Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : England: Fellowship
Himbeere2000
22.07.2024, 21:55
Hallo :)
Mich würde interessieren, ob jemand hier nach dem Abschluss des Medizinstudiums in Deutschland für 1 Jahr in England gewesen ist und ggf. als Clinical Fellow gearbeitet hat? Ich hab einiges gehört, frage mich aber, ob es überhaupt möglich ist, nach dem PJ in Deutschland als Clinical Fellow in England zu arbeiten und wie genau der Alltag hierbei ausschaut?
Danke im Voraus :)
Ich hab mich mal etwas bzgl. dieser Stellen informiert und sehe sie sehr ambivalent.
Oft ist es so, dass man Büroarbeitszeiten hat und die Teilnahme am Dienstsystem freiwillig ist.
Oft ist es so, dass man 20% der Zeit für nichtklinische Tätigkeiten zur Verfügung hat, aber da dann eben auch ein entsprechender Output hinsichtlich Forschung und/oder Lehre erwartet wird, und man in der Regel das tun muss, was einem angeschafft wird.
Oft ist es so, dass man einen Teil der klinischen Zeit auch außerhalb des eigenen Fachs eingesetzt werden kann.
In der Regel ist es so, dass die Zeiten auf solchen Stellen NICHT für die englische Facharztweiterbildung zählen.
Die Gehälter sind im Durchschnitt 20% niedriger als die Grundgehälter vergleichbarer regulärer Stellen - teilweise sogar 35% niedriger. Und das obwohl britische Arztgehälter ja bekanntlich nicht gerade gut sind.
Ich würde davon ausgehen, dass sie dich direkt nach dem PJ nicht nehmen werden, sondern erst mit mindestens einem Jahr Erfahrung. Aber das musst du direkt mit den einzelnen potenziellen Arbeitgebern besprechen.
Man ist also im Prinzip ein billiger Lakai für Routinearbeit, und bekommt als Karotte regelmäßige Arbeitszeiten und die 20% nichtklinische Zeit - aber wofür man die verwenden darf/muss, hängt wie gesagt vom Chef ab. Hauptsächlich sind diese Stellen also IMHO interessant für Leute, die aus einem Entwicklungsland kommen und auf normale Art und Weise nicht in den NHS reinkommen würden, als Überbrückung für Leute, die auf eine ST3-Stelle in ihrem Wunschfach warten, oder für Leute, die vorübergehend etwas Zeit und Regelmäßigkeit für ein Forschungsprojekt brauchen/wollen.
Ich werde inzwischen von NHS-Recruitern für normale Stellen kontaktiert, ohne einen Finger rühren zu müssen. Also man kann auch bequemer (und deutlich besser bezahlt) nach England gehen.
Was würdest du dir von einer solchen Stelle erhoffen? Was sind mittelfristig deine Karriereziele?
Wenn es wirklich einfach nur ein isoliertes Jahr in England sein soll, könnte das schon eine Variante sein. Aber du wirst finanziell noch schlechter aussteigen als auf einer regulären NHS-Stelle. Und falls du dann doch dort bleiben willst, wirst du wahrscheinlich das Problem haben, dass dir dieses Jahr nicht als Weiterbildungszeit angerechnet werden wird.
Tramaldol
22.07.2024, 23:39
Ich habe einige Bekannte, die dort arbeiten oder gearbeitet haben.
Nach dem Studium im Ausland blüht einem dort das Foundation Year One. Schlecht bezahlt, viel Arbeit, aber man lernt so einiges und ist in die Klinik "richtig" eingebunden. Also so wie das PJ hier eigentlich sein sollte. Leider wird das PY nicht als FY anerkannt.
Hier hatte ich einen Kollegen, der entnervt aufgegeben hat (Bezahlung und Arbeitsbedinungen) und nach Deutschland zurück ist. Er war in London, was als besonders kompetitiv u(und auch teuer) gilt.
Wenn man dann schon etwas Berufserfahrung hat, ist es besser. Dann kann man als Registrar arbeiten. Problem: Viele Stellen sind keine Weiterbildungsstellen und "zählen" nicht für den Facharzt. Klar ist es besser Non-Training zu machen als garnix, die Erfahrung wird einem schon bei Bewerbungen angerechnet.
Hier habe ich einen Bekannten, der nach einigen Jahren als Assi in DE sich auf die Insel aufgemacht hat und dann schließlich eine Training Stelle bekommen hat und jetzt auch Facharzt ist.
Die Facharztweiterbildung ist auch dort hart und mit viel Arbeit verbunden. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass es bei ihm wirklich um Weiterbildung geht. Während bei uns es darum geht, dass Assis alle mögliche Arbeit machen die anfällt, auch wenn sie nix mit Weiterbildung zu tun hat. Also deutlich besser struktiert, aber auch anspruchsvoller als hier. Die Bezahlung ist ähnlich oder etwas weniger als hier. Wenn man im Norden (Birmingham, Manchester, Sheffield, Glasgow) lebt, ist es garnicht mal so teuer
Ich hatte noch eine Kollegin, die zunächst Non Training als Registrar in London gemacht hat nach ein paar Jahren in DE. Aber die Bezahlung ist für Londoner Verhältnisse problematisch. Sie hat dann ihre Facharztweiterbildung hier zu Ende gemacht und arbeitet jetzt als Consultant in GB. Die Consultantgehälter sind definitiv kompetitiv zu unseren Gehältern.
Was anders ist, ist dass es viel weniger Geld im englischen GEsundheitsdienst gibt. Man will ein neues Medikament verschreiben, oft geht das nicht, weil der Gesundheitsdienst lieber auf den billigen Goldstandard setzt (gilt bei MEdis die 1000x verschrieben werden) wie Antibiotika oder RR-Senker. Man ist immer an die Guidelines gebunden, während man in Deutschland sehr viel mehr individuelle Medizin auf Kosten der Allgemeinheit/ Krankenkasse machen kann. Wartezeiten können bei elektiven Sachen länger sein, aber es kann dann auch sein, dass man 2 Städte weiter schneller nen Termin bekommt.
Gerade so Hüft-Teps oder Knie-Teps werden da viel weniger gemacht als hier. Forschung (insbesondere klinische Forschung) wird da insgesamt mehr gemacht als hier.
Wir haben mal gesagt, am besten wäre eine Mischung aus dem verschwenderischen deutschen System mit dem zu knausrigen britischen Gesundheitsdienst.
Also letztendlich eine Geschmacksfrage. Wer sich dafür interessiert, warum nicht.
Himbeere2000
23.07.2024, 16:25
Vielen Dank !! :)
Himbeere2000
23.07.2024, 16:25
Vielen Dank :)
Tramaldol
25.07.2024, 16:33
Ja gerne. Um bei der Wahrheit zu bleiben, die WB ist (wie wahrscheinlich überall) keine einfache Sache. Allerdings ist es dort strukturierter und nicht so arbiträr wie hier, trotzdem sehr viel Arbeit, Ausnutzung und keine tolle Bezahlung. Gerade London ist so teuer wie keine Stadt in Deutschland (und bietet natürlich auch mehr als München, Berlin, Hamburg). Je weiter weg, je günstiger.
Nach dem Facharzt ist es dann deutlich besser mit den Arbeitsbedingungen und auch der Bezahlung. Die Gesellschaft, die Art miteinander umzugehen, aber auch das Wetter sind anders als hier. Also letztendlich eine Geschmacksfrage.
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