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Medbrah
28.02.2025, 23:45
Liebe Leute, ich arbeite seit einigen Jahren als Assistenzarzt in der Neurologie an einer Uniklinik und stehe kurz vor der Facharztreife. Das Fach finde ich nach wie vor super spannend. Auch die Tatsache, dass von der Klinikleitung Forschungsarbeit erwartet wird, damit man für die relevanten Rotationen "bevorzugt" wird (a.k.a. sonst macht man den FA in 10000 Jahren nicht), war für mich persönlich nie ein Problem. Ich habe tatsächlich sehr gerne geforscht, sodass mir mittlerweile nur noch 2 Erstautorenschaften zur Habilitation fehlen.

So sehr mir mein Job auch Spaß macht, merke ich langsam: Ich bin leider keine 20 mehr. Dienste oder Wechselschichten, die früher kein Thema waren, stressen mich inzwischen zunehmend – vor allem wegen des unregelmäßigen Schlafrhythmus. Viele meiner Kollegen planen aus genau diesem Grund, nach dem FA einen Praxissitz zu kaufen und sich niederzulassen.

Mein Ziel war eigentlich immer, mich – da ich auf den ganzen BWL-Kram absolut keinen Bock habe – in so einem Fall (a.k.a. wenn ich die Dienste wirklich nicht mehr packe) als Oberarzt in einem kleineren Haus zu bewerben. Mit abgeschlossener Habilitation (was bei mir ein sehr realistisches Ziel ist) könnte ich mir dann vorstellen, mich später als leitender OA oder Chefarzt irgendwo zu bewerben – mit PD-Titel und AT-Vertrag.

Jetzt meine Frage an die Schwarmintelligenz: Was würdet ihr empfehlen? Ich sage euch ganz ehrlich: Mir geht es vor allem darum, dass ich mit Ende 30 am Wochenende oder unter der Woche nachts nicht mehr arbeiten möchte, weil ich mir unsicher bin, ob ich das körperlich noch schaffe. Gleichzeitig möchte ich finanziell das Beste aus meiner Arbeit rausholen. Ein Angestelltenverhältnis in einer Praxis käme daher für mich nicht infrage.

Wäre es realistisch, sich mit Habil und PD als leitender OA oder Chefarzt an einer kleineren Klinik zu bewerben – oder bleibt mir langfristig doch nichts anderes übrig, als mich mit dem BWL-Kram auseinanderzusetzen und mich niederzulassen, da ich kein Prof. vor dem Dr. med. habe?

Bender B. Rodriguez
01.03.2025, 06:22
Es wäre jedenfalls realistisch, sich an einer Klinik auf Stellen als (leitender) OA zu bewerben. Völlig unabhängig von der Habilitation.

Guck doch mal auf der Webpage irgendeines Krankenhauses in deiner Umgebung und such nach den neurologischen OÄ.

Wie viele sind habilitiert?

aschenputtel1977
01.03.2025, 06:41
Beeindruckender Lebenslauf! Ich fürchte nur es gibt keine Klinik mehr in Deutschland die es sich personalmässig leisten kann den Chefarzt aus dem Dienstsystem raus zu lassen. Die Hintergrunddienste fand ich sogar noch anstrengender weil von uns erwartet wurde am nächsten Tag weiterzuarbeiten..... Ich komme allerdings auch aus einem Pädiatrie-Level-1-Zentrum wo wir im Dienst oberärztlich die ITS mit betreuen mussten und da konnte man schlecht die Assistenten mit dem septischen Extremfrühchen oder dem 6jährigen mit dem offenen SHT alleine lassen. Sobald sich mir die Chance geboten hatte, bin ich in die Niederlassung und bereue es nicht.

Medbrah
01.03.2025, 09:21
Es wäre jedenfalls realistisch, sich an einer Klinik auf Stellen als (leitender) OA zu bewerben. Völlig unabhängig von der Habilitation.

Guck doch mal auf der Webpage irgendeines Krankenhauses in deiner Umgebung und such nach den neurologischen OÄ.

Wie viele sind habilitiert?

In den großen Ballungszentren sind viele Oberärzte habilitiert, manche haben sogar einen apl. Prof.-Titel. Im ländlichen Raum sieht es eher anders aus

Medbrah
01.03.2025, 09:23
Beeindruckender Lebenslauf! Ich fürchte nur es gibt keine Klinik mehr in Deutschland die es sich personalmässig leisten kann den Chefarzt aus dem Dienstsystem raus zu lassen. Die Hintergrunddienste fand ich sogar noch anstrengender weil von uns erwartet wurde am nächsten Tag weiterzuarbeiten..... Ich komme allerdings auch aus einem Pädiatrie-Level-1-Zentrum wo wir im Dienst oberärztlich die ITS mit betreuen mussten und da konnte man schlecht die Assistenten mit dem septischen Extremfrühchen oder dem 6jährigen mit dem offenen SHT alleine lassen. Sobald sich mir die Chance geboten hatte, bin ich in die Niederlassung und bereue es nicht.

Jup, genau das will ich mir ersparen. Hast du irgendwann mal einen Kassensitz aufgekauft?

aschenputtel1977
01.03.2025, 11:51
Ja. Nach der Elternzeit :D

davo
01.03.2025, 11:53
Mit deinem Betrag von heute 10.21 Uhr hast du dir ja letztlich selbst die Antwort gegeben, ob dies realistisch ist oder nicht.

Mit dem "BWL-Kram" (und auch mit dem VWL-Kram!) solltest du dich unbedingt auseinandersetzen, ganz egal, ob du LOA, CA oder niedergelassener FA werden willst. Wenn du davon keine Ahnung hast, wirst du in jeder Leitungsfunktion und auch in der Selbständigkeit viel Mist bauen. Zu einer eigenen Praxis gehört es zwingend dazu, sich intensiv mit betriebswirtschaftlichen Aspekten auseinanderzusetzen - sonst wird dir sehr viel Geld entgehen. Auch das mit den freien Wochenenden wird mit eigener Praxis nicht immer möglich sein. Es fällt halt viel Verwaltungs- und Managementkram an, auf den man sich auch mal konzentrieren muss - was nach einem intensiven Tag in der Praxis völlig unrealistisch ist. Wer darauf keine Lust hat, muss halt irgendwo angestellt arbeiten, entweder in einer Praxis, oder in einem MVZ, oder als nicht-leitender FA/OA.

Außerdem wichtig: Ich hab wenig Ahnung, wie es in der Neurologie so ist, aber in der Psychiatrie hat man als niedergelassener Facharzt ein ganz anderes Behandlungsspektrum als an einer Uniklinik. Da müsste man erst mal große Wissenslücken füllen, bevor man im niedergelassenen Bereich als guter Arzt tätig werden kann. Da würd ich dir also empfehlen, erst mal ein paar Tage an einer kleineren Neurologie zu hospitieren, erst mal ein paar Tage in einer neurologischen Praxis hospitieren, um dich mit dem Tätigkeitsspektrum vertraut zu machen, und um zu prüfen, ob das überhaupt eine Tätigkeit ist, die du dir vorstellen kannst.

freestyler
01.03.2025, 20:44
Ich finde der ganze BWL Kram Voraussetzung in der Praxis wird hier überbewertet. Wenn man einen Steuerberater hat und vieles digitalisiert läuft das nebenbei.

Medbrah
02.03.2025, 00:07
Mit deinem Betrag von heute 10.21 Uhr hast du dir ja letztlich selbst die Antwort gegeben, ob dies realistisch ist oder nicht.

Mit dem "BWL-Kram" (und auch mit dem VWL-Kram!) solltest du dich unbedingt auseinandersetzen, ganz egal, ob du LOA, CA oder niedergelassener FA werden willst. Wenn du davon keine Ahnung hast, wirst du in jeder Leitungsfunktion und auch in der Selbständigkeit viel Mist bauen. Zu einer eigenen Praxis gehört es zwingend dazu, sich intensiv mit betriebswirtschaftlichen Aspekten auseinanderzusetzen - sonst wird dir sehr viel Geld entgehen. Auch das mit den freien Wochenenden wird mit eigener Praxis nicht immer möglich sein. Es fällt halt viel Verwaltungs- und Managementkram an, auf den man sich auch mal konzentrieren muss - was nach einem intensiven Tag in der Praxis völlig unrealistisch ist. Wer darauf keine Lust hat, muss halt irgendwo angestellt arbeiten, entweder in einer Praxis, oder in einem MVZ, oder als nicht-leitender FA/OA.

Außerdem wichtig: Ich hab wenig Ahnung, wie es in der Neurologie so ist, aber in der Psychiatrie hat man als niedergelassener Facharzt ein ganz anderes Behandlungsspektrum als an einer Uniklinik. Da müsste man erst mal große Wissenslücken füllen, bevor man im niedergelassenen Bereich als guter Arzt tätig werden kann. Da würd ich dir also empfehlen, erst mal ein paar Tage an einer kleineren Neurologie zu hospitieren, erst mal ein paar Tage in einer neurologischen Praxis hospitieren, um dich mit dem Tätigkeitsspektrum vertraut zu machen, und um zu prüfen, ob das überhaupt eine Tätigkeit ist, die du dir vorstellen kannst.

Jup, in der Neuro ist es auch so, dass gewisse Erkrankungen fast nur ambulant behandelt werden. ;) Wie kann man sich dieses BWL-/VWL-Wissen für die Praxis eigentlich aneignen?

Medbrah
02.03.2025, 00:11
Ja. Nach der Elternzeit :D

Wann wäre deiner Meinung nach der ideale Zeitpunkt, um sich niederzulassen? Und wie macht man sowas überhaupt? Ich habe davon leider null Ahnung, weil ich in meiner Naivität dachte, ich bleibe einfach im Krankenhaus angestellt bis zur Rente. 🙈🙈

hebdo
02.03.2025, 07:43
Das ist kein Hexenwerk. In dem man sich Unterstützung durch Spezialisten holt. Das kostet zwar etwas, aber ohne geht es nicht.

- Ein Jurist für die Vertragsgestaltungen und Überprüfung der Altverträge, insbesondere Miet- und Arbeitsverträge.
- Ein Steuerberater für die betriebswirtschaftlichen Analysen, in den ersten Quartalen sehr enge Zusammenarbeit.
- Eine Bank zu Finanzierung
- Die entsprechende KV unterstützt gerade zu Beginn auch sehr.
- Evtl. eine Abrechnungsberatung zu Beginn. Später bekommt man das auch ohne hin.

davo
02.03.2025, 08:16
Das ist alles sinnvoll und wichtig, aber trotzdem kein Ersatz für eigenes wirtschaftliches Denken. Ein Steuerberater ist kein Unternehmensberater (auch wenn einem manche Steuerberater, die gut sind und viele Ärzte betreuen, viele Tipps geben können). Und eine Bank denkt primär an ihren eigenen Gewinn, ebenso wie die KV.

Man muss sich z.B. laufend mit Änderungen in den Honoraren auseinandersetzen. Man muss sich mit neuen Möglichkeiten auseinandersetzen - ein Hausarzt ohne wirtschaftliches Denken hätte z.B. die Chancen durch eine VERAH gar nicht oder erst mit deutlicher Verzögerung begriffen. Oder mit Telemedizin. Oder mit Investitionsentscheidungen - z.B. Kauf vs. Miete eines Geräts. Oder mit dem Ertragspotenzial einer zusätzlichen Untersuchungsmethode. Oder mit Vor- und Nachteilen und wirtschaftlichem Wert einer Online-Terminbuchungsplattform. Uvm.

Die Arbeit macht auch weniger Spaß, wenn man solche wirtschaftlichen Fragestellungen als mühevolle Last erlebt, oder einfach nur versucht, sie zur Gänze an Externe abzugeben, die nicht dieselben Anreize haben wie man selbst. Sinnvoller ist es, wenn man sich damit auseinandersetzt, und so eine beginnt, selbst Freude am wirtschaftlichen Denken zu gewinnen.

Und natürlich ist es kein Hexenwerk. Aber wenn man schon mit der Einstellung, BWL-Kram (mit der Verwendung dieses Begriffs fängt es ja schon an!), darauf hab ich null Bock, an die Sache herangeht, wird es schwer werden.

Am sinnvollsten ist es IMHO, wenn man mal ein Jahr in einer Praxis mit einem wirtschaftlich kompetenten und engagierten Praxisbesitzer, der auch bereit ist, einem einen Einblick in diese Dinge zu gewähren, verbringt. Idealerweise sollte der natürlich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch medizinisch kompetent und engagiert sein - damit man auch gleich mitbekommt, wieviele Zielkonflikte es da gibt, und wie man mit diesen sinnvoll umgehen kann. Schon alleine in Sachen Praxisorganisation wird man in dieser Zeit etliche wichtige Dinge lernen, mit denen man sich an der Uniklinik nie auseinandergesetzt hat. Und dann lernt man auch gleich, sich mit jenen Krankheitsbildern auseinanderzusetzen, die man (fast) nur in der Praxis antrifft.

anignu
02.03.2025, 13:09
Die Arbeit macht auch weniger Spaß, wenn man solche wirtschaftlichen Fragestellungen als mühevolle Last erlebt, oder einfach nur versucht, sie zur Gänze an Externe abzugeben, die nicht dieselben Anreize haben wie man selbst. Sinnvoller ist es, wenn man sich damit auseinandersetzt, und so eine beginnt, selbst Freude am wirtschaftlichen Denken zu gewinnen.

Und natürlich ist es kein Hexenwerk. Aber wenn man schon mit der Einstellung, BWL-Kram (mit der Verwendung dieses Begriffs fängt es ja schon an!), darauf hab ich null Bock, an die Sache herangeht, wird es schwer werden.
Das seh ich nicht so.

Ich bin der Meinung jeder sollte für sich selbst verstehen was er kann, wo seine Stärken liegen usw. Und daraus dann überlegen was er/sie will. Und wenn man sich bei BWL-Kram schwer tut, sollte man das verstehen und sich entsprechende Hilfe suchen. Und ggf. Berater. Und was weiß ich. Aber statt dass man sich selbst überlegt ob sich etwas rechnet und ob z.B. eine VERAH wirtschaftlich Sinn macht, kann einem auch ein Berater das aufzeigen. Da muss man sich nicht selbst unbedingt damit beschäftigen. Man muss sich da aber wiederum klar werden dass Berater auch Geld kosten...

Das ist wie im Haushalt. Natürlich macht es Sinn wenn man selbst Lampen aufhängen kann und nicht für jede Lampe einen Elektriker rufen muss. Aber wenn es so ist, dann isses halt so. Und Lampen aufhängen ist da jetzt nur ein kleines Beispiel. Manche holen sich eine Putzfrau, andere einen Innenarchitekten der sich überlegt wie man die Möbel platziert, wieder andere lassen die gesamte Altersvorsorge ihren Vermögensberater machen usw... Alles Dinge die man selbst machen kann oder könnte, aber manches macht mehr Sinn es zu machen und anderes nicht. Und wenn man Dinge nicht mag kann man sie externalisieren. Indem man sich beispielsweise Praxismanager in die Praxis holt die diesen ganzen BWL-Kram für einen machen.

hebdo
02.03.2025, 13:17
Heutzutage muss man sich schon als Assistenzarzt mit BWL-Kram auseinandersetzen und bekommt DRG-Schulungen zur Dokumentation - über die OA und CA-Ebene muss man gar nicht sprechen.

Ich glaube auch, dass es absolut sinnvoll ist sich in ein oder zwei Praxen anstellen zu lassen um zusehen, ob der ambulante Bereich passt. Dabei kann man auch Einblicke in den wirtschaftlichen Teil bekommen.

Aber im Endeffekt ist für die medizinische Niederlassung eine Schmalspur-BWL austeichend. Klar kann man momentan die Situation in 10 Jahren schlechter abschätzen, aber die Absatzseite ist in der Medizin das kleinere Problem.

Mit einem guten Berater kann man Aufwand und Ertrag gut abschätzen; sprich Investitionssumme X über 10 Jahre benötigt nach dem aktuellen Stand Y Patienten pro Tag entspricht Z Stunden Arbeit pro Woche mit einem bestimmten Ertrag. Da bleibt viel Gestaltungsspielraum. Das größte Problem aktuell ist wahrscheinlich die Personalbeschaffung.