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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Krise FA-Wahl: Allgemein oder PsychiatrieGibt es noch zufriedene Allgemeinmediziner?



Minze17
03.07.2024, 19:11
Hallo zusammen,

ich weiß, dass es schon einige Beiträge zur Allgemeinmedizin gibt, aber das treffende Thema hab ich noch nicht gefunden, daher meine Frage.
Ich befinde mich derzeit in Krise bezüglich meiner Facharztwahl. Ursprünglich wollte ich Internistin werden, habe mich aber nach 2 Jahren in Vollzeit unter den derzeitigen Rahmenbedingungen dagegen entschieden. Ich möchte nicht nur für meinen Job leben, sondern auch ein Privatleben haben. Als „Fluchtstrategie“ habe ich zunächst in die Psychiatrie gewechselt mit dem Ziel Allgemeinmedizin zu machen. Dabei war mein primäres Augenmerk ehrlicherweise zunächst auf endlich bessere Arbeitsbedingungen und Anrechenbarkeit für Allgemeinmedizin gerichtet. Aktuell bin ich im 3. Jahr und hätte dann noch 2 Jahre für die Weiterbildung in einer allgemeinmedizinischen Praxis.

Jetzt war eigentlich mein Wechsel in die Allgemeinmedizin geplant, doch die Enttäuschung über die Arbeitsbedingungen in der Inneren lassen mich nun jetzt auch an der Allgemeinmedizin zweifeln und ich habe große Angst nochmal auf einen gewissen Idealismus reinzufallen. In der Inneren sind/waren alle chronisch unzufrieden, aber richtig offen kommuniziert hat es niemand. (Möglicherweise aus Sorge sich das selbst eingestehen zu müssen?)

Daher frage ich mich: Wie ist es in der Allgemeinmedizin? Gibt es zufriedene Allgemeinmediziner, die sich nochmal für diesen Beruf entscheiden würden? Wie lange arbeitet ihr schon dort? Was sind die Vor-und Nachteile?
Gibt es unzufriedene Allgemeinmediziner unter euch und warum genau seid ihr unzufrieden?

An Allgemeinmedizin finde ich das ganzheitliche Arbeiten und den engen, wiederholten Patientenkontakt gut. Differentialdiagnostisches Denken hat mir schon immer Spaß gemacht. Großen Respekt habe ich aber dennoch vor der Breite des Faches bei eng getaktetem Terminplan. Vom Typ her bin ich jemand, der eher sorgfältiger arbeitet, was mich natürlich vor Riesen-Herausforderungen stellen würde.

Der zweite Knackpunkt ist, dass bereits innerhalb der nächsten 2 Jahre die Kinderplanung bei uns ansteht. Ich frage mich, ob es schlau und sinnvoll ist jetzt zu dem Zeitpunkt in die allgemeinmedizinische Weiterbildung in eine Praxis zu gehen, die dann möglicherweise von Schwangerschaften durchbrochen wird. Falls man ausfällt, fällt das in einer Praxis natürlich deutlich mehr ins Gewicht als in einer Klinik...
Wie seht ihr das?

Und wie seht ihr die Vereinbarkeit von dann irgendwann Teilzeittätigkeit in einer Praxis und Kindern?
In einer Klinik wird es vermutlich immer einfacher bleiben, da sich Ausfälle auf mehr Schultern verteilen?

Ich habe mein aktuelles Fach Psychiatrie auch zu schätzen gelernt. Insbesondere die guten Arbeitsbedingungen und die Zeit, die man für Patienten hat. Aber die Internistin in mir vermisst die Somatik. Ich glaube, dass ich eine gute Psychiaterin werden würde (Rückmeldung von Kollegen und Patienten). Aber mein Interesse für dieses Fach wird leider, glaube ich, nie so groß sein, wie für die Innere Medizin.
Ich frage mich, wie viel mehr wert gute Arbeitsbedingungen als die inhaltliche Erfüllung sind?
Befand sich jemand in ähnlichen Situationen?

In die innere Medizin möchte ich auf keinen Fall zurück, weil unter den Umständen dort für mich leider kein Privatleben möglich war.

Ich freue mich über Eure Erfahrungen oder Anmerkungen zu diesen Themen!

Danke Euch im Voraus!

davo
03.07.2024, 21:24
Die Allgemeinmedizin klingt nach der perfekten Wahl für dich. Nur Mut!

Fr.Pelz
04.07.2024, 18:55
Ich bin vor 2,5 Jahren von der Chirurgie in die Allgemeinmedizin gewechselt und bin ganz zufrieden. Manchmal fühle ich mich leicht unterfordert, wenn der 1000. mit Erkältung kommt - aber zwischendurch gibts ja auch immer die spannenden Fälle und ich mache viel Weiterbildungen.
Solang du angestellt bist, ist die Kinderplanung ja kein Problem. Danach in Teilzeit zu arbeiten, dürfte auch gehen.
Ich arbeite in einer Gemeinschaftspraxis. Alle Ärzte haben Kinder, keiner ist jede Woche zu allen Sprechzeiten da, da gibts relativ viel Flexibilität. Natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, dann sind ja die Patienten schon bestellt, aber die Chefs teilen sich zb die Freitage auf, sodass sie abwechselnd 4-Tage-Wochen haben... ich hab wöchentlich einen freien Nachmittag, den ich mit den Kindern verbringen kann.

Also das geht schon alles, ich habe auch schon mit vielen Kollegen gesprochen, die in der Praxis durchweg glücklicher waren als im Krankenhaus. Allein der Lebensqualitätszugewinn, jede Nacht im eigenen Bett schlafen zu können...

Harvey
04.07.2024, 23:58
Die hausärztliche Tätigkeit kann sehr erfüllend sein.
Es gibt viele Freiheiten, seine eigenen Interessen zu verfolgen und Schwerpunkte setzen - sowohl als Niedergelassene oder in einem MVZ. In deinem Fall kannst du dich sehr auf die seelischen Erkrankungen spezialisieren oder mehr auf den Bewegungsapparat oder wenn Haut spannend ist besonders dich damit mehr beschäftigen.

Es kann auch eine Beziehungsmedizin sein je nachdem wie sehr man möchte - denn Patienten kommen immer wieder und man lernt sich gegenseitig kennen. Mal kommt der Patient mit Erkältung, das nächstes Mal wegen Sprunggelenksdistorsion beim Fußballspielen oder als Begleitung bei Bindehautentzündung des Kindes oder wenn ein Elternteil dement wird. Im Laufe der Zeit entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis, dass man in der Klinik nicht so einfach erfährt bzw. Mal mitbekommen wenn Patienten sagen: „das muss ich erstmal mit meiner Hausärztin besprechen“

Familienfreundlich ist es auf jeden Fall:
Beispiele:
Bin in eigener Praxis mit meiner Frau - wenn wir wollen machen wir an Brückentagen einfach zu oder nehmen Urlaub in den Ferien. Natürlich mit dem Nachteil Einkommensverlust. Aber wir haben die eigene Freiheit.

Bei Heimbesuchen oder allgemeinen Hausbesuchen (keine Notfälle) habe ich die Kinder als sie klein waren sehr oft mitgenommen - sind quasi für die alten Menschen ja „Antidepressiva auf zwei Beinen“.

Zumeist kann man sich extern in das Praxisverwaltungssystem von zuhause einloggen und so von zuhause aus auch viel arbeiten - Telefonat erledigen, Abrechnung checken, Befunde lesen…

Ebenso kann man wenn selbst niedergelassen einen Raum für die eigenen Kinder einrichten wo sie dann Nachmittag oder früher Abend noch wenn Sprechstunde ist Hausaufgaben machen oder wenn krank sind auf dem Sofa im Ruheraum sind und man arbeitet nebenbei.

Wenn man in Gemeinschaftspraxis oder MVZ arbeitet natürlich ebenso zahlreiche Optionen.

Bezüglich der Frage Familiengründung - dies kannst du nicht perfekt planen. Natürlich ist es etwas unglücklich wenn du irgendwo anfängst und rasch schwanger wirst aber so ist halt das Leben.
Die Blutentnahmen machen eh die MFAs, Infektpatienten die anderen, dafür darfst du dann alle Patienten mit Seele und Rücken behandeln…

Tramaldol
14.07.2024, 01:52
Na das ist doch quasi eine Geschmacksfrage. Psychiatrie hat seine Vor- und Nachteile und Allgemeinmedizin auch. Ich denke in beiden Fächern wirst du zufriedene Kollegen finden. Beide Fächer ermöglichen Teilzeitbeschäftigung und Vereinbarkeit mit Freizeit und Familie. Die Weiterbildung gilt in beiden Fächern als akzeptabel.