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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Weiterbildung in Schweiz mit Frage zu Facharztanerkennung



Watti
03.03.2024, 20:30
Liebe Kollegen,
bin aktuell Assistenzarzt im 4. WBJ und an einer Uniklinik. Habe keine Promotion und hier gibt es leider keine AG, wo ich in der Hinsicht weiterkommen könnte.

Problem 1: Wissenschaftszeitvertragsgesetz, ich habe weniger als zwei Jahre noch an der Uni.
Problem 2: In meinem Fach (ein Innere Fach) komme ich nicht voran, viel Normalstation, Notaufnahme und bisschen Intensiv. Aber das echte Handwerkzeug kommt wenn überhaupt im letzten halben Jahr.
Ich habe mich also an zwei anderen Kliniken beworben.

Die eine Klinik ist in Zürich, in der Schweiz. Hier kam überraschend eine Zusage und nun habe ich paar Fragen:

1. Ich habe jetzt 4 WB-Jahre. Würde dort eine Ausbildung für drei Jahre in einer Fachrichtung der Inneren bekommen und dürfte hier sehr schnell Interventionen durchführen, schallen, ect. Denkt ihr es ist sinnvoll, erst hier 5 Jahre zu machen und den FA Innere Medizin zu machen und dann für drei Jahre rüber? Weiss jmd., ob ich, wenn ich jetzt (nach 4 Jahren Innere hier) rüber gehen sollte, dort den Facharzt mache und zurück nach Deutschland komme, ob der FA in Deutschland problemlos anerkannt wird? Also wird der Facharzt Kardiologie oder Gastroenterologie ohne Probleme anerkannt? Und kann ich, wenn ich zurückkomme, den Facharzt Innere Medizin nach dem anderen Facharzt (in Zürich) hier problemlos nachholen bzw. ohne Zeitverlust beenden?

2. Hat jmd. diesen Schritt gewagt und kann berichten, wie es ihm ergangen ist? Auf was muss man achten?

3. Hat jmd. Erfahrungen mit Finanzen vor Ort? Man verdient ca. 100.000 Franken im 5 Jahr dort, was bleibt davon übrig? Kann jmd. aufschlüsseln was Steuern, Versicherungen, ect. ausmachen?

4. Macht es Sinn, dass man in die deutsche Altersvorsorge (Ärzteversorgung) weiter einzuzahlen?

5. Hat jemand Erfahrungen mit Pendeln von der deutschen Grenze aus? Meine bessere Hälfte darf leider nur Homeoffice aus dem EU-Inland oder Deutschland machen.

6. Ich dachte immer, alle fahren zum Einkaufen auf die deutsche Seite und können dann auch noch die Mws. zurückerstatten, wenn sie über die Grenze in die Schweiz zurückfahren. Jetzt lese ich, es gäbe Begrenzungen (z.B. max. 1 kg Fleisch). Stimmt das, habt ihr da Erfahrungen.

Würde mich über Feedback sehr freuen.

Shade
05.03.2024, 09:07
Ich kann dir nicht alle Fragen beantworten, würde dir aber vor einem Wechsel in die Schweiz sehr empfehlen, das jeweilige Facharzt-Weiterbildungsprogramm zu lesen. Alle Infos findest du unter: https://www.siwf.ch/index.cfm

Les es dir sorgfältig durch, die Weiterbildungsordnung für den Deutschen oder Schweizer Facharzt war in meinem Fach zumindest sehr unterschiedlich, so dass sich meine Weiterbildungszeit dadurch verlängert hat. Z.B. gibt es eine schriftliche und mündliche Prüfung für den Facharzt (die nur 1 x oder 2 x jährlich stattfindet), Zertifikate für bestimmte Qualifikationen (Ultraschall, EEG, Laborzertifikat etc.), ohne die man nicht abrechnen darf und für die man sehr viele Zahlen und wieder eine Prüfung (die man meist nicht im gleichen Jahr wie die FA-Prüfung machen kann, da sie netterweise fast gleichzeitig stattfinden), es sind gewisse Tage Teilnahme an Kongressen/Fortbildungen gefordert usw.
Wenn du schon sehr fortgeschritten im deutschen FA bist, würde ich ggf. empfehlen, diesen zuerst fertig zu machen, ehe du wechselst, damit sich die Weiterbildungszeit nicht zwangsweise verlängert.

3) Über das Gehalt musst du dir nicht zu viele Gedanken machen, es wird in der Schweiz sicher netto auch nach Abzug aller Kosten etwas mehr sein als in Deutschland.
4) In das deutsche Versorgungswerk würde ich nicht weiter einzahlen, du zahlst ja stattdessen in die Schweizerische Rentenversorgung und wirst dann eine Schweizer Rente erhalten, was ja auch nicht schlecht ist.
6) Glaub mir, als Arzt im 5. Jahr ist es finanziell nicht nötig, für deinen Aldi-Einkauf nach Deutschland zu pendeln. Für teurere Dinge, wie z.B. einen guten Anzug/Kleid oder ähnliches, kann es sinnvoll sein, nach Deutschland zu fahren und sich dann die Mehrwertsteuer in der Schweiz zurückerstatten zu lassen.

Insgesamt finde ich, das Geld nicht der Hauptgrund sein sollte, ob du in die Schweiz gehst, oder nicht.

Zilia
05.03.2024, 11:40
Ich kenne selbst Kollegen, die in CH arbeiten oder wieder zurück sind. Die Wohnungssuche in Zürich ist sehr schwierig. Wahrscheinlich wirst Du a. e. in einem Wohnheim der Klinik unterkommen.

trofl
06.03.2024, 00:39
1) Ohne jetzt die Details zu kennen hab ich gehört, dass der Schweizer Facharzt einen grösseren Aufwand bedeutet, so gibts dort eine zahlungspflichtige schriftliche und praktische Prüfung und ggf. werden je nach Facharzt mehr Sachen und andere Fremdjahre gefordert. Im Einzelnen siehe: https://www.siwf.ch/ Wenn du schon so fortgeschritten in der WB bist wäre es sinnvoll den Facharzt für Innere in Deutschland zu machen.
3) Bezüglich Nettoverdienst empfehle ich: https://www.lohncomputer.ch/ Zu beachten ist, dass man die Krankenversicherung seperat bezahlen muss. Trotz höherer Lebenshaltungskosten habe ich definitiv mehr Geld zu Ansparen.
4) Ich stimme Shade zu.
5) Beim Pendeln musst du ja mindestens 1 Stunde, eher 1,5 - 2 Stunden, Arbeitsweg beachten wenn es nach Zürich gehen soll, wäre mir persönlich zu viel, aber das musst du selbst wissen. Bei offiziell 50 Stunden pro Woche in den meisten Kliniken ein nicht zu unterschätzender Faktor.
6) Ich stimme Shade zu.

Watti
27.05.2024, 16:40
Vielen Dank für eure Tipps und vor allem für die Links.
Nach langem Überlegen habe ich jetzt die Stelle angenommen.
Leider wäre mein Plätzchen weg, wenn ich 6 Monate für Innere noch in Deutschland gemacht hätte.
Also mach ich jetzt 4,5 Jahre in Deutschland und wechsel dann in die Schweiz, wo ich 3 bis 3,5 Jahre Kardio und eben ggf. etwas Innere mache.

Jetzt geht es um mein Logbuch in Deutschland. Es wird mir nur eins ausgefüllt. Kardiologie oder Innere Medizin.
Habt Ihr ein Plan, was da besser ist?
Meine Gedanken:
Kardiologie ausfüllen und ggf. nach 1,5 Jahren Kardio in der Schweiz ggf. den FA Kardio in Deutschland machen. Dafür in der Ärztekammer in D verbleiben, dann Kardiofacharzt machen und den Rest für Innere anrechnen.
Oder nach 6 Monaten Kardio in der Schweiz den Facharzt Innere in Deutschland machen.

In beiden Fällen dann eben den zweiten Facharzt on der Schweiz machen.

Was haltet ihr von diesen Plänen?

hebdo
27.05.2024, 19:19
Ziemlich viel Aufwand um Prüfungen zu vermeiden. Da du die Entscheidung pro Zürich getroffen hast, würde ich erstmal dort anfangen und im Verlauf nochmal konkret planen. Wie die Realität ist, kann man immer schlecht vorhersagen.

Zum Thema Zürich: Habe mal gelesen, dass selbst Schweizer etwa doppelt so viel verdienen müssen um in Zürich den gleichen Standart zu halten wie in der Restschweiz.

Der Vorteil von 3 Jahren in der Schweiz zu arbeiten ist, dass man sich dann später auch einfacher in eine Niederlassung begeben kann. Manche Kantone fordern 3 Jahre Tätigkeit in der Schweiz, bevor man mit der einen "Sitz" übernehmen bzw. mit den Grundversicherungen abrechnen kann. Bei Allgemeinmedizin gibt es in vielen Kantonen Ausnahmen.

Wenn man sich in der Inneren für eine Fachrichtung entschieden hat und die hausärztliche Tätigkeit erstmal ausschließt, macht der FA für Innere Medizin keinen Sinn. Falls man später doch auf die hausärztliche Schiene abbiegen möchte, kann man in Deutschland relativ unkompliziert den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin in 24 Monaten machen oder eben den Allgemeininternisten in 30 Monaten anschließen.

Zum Thema Logbuch: Ich habe gleich eine Spezialisierung gemacht und immer parallel zwei Logbücher (1x Innere und 1x Nephrologie) geführt. Ich habe auch strikt darauf geachtet, dass ich 3 Jahre Basis und 3 Jahre Spezialisierung abzuleisten und bei den entsprechenden Roatationen alles bescheinigen zu lassen.

An der Uniklinik wird man üblicherweise nicht so einfach rotieren können (außer ZNA und ITS). Du musst schauen, ob das Ausfüllen des Logbuchs Innere Medizin überhaupt Sinn macht, wenn du 4 Jahre in der Kardio warst und wenig "Allgemeininternistisches" erfüllt hast.

Wünsche dir viel Glück in Zürich. Denke es ist eine gute Entscheidung - egal wie es ausgeht. Zurück kannst du immer und wirst an Erfahrung reicher.

davo
28.05.2024, 21:32
Etwas spät, bzw. zu spät, aber trotzdem...

Ich hab zwar nie in der Schweiz gelebt aber hab mich schon ein paar Mal mit der Option Schweiz auseinandergesetzt und auch die MEBEKO-Anerkennung.

Die Schweizer Steuern sind je nach Kanton und Wohnort sehr unterschiedlich, siehe https://swisstaxcalculator.estv.admin.ch/#/calculator/income-wealth-tax Habs gerade eingegeben - in der Stadt Zürich musst du bei diesem Gehalt als kinder- und konfessionsloser Single mit ca. 12,1% Steuern und ca. 10,3% Sozialversicherung rechnen. Krankenversicherung ist sehr unterschiedlich je nach den Details (Hausarztpflicht oder nicht, Höhe des Selbstbehalts, Arten der Zusatzversicherung, uvm.), aber ich würde mit mindestens 6000 Franken im Jahr rechnen. Gesamtabzüge also mindestens 27%, wenn ich die Reihenfolge der Abzüge jetzt richtig berücksichtigt hab :-))

Beliebter Krankenkassenvergleich: https://www.comparis.ch/krankenkassen/default

Was dann noch dazukommt: Zürich ist einfach extrem teurer - viel teurer als die anderen großen Städte der Deutschschweiz. Die Mieten sind verrückt (und viele "günstigere" Wohnungen/Mehrfamilienhäuser schon ziemlich in die Jahre gekommen und im Vergleich zu modernen deutschen Wohnungen von der Ausstattung her recht bescheiden), Dienstleistungen ebenfalls.

Beliebte Immobilienseite: https://www.comparis.ch/immobilien/default

Und auch das mit den Personalwohnungen sehe ich kritisch - dann ist man zwar formal Arzt, aber man lebt wie ein Student, und alle Nachbarn sind Kollegen. Für mich eine wirklich alptraumhafte Vorstellung, und sehr weit weg von dem, wie ich mir ein Leben als Erwachsener, als gefragte Fachkraft vorstelle. Kann einem zwar Geld sparen, aber Lebensqualität sieht anders aus.

Ich finde in der Schweiz insgesamt die Lebensmittel gar nicht mal so viel teurer - weil die Qualität einfach VIEL höher ist als in Deutschland. Das Problem ist eher, dass es kaum billige Lebensmittel gibt, und dass Dienstleistungen (inkl. Kita, Handwerker, Friseur, Bars, Restaurants, uvm.) extrem teuer sind - und auch bestimmte Produkte, wie z.B. Kosmetikartikel.

Das mit den Alltagseinkäufen in Deutschland ist IMHO wenig realistisch, da Zürich ja doch immerhin eine Stunde im Landesinneren ist - willst du wirklich jede Woche zwei Stunden deiner Freizeit verlieren, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die übliche (Tages-)Arbeitszeit in den meisten Schweizer Spitälern sehr lange ist?

Prinzipiell stehen Innere Medizin, Gastroenterologie und Kardiologie alle drei auf der Liste der grundsätzlich anerkennbaren Weiterbildungstitel, siehe https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/berufe-gesundheitswesen/anerkennungen/medizinalberufe/wegleitung/antragsformular-direkte-anerkennung-eines-weiterbildungstitels.pdf.download.pdf/Antragsformular_direkte%20Anerkennung%20eines%20We iterbildungstitels.pdf Das ist schon mal ein Vorteil gegenüber anderen Facharztbezeichnungen wie z.B. Viszeralchirurgie. UND die von dir angesprochenen drei deutschen Facharztbezeichnungen (Innere Medizin, Gastroenterologie und Kardiologie) stehen in der Richtlinie 2005/36/EG. D.h. wenn ich mich nicht täusche, müsste eigentlich eine direkte Anerkennung in der Schweiz möglich sein - aber das solltest du am besten mit Leuten klären, die diesen Weg tatsächlich schon gegangen sind :-))

Ich seh es auch so, dass es sicher eine gute Erfahrung sein wird - selbst wenn du nach einem Jahr sagst, das wars.

Ich wünsch dir viel Erfolg und viel Freude in deinem neuen Job - und fände es natürlich interessant, dann in ein paar Monaten zu hören, wie es dir dort so geht.