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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zeitmanagement in einer Augenpraxis mit komplexen Fällen



ghostvessel
19.11.2024, 01:21
Hallo zusammen,

ich bin Assistenzarzt im 4.Weiterbildungsjahr in der Augenheilkunde.

Nach meinem Studium konnte ich aus privaten Gründen nicht umziehen und die lokalen Unikliniken haben alle meine Bewerbungen ignoriert. Deswegen habe ich meine Weiterbildung in einer Augenpraxis mit einem Standardspektrum - Cataract, IVOM, Refraktive Chirurgie, Lider - angefangen. Ich habe da 3 Jahre gearbeitet und dann habe ich wieder keine positive Rückmeldung von den lokalen Unikliniken bekommen. Ich habe aber Stelle in einer Praxis bekommen, die auch Belegabteilung in einer kommunalen Krankenhaus hat und die deutlich breiteres Spektrum anbietet - Hornhautchirurgie wie DMEKs und perforierende Keratoplastiken, Netzhautchirurgie, Glaukomchirurgie, komplexe Linsenfälle. Die Patienten werden im Krankenhaus operativ versorgt und die Vorbereitung und Nachsorge finden in der Praxis statt.

In der ersten Praxis mit dem Standardspektrum hat man von mir schon im 2.Jahr erwartet, dass ich 4 Patienten pro Stunde bearbeiten kann. Da waren die Fälle aber deutlich einfacher und schneller zu bearbeiten und besprechen.
In der zweiten Praxis haben wir Zustände nach komplexer Chirurgie, mit Komplikationen, mit größerem Aufklärungsaufwand und die Patienten sind nicht immer im besten Allgemeinzustand. Ich würde sagen, dass die Falle bei uns eigentlich häufig auf Uniklinik-Niveau sind.
Trotzdem sind die Patienten in 10-Minuten-Takt oder 15-Minuten-Takt bei mir eingeplant. Ich bin im 4.Jahr aber wegen meiner fehlenden Erfahrung mit solchen Fällen muss ich auch nach 10 Monaten immer wieder die Fachärzte darum bitten, dass sie drauf schauen und ihre Meinung geben... Da staut sich die Patientenliste extrem und dann warten die Patienten mindestens 1,5 Stunden. Es ist kein Puffer für Rücksprache mit Facharzt geplant und ich ärgere mich ständig, denn die Patienten beschweren sich über die Wartezeit, meckern ohne Ende und manche diskutieren vor dem Arztzimmer.
Ich habe am Vormittag durchschnittlich 15 Patienten in der Sprechstunde und schaffe es manchmal gar nicht mit der Mittagspause. An Toilette und Wasser denke ich erst nachdem ich mit dem Vormittag durch bin. Am Nachmittag betreue ich ca. 13-14 Patienten.

Ich habe mehrmals angesprochen, dass die Belastung in meiner Sprechstunde für mich zu viel ist und dass es kein Puffer für Facharztvorstellung gibt und dass die Wartezeiten für alle extrem lästig sind. Trotzdem gibt es keine Änderung. Es gibt auch keine Kollegialität, niemand der gerade Zeit hat, nimmt Patienten von den anderen ab, auch wenn es total brennt in seiner Sprechstunde. Ich und noch eine Assistenzärztin haben dieses Problem, denn wir sind im 4. Jahr (sie hat aber Uni-Erfahrung und hat 50% Stelle). Ich arbeite Vollzeit und muss jeden Tag aufstehen und in die Arbeit gehen, mit den Gedanken wie schlimm die heutige Sprechstunde sein wird.

Und jetzt meine Frage: wie kann ich meine Situation verbessern? Schneller kann ich nicht arbeiten, ich will meinen Job richtig machen. Ich muss mir Zeit nehmen, sonst passieren Fehler... Bestimmte Patientenzahlen müssen erreicht werden und mich ärgert es, dass ich häufig vollere Sprechstunde als die Fachärzte habe. Das Verhalten der Patienten stresst mich total und jeden Tag nach der Arbeit fühle ich mich schlimm. Stellenwechsel kommt nicht in Frage, ich bin ortsgebunden und diese Stelle ist meine einzige Chance, etwas zu lernen.

Vielen Dank für die Rückmeldung!

escitalopram
19.11.2024, 09:00
Ich bin Augenarzt. Deine Situation ist schwierig. Ich finde WB ganz ohne Klinik eig. kaum sinnvoll, auch wenn es nach neuer WBO theoretisch mgl. sein soll. Man muss tatsächlich ortsflexibel sein, gerade am Anfang - Augenkliniken gibt es mittlerweile viele und dazu zählen nicht nur Unis. Gut, ich kenne deine persönliche Situation nicht und wenn das gar nicht in Frage kommt - was willst du machen. Ich drücke die Daumen, aber ich würde an deiner Stelle schauen, ob du nicht für 2 Jahre an eine Klinik kannst, vielleicht gibt es in deiner Nähe auch nicht nur Unikliniken.

JAK1
19.11.2024, 10:29
Ich kann nichts beitragen, außer dir viel Kraft zu wünschen. Vielleicht wäre ja auch ein Facharztwechsel etwas? Ich glaube Augenarzt zu sein ist nicht der einzige Weg zum Glück.

Relaxometrie
19.11.2024, 10:55
Ist es in Deinem Bundesland überhaupt möglich, die gesamte Weiterbildungszeit in Praxen zu verbringen? Wenn ja, und wenn die Augenheilkunde das einzige für Dich denkbare Fach ist: Augen zu und durch.....bis Du die Zeiten für die Facharztprüfung voll hast, dauert es ja nicht mehr ewig.
Wenn Du es allerdings so machst, würde ich mir jetzt schnellstmöglich das Logbuch ansehen und mit den Weiterbildern besprechen, ob Du alle geforderten Inhalt in der jetzigen Praxis schaffst, oder ob Du ggfs. mindestens für Hospitationen mal in einen anderen Betrieb gehen solltest, um gewisse Zahlen zu sammeln.

Sinnvoller ist es natürlich, doch mal eine gewisse Zeit in der stationären Augenheilkunde zu verbringen. Das sagen, soweit ich es bisher hier im Forum gelesen habe, alle hier anwesenden Augenärzte und kann es aus meinem Fach (Allgemeinmedizin) auch bestätigen, dass man den gesamten Medizinbetrieb fachlich und organisatorisch nicht richtig versteht, ohne eine zeitlang im Krankenhaus gearbeitet zu haben.
Wenn Du wirklich so ortsgebunden bist (und das nicht nur, weil "Freundeskreis hier, Sportverein ist toll" oder ähnliche Argumente), ist die Situation natürlich verfahren. Den Vorschlag meines Vorredners, ggfs. das Fach zu wechseln, finde ich auch gut. Aber dann wäre die Frage, ob es für ein anderes Fach Kliniken in Deinem Umfeld gibt, die dafür in Frage kämen. An einer Uniklinik, davon hast Du offensichtlich mehrere im pendelbaren Umfeld, möchte man ggfs. nicht unbedingt arbeiten, sofern man keine Chefarztkarriere anstrebt.

Espressa
19.11.2024, 11:07
Das Problem ist, dass eigentlich jeder Patient von einem Facharzt gesehen, sprich nochmal vorgestellt werden müsste. Die Patienten haben Anspruch auf Facharztbehandlung. In der Praxis wird ein solches Konzept praktisch nie umgesetzt. Entweder macht der WBA dann nur „Kleinkram“ und fragt gelegentlich bei Bedarf, aber dabei lernt er nicht UND kann trotzdem was übersehen, manchmal sind Befunde nicht so offensichtlich. Aus diesem Grund ist lernen eben besser, wenn eine klinikstruktur die nachkontrolle der Arbeit durch einen Facharzt grundsätzlich vorsieht.

Daher bleibt der Rat - suche dir eine klinikstelle, mit Vorerfahrung wirst du eh mit Handkuss genommen. Es geht ja nicht nur um die Komplexität der Fälle, sondern auch und vor allem um die Betreuungsmöglichkeiten, Erklärungen, Anleitung.

Espressa
19.11.2024, 11:11
Im übrigen ist die Augenheilkunde der Spitzenreiter bei der Anzahl behandelter Patienten pro Arzt. Also grundsätzlich sieht man eben schon VIELE. Und hat eher kurz Zeit. Für deine Zukunft im ambulanten Sektor wird dir also dauerhaft eher eine 10-Minuten-taktung blühen, jedenfalls in Deutschland bei GKV-Patienten…

Tramaldol
20.11.2024, 21:11
Also in manch großer Uniklinik ist es in großen Abteilungen gut möglich nahezu immer 4h zu warten und das hauptsächlich wegen organi. Defizite. Da sind 1,5h ja human.

Kann man natürlich mal ansprechen.