Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 3 "dumme" Fragen an die Radiologen
Nonsense13
01.04.2024, 17:59
Hallo!
Ich stehe kurz vor der Approbation und schwanke zwischen Radiologie und einem anderen Fach, habe auch famuliert. Nun beim wirklichen bedenken aller Aspekte der Fachrichtungswahl habe ich ein paar vlt. bescheuerte Fragen.
1. Wie läuft ein typischer (Nacht)dienst für euch ab? Ich weiß die Anzahl ist hausabhängig, ich meine eher den Ablauf und die subjektive Belastung, die ihr empfindet.
2. Macht ihr Bereitschaftsdiente bei euch? Wenn ja, wie funktioniert in der Radiologie das "wach klinkeln"? Wenn z.B. die Innere eine Bettlunge rüberschickt. In den patientennahen Fächern liegt man ja in seinem Zimmer und wird bei Bedarf geweckt. In der Radiologie weckt einen ja nicht der PC wenn eine neue Anfrage ins Postfach kommt? Heißt das, dass Bereitschaft in der Radiologie eigentlich konstantes auffrischen der Liste aka wach sein bedeutet? Oder habe ich hier einen kompletten Denkfehler?
3. Macht jemand hier seine WB ambulant? Ich habe mehrere WB-Befugte mit voller Ermächtigung in meiner Nähe, kann mir aber nicht vorstellen, wie das gehen soll. Gerade am Anfang muss doch jeder Befund korrigiert werden. Wie wird das umgesetzt, in einer Praxis, die ja auf reinem Profitmodell läuft und so viele Befunde wie möglich raushauen soll? Wie werden die obligatorischen Interventionen erfüllt? Wirklich einfach frei erfunden signiert?
Würde mich über Erfahrungen freuen!
In einem größeren Haus kann es passieren, dass man die ganze Nacht am Bildschirm sitzt und befundet, vielleicht auch im Team oder abwechselnd mit einem Kollegen. In einem kleineren Haus, in dem nicht durchgehend viel los ist, liegst du grundsätzlich im Bett und schläfst, teilweise sogar in deinem eigenen zuhause. Was du vergessen hast, ist, dass du im Team mit einer MTA arbeitest, die die ganze Nacht aktiv ist. Simple Röntgenbilder und teilweise auch CTs macht die MTA selbstständig, der Kliniker stellt die Indikation und befundet selbst. Für Kopf-CTs, LAE-CTs, Sonos, Polytraumata oder sonstige Notfälle wird man dann von der MTA oder den Klinikern angerufen, und auch, wenn die Kliniker sich bei einem Röntgen nicht sicher sind, muss man manchmal beraten.
Ich hab einen Kollegen, der in einer Praxis angefangen hat, und hauptsächlich MRTs geschrubbt hat. Ich schätze, es ist zwar am Anfang ein Investment mit Vertrauensvorschuss vom Niedergelassenen, aber wenn man motiviert ist und gutes Feedback bekommt, lernt man tatsächlich recht schnell, alleine zu befunden. Auch in der Klinik bekommt man ja nach einer Weile nicht mehr alles zum Überarbeiten zurück. Interventionen gibts grundsätzlich auch ambulant, vor allem PRTs und vielleicht auch pAVK-Beine. Ob das reicht, kann ich dir nicht sagen.
OT: Eine “Bettlunge” ist ein Mensch! Lieber TE, Du bist bald fertiger Arzt. Wie würdest Du es finden, wenn jemand aus Deiner Familie als “Bettlunge” bezeichnet werden würde? Eben.
OT: Eine “Bettlunge” ist ein Mensch! Lieber TE, Du bist bald fertiger Arzt. Wie würdest Du es finden, wenn jemand aus Deiner Familie als “Bettlunge” bezeichnet werden würde? Eben.
Als Radiologe wäre das ein völlig normaler Begriff?
Relaxometrie
01.04.2024, 19:33
OT: Eine “Bettlunge” ist ein Mensch! Lieber TE, Du bist bald fertiger Arzt. Wie würdest Du es finden, wenn jemand aus Deiner Familie als “Bettlunge” bezeichnet werden würde? Eben.
Diese Art von politischer Korrektness finde ich extrem mühsam und anstrengend.
Eine "Bettlunge" ist einfach eine Liegendaufnahme eines Thorax. Oder sagst Du da auch "Das Röntgenbild der Lunge des Patienten, der so krank ist, dass das Bild im Liegen gemacht werden musste"?
Diese Art von politischer Korrektness finde ich extrem mühsam und anstrengend.
Eine "Bettlunge" ist einfach eine Liegendaufnahme eines Thorax. Oder sagst Du da auch "Das Röntgenbild der Lunge des Patienten, der so krank ist, dass das Bild im Liegen gemacht werden musste"?
AP statt PA dazu
Diese Art von politischer Korrektness finde ich extrem mühsam und anstrengend.
Eine "Bettlunge" ist einfach eine Liegendaufnahme eines Thorax. Oder sagst Du da auch "Das Röntgenbild der Lunge des Patienten, der so krank ist, dass das Bild im Liegen gemacht werden musste"?
Sehe ich genauso wie du.
TaraTamm
02.04.2024, 10:23
Es hängt sehr stark von der größe der klinik ab. Bei uns im großen städtischen Haus heißt nachtdienst in 99% der fälle durcharbeiten von 19 uhr bis 7 uhr, meistens unter ständigem Zeitdruck (ca 50 CTs pro Nacht), teils auch morgens noch nach 7 uhr unbezahlt weiter, denn das Polytrauma von 6:45 Uhr nimmt dir keiner ab.
Als „Bereitschaftsdienst“ gilt das natürlich offiziell trotzdem.
Entspanntere Nächte, bei denen man nur ab und zu geweckt wird, gibt es vor allem an kleinen Häusern. Da ruft dich entweder der Anforderer oder der MTA an, wenn eine Untersuchung ansteht. Offiziell musst du zumindest bei CTs zweimal geweckt werden, einmal um die Indikation zu prüfen, damit der Patient überhaupt für die Untersuchung bestellt werden kann und ggf. ein zweites mal zum Befunden (je nachdem wie weit die Wege sind und wie zeitaufwendig das lagern ist, können da 30-60 min dazwischen liegen. In manchen Häusern wird die Indikationsprüfung aber zumindest teilweise inoffiziell von den MTAs gemacht.
OT: Eine “Bettlunge” ist ein Mensch! Lieber TE, Du bist bald fertiger Arzt. Wie würdest Du es finden, wenn jemand aus Deiner Familie als “Bettlunge” bezeichnet werden würde? Eben.
Die "Bettlunge" ist kein Mensch! Liebe Zilia, du bist doch fertiger Arzt (Ärztin). Dir sollte klar sein dass der Radiologe der sich die "Bettlunge" ansieht den Patienten nie gesehen hat. Die Radiologen sind Ärzte ohne Patientenführung. Sie sehen weder den Patienten noch die zugehörige Familie. Sie sehen ein Bild, die "Bettlunge", und beschreiben was sie auf dem Bild sehen. Wie es dann weiter geht entscheidet ein Arzt der mit dem Patienten auch tatsächlich was zu tun hat und den Patient auch als solches wahr nimmt.
@anignu: Das weiß ich alles. Ich habe auch schon viel mit Radiologen gearbeitet, die tatsächlich manchmal die Patienten selbst in der Diagnostik mal sehen 😀.
Bei uns im großen städtischen Haus heißt nachtdienst in 99% der fälle durcharbeiten von 19 uhr bis 7 uhr, meistens unter ständigem Zeitdruck (ca 50 CTs pro Nacht), teils auch morgens noch nach 7 uhr unbezahlt weiter, denn das Polytrauma von 6:45 Uhr nimmt dir keiner ab.
Als „Bereitschaftsdienst“ gilt das natürlich offiziell trotzdem.
Obligatorischer Hinweis, dass das selbstverständlich illegal ist und von keinem Angestellen geduldet werden müsste und sollte. Aber schon klar, dass es für uns Weiterbildungsassistenten manchmal die einzige Chance ist, irgendwie unsere Zahlen bescheinigt oder überhaupt einen Job in der Wunschstadt zu bekommen. Eine der vielen Gelegenheiten, bei denen uns das Recht und der Marburger Bund im Stich lassen.
Und selbstverständlich nehme ich meinen Kollegen auch "ihr" Polytrauma (oder was sonst so liegen geblieben ist) ab, sobald ich meinen Dienst beginne.
Spektralleuchte
02.04.2024, 19:03
Puuh wenn ich 50 CTs im Bereitschaftsdienst lese.. keine Ahnung ich zweifel daran. Das oder die Qualität der Befundung.. vor allem nicht für ein städtisches Haus? Maximalversorger vll.. aber selbst die haben doch keine solche Schlagzahlen..
Bei uns läuft es sehr ähnlich wie bei docdean. Vll ja ein direkter Kollege von mir?? :-oopss
Wie sind Stufe IIIBD.. bis Mitternacht/1/2 Uhr wird regelmäßig durchgekloppt. Dann gibt es Nächte wo man kein Auge zu tut und welche wo man kein einziges Mal mehr gestört wird. Im Schnitt sind 3-5 h Schlaf (unterbrochen nicht am Stück) realistisch. Fürs CT werde ich angerufen und so geweckt. Manchmal auch fürs Röntgen.. sono machen wir Gott sei dank nicht.
Wir haben als Uni im Schnitt so ca. 60-100 CTs (in der Spitze vllt ausnahmsweise mal 150) in 4 Häusern kombiniert in 24h am WE. Städtisches Haus nur in der Nacht 50 CTs halte ich echt für unrealistisch. Das habe ich in einer NACHT (20-7 Uhr) an unserer Uni noch nie gesehen, außer vllt es waren in allen 4 Häusern gleichzeitig Horrordienste. Oder seid ihr das einzige Haus in 80km Umkreis?
xenopus laevis
02.04.2024, 20:10
1. Wie läuft ein typischer (Nacht)dienst für euch ab?
Maximalversorger: du hängst am PC fest, weil du mit Notfällen und Anrufen ala "Wann ist der Befund fertig?" erschlagen wirst.
2. Macht ihr Bereitschaftsdiente bei euch? Wenn ja, wie funktioniert in der Radiologie das "wach klinkeln"?
Wenn ich mit allen CTs durch war und die Rö Liste weggeschrubbt habe und die Trauma-Demo vorbereitet habe, dann bin ich ins Bett gegangen. CTs mussten telefonisch angemeldet werden. Für Röntgen bin ich nur aufgestanden, wenn es eine inhaltliche Frage gab, die am besten auch eine unmittelbare Konsequenz haben sollte.
3. Macht jemand hier seine WB ambulant? Ich habe mehrere WB-Befugte mit voller Ermächtigung in meiner Nähe, kann mir aber nicht vorstellen, wie das gehen soll. Gerade am Anfang muss doch jeder Befund korrigiert werden. Wie wird das umgesetzt, in einer Praxis, die ja auf reinem Profitmodell läuft und so viele Befunde wie möglich raushauen soll? Wie werden die obligatorischen Interventionen erfüllt? Wirklich einfach frei erfunden signiert?
Du solltest dir schon ein Haus suchen mit voller WB. Natürlich wird bei den Zahlen gelogen. Also solltest du dich genau informieren was sie dir wirklich beibringen und dann ggf. das Haus wechseln. Meistens ist man die ersten 2 Jahre eher mit Rö/CT beschäftigt.
20 bis 30 CTs in 19 h Diensten war bei uns realistisch.
Nonsense13
05.04.2024, 07:09
Vielen Dank für eure Antworten.
Je kleiner das Haus desto weniger Stress im Dienst macht Sinn, denn weniger Patienten und man ist nicht noch die Teleradiologie für andere. Aber im Gegenzug müsste das ja auch mehr Dienste heißen oder? Da weniger Assistenzärzte aber gleiche Menge an Kalendertagen?
Laut Tarifvertrag darf man ja aber nur 4 Dienste im Monat machen... wird da einfach gegen verstoßen? Ich lese im Forum hier teilweise wilde Sachen von 6 oder 8 Diensten... und wieso macht man das mit? Sind das verrückte Ausnahmekombinationen aus malignem Haus + einzige Weiterbildungsstelle in Kleinstadt an die man ortsgebunden ist, oder ist das eher die Norm und wer Lebensqualität will kann lange suchen?
Erlkönigin
05.04.2024, 07:56
Ich arbeite an einem (großen) kommunalen Haus mit voller WBA und unsere Dienste sind deutlich angenehmer als das, was die universitären Kollegen beschreiben.
Im Moment sind wir genug Assistenten, so dass niemand mehr als 4 Dienste im Monat machen muss. Wir waren mal auf Assistentenebene zu wenige, da wurde dann letztendlich ein teleradioligischer Dienstleister angeheuert, um das aufzufangen.
xenopus laevis
05.04.2024, 10:54
Je kleiner das Haus desto weniger Stress im Dienst macht Sinn, denn weniger Patienten und man ist nicht noch die Teleradiologie für andere. Aber im Gegenzug müsste das ja auch mehr Dienste heißen oder? Da weniger Assistenzärzte aber gleiche Menge an Kalendertagen?
Je kleiner das Haus, je weniger Fachrichtungen bedienst du. Das heißt auch du lernst weniger. Es war für mich sehr lehrreich so viel gesehen zu haben und davon lebt die Radiologie. Ich war bis vor kurzen an einem kleinen Haus und die fachlichen Unterschiede waren wirklich spürbar.
Laut Tarifvertrag darf man ja aber nur 4 Dienste im Monat machen... wird da einfach gegen verstoßen? Ich lese im Forum hier teilweise wilde Sachen von 6 oder 8 Diensten... und wieso macht man das mit? Sind das verrückte Ausnahmekombinationen aus malignem Haus + einzige Weiterbildungsstelle in Kleinstadt an die man ortsgebunden ist, oder ist das eher die Norm und wer Lebensqualität will kann lange suchen?
Eine OÄ kam aus einem kleinen Haus und hat da bei weitem mehr Dienste geschrubbt als bei unserem Maximalversorger, aber dafür war die Dienstbelastung bei uns um ein vielfaches höher. Weniger Dienste bedeutet nicht zwingend weniger Stress. Bei mir waren es so 4/5 Dienste im Monat. Im worse case auch mal 6, aber dann mussten wirklich viele ausfallen. Du bist auch nicht verpflichtet einzuspringen.
Ich bin erst im dritten Jahr, aber es hat sich gelohnt an einem Maximalversorger die WB zu beginnen. Bei jedem Wechsel nehme ich enorm viel mit! Bisher bereue ich nichts.
Laut Tarifvertrag darf man ja aber nur 4 Dienste im Monat machen... wird da einfach gegen verstoßen? Ich lese im Forum hier teilweise wilde Sachen von 6 oder 8 Diensten...
Man darf dagegen verstoßen, wenn sonst die Patientenversorgung nicht sichergestellt werden kann, und wenn man nicht mehr Personal hat, geht es halt nicht anders.
und wieso macht man das mit? Sind das verrückte Ausnahmekombinationen aus malignem Haus + einzige Weiterbildungsstelle in Kleinstadt an die man ortsgebunden ist, oder ist das eher die Norm und wer Lebensqualität will kann lange suchen?
Kleine Häuser haben den Vorteil, dass man (potentiell) weniger zu tun hat. Wenn ich im Dienst überwiegend schlafen kann, macht es mir nichts aus, monatlich sechs davon zu machen, dafür mehr Geld zu verdienen und freie Tage unter der Woche zu haben. An einer größeren Klinik müsste ich zwar weniger Dienste machen, aber wahrscheinlich mindestens die halbe Nacht durcharbeiten und den nächsten Tag durch Nachschlaf verlieren. Außerdem kann man sich in einer kleinen Klinik besser selbstverwirklichen, man muss früh Verantwortung übernehmen und ist dann schnell der einzige "Experte" für den Job. Im Idealfall wechselt man aber in der Weiterbildung ein paar Mal die Klinik, weil jede ein anderes Spektrum hat.
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