PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Lebenskrise - Facharztwechsel zur PRM?



Olefant
01.06.2024, 12:04
Liebes Forum,

Bisher war ich hier immer eher als stiller Mitleser aktiv und habe das ein oder andere Thema aufmerksam mitverfolgt.

Zu meiner Vorgeschichte:
Ich wollte schon seit dem frühen klinischen Studienabschnitt in die Orthopädie, habe auch fast alle Famulaturen und das PJ dort verbracht. Im PJ kamen nach einer schlechten Erfahrung die ersten Zweifel auf. Schon damals überlegte ich, den FA für PRM zu beginnen.

Letztlich fand ich dann doch eine zu dem Zeitpunkt für mich passende Stelle in der Unfallchirurgie und begann erstmal dort zu arbeiten. Ich war dort etwas mehr als 1 Jahr, das Fach selbst machte mir auch Spaß. Ich merkte jedoch zunehmend, dass die Dienste für mich - mental und physisch- eine Belastung darstellten (kleineres Haus, interdisziplinäres Dienstsystem). Zu Beginn meiner Zeit waren sie noch halbwegs erträglich, zum Ende wurde die Dienstbelastung gefühlt immer mehr und man arbeitete auch mal die 24h durch. Nach den Diensten ging es mir oft körperlich schlecht (Bauchschmerzen etc.). Meine schon seit Jahren bestehenden Schlafstörungen machen es mir insgesamt auch nicht leichter, wenn ich gestresst bin kann ich mitunter gar nicht schlafen und bin am Folgetag logischerweise nicht leistungsfähig.
Zudem störte ich mich sehr schnell und zunehmend daran, ständig am Wochenende und an Feiertagen ohne wirklichen Ausgleich zu arbeiten.
Über die Zeit merkte ich auch, dass mein operatives Interesse immer kleiner wurde und der OP eher zur Pflicht als zur Freude wurde.

Da mein Interesse zudem auch immer eher der Orthopädie als der Unfallchirurgie galt, wollte ich möglichst schnell Richtung elektives orthopädisches Haus abbiegen. Mein Chef zögerte jedoch meine ITS Rotation hinaus und so suchte ich mir letztlich selbst eine Stelle.

Nun bin ich auf der chirurgischen ITS einer Uniklinik und es ist eine Katastrophe. Die Einarbeitung war in einem Monat (natürlich) nicht adäquat möglich und erfolgte zum Teil durch AÄ mit weniger oder gar keiner Berufserfahrung.
Die ersten Nachtdienste stehen an, nachts teilt man sich mit den anderen 2 Assistenzärzten auf die Stationsseiten auf. Der Oberarzt zu Hause in Rufbereitschaft.
Zieht sich hier zB nachts jemand alleine den Tubus raus, soll bzw muss man den kreislaufinstabilen multimorbiden wieder selbst intubieren (ob ich das überhaupt kann - fraglich).

Ich bin mit meiner Entscheidung sehr am hadern und frage mich, ob ich die Zeit hier überstehen kann und möchte.

Im Anschluss wäre ein Wechsel in die elektive Orthopädie leider noch nicht möglich, da mein traumatologisches Logbuch noch nicht ganz voll ist. Vielleicht würde mein alter Chef es vollständig unterzeichnen, allerdings mache ich mir Sorgen um eventuelle Nachfragen der Ärztekammer zur Facharztprüfung. Ein Assistenzarzt, der in einem Jahr alle geforderten Trauma-OPs erledigt hat - unwahrscheinlich. Aber interessiert das überhaupt jemanden? Ehrlicherweise hat ja kaum jemand alle Inhalte im Logbuch auch wirklich erfüllt…

Zudem hinterfrage ich zunehmend die Perspektive in O&U. Anfänglich konnte ich mir gut vorstellen mich nieder zu lassen, mittlerweile bin ich durch die Berichte der Niedergelassenen zunehmend desillusioniert.

Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, doch in die PRM zu wechseln.
Jedoch muss man hierfür ein Jahr in die Neurologie oder Innere.
Die kleine Geri-Reha mit internistischer Weiterbildungsbefugnis, die ich schon kontaktiert hatte, wird mir dafür auf Nachfrage bei der Ärztekammer nicht anerkannt.

Wenn ich allerdings ein Jahr in die internistische oder neurologische Akutmedizin muss, dann habe ich ja dasselbe Dienstproblem wie in der Unfallchirurgie auch… und kann dann eigentlich auch dort weiter machen.

Gibt es hier ein paar ÄiW oder FÄ für PRM die von ihrem Werdegang berichten können?

Ich bin aktuell ziemlich verzweifelt und habe das Gefühl, in einer ziemlich aussichtslosen Situation zu stecken.

Zilia
01.06.2024, 13:14
Wenn mich nicht alles täuscht, macht „Nilani“ PRM und war vorher in der Unfallchirurgie.

Miss_H
01.06.2024, 13:15
Ich kann wenig zu deinem Thema beitragen. Allerdings muss folgendes nicht so sein:

Wenn ich allerdings ein Jahr in die internistische oder neurologische Akutmedizin muss, dann habe ich ja dasselbe Dienstproblem wie in der Unfallchirurgie auch...
In meinem Haus haben die Internisten in der ZNA ein 3-Schichtsystem. Und ich glaube auch für die Stationen gibt es keine 24 Stunden Dienste. Da müsste man einfach bei den Kliniken nachfragen.

Olefant
01.06.2024, 13:50
Vielen Dank schon Mal für eure Rückmeldung.

Prinzipiell hätte ich kein Problem mit 24h-Diensten, wenn es denn tatsächlich auch Bereitschaftsdienste wären und man regelhaft zum Schlafen kommt…

davo
01.06.2024, 13:59
Was war die schlechte Erfahrung im PJ?

Wenn sich in einer Uniklinik jemand nachts den Tubus rausreißt, würd ich den Anästhesisten anrufen. Glaub kaum, dass erwartet wird, dass ein chirurgischer AA intubieren kann, oder? Außerdem klingt das, zumindest für mich als Fachfremden, schon eher hypothetisch.

Auch das mit der Nachfrage der Ärztekammer klingt nach einer recht übersteigerten Angst.

Zusammen mit den ausgeprägten psychosomatischen Beschwerden und Schlafproblemen bei deiner ersten UCH-Stelle klingt das schon so, als wäre mal eine psychiatrische Abklärung sinnvoll.

Und dass die Niedergelassenen jammern, gehört glaub ich zum Beruf dazu. Wenn es tatsächlich so schrecklich wäre, könnten sie ja einfach zurück ins Krankenhaus gehen. Das tun sie nicht? Tja, warum wohl...

Bevor du einen Fachwechsel in Erwägung ziehst (mit welcher Perspektive? stationär? ambulant?) würd ich dort auf jeden Fall mal hospitieren, und sowohl stationär als auch ambulant.

Warum ziehst du eigentlich ausgerechnet PRM in Erwägung? Weil es verwandt ist? Weil du dir ein Jahr anrechnen lassen könntest? Oder aus genuinem Interesse? Es gäb sonst ja auch noch genug andere Facharztweiterbildungen, bei denen das Dienstproblem nicht ganz so ausgeprägt wäre.

Olefant
01.06.2024, 14:24
Hi davo,

Danke für deine Rückmeldung.

Das mit dem Tubus ist in der Tat vor kurzem einem Kollegen in der Nacht passiert, also leider nicht hypothetisch. Ging zum Glück gut.
Wir hatten hierfür auch einige Tage in der Anästhesie, um intubieren zu "lernen" - wie gut das nach ein paar Tagen klappt, kann man sich ausmalen :)

Wenn auch recht privat, aber: Bezüglich meiner Beschwerden: Bekannt und in Behandlung :)

Hatte ich jetzt noch nicht erwähnt, aber: Ich habe bevor ich mich für meine damalige Stelle entschieden habe, auch bei einer Reha Klinik beworben und einen Tag dort hospitiert. Damals konnte ich mir das nicht so richtig vorstellen, auf der Station auf der ich war waren eben viele chronische Schmerzpatienten und ich hatte dazu damals nicht wirklich Bezug. Im Nachhinein bin ich auch nicht unglücklich über die Entscheidung, da der dortige Chef damals schon meinte, dass es natürlich nicht verkehrt ist vorher akutmedizinische Erfahrung zu sammeln.

An der PRM finde ich neben der Rehamedizin an sich den fachübergreifenden Behandlungsansatz interessant, zudem hat man - sicherlich je nach Klinik und Spezialisierung - auch ein recht breites Diagnostik- und Therapiespektrum (z.B. Gelenksonos, Akupunktur, manuelle Medizin etc.) Insofern finde ich das mit meinem grundsätzlichen Interesse an der Orthopädie auch ganz gut vereinbar, es gibt ja auch entsprechend ausgerichtete Rehakliniken. Wie ich hier kürzlich las, gibt es auch zunehmend Orthopäden die sich gemeinsam mit Rehamedizinern niederlassen, da höheres Budget, sodass das dann ja trotzdem nicht ausgeschlossen wäre. Stationsarbeit und Bürokratie mag ich tatsächlich auch ganz gerne. Aber ich gebe dir dennoch recht, es besteht noch weiterer Hospitationsbedarf.

hebdo
01.06.2024, 16:26
Ich denke du machst dir zu viele Sorgen um ungelegte Eier. Natürlich ist es nicht gut, wenn dich die Dienste so sehr belasten.

Über die Anerkennung deiner Zahlen würde ich mir keine Sorgen machen. Es gibt bestimmt viele eher orthopädisch und auch konservativ orientierte Chirurgen. Ich würde mich aber dann nicht auf eine leitende Stelle bewerben, bei der die Beherrschung der Eingriffe Voraussetzung wäre.

Immerhin seid ihr ja 2 Assistenten auf der ITS, dass ist schon mal 100% mehr als auf vielen anderen Stationen. Zweitens müsste es einen (anästhesiologischen) Backup für Atemwegsnotfälle geben. Drittens gibt es alternative Wege zur Atemwegssicherung und Hilfsmittel (bspw. Videolaryngoskop), oder zumindest die Beutelbeatmung - eine Einweisung darin wäre natürlich hilfreich. Viertens sollte so eine Komplikation eher eine absolute Ausnahme sein. Zusammenfassend will ich damit ausdrücken, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Andere haben das auch überstanden.

Nicht alle internistische Abteilungen haben 24h-Dienste. Es gibt mehr und mehr Abteilungen mit Schichtdiensten bzw. Nachtdienstblöcken - vor allem in der ZNA. Und dort wird Personal ohne Ende gesucht.

Die Beschwerden aus dem niedergelassenen Bereich gibt es in allen Fachrichtungen. Da sollte man genauer differenzieren, aus welchen Bereichen die Beschwerden kommen. Es gibt fachrichtungsspezifische Unannehmlichkeiten, übergreifende Probleme (bspw. KV) und praxisspezifische Probleme (Personal, Kollegen etc). Ambulant findet man sicher eine Nische.

Nilani
02.06.2024, 14:07
Wenn mich nicht alles täuscht, macht „Nilani“ PRM und war vorher in der Unfallchirurgie.

:-winky

Da täuschst du dich nicht :-top

Ich bin nach 3 Jahren Ortho/Unfall tatsächlich in die Reha-Medizin gewechselt und arbeite in einer rheumatologisch-orthopädischen Reha-Klinik. Ja, es sind verdammt viele chronische Schmerzpatienten, ca. 90% bei uns, v.a. da wir auch noch Fibromyalgie-Schwerpunkt haben. Aber ich arbeite im Rehasetting sehr gern mit denen und gerade die Rheuma-Patienten sind extrem dankbar.
Ich hatte jetzt aber auch ein Angebot einer orthopädischen Reha-Klini, da sind 85% AHBs nach diversen OPs, häufig natürlich Hüfte/Knie-TEP, aber auch WS- oder Schulter-OPs. Auch die sind in der Regel dankbar, machen gute Fortschritte.

Ich hatte das "Glück", dass ich nach der alten WBO angefangen habe. Damals wurde Innere und Ortho allgemein stationär anerkannt, dazu gab es noch mehrere Fächer, die anerkannt wurden. Aus diesem Grund wurde mir 6 Monate Anästhesie vom Common Trunk und eben 6 Monate Innere Medizin hier in der Reha anerkannt. Dazu noch 3 Jahre PMR. Damals gab es in Hessen gerade 10 Weiterbildungsermächtigte dafür. Dafür wird ein Teil auch ambulant anerkannt (in Berlin gab es auch ca. 10, aber eigentlich nur ambulant, in Hessen gerade 1 ambulanten, alles anderere stationär). Die Niederlassungschancen sind gut und man kann sich auf verschiedene Sachen spezialisieren.

Bei uns in der Klinik haben wir tatsächlich eigenes Röntgen und Labor, machen Gelenksonos. Man kann sich "austoben", einige machen Manuelle Therapie, einige Akupunktur (oder beides). Ich mache noch Mind Body Medizin, was sich im Reha-Setting aber nicht so gut umsetzen lässt.
Wir haben ca. 1h Zeit für die Aufnahme eines Patienten. Das ist natürlich purer Luxus, aber auch dafür sind die Patienten dankbar. In der Praxis dürfen sie 1 Problem ansprechen, meist haben sie aber mehrere. Einmal zuhören, alles aufzählen lassen, von Kopf bis Fuß einmal durchuntersuchen und man hat quasi schon gewonnen, weil man sich so viel Zeit nimmt (hab ich die Fibro-Pat. schon erwähnt!? :-oopss bei ner Knie-TEP brauchst du das natürlich nicht).
Nachteil ist wirklich der extreme Schreibkram. Da muss man sich organisieren, Großteil gibt eben die Rentenversicherung vor.

Unser Dienstsystem ist doof ... wir dürfen jetzt endlich nach 24h nach Hause, aber müssen die Minusstunden nacharbeiten. Dafür gibts "Homeoffice"-Möglichkeit mit speziellem Laptop kann man dann mal ein paar Briefe zu Hause abarbeiten. Trotzdem bleib ich immer mal wieder länger. Die Dienstbelastung ist bei uns allerdings recht niedrig. Man schläft tatsächlich fast immer. Sieht in einer Klinik mit mehr AHB auch anders aus, aber lange nicht so schlimm, wie in einer Akutklinik.

Man muss halt das Reha-System mögen, dann kommt man gut zurecht. Außerdem sind die Kliniken extrem unterschiedlich. In meiner letzten würde ich nicht wieder arbeiten wollen, die mit dem letzten Angebot eigentlich schon, aber ich plane eh Umzug und hab mich daher erstmal dagegen entschieden. Ich hab für mich aber festgestellt, dass ich Reha eben ganz gut "kann", wobei halt auch viel vom Drumherum abhängt. Wir haben super Ergo- und Physiotherapeuten, zumindest dort stabile Teams mit wenig Ausfall. Das macht auch schon die halbe Miete. War auch in einer Klinik, wo ich im 4. Jahr die einzige deutschsprachige Kollegin und die mit der meisten Erfahrung war. Alles andere Berufs- und Sprachanfänger. Und dann noch ständiger Ausfall von Therapien oder wir konnten nicht adqäuat was anbieten für bestimmte Fachgebiete. Aber wie gesagt, auch Niederlassung geht gut, da trau ich mich leider nicht so ganz ran (wäre vielleicht gut, wenn man da einen Teil der Weiterbildung ambulant macht). Aber auch Orthopäden freuen sich inzwischen häufig über einen Reha-Mediziner in ihrer Praxis. Besseres Budget für Physio und Co und sie merken halt, man kann nicht alles operieren und nicht alles, was man operiert, wird gut.

Im Nachhinein fände ich das Jahr Innere in einer Akutklinik vermutlich gar nicht so schlecht (auch wenn ich bei den aktuellen Bedingungen froh bin, dass ich es nicht mehr machen muss). Man ist halt für alles zuständig, die Leute kommen mit Husten, Schnupfen, Bauchschmerzen, man darf auch mal einen Hypertonus oder einen Diabetes ersteinstellen.

Man muss halt auch überlegen, ob man das konservative machen möchte. Das war bei mir von Anfang an der Fall, OP ist ok, aber selber machen in großem Umfang ... wollte eher die konservative Schiene. Damals sagte man mir noch "mach mal was anständiges, der Reha-Mediziner ist der "kleine Orthopäde", den machen nur die Leute, die in der Ortho nicht klarkommen. Das Bild wandelt sich gerade. Kannst auch gern mal auf die Seite der Fachgesellschaft gucken :) Und wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gern melden.