, kann durch die klassischen anästhesiologischen Schmerztherapeuten nicht geholfen werden, da sie praktisch ausschließlich somatisch-pharmakologisch denken und handeln. Was mich wundert, denn es doch Wissensstandard, dass das zu kurz gegriffen ist, aber anscheinend fehlt es dort massiv an adäquater Weiterbildung.
Also in meiner vorherigen Klinik lief die komplexe Schmerztherapie über die Orthopädie, inzwischen interdisziplinär. Der Haupt-Schmerztherapeut ist da übrigens Neurologe (initial mal spezialisiert auf Kopfschmerz, da gibt's auch eine der wenigen KS-Ambulanzen). Ich finde Ortho/Unfall da auch gar nicht so schlecht (oder, alternativ, was ich jetzt mache nach Wechsel von dort: Reha-Medizin = der "kleine Orthopäde"). Bei vielen sind es ja Schmerzen am Bewegungsapparat. Wenn man dann noch bissel Manuelle Therapie, Akupunktur macht und die Weiterbildung Schmerztherapie ist man meines Erachtens gut aufgestellt. Für Reha braucht man auch je 1 Jahr Innere Medizin und Chirurgie. Gibt ja auch die eine oder andere Schmerzklinik (mal nach ANOA-Kliniken gucken), da kann man dann sicher auch die Weiterbildungszeit verbringen.
Edit: Wie Rafiki schon sagt, viele gehen inzwischen auch ganzheitlich und alternativ ran, z.B. Mind-Body-Medizin in der Klinik für Naturheilunde in Essen (Stehle), Charite (Prof. Michalsen) usw. Da wird eben nicht nur mit Medikamenten gearbeitet, sondern psychologisch interveniert, dazu Bewegung, Entspannung, Stress- und Schmerzbewältigung). Da sind die Kliniken wiederum häufig der Inneren Medizin zugeordnet. Lohnt sich auf jeden Fall mit dem Thema zu beschäftigen, ich versuche mich gerade in dieser Richtung weiterzubilden.
Ganz alleine kann man das glaube ich schlecht machen.
Hier vor Ort gab's ein Klinik-MVZ eines Anästhesisten, mittlerweile sind Anästhesisten und Psychiater in eigenen Praxen niedergelassen. In der Klinik habe ich damals auch famuliert.
Im PJ habe ich in einer Rheuma-Klinik mit Schmerzstation gearbeitet, das war auch interessant. Also es gibt viele Möglichkeiten, die zum Ziel führen.
Bei uns ist die Schmerztherapie neurologisch geführt (stationäre multimodale Schmerztherapie und Schmerzambulanz), es werden sämtliche chronischen Schmerzsyndrome behandelt, nicht nur die neurologischen, wobei Kopfschmerz, Rückenschmerzen, Neuropathien natürlich einen wesentlichen Anteil ausmachen bzw. diese halt einfach zu den häufigsten Schmerzsyndromen gehören. Ganz oft spielt Medikamentenabhängigkeit eine Rolle, auch dafür ist man als Neurologe ganz gut gerüstet. M.E. ist der Weg über die Neurologie also rein fachlich gut geeignet.
Ob man wirklich die ganze Neuro-Weiterbildungszeit auf sich nehmen möchte, "nur" um am Ende Schmerztherapeut zu werden, ist die andere Frage, in meinem Umfeld kommt es eher vor, dass die Schmerztherapie als Exit Strategie gewählt wird.
Nouseforaname16
25.07.2023, 20:38
Wenn es tatsächlich in jedem Fall die Selbstständigkeit sein soll, würde ich dir den Facharzt Allgemeinmedizin empfehlen. Im besten Fall im Anschluss direkt für die Zusatzbezeichnung 6 Monate stationäre Schmerztherapie und 6 Monate Ambulanz oder Weiterbildung in einer Praxis. Der Sitz in der Allgemeinmedizin ist einfach günstiger…
Salatsultan
27.07.2023, 05:31
Und den Kurs Psychosomatische Grundversorgung musst du als Allgemeinmediziner eh machen, für ambulante Arbeit als Schmerztherapeut brauch man den ebenfalls.
Pippo866
27.07.2023, 06:39
Ups, danke für die vielen Antworten, ich habe keine Benachrichtigung bekommen!
An sich bieten sich anscheinend einige Fachrichtungen an für die Schmerzmedizin. Das war aber auch einer der Gründe für meine potentielle Facharztwahl Allgemeinmedizin:
Es würde ja zB 1,5 Jahre stationäre Innere, 1/2 Jahr Anästhesie, 1/2 Jahr Neuro und 1/2 Jahr Psychiatrie/Psychosomatik gehen.
Wobei es wahrscheinlich etwas schwerer wird, Kliniken zu finden, die bei diesem "Hopping" mitmachen, könnte ich mir vorstellen...
Grundsätzlich stört mich der stark psychosomatische Aspekt an der Schmerzmedizin gar nicht, eher im Gegenteil. Ich finde es ganz schön, dass man sich für die Patienten Zeit nehmen "muss" (ein Erstgespräch muss ja zB 60 Minuten dauern).
Was ich aber auch interessant finde sind invasive Verfahren, die es ja durchaus auch gibt.
Pippo866
27.07.2023, 07:31
Gibt ja auch die eine oder andere Schmerzklinik (mal nach ANOA-Kliniken gucken), da kann man dann sicher auch die Weiterbildungszeit verbringen.
Danke übrigens für den Hinweis, die habe ich bei meinen Recherchen bisher noch nicht entdeckt :-)
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