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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Arbeitsbedingungen in Reha-Kliniken (der DRV)



Voralpenland
08.03.2025, 12:15
Ich suche nach einer weniger stressigen Alternative zu Krankenhäusern der Akutversorgung und denke daher über einen Berufseinstieg in einer Reha-Klinik nach. Dort könnte ich zwei Jahre lang in der Inneren Medizin oder Neurologie arbeiten, um Weiterbildungszeiten für andere Fachrichtungen wie Allgemeinmedizin, den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) oder die Arbeitsmedizin zu sammeln.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Reha-Kliniken gemacht? Was könnt ihr über das tägliche (und nächtliche) Stressniveau, die Qualität der Lehre, das Angebot an Fortbildungen, die Arbeitsatmosphäre und die Gehaltsstruktur sagen? Wird die Arbeitserfahrung in einer Reha-Klinik überhaupt als Weiterbildungszeit anerkannt?

Wie schwierig war für euch der Wechsel von einer Reha-Klinik in ein Akutkrankenhaus, eine Praxis, den ÖGD, die Arbeitsmedizin oder die Pharmaindustrie?

Auch die Deutsche Rentenversicherung betreibt einige Reha-Einrichtungen. Meint ihr, dass dort bessere Arbeitsbedingungen herrschen als bei anderen Trägern, da die DRV finanziell besser aufgestellt ist und weniger profitorientiert handelt als kommunale Träger oder private Konzerne?

Ich bin Berufseinsteiger und habe in Deutschland studiert. Danke für eure Hilfe.

abcd
09.03.2025, 07:17
Wird die Arbeitserfahrung in einer Reha-Klinik überhaupt als Weiterbildungszeit anerkannt?
Wenn es einen Weiterbildungermächtigten gibt, ja.

die Qualität der Lehre, das Angebot an Fortbildungen, die Arbeitsatmosphäre und die Gehaltsstruktur
Das kommt auf die Klinik an.
Bei uns gute Arbeitsatmosphäre, an 4 von 5 Tagen eine Fobi und VKA-Vertrag. (Neuro Betten Phase B>C>D)

tägliche (und nächtliche) Stressniveau
Die Belastung im Dienst schätze ich durch fehlende Betreuung einer Notaufnahme niedriger ein.
tägliches Stressniveau: Kommt darauf an, was Du als Stress empfindest. Je nach Rehaeinrichtung, Fachgebiet gibt es große Unterschiede.

cardiodexter1
09.03.2025, 21:01
Kann bestätigen aus der Erfahrung aus der Neuro-Reha: Sehr große Variabilität in den meisten Punkten.
- Stressniveau: da keine ZNA und ITS, natürlich nicht diese Art von Stress, aber bei einer großen Anzahl schwerkranker Pat. (z.B. onkologische oder Z.n. ICB usw) kann es auch zu Krisen kommen, plus möglicherweise eine gewisse Belastung durch eine Vielzahl zu schreibennder DRV-Berichte (Beurteilung der Arbeitsfähigkeit).
- Apropos: Das ist eben Sozialmedizin und ehrlicherweise kann das auch ziemlich interessant sein, wie Sozialversicherungsträger ticken und wie die Beurteilung von Leistungsfähigkeit eigentlich funktioniert (ist aber sicher Typ-Sache, ich fands cool zu lernen, bin aber nicht längerfristig dabei geblieben)
- Stress nachts: aufgrund o.g. Punkte auch eher geringer. Aber Cave, man munkelt es gibt Häuser, die arbeitsrechtswidrig eine Anwesenheit nach 24h-Dienst fordern (also nach einem 24h-Anwesenheits/Vordergrund-Dienst)...
- Gehalt: Ich persönlich musste in mehrere "Verhandlungsrunden" mit HR und CA, bis ich gerade mal VKA-Tarif erhielt, naja...
- Wechsel woanders hin kein Problem, Erfahrung ist Erfahrung (und den ganzen Basiskram wie RR / Schmerzen / Pneumonie usw. lernt man auch unabhängig von der Reha-Fachrichtung, tendenziell eher kranke Pat. haben eben weitere klassische Krankheitsbilder

Rudiologe
10.03.2025, 10:40
Neurologische Phase B Reha kann im Dienst extrem stressig werden. Viele schwer kranke und teils beatmete Patienten, viele (zu) frisch von ITS. Nachts im Dienst ist man dann ggfs. der einzige Arzt im ganzen Haus und diagnostisch steht oftmals nur eine BGA zur Verfügung, also keine Bildgebung, kein Akutlabor etc. Ich würde das nicht nochmal machen. Phase C und D sind natürlich etwas anderes, wobei man in einer Phase D Reha kaum etwas lernt außer schnell tippen.

Speranza100
10.03.2025, 17:04
Kann das was Rudiologe schreibt bestätigen. Habe auch mal 1,5 Jahre in einem Haus gearbeitet mit Phase B Betten der "Neuro"Frühreha, war quasi ein direkter Abfluss von den Intensivstationen (Stichwort Critical Illness Polyneuropathie) deswegen setze ich das in Anführungszeichen mit "Neuro" und fand es teilweise im Dienst grenzwertig. Die Patienten dann zurück zu verlegen, wenn vital bedroht oder akut war sehr zeitaufwendig und mühsam, da sie ja "bereits im Krankenhaus sind". Und man ist in der Regel dann nachts für das ganze Haus alleine zuständig. Ich hatte auch nur ein BGA Gerät. Ich bin an den DIensten gewachsen aber ich hätte sie mir nicht zugetraut ohne vorher AKutmedizin gemacht zu haben.
Insgesamt war die Arbeit tagsüber deutlich besser planbar natürlich wegen geplanter Aufnahmen/Entlassungen. Wenn man sich da ordentlich strukturiert macht man kaum Überstunden aus meiner Sicht.

cardiodexter1
10.03.2025, 20:29
Ah stimmt, Ergänzung zu Rudiologe und Speranza: bei Neuro hängt es total von der Phase ab. Wir hatten nur C und D und gerade Phase D sind i.d.R hochfunktionale Patienten mit umschriebenen Einschränkungen, da steht eben der sozialmedizinische Aspekt im Vordergrund (Stichwort Reha vor Rente).
Im Dienst gabs jarnüscht, auch keine BGA. Auch irgendwie einfach weil dann einfach alles verlegt wurde (lol)

abcd
12.03.2025, 16:42
Neurologischer Phase B Dienst kann aber auch ruhig sein - trotz Intensivstation mit Beatmung. Und Dienste in der AHB mit selbstständige Rehabilitanden nervig: Sonntags Probleme mit denen man keine Bereitschaftspraxis am WoE aufsuchen würde.

Rudiologe
13.03.2025, 20:06
Ich hab in meiner Neurozeit in einer Rehaklinik mit Phasen B, C und D gearbeitet. Die Phase D war im Obergeschoss, da war aus Personalmangel nachts nichtmal eine Krankpflege sondern nur eine Reinigungskraft. Deren Aufgabe war es, nachts zu putzen und den Dienstarzt zu rufen im Notfall (true story). Als Dienstarzt hatte ich einen Pieper, der entweder kurz gepiept und eine Nummer angezeigt hat, die man dann eben zurückgerufen hat. Und es gab den Notfallpieper, der hat einen Höllenlärm gemacht und dann musste man zu der anzeigten Etage laufen, weil das in den meisten Fällen Dinge wie Reanimationen waren. In einem Dienst bin mal mit "Notalarm Phase D" aus dem Schlaf gerissen worden, und als ich oben angekommen war, stand (!) da ein Patient relativ seelenruhig mit Rückenschmerzen vor seinem Bett und die Putzfrau meinte "der hat aber gesagt, dass er wirklich starke Schmerzen hat". Das war auch in 12 Monaten das einzige mal, dass ich nachts überhaupt auf der Phase D war.

Aoiyuki
16.03.2025, 20:14
Hi, ich habe in einer onkologischen Reha gearbeitet. Dienst war von 8 - 16.30 offiziell und es gab Spätdienste von 12.00 - 20.30. Einmal im Moment hat man Visitendienst von 08.00 - 14.00 gehabt. Vorher war ich in der Akutklinik gewesen. Bei uns war es so, dass es drei feste Aufnahmetage gab für die Patienten. Am Tag hat man also so 3 Patienten aufgenommen. Visiten waren einmal pro Woche für den Patienten (ca. 15 Min), für das Abschlussgespräch hatte man 15 Min. Jeden Tag gab es noch die Arztsprechstunde für ein Zeitfenster von 30 Min. Ich war auf einer Station, wo wir im besten Falle zu fünft für insgesamt 80 Patienten zuständig waren. Im schlechtesten Falle in der Urlaubszeit waren wir auch nur schon mal zu zweit. Da ich auch die Arbeit in der Notaufnahme kenne, war das auf jeden Fall schon mal viel besser. Man muss aber viel mehr für die Patienten organisieren und wirklich mehr im Blick haben, auch was so die Sozialmedizin angeht. Wir haben auch die Wiedereingliederungen für die Patienten gemacht. Wenn man irgendwann den Dreh raus hatte ging es soweit vom Arbeitspensum. Aber wie gesagt, wenn die Besetzung schlecht ist, dann war es auch sehr stressig und ich war dann auch, wo wir zu zweit waren, immer bis 18.00 -19.00 da, um noch die Briefe zu schreiben. Diese sind aber im Wesentlichen nicht so komplex. Wenn die Besetzung gut ist, kommt man pünktlich raus. Aber die Zeiten, wo die Reha auch eine Reha für Ärzte war, sind leider vorbei, gemäß dem Chef. Also habe ich quasi so 20 - 30 Patienten betreut, im schlechtesten Falle war ich auch mal für 80 für die Station zuständig. Es sind dann oft so Kleinigkeiten, die mal anfallen. Und wenn einmal etwas wie ein Notfall passiert, ist dein ganzer Tag im Eimer. Die Pflege ist auch nicht so ganz fit in den Notfällen, es ist quasi wie auf der Straße. Aber Basislabor usw haben wir auch alles gemacht. Vorteil war auch, dass wir an der Uniklinik angegliedert waren und Notfälle rüberschicken konnten, wir waren also nicht irgendwo im Nirgendwo.

Alles in allem ist es aber auf jeden Fall von den Bedingungen besser gewesen als in der Akutklinik und 1000mal besser als Notaufnahme!!! Gerade, wenn man davon mal eine Pause braucht.

Es gab auch Berufsanfänger, ist also prinzipiell möglich, in einer Reha zu arbeiten, wenn man noch nicht so viel Erfahrung hat.

Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen, bei Fragen gerne melden.

LG

Nilani
18.03.2025, 21:23
Ich hab in einer DRV-Klinik gearbeitet, öffentlicher Dienst, bin jetzt zu einem großen Konzern gewechselt (kompletter Ortswechsel über 500 km). Verdienst war so mäßig, wir hatten einen TV, aber der ist echt schlecht, unter VKA.
Stressbelastung ist unterschiedlich. Als wir letztes Jahr extrem Personalmangel hatten, haben sie die Patienten runtergefahren, damit die verbliebenen nicht so überlastet sind, das scheint in meiner jetztigen Klinik gar nicht denkbar.

Achja, Fachgebiet Orthopädie und Rheumatologie. Ich fand die Rheumaklinik spannender, eigenes Labor, man hat immer mal Rheumatiker rausgefischt, Sono, Akupunktur, man. Therapie, man konnte sich gut "austoben". Die Pat. waren mehr oder weniger fit, klar kam auch der eine oder andere chronische Rücken dazu, aber waren alles DRV-Pat., also Leute im Arbeitsleben. Jetzt in der reinen Ortho kommen viele Ü70 bis Ü90 nach Knie- und Hüft-TEP, die sind halt kranker, da kann in den Diensten auch mal mehr los sein, aber längst kein Vergleich zur Akutklinik, wo ich in manchen Nächten kein Auge zubekommen habe. Labor nur bei den OP-Pat. und das wird nach extern geschickt, in der Regel nur das Nötigste.

In beiden Kliniken hat man so um die 24 (Idealfall) bis 35 Pat. zu betreuen, mehr waren es eigentlich nie und so viel auch nur, wenn gerade viele fehlen. In der neuen Klinik (seit Jan.) gibt's zwar auch keine elektronische Zeiterfassung, aber wir schreiben jeden TAg die Dienstzeiten auf, Überstunden werden zeitnah mal ausgeglichen mit freien Tagen, es gibt aber auch eine Art Arbeitszeitkonto, wo man flexibel auch mal Termine nutzen kann.

Gut wäre halt, wenn man sich mit dem System Reha anfreundet ... ewig lange Briefe, aber so eine Reha hat eben auch Vorteile für die Pat. und eine Chance. Ich hab sowohl für Aufnahme, als auch für Abschluss jeweils 1h, in der Klinik vorher war es 1h und 30 min, wobei da halt auch der Schreibkram drinsteckt. Ich mach inzwischen auch den Reha-Facharzt (dafür braucht man inzwischen aber 2 Jahre Akut-Medizin, Innere und Chirurgie). Wir haben zur Zeit als Assistenzärzte fast nur ausländische Berufsanfänger, aber vielen geht es so (also mir z.B. auch, nicht nur den Anfängern), dass man sich einen Wechseln in die Akutklinik danach nur schwer vorstellen kann, wenn man es erstmal etwas ruhiger hatte. Ich mag Reha inzwischen, hab mich dort arrangiert, kann mich engagieren, wenn ich möchte und ich habe hier Zeit für Patienten, die ich draußen nicht habe. Im Übrigen fand ich es selbst ganz hilfreich, etwas Ahnung von dem zu haben, was mit den Pat. ist. Also paar Hüften und Knie mit zu operieren, schadet sicher nichts. Aber wie gesagt, wir haben jetzt viele Anfänger, es geht auch so.
Falls du noch was näheres wissen möchtest, kannst du dich gern melden

Achja, Arbeitszeit 8 bis 16.30, ab dann Dienst. Gibt auch einige, die arbeiten 7.30 bis 16 Uhr, spätestens um 9 sollten wir, da wir alle von 9 bis 9.30 eine offene Sprechstunde anbieten, danach ist Frühbesprechung um 9.30 Uhr. Dienste in der aktuellen KlLinik (Konzern) 24h, danach regulär dienstfrei. In der DRV-Klinik bis 2023 24h Dienst und dann weiterarbeiten ("man schläft ja sowieso"), seit Januar 2024 mussten wir nach den 24h nach Hause gehen, wurde aber als Minus-Stunden gewertet, die wir wieder rausarbeiten mussten.