Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Strahlentherapie- Wie ist die Arbeit als Assistenz- und Facharzt ?
Hallo allerseits,
Ich arbeite derzeit in der Akutneurologie. Was mich unglücklich macht, ist die hohe Arbeitsbelastung und die anstrengenden Dienste. Außerdem werden viele Patienten am Ende des Tages mit bleibenden Hirnschäden entlassen.
Ich denke darüber nach, in der Strahlentherapie zu arbeiten, habe aber keine Erfahrung in diesem Bereich. Wie sind die Dienste? Ist es ein Fachgebiet mit Entwicklungsmöglichkeiten? Sind die Patienten sehr schwerkrank? Ist es psychisch belastend, den ganzen Tag mit Tumorpatienten und deren Angehörigen zu arbeiten?
Wie ist die Arbeit als Assistenz- und Facharzt ?
Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mir die Vor- und Nachteile der Strahlentherapie erläutern könnten.
Vielen Dank im Voraus
StuartProwerFaktor
27.02.2025, 09:37
Also die, die ich kenne, haben eigentlich seltenst Überstunden gemacht. Die arbeiten natürlich eng mit den Onkologen zusammen, je nach Aufteilung haben sie eigene Patienten oder die werden von den Onkologen betreut und die Strahlentherapie nur quasi "konsiliarisch" abgerufen. Perspektiven in der Praxis / KH soweit ich weiß gegeben, Gehälter mindestens ltd. OA als Angestellter und KH halt eher Tarif. Ich wage zu behaupten, dass es rein von der Kohle/Arbeitszeit eine gute Sache ist. Ärztlich baust du natürlich irgendwo ab im Vergleich zu Akutmedizin.
Ob etwas belastend ist oder nicht, ist ja Typsache. Ich bin eher fatalistisch eingestellt und mach mir da wenig Gedanken drum, wir leben und wir sterben halt, manche halt früher, manche halt später. Klar, wenn Fehler passieren, beschäftigt mich das einige Tage (und ich denke das ist auch gut und richtig so) aber dann vergeht das auch wieder, wenn ich meine aus dem Fehler die richtigen Schlüsse gezogen zu haben.
Bellasina
27.02.2025, 11:23
Moin,
Kann nur aus der AiW-Perspektive berichten. Großes Haus, 2 Stationen (ca. 50 Betten), ca. 4 Dienste/Monat. Moderate Dienstbelastung, kaum Anrufe in der Nacht. Teilweise hoch-palliatives Patientengut, einige aufwändigere Langlieger, viel Orga-Kram.
Auf Station hauptsächlich internistisch-onkologisches Arbeiten, inkl. Notfall-Management (Lungenembolie, Herzinfarkt, Apoplex, Sepsis, etc.), Chemotherapien (inkl. Komplikationen). Das kann schon an die Substanz gehen. Im Durchschnitt ca. 1-1,5 Überstunden täglich. In der Ambulanz hauptsächlich Contouring, viele Patientengespräche, Therapieaufklärungen, etc.. Hier meist pünktlicher Feierabend möglich. Bezahlung nach Tarif.
Das Gerücht, dass die Strahlentherapie ein suuuper entspanntes Fach sei, kann ich so nicht bestätigen. Zumindest an meiner Klinik machen wir alles selbst (z.B. Pleurapunktionen) und haben dementsprechend auch Bereitschaftsdienste abzuleisten. Ich nenne es liebevoll "Innere light". Kann es dementsprechend auch verstehen, warum viele nur ihre Chemozahlen im Logbuch abgezeichnet bekommen wollen und nicht länger als nötig (ca. 1 - 1,5 Jahre) bleiben möchten. Wie es in der Praxis aussieht, kann ich nicht beurteilen.
McLaren422
27.02.2025, 18:25
Hallo allerseits,
Ich arbeite derzeit in der Akutneurologie. Was mich unglücklich macht, ist die hohe Arbeitsbelastung und die anstrengenden Dienste. Außerdem werden viele Patienten am Ende des Tages mit bleibenden Hirnschäden entlassen.
Ich denke darüber nach, in der Strahlentherapie zu arbeiten, habe aber keine Erfahrung in diesem Bereich. Wie sind die Dienste? Ist es ein Fachgebiet mit Entwicklungsmöglichkeiten? Sind die Patienten sehr schwerkrank? Ist es psychisch belastend, den ganzen Tag mit Tumorpatienten und deren Angehörigen zu arbeiten?
Wie ist die Arbeit als Assistenz- und Facharzt ?
Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mir die Vor- und Nachteile der Strahlentherapie erläutern könnten.
Vielen Dank im Voraus
Hi, bin auch in der Strahlentherapie als Assistenzarzt (kommunales Krankenhaus). Dienste machen hier Assistenzärzte keine, Fachärzte haben Rufbereitschaft für Notfallbestrahlungen und die stationären Patienten (sind nicht viele meistens zwischen 3 und 8, eine eigene Station haben wir nicht).
Ich halte das Fach für zukunftssicher, wir können uns gerade vor lauter neuen Patienten nicht retten.
Ein überwiegender Großteil der Patienten ist Fußgänger, schätze so 70%. Schwerkrank sind schon einige, 30% der Patienten (wenn nicht mehr) sind nicht mehr kurativ zu behandeln. Ich würde die Verteilung so schätzen: 60% merkt man nahezu nicht an, dass sie krank sind, bei 20% merkt mans etwas mehr, bei 15% schon deutlich. Die restlichen 5% sind bettlägerig. Der Anteil an schwerkranken und palliativen nimmt aber gefühlt zu. Es ist schon belastend, man muss für sich überlegen, wie man damit umgeht. Bestrahlungen an Kindern machen wir deswegen nicht. Aber ich fands auf der Onkologie noch deutlich belastender (wo wirklich 70% schwer krank sind). Ein gewisses Maß an Frustationstoleranz braucht man definitiv.
90% der Patienten inklusive Angehörigen sind jedoch weitesgehend unkritisch im Umgang, schwierige Situationen und Gespräche kommen regelmäßig, aber bei weitem nicht täglich vor. In letzter Zeit häufen sich massiv psychisch auffällige Patienten und Angehörige bei uns. Ich glaub das ist aber kein strahlentherapiespezifisches Problem.
Ich musste 1 Jahr Innere machen im Rahmen meiner Facharztausbildung und auch onkologische Patienten mitversorgen. Ich fand das ziemlich furchtbar, liegt aber wohl auch an unserem Haus... Bin damals mit über 150 Überstunden rausgegangen und das trotz mehrerer Wochen FZA...
In der Strahlentherapie macht man in Summe keine Überstunden bei uns. Klar, wenns in der Ambulanz viel wird bleibt man teilweise auch bis 18:30 Uhr, aber dafür gibts andere Tage, an denen man schon um 15 Uhr gehen kann. ;)
Nachteile? Es gibt nicht soo viele Strahlentherapien in Deutschland und man arbeitet selten an "vorderster Front", sondern eher in 2. Reihe. Könnte mir vorstellen, dass es manchen zu langweilig und nicht actiongeladen genug ist.
Tramaldol
09.05.2025, 14:48
Moin,
Kann nur aus der AiW-Perspektive berichten. Großes Haus, 2 Stationen (ca. 50 Betten), ca. 4 Dienste/Monat. Moderate Dienstbelastung, kaum Anrufe in der Nacht. Teilweise hoch-palliatives Patientengut, einige aufwändigere Langlieger, viel Orga-Kram.
Auf Station hauptsächlich internistisch-onkologisches Arbeiten, inkl. Notfall-Management (Lungenembolie, Herzinfarkt, Apoplex, Sepsis, etc.), Chemotherapien (inkl. Komplikationen). Das kann schon an die Substanz gehen. Im Durchschnitt ca. 1-1,5 Überstunden täglich. In der Ambulanz hauptsächlich Contouring, viele Patientengespräche, Therapieaufklärungen, etc.. Hier meist pünktlicher Feierabend möglich. Bezahlung nach Tarif.
Das Gerücht, dass die Strahlentherapie ein suuuper entspanntes Fach sei, kann ich so nicht bestätigen. Zumindest an meiner Klinik machen wir alles selbst (z.B. Pleurapunktionen) und haben dementsprechend auch Bereitschaftsdienste abzuleisten. Ich nenne es liebevoll "Innere light". Kann es dementsprechend auch verstehen, warum viele nur ihre Chemozahlen im Logbuch abgezeichnet bekommen wollen und nicht länger als nötig (ca. 1 - 1,5 Jahre) bleiben möchten. Wie es in der Praxis aussieht, kann ich nicht beurteilen.
Also ich würde mal behaupten, dass hier ist gerade NICHT, wie Radioonkologie aussieht.
Betten wurden in der Strahlentherapie welweit massiv reduziert in allen Häusern. Es ist ein ambulantes Fach (ca. 80-90% der Patienten). Die Radio-Chemotherapien sollten alle ambulant laufen, das ist auch so ein Konzept der Vergangenheit das stationär zu machen.
Wenn in einer Klinik durch Chemotherapie dauernd Komplikationen wie Herzinfarkt, Sepsis, Apoplex usw. auftreten, sollte man eher das Chemo-Konzept hinterfragen. Eine nicht-hinnehmbare Rate an Komplikationen ist nicht zu akzeptieren. Es kann nicht sein, dass eine Therapie so schlecht verträglich, dass sehr viele Patienten stationär behandelt werden müssen im Verlauf.
Der Trend geht dazu sowas wie Pleurapunktionen elektiv in der Pneumologischen Ambulanz zu machen durch die Pneumologie. Im Strahlen-MVZ brauch man sowas nicht. Steht auch nicht im Logbuch. Das stationäre Jahr gibt es nicht mehr. Ich kenne sowas auch von einer Klinik mit ca. 50 Betten. Ja für die Weiterbildung letztendlich reine Zeitverschwendung. Und jeden Tag 1-1,5 Überstunden ist nicht "optimal". Offensichtlich gibt es da organisatorische Defizite. Viel wichtiger ist die Ambulanzarbeit. Indikation stellen, Radiotherapie-Planung, Radiotherapieplan bewerten.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Assis bei sogenannten "schwarzen Schafen" als "billige Arbeitskraft" auf die Station geschickt werden und ihre Weiterbildung als nachrangig betrachtet wird. Schade. Aber auch diese Situation würde ich als "rückläufig" ansehen.
Nachteil von dem Fach, gerade außerhalb von Metropolregionen: Es gibt oft nur wenige Arbeitgeber, während ein Internist oder Anästhesist oft die Qual der Wahl hat.
Nachteile? Es gibt nicht soo viele Strahlentherapien in Deutschland und man arbeitet selten an "vorderster Front", sondern eher in 2. Reihe. Könnte mir vorstellen, dass es manchen zu langweilig und nicht actiongeladen genug ist.
Das kann ich nur bekräftigen. Nicht so viele Strahlentherapien = Es gibt nur wenige Arbeitgeber. Aufgrund der (noch?) extrem hohen Krankenhausdichte in Deutschland, hat man bei Fächern, die jedes KH hat, sich viel aussuchen.
Auch letzteres ist richtig. Es gibt selten strahlentherapeutische Notfälle.
Außerdem muss man mit viel Leid, Palliation, infauste Prognosen, Tod umgehen können.
nonametoo
11.02.2026, 20:34
Insgesamt ist es ein Fach mit Zukunftsperspektive und Fachkräftemangel, sodass man hier schnell den Schritt vom AA zum OA machen kann (dann auch oft außertariflich bezahlt). Assistenzärzte müssen oft keine Dienste machen, da für Notfallbestrahlungen (sehr, sehr selten) ein Facharztstandart nötig ist. Die Dienste sind im Vergleich zu anderen Fächern sehr viel ruhiger, oft als als Rufdienste von zu Hause zu erledigen. Die normale Arbeit am Tag ist jedoch ähnlich stressig wie in anderen Bereichen, wenn auch besser planbar und weniger akut. Bezüglich psychischer Belastung sollte man schon mit Palliativsituationen umgehen können, auch schlechte Nachrichten und Diagnosen zb.neuer Metastasen überbringen steht häufiger an. Es ist auch nicht so selten, dass Patienten zur Bestrahlung geschickt werden nach Tumordiagnose und ihnen keiner vorher ihre Prognose mitgeteilt hat (gerade in Palliativsituationen) oder sie es nicht verstanden haben, sodass man auch solche Gespräche teilweise in der Sprechstunde hat. Selten sieht man auch extreme Befunde mit starken Exulzerationen, Blutungen usw., ganz zart beseitet sollte man da nicht sein.
Am besten du machst mal vier Wochen eine Hospitation und verschaffst dir selbst einen Eindruck. Ein bisschen sucht sich jeder seine Nische, der eine OA betreut gern stationäre Patienten (eher die sehr schwer kranken und/oder mit starken Nebenwirkungen durch Radiochemo/Radioimmuntherapie), der nächste arbeitet gern interventionell und betreut die Brachtherapie, manche spezialisieren sich auf bestimmte Körpergebiete (Gyn, Uro, Hirn, Pulmo usw ). Vorteil finde ich die Interdisziplinarität, weil du wirklich mit allen Körpergebieten zu tun hast. Du bist Experte auf einem Gebiet, von dem die anderen sehr wenig verstehen (wenig Einmischung). Und es ist eine gute Mischung aus sprechender Medizin, Arbeit am PC/Planung im ruhigen Büro und auch klinischer Medizin. Viel Teamarbeit mit Physikern, MTAs, Pflege, aber auch mit Ärzten anderer Fachrichtungen.
Nachteile: wenig Arbeitgeberauswahl wenn man nicht mobil ist bezüglich Umzug, psychisch muss man mit schlechten Verläufen klar kommen.
McLaren422
14.02.2026, 14:46
Insgesamt ist es ein Fach mit Zukunftsperspektive und Fachkräftemangel, sodass man hier schnell den Schritt vom AA zum OA machen kann (dann auch oft außertariflich bezahlt). Assistenzärzte müssen oft keine Dienste machen, da für Notfallbestrahlungen (sehr, sehr selten) ein Facharztstandart nötig ist. Die Dienste sind im Vergleich zu anderen Fächern sehr viel ruhiger, oft als als Rufdienste von zu Hause zu erledigen. Die normale Arbeit am Tag ist jedoch ähnlich stressig wie in anderen Bereichen, wenn auch besser planbar und weniger akut. Bezüglich psychischer Belastung sollte man schon mit Palliativsituationen umgehen können, auch schlechte Nachrichten und Diagnosen zb.neuer Metastasen überbringen steht häufiger an. Es ist auch nicht so selten, dass Patienten zur Bestrahlung geschickt werden nach Tumordiagnose und ihnen keiner vorher ihre Prognose mitgeteilt hat (gerade in Palliativsituationen) oder sie es nicht verstanden haben, sodass man auch solche Gespräche teilweise in der Sprechstunde hat. Selten sieht man auch extreme Befunde mit starken Exulzerationen, Blutungen usw., ganz zart beseitet sollte man da nicht sein.
Die Stellensituation schätze ich nach wie vor als positiv ein, wenn auch nicht mehr so gut wie 2021, wo ich angefangen habe. Grade sind die Zeiten einfach schwer in Deutschland.
Am besten du machst mal vier Wochen eine Hospitation und verschaffst dir selbst einen Eindruck. Ein bisschen sucht sich jeder seine Nische, der eine OA betreut gern stationäre Patienten (eher die sehr schwer kranken und/oder mit starken Nebenwirkungen durch Radiochemo/Radioimmuntherapie), der nächste arbeitet gern interventionell und betreut die Brachtherapie, manche spezialisieren sich auf bestimmte Körpergebiete (Gyn, Uro, Hirn, Pulmo usw ). Vorteil finde ich die Interdisziplinarität, weil du wirklich mit allen Körpergebieten zu tun hast. Du bist Experte auf einem Gebiet, von dem die anderen sehr wenig verstehen (wenig Einmischung). Und es ist eine gute Mischung aus sprechender Medizin, Arbeit am PC/Planung im ruhigen Büro und auch klinischer Medizin. Viel Teamarbeit mit Physikern, MTAs, Pflege, aber auch mit Ärzten anderer Fachrichtungen.
Nachteile: wenig Arbeitgeberauswahl wenn man nicht mobil ist bezüglich Umzug, psychisch muss man mit schlechten Verläufen klar kommen.
Kann ich 1:1 so bestätigen, sehr gut beschrieben. Was mir in den letzten 2-3 Jahren aufgefallen ist: Die Patienten werden von ihrer onkologischen Geschichte her immer komplizierter, immer aufwändiger, immer undurchsichtiger. Die Standardbestrahlungen nehmen immer mehr ab, man sieht immer mehr Fälle, wie man sie bisher noch nicht kannte.
Bei uns nimmt die Patientenzahl stetig zu, sowohl maligne als auch benigne. Ebenso häufen sich katastrophale Befunde und wirklich sehr krasse bildgebende/klinische Befunde. Damit muss man, gerade wenn man in der Ambulanz sitzt, umgehen können, es gibt nicht selten schwere Gespräche. Insgesamt bin ich aber stolz auf mein Fach, da wird den meisten Patienten mit verhältnismäßig wenig Nebenwirkungen gut helfen und auch heilen können. Trotzdem muss man aber auch eine recht hohe Frustrationstoleranz haben.
Rudiologe
17.02.2026, 11:27
Bzgl. der Verdienstaussichten kann ich noch anmerken, dass ein Bekannter von mir sein Uni-OA Tarifgehalt nach Wechsel in ein anderes Krankenhaus und dortiger Tätigkeit als OA und im MVZ kurz mal verdoppelt hat.
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