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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Team hat sich verändert - wie durchhalten?



Citrafleet
01.09.2024, 13:42
Ich habe vor kurzem mein 4. und somit geplant letztes WBJ Neurologie in einer mittelgroßen Akutklinik begonnen, das Psychiatriejahr wollte ich ganz am Ende machen. Ich arbeite seit dem Berufseinstieg dort und trotz der hohen Arbeitsbelastung habe ich aufgrund unseres Teams immer sehr gern dort gearbeitet. Klar gab es immer mehr oder weniger stark engagierte Kollegen, aber der Grundtenor war, dass jeder seine Arbeit ordentlich macht und man einander unterstützt wo es geht. Unsere Oberärztinnen und Oberärzte sind auch sehr umgänglich und immer ansprechbar, insgesamt sind die Hierarchien bei uns flach. So und nun zum Problem:
Es gab durch Wechsel, Kündigung, Beförderung einige Fluktuation im Team. Von meiner Anfangszeit sind von 11 Assistenten (auf knapp 10 VK-Stellen, ein paar Teilzeitler dabei) noch 2 mit mir weiterhin da, 2 wurden zwischenzeitlich Oberärzte.

Mittlerweile ist unser Team aber fast 50:50 "gespalten" in Leute die ihre Arbeit gut machen, oft einspringen etc. und die andere Hälfte, die aus unterschiedlichen Gründen dies nicht tun. Zum Beispiel eigentlich fachlich fit und auch strukturiert sind, aber nur auf den eigenen Vorteil bedacht und auf Station nur das absolute Minimum tun, mit denen man jede Tätigkeit ausdiskutieren muss, dann gibt es noch zwei die sich zwar Mühe geben, aber leider auch nach Monaten noch extrem langsam sind, viele Dinge übersehen obwohl man es schon mehrfach erklärt hat etc. Das sind übrigens Leute mit unterschiedlichem Background - frisch von der Uni aber auch welche mit mehrjähriger Erfahrung in anderen Fächern, Studium in Deutschland und welche aus dem Ausland... Gemeinsam haben sie aber irgendwie, dass sie nicht so richtig zu begreifen scheinen, dass die als zuständiger Arzt/Ärztin eben auch verantwortlich sind und man Arbeit auch mal einfach selbstständig machen kann statt immer davon auszugehen, dass es im Zweifel jemand anderes macht. Noch dazu melden sich diese Leute wirklich oft - jeweils nur für 1-2 Tage - krank, sodass der Dienstplan 1000 mal geändert wird und man dauernd flexibel umspringen muss. Unsere Oberärzte sind dadurch natürlich auch viel stärker belastet und versuchen oft, Aufgaben an die leistungsstärkeren (oder einfach normalen?) im Team zu delegieren, wo sie sich auch auf die korrekte Ausführung verlassen können. Ich mache daher momentan gefühlt mehr Überstunden als je zuvor und kann langsam nicht mehr.
Kollegen aus anderen Abteilungen oder das Pflegepersonal sind auch oft unzufrieden und erwarten daher auch, dass man vieles ausbügelt (werde im Dienst dann oft für Dinge angesprochen, die unter der Woche liegen geblieben sind) - ich versuche zwar, Sachen zu erledigen, wenn es eben geht, aber wenn ich dann darauf verweise, dass ich leider nicht alles nacharbeiten oder kontrollieren kann, ernte ich oft genervte Reaktionen, obwohl ich doch nichts dafür kann.

Dazu kommt, dass es bei uns keine feste Funktionsrotation gibt, sondern man die Untersuchungen im Laufe der Zeit bei seinen eigenen Patienten begleitend zur Stationsarbeit erlernt. Ich bin dabei auf einem guten Weg, das eine Jahr brauche ich aber sicher noch.
Unser Chef wiederum ist mit dem Logbuch ziemlich lax, wenn ihr versteht was ich meine, aber ich möchte die Untersuchungen auch wirklich einigermaßen können und auch teils Zertifikate erwerben, daher bringt mir schwindeln nichts. Wir (also die "leistungsstarken") haben den Chef bereits mehrfach darauf angesprochen, dass es so nicht weitergehen kann, aber es ändert sich nichts. Ich bin mittlerweile nur noch traurig und fühle mich ehrlich gesagt nach Strich und Faden ausgenutzt.

Nochmal für ein knappes Jahr woanders hinzugehen möchte ich aber eigentlich nicht, da man sich woanders vermutlich für die Funktionsdiagnostik "hinten anstellen" muss und sich somit die Weiterbildung verlängern würde. Also frage ich euch aktuell nach Tipps: wie durchhalten?

Tramaldol
01.09.2024, 15:28
Eine schwierige Situation, hatte ich auch mal mit ständigem Personalwechsel, unfairer Aufteilung der Station usw.
Auch weil mir die Weiterbildung dann insgesamt zu mau war, habe ich letztendlich gewechselt.
Du scheinst ja ganz fit und die WB ist quasi abgeschlossen.

Somit ist es letztendlich deine Entscheidung.
Entweder durchhalten bis zum Psychiatrie-Jahr oder Stellenwechsel. Wenn man Akut jemand braucht in der Neuro (ja das ist sehr oft so) , wird man dich nehmen für ein Jahr mit dem Manko, dass du nach 1 Jahr die Psychiatriezeit beginnst. Wenn ein Chef wirklich Not hat und wirklich sucht, dann kannst du da sobald wie möglich anfangen.

Eine unangenehme Stelle durchhalten wäre die andere Option ggfs. mit psychosomatische/psychiatrische Vorstellung; ggfs. mit Medlkation (auch nur b.B. möglich) ...damit sind dir viele ungute Entwicklungen "egal" für das Jahr; Psychotherapie über Überlastung; ggfs. Reha-Maßnahme 3 Wochen.

Relaxometrie
01.09.2024, 15:37
Neue Stelle mit Aussicht auf eine Oberarztstelle nach dem Facharzt suchen?

rafiki
01.09.2024, 16:28
@TE: Gewöhn dich dran, dass das die Zukunft der deutschen Medizin ist. Du wirst auch als Nicht-mehr-Assi mit solchen Minderleistern immer mehr zu tun bekommen.Da hilft nur, sich ganz klar auf das zu konzentrieren, was man anstrebt (Spezialisierung etc.) und das andere durchzustehen.

Sosylos
02.09.2024, 04:40
Welchen Nutzen hat man, wenn man zigmal im Monat einspringen?

davo
02.09.2024, 06:07
Ein klassischer Fall von Missmanagement. Der Chef tut nichts, die Oberärzte bestrafen die, die sich richtig verhalten... so kann es mit der Abteilung nur bergab gehen.

Leider tragt auch ihr selbst mit dazu bei - wenn ihr dann in den Diensten das macht, was die anderen schon seit Tagen nicht getan haben, tragt ihr dazu bei, dass die anderen sich so verhalten können, wie sie sich verhalten. Das würde ich also mit sofortiger Wirkung abstellen. Erstaunlich, dass die Pflege deswegen euch anpflaumt - die soll lieber die anpflaumen, die dafür verantwortlich sind. Der Pflege muss man dann also jedes Mal die Situation kurz erklären und ihr klar machen, dass sie dieses Thema am nächsten Morgen auf der Station mit denen besprechen muss, die sie verursacht haben.

Außerdem solltet ihr, als Gruppe, dieses Thema immer und immer wieder mit dem Chef und mit den Oberärzten besprechen. Ihr müsst den Druck nach oben deutlich erhöhen.

Ich sehe eigentlich nur drei Varianten:

1. Sich damit abfinden, dass man weder Kollegen noch Chef und Oberärzte ändern wird können, den Wahnsinn noch ein knappes Jahr durchziehen, sich rechtzeitig eine andere Abteilung für eine Facharztstelle suchen. Vorteil: man muss nichts tun und man ist bald im Psychiatrie-Jahr. Nachteil: man muss die aktuelle Situation ein weiteres knappes Jahr ertragen und lernt nichts.

2. Sich jetzt schon eine andere Stelle suchen. Vorteil: es gibt eine Chance auf eine baldige Veränderung. Nachteil: es könnte sich die Weiterbildung verlängern, man muss sich woanders neu etablieren, vielleicht ist es dort ähnlich oder noch schlimmer.

3. Die Seite wechseln. Selbst nur noch das Minimum machen, selbst immer wieder 1-2 Tage in Krankenstand gehen. Vorteil: man hat deutlich weniger Arbeitsstress, hat endlich wieder normalere Arbeitszeiten. Nachteil: wahrscheinlich schwer mit dem eigenen Arbeitsethos vereinbar.

Und egal für welche der drei Varianten du dich entscheidest - aufhören, die Versäumnisse der anderen zu kompensieren solltest du auf jeden Fall sofort. Schon alleine um dich selbst zu schonen. Und den Druck nach oben erhöhen solltest du ebenfalls sofort, egal für welche der drei Varianten du dich entscheidest.

rafiki
02.09.2024, 09:58
Die Varianten 2 und 3 werden vermutlich Pseudolösungen sein, weil eine andere Stelle mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ähnliche Situation bietet und die "gewechselte Seite" zu erhöhtem Stress bei der TE und dem Team führt und damit das Chaos anheizt.

Matzexc1
02.09.2024, 11:20
Ich würde auch zu 1 raten, das ganze voll machen und danach in die Psychiatrie zur Rotation.
Ich hab das Problem des neu anfangens und dann nicht an die Eingriffe zu kommen die man braucht deutlich erlebt.

nie
02.09.2024, 15:21
Das was du beschreibst, wirst du leider so oder in ähnlicher Form in viele Klinik finden. Daher ist mit einem Wechsel nicht garantiert, dass es besser wird. Im schlimmsten Fall landest du wieder in einer ähnlichen Situation und bekommst deine Zahlen nicht rechtzeitig voll. Ich war in einer ähnlichen Situation und habe mich damals für durchhalten entschieden. Weil ich wenig Hoffnung hatte, dass es woanders besser ist und nicht 10 Monate vor dem Facharzt nochmal die Klinik wechseln wollte. Es handelt sich ja um einen übersichtlichen Zeitraum. Ich fands auch anstrengend und frustrierend aber irgendwie geht auch diese Zeit um.

Ich habe irgendwann angefangen zu selektieren und mich nur noch um Dinge zu kümmern, wenn die Gefahr bestand, dass der Patient ernsthaften Schaden nimmt. Aber sowas wie Rehatermin des Patienten steht schon seit Tagen fest und der Brief des Langliegerpatienten ist trotz mehrmaliger Aufforderung nicht geschrieben? Dann geht der Patient halt nur mit Mediplan in die Reha und der Kollege kann sich den Anschiss von der Rehaklinik abholen weil der Patient ohne Brief kam. Patient wurde nicht aufgeklärt für eine elektive Untersuchung? Fällt sie halt aus. Niemand spricht mit den Angehörigen? Ich am Sonntag im Visitendienst bestimmt auch nicht. Schön den Kollegen verweisen. Und auch einfach mal Nein sagen, sich nicht jede Aufgabe von den Oberärzten unterjubeln lassen. Sollen sie halt zusehen, dass ihre zuständigen Assistenten ihren Job vernünftig machen. Und wenn die Oberärzte unzufrieden sind und bei Chef meckern, wirkt das auch nochmal anders.

Dieses 1-2 Tage krank machen kann ich auch nicht, da fühle ich mich unwohl mit. Aber wenn es mir wirklich nicht gut geht, schleppe ich mich auch einfach nicht mehr auf die Arbeit. In Dienste einspringen mache ich auch nur noch wenn es mir wirklich gut in den Kram passt. Ab und zu mal guten Willen zeigen und dann kann man auch wieder entspannt ein paar Mal Nein sagen. Es muss dem Chef halt auch richtig wehtun wenn sich was ändern soll. Solange immer wieder dieselben 2-3 Leute in den Dienste einspringen, ist dem Chef ja egal, dass sich immer wieder Leute für 1-2 Tage krankmelden.

Es ist zwar schwer auszuhalten, Dinge auch mal sehenden Auges an die Wand fahren zu lassen aber man stellt fest, dass es auch irgendwie funktioniert wenn man sich nicht drum kümmert und wenn es schief geht, dann ist es jetzt auch nicht dein Problem. Hat jetzt auch nicht alle meine Probleme gelöst und ich hab mich im vergangenen Jahr oft genug trotzdem noch aufgeregt aber das Jahr ist jetzt auch vorbei.