Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Anfangszeit in der Inneren
ehem-user-08-01-2026-1952
18.07.2024, 18:33
Liebe Forenmitglieder,
es wurde hier schon viel darüber diskutiert, ich möchte trotzdem gerne nochmal eure Meinung zu meiner Situation hören. Ich war ein halbes Jahr in der Psychosomatik und bin nun seit Anfang Juni in der Kardiologie in einem Maximalversorger in einer ländlichen Region. Ich möchte gerne Allgemeinmedizin machen. Wie überall herrscht auch bei uns Personalmangel. Die Kollegin, die meine Mentorin sein sollte, hat mittlerweile selber gekündigt und war durch private Probleme nicht in der Lage, mich einzuarbeiten. Zwischendurch war ich ganz alleine auf der Privatstation, was natürlich gar nicht ging. Jetzt bin ich wieder auf einer großen Normalstation. Meine aktuelle Kollegin, selbst im 5. Jahr, ist auch erst seit April in der Klinik und anscheinend überfordert (sie flucht den ganzen Tag), sodass sie aktuell 10 Patienten und ich 8 Patienten betreue, die z.T. alle sehr krank sind. Mein OA hat wenig Zeit, wirkt immer mit dem Kopf woanders, will alles immer schnell machen, will zig Dinge zur Diagnostik haben, die ich alle so schnell wie möglich machen muss und baut damit ganz schön Druck bei mir auf. Wie soll das gehen, wenn ich etwas einfach noch nie gemacht habe? Von Briefe schreiben ganz zu schweigen. Ich fange um 07.30h morgens an und bin meist bis 17.30h ohne Pause (ja ich weiß´, selber Schuld) in der Klinik. Vorgestern habe ich den OA wegen Überstunden aufschreiben angesprochen. Wir haben leider keine elektronische Zeiterfassung. Er hat mir deutlich gemacht, Überstunden müssen immer gut begründet sein, bei mir als Anfängerin sieht er es nicht so als gerechtfertigt an. Er wäre ja auch bis 19-20h als Anfänger in der Klinik gewesen?!? Das finde ich einfach unmenschlich und geht meiner Meinung nach überhaupt nicht. Für Allgemeinmedizin brauche ich ein Jahr Innere. Da muss ich halt einfach irgendwie durch. Meine Alternative wäre noch Labormedizin, bin gelernte MTLA, was ich aber eigentlich auf Dauer auch zu langweilig finde...Ich muss auf jeden Fall nochmal mit dem OA reden und versuchen, früher nach Hause zu gehen! Was meint ihr? Das mit den unbezahlten Überstunden geht heutzutage einfach gar nicht mehr und leider fehlen mir nette Kollegen zum Austauschen. Einen schönen Abend Euch!
8 Patienten sind geradezu luxuriöse Arbeitsbedingungen. Es scheint dir führend an Arbeitsorganisation und Routine zu mangeln. Ohne wirklich Einarbeitung direkt unter Volllast zu arbeiten ist einfach unfair, wenn man eh kaum hinterher kommt hat man auch keine Vakanzen sich Mal anzuschauen, wie es andere machen.
Wie strukturierst du dir denn deinen Arbeitstag auf Normalstation?
Ansonsten muss man wirklich sagen, dass der Anfang oft schwer, sich aber nach wenigen Wochen eine gewisse Routine einstellt, wenn sich die Probleme wiederholen und man die Lösung kennt. Und weiß wen man anrufen kann, und wen besser nicht.
Deinen Oberarzt kann man anscheinend vergessen, zumal der dir auf Station auch nur sehr bedingt helfen kann. Viele Oberärzte haben seit Jahren keine Basisarbeit mehr gemacht und sind ganz woanders unterwegs. Gute Stationsarbeit lernt man eigentlich von anderen Assistenten, du scheinst da ja leider nicht so Glück zu haben
Wie soll das gehen, wenn ich etwas einfach noch nie gemacht habe?
Nachlesen, lernen und es machen.
Für Allgemeinmedizin brauche ich ein Jahr Innere. Da muss ich halt einfach irgendwie durch.
Genau. Wenn du deine Kraft nicht mit Gejammer verschwendest, dürfte das auch klappen.
Ich muss auf jeden Fall nochmal mit dem OA reden und versuchen, früher nach Hause zu gehen! Was meint ihr?
Wer macht dann deine Arbeit? Was meinst du?
Feuerblick
19.07.2024, 06:34
Wenn du mangels Einarbeitung und aufgrund hoher Arbeitslast Überstunden brauchst, dann schreib sie auf. Die antiquierte Ansicht des Oberarztes kann er für sich behalten. Sollte er dir die Überstunden streichen, fällt der Griffel bei Dienstende. Dann muss ER halt deine Reste wegarbeiten.
Was das früher Gehen angeht: Schau doch mal, wo du dich am Tag verzettelst und was vielleicht kürzer geht. Briefe schreiben kann man lernen. Mach dir Textbausteine, die du nur noch ausfüllen musst. Dann geht das viel schneller. Und leg deine Briefe bei Aufnahme des Patienten an (wenn möglich sogar schon mit Stichpunkten, was an Diagnostik so laufen soll, also z.B. „Sonographie:“, so dass du nur noch den Befund nachtragen musst und nichts vergessen kannst), damit du bei Entlassung nur noch den wichtigen Kram zum Aufenthalt eintragen musst.
Mach dir eine To do-Liste nach der Visite und versuch, die Tätigkeiten zu bündeln. Also nicht viermal zum PC rennen, weil du für vier Patienten Untersuchungen anmelden musst, sondern einmal an den PC und alle Anmeldungen machen.
Gegenüber dem OA brauchst du ein dickes Fell. Kannst ihn aber gerne auch mal drauf hinweisen, dass du neu bist und quasi nicht eingearbeitet wurdest, weshalb du alles halt im Alltag lernen musst. Manche Kollegen schauen einfach nicht über ihren beschränkten Tellerrand hinaus.
StuartProwerFaktor
19.07.2024, 16:52
Du musst dir natürlich auch immer bewusst machen, dass wenn du aus der Psychosomatik kommst, eine eher weniger stressige Medizin gemacht hast als klassische innere Medizin - das ist halt erstmal eine Umgewöhnung.
Also die Anzahl der zu betreuenden Patienten sind nicht viel - ich habe als Berufsanfänger an manchen Tagen > 20 Patienten gehabt. Das ging auch nur so halbwegs klar, weil das Haus prinzipiell gut organisiert ist. Es scheinen also organisatorische Probleme vorzuliegen, fehlende Routine kommt natürlich selbst mit der Zeit:
- Hast du den Eindruck Dinge sind umständlich oder könnten im Jahr 2024 irgendwie einfacher gehen?
- Musst du viel hinter Dingen hinterher telefonieren? z.B. hinter Untersuchungen, oder kann man die einfach in der EDV anmelden und dann läuft das auch?
- Wie lange dauert es einen Arztbrief zu schreiben?
- Was für Dinge musst du denn aufwendig recherchieren?
- Angehörigensprechzeiten immer auf einen Punkt (z.B. Nachmittags 15 Uhr) sammeln, nur dringende Dinge ausnahmsweise. Sonst telefonisch von der Pflege oder Sekretärin die Nummern sammeln lassen zwecks Rückruf durch dich.
--> Das wären Beispiele für Fragen die du klären solltest. Schlechte Organisation sollte man nicht als selbstverständlich hinnehmen.
Wenn deine Kollegin, die 5 Jahre dabei ist, bei nur 10 Patienten ständig flucht, wären ein paar Beispiele interessant.
Bonnerin
19.07.2024, 17:36
Keine Einarbeitung ist schonmal schlecht. Halten dich auch Dinge wie EDV (oder das Nicht-Vorhandensein ebendieser) auf? Also die technischen Hintergründe für Anforderungen etc.? Das wäre ein Punkt, bei dem der OA vielleicht helfen könnte, wenn deine Kollegin es schon nicht tut.
Leg dir Textbausteine für die Arztbriefe an. Die meisten Sachen auf Normalstation wiederholen sich ja, da muss man nicht jedes Mal das Rad neu erfinden. Copy&Paste, ein bisschen was adaptieren auf den jeweiligen Fall und gut ist.
Viel Erfolg!
Unabhängig davon - also ich würde Laboratoriumsmedizin sicher nicht als zu langweilig abtun! ;-)
ehem-user-08-01-2026-1952
20.07.2024, 09:44
Ich danke Euch allen erstmal für eure Antworten und Tipps! Das hilft mir schon mal. Insgesamt ist die Abteilung unorganisiert und unstrukturiert. Der LOA ist zum Juli gegangen, er hat anscheinend viel an Organisation übernommen, das merkt man nun. Dazu haben noch 3 weitere Assistenzärztinnen gekündigt. Zum Thema EDV und Untersuchungen anmelden: es wird alles per PC angefordert, laut meinem OA soll/muss ich aber bei den meisten Anforderungen nochmal telefonisch nachhaken und bitten, dass die gewünschte Untersuchung auch wirklich stattfindet. Wozu stelle ich denn dann überhaupt schriftlich eine Anforderung? Das ist ja schon mal ein Systemfehler. Anderes Beispiel: morgens bei Visite heißt es, der Patient kriegt erstmal alle Untersuchungen in der Klinik und wird dann irgendwann entlassen. Nachmittags ruft mein OA an, ob schon die Untersuchungen gelaufen wären, der Patient würde morgen entlassen werden?! Dazu kann ein Patient ja nicht 2-3 Untersuchungen gleichzeitig bekommen. Gestern habe ich meinen OA nochmal angesprochen, er ist nächste Woche im Urlaub. Er meint, so ist es am Anfang (kaltes Wasser, schwimmen lernen) und ich solle einfach viel mehr fragen und mir Hilfe holen. Er hat anscheinend keine Lust oder ist überfordert damit, mich als Anfängerin (oder als Frau?) einzuarbeiten und mit mir meine Patienten vernünftig durchzusprechen. Ich werde versuchen, mich besser zu strukturieren und frühzeitig Visite zu machen, noch muss ich mir eben alles aufschreiben. Das wird mit der Zeit, hoffe ich, durch Routine besser werden. Ein schönes Wochenende Euch allen! :-)
Er hat anscheinend keine Lust oder ist überfordert damit, mich als Anfängerin (oder als Frau?) einzuarbeiten
Das ist auch irgendwie so ein Frauen-Ding, oder? Dass man schlechte Einarbeitung oder mieses Benehmen von Oberärzten auf das eigene Geschlecht projiziert. Damit kann man das Problem wunderschön auf nicht behebbare Tatsachen verschieben und sich selbst davon ablenken dass es in den allermeisten Fällen entweder am OA oder am WBA liegt. Die meisten Oberärzte die ich bisher kennen gelernt hab sind zu allen Geschlechtern gleich nett oder bescheiden.
Wenn deine Kollegin, die 5 Jahre dabei ist, bei nur 10 Patienten ständig flucht, wären ein paar Beispiele interessant.
Oder sie macht es absichtlich. Wir sind dazu erzogen worden zu jammern/fluchen. Und in der Klinik noch sehr viel mehr. Wenn man nicht ständig jammert, dass es eh schon so viel ist, unabhängig davon ob es tatsächlich zu viel ist, dann kommen die Leute auf die Idee dass man noch mehr machen muss.
Beispielsweise die Kollegin. Würde sie nicht ständig fluchen müsste sie die Einarbeitung von MTLA88 übernehmen. So flucht sie ständig und alle haben Verständnis dass sie das nicht machen kann weil sie eh schon so viel zu tun hat.
Mit meinen Kollegen setzen wir uns auch immer mal wieder hin und sagen uns dass wir mal wieder so richtig jammern müssen wie schlecht es uns geht. Sonst merkt noch jemand dass wir eigentlich einen guten Job haben und überlegt sich noch mehr Zusatzaufgaben.
Powered by vBulletin® Version 4.2.3 Copyright ©2026 Adduco Digital e.K. und vBulletin Solutions, Inc. Alle Rechte vorbehalten.