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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Als ,,Oldie" und Mama: Karriere in die Pfanne gehauen?



Lenadrenalin
22.03.2025, 20:31
Hallo liebes Forum!
Ich habe in den letzten Wochen wieder viel über meinen medizinischen Werdegang in Zukunft nachgedacht und brauche vielleicht mal aufmunternde Worte oder das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Zu mir: als ,,Oldie" spät mit dem Studium begonnen, mit 34 vor bald 2 Jahren abgeschlossen, 2 Kinder (6 und 3), Bislang 1 Jahr Weiterbildung gesammelt (durch Teilzeit dauert das sammeln leider..).
Ich liebe meine Familie, will sie nicht missen. Würde es auch immer wieder so machen (also Familienplanung vor die Karriere stellen). ABER.. manchmal fällt es mir doch schwer, zu akzeptieren, dass meine Facharztweiterbildung durch die Teilzeit noch lange dauern wird, in meinem Alter gibt es schon Oberärztinnen. Ich arbeite noch 30 Jahre, also eigentlich könnte es mir egal sein, aber ab und an bin ich doch zu verkopft und ärgere mich drüber, dass es doch auch insgesamt nicht immer leicht ist, Familie und Karriere in der Medizin voranzutreiben.
Mein Mann reist beruflich immer mal wieder, hat auch schon reduziert, aber Vollzeit kommt für mich nicht in Frage.

Jaja hätte wäre, mir kann keiner mit dem ,,Problem" helfen, aber vielleicht gibt es Gleichgesinnte?
Wie gehen hier die anderen Oldies und Muttis/Vatis in der Assistenzarztzeit damit um?

Kackbratze
22.03.2025, 22:59
Ich liebe meine Familie, will sie nicht missen.

Damit ist doch Alles gesagt.
Einfach mal umschauen, was 30jährige Oberärztende so im Privatleben haben. Das Gras mag immer auf der anderen Seite grüner sein, wenn ich mich umschaue, finde ich da zumeist das andere Ende der Leine mit dringendem Wunsch nach Familie ohne saubere Möglichkeit es umzusetzen. Sicherlich, in der Chirurgie mag es noch schwerer sein, "Karriere" und Familie unter einen Hut zu bringen. Ohne eine sehr leidensfähige Familie wäre das bei mir auch nicht möglich, aber die nächste Frage ist doch
"was ist Karriere" für dich?
Die Oberarztstelle? Eine sichere Anstellung aus der heraus Du deine Familie optimal versorgen und unterstützen kannst? Eine eigene Praxis?

Das blinde "der Andere hat es aber besser als ich, weil XXX"-hinterherlaufen ist doch eher was für junge Leute dich nicht wissen, was sie wirklich im Leben für Prioritäten haben.
Im Übrigen gibt es keinen Job bei dem nicht entweder die Familie oder die ultimative Karriere in irgendeiner Form leiden, wenn man Beides will. Das ist nicht nur in der Medizin so.

Die Weiterbildungszeit wird bei Dir so lange dauern, vielleicht gibt es Anpassungsmöglichkeiten, wenn die Kinder älter sind oder sich andere Optionen auftun, bis dahin ist es doch positiv zu sehen, dass Beides scheinbar klappt.

Anne1970
24.03.2025, 07:03
Stimme Bratze mehr als zu! Man kann die Leben verschiedener Menschen schlecht vergleichen. Du hast das Studium mit kleinen Kindern erfolgreich abgeschlossen; das allein ist schon eine Lebensleistung! Das hat jetzt schon nicht nur dein Leben sondern auch das deiner Kinder in eine ( wie ich denke) positive Richtung gebahnt. Mit kleinen Kindern die WB zu organisieren ist eine Herausforderung und nötigt mir großen Respekt ab. Das ist ein Wert an sich! Möglicherweise kannst du das nicht immer sehen, das ist ein guter Grund, selbstbewusst zu sein. Sieh zu, dass du dir fachlich- inhaltlich eine Expertise aufbaust; das können kleine Schritte sein, aber achte darauf, Fortschritte zu machen. Du kannst dich m.E. gern vergleichen: Aber mit dir selbst! Dein „Ich“von vor 3 Jahren mit dir heute, z.B.; was hast du nicht alles geschafft, oder? Man kann eine tiefe Zufriedenheit auch dadurch gewinnen, dass man sich selbst weiterentwickelt. Werde der die Ärztin die du für dich /für deine Lieben haben wolltest, wenn die einen/eine benötigten, jeden Tag ein wenig mehr. Setz dir kleine Ziele. Such das Gespräch mit dem/der Weiterbilder/in, das mag dir helfen zu sehen, wo du stehst. Plane, welche Kompetenzen und Fertigkeiten du erlangen kannst und solltest.
Zudem: du bist als Ärztin in WB ja finanziell auch in Teilzeit (hoffentlich mit Tarifvertrag) nicht ganz schlecht gestellt, oder? Und jedes Jahr kommen ein paar Kröten dazu, während du ins Versorgungswerk regelmäßig einzahlst. Irgendwann sind die Kinder groß, dann kannst du mehr arbeiten, mehr Geld verdienen.
Ich denke, dein Ziel ist doch derzeit Facharzt-REIFE und nicht eine Position in der Hierarchie ( Oberärztin) . Millionen von Kolleginnen und Kollegen werden nie Oberärzte werden: weil sie sich fachärztlich niedergelassen haben :grins:.
Wenn du merkst, dass du aus den oben (mir etwas negativ erscheinenden) beschriebenen Gedanken nicht rauskommst: such dir jemanden, mit dem du sprechen kannst: das kann jemand Aussenstehender sein (supervisor- mäßig) oder ein Mentor/Mentorin. Sei im Wettbewerb, ja! Aber mit deinem Ich von gestern :-)

Anne1970
24.03.2025, 07:20
Noch eine Ergänzung für alle Ärztinnen:
Der Dt. Ärztinnen-Bund beschäftigt sich sehr mit der Thematik dieses Threads, ist in ganz Deutschland niederschwellig organisiert: Guck mal auf die Seite:
https://www.aerztinnenbund.de/Karriere.0.361.1.html
Es gibt auch spezielle Netzwerke z.B. die Chirurginnen - https://chirurginnen.com/
oder die Neurologinnen - https://neurologinnen-netzwerk.com/
möglicherweise auch in deinem Fach

Hier gibts noch eine Übersicht von Mentorinnen-Programmen
https://www.marburger-bund.de/bundesverband/themen/junge-aerztinnen-und-aerzte/mentoringprogramme

mbs
24.03.2025, 20:13
Ich kenne gute Leute, die einfach nur ihren Papierkram nicht geregelt kriegen und deshalb keine formalen Fortschritte machen, obwohl sie alles können. Oder die chronisch krank sind und bei denen das bloße Überleben und überhaupt arbeiten können schon als "übermenschlich" betrachtet werden muss, trotz Studienbeginn vor dem 20. Lebensjahr. Man kann es immer noch in den Sand setzen, jederzeit, sein Leben lang. Oder ein erfolgreicher Karrieremediziner, der Alkoholiker wird, einen schweren Unfall hat, und es nicht mehr schafft "aufzustehen". Aber das definiert dich nicht. Für den Arbeitgeber bist du nicht mehr als Schwungmasse, Inventar, das im Zweifel durch was leistungsfähigeres und angepassteres, also "besseres" ersetzt wird. Das verschlissen und ausgetauscht wird. Daran kannst du dich nicht messen - die wahren Werte, die dich definieren liegen woanders.
Wenn das für dich deine Familie ist, dann ist es immer noch besser etwas später einen weiteren Titel auf dem Schild zu haben; als erst zu spät auzuwachen und mit nichts dazustehen, obwohl man alles einmal hatte. Es gibt nichts Schlimmeres als das letztgenannte.
Vergleiche dich nie mit anderen - andere Ausgangsbedingungen, anderer Verlauf, und anderes Ende. Vor allem das letzte ist und bleibt bis zum Ende das einzige Fragezeichen, und die Antwort überrascht dann vielfach enorm. Erst dann hat man das "Ergebnis", nur leider ist es dann immer zu spät. Für alle übrigens.

Du kannst deinen Weg nur für dich selbst definieren, denn letzten Endes bist du diejenige, die ihn gehen muss.

Espressa
24.03.2025, 20:32
Am Ende ist es nur ein Job. Manche, die nichts anderes haben, machen daraus ihren Lebensinhalt.
Klar, in WB ist man noch etwas mehr eingeschränkt als später; was eben beschäftigungsort, Dienste etc. angeht. Aber wenn du eine Stelle hast die dir behagt, ist es letztlich egal!
Mach dir nicht zu viele Gedanken. Genieße deine Kinder, die Zeit kommt nicht wieder.
Mich persönlich hat „Karriere“ nie gereizt, bin jetzt als Mutter niedergelassen und hab zwar komfortable Randbedingungen. Vermisse aber manchmal den kollegialen Austausch - du wirst davon nur umso länger profitieren. Hat auch wieder Vorteile.

crossie
25.03.2025, 11:02
Mir geht es ähnlich. Ich habe nach meinem ersten Leben (BWL-Studium und sieben Jahre Arbeit in der freien Wirtschaft) mit 31 Jahren das Medizinstudium angefangen und bin 2018 als Anästhesie-Assi ins Arztdasein gestartet.
2020 kam dann Kind 1 und 2021 Kind 2. Ich habe dann auf Teilzeit reduziert, bin der Familie wegen von meiner Traumklinik an ein provinzielles Haus gegangen, mit dem ich auch nach nunmehr drei Jahren nicht wirklich warm werde, fühle mich aber trotzdem in allen Lebensbereichen insuffizient und kriege das auch von Job („können Sie nicht wieder auf 100% erhöhen“) und Familie („da bist Du ja wieder nicht zuhause“) regelmäßig so gespiegelt. Dass ich regelmäßig auch an den eigenen Ansprüchen scheitere trotz subjektiv maximaler Anstrengungen muss ich sicherlich nicht erwähnen.

Ich denke gerade die Medizin ist durch den – wenn man seine Arbeit ernst nimmt - ständigen (Weiter-)bildungsbedarf und die Schichten/Dienste ausgesprochen familienfeindlich. In meinem ersten Job als BWLer hatte ich einen geregelten 9 to 5 Job mit immer freien Wochenenden und Nächten und musste bis auf irgendein random Seminar im Jahr nichts weiter investieren. Jetzt in der Medizin hab ich trotz 80% Stelle irgendwas um 130% Arbeitszeit und muss mich regelmäßig belesen und weiterbilden.

Ich habe eine Kollegin, die ist ähnlich alt wie ich, hat zwei Monate nach mir approbiert und hat weder Partner noch Kinder. Die legt eine mega steile Karriere hin, lebt praktisch mein berufliches Traumleben und ich gucke regelmäßig sehr neidisch auf sie. Ich weiß aber, dass sie mit ihrem Leben mindestens genauso unzufrieden ist wie ich mit meinem. Mein Chef- und ein Oberarzt haben trotz Familie eine beeindruckende Karriere hingelegt – dadurch aber auch ihre Familien geschrottet, was beide auch zugeben und zumindest teilweise bereuen.

Ich für mich habe noch keinen gangbaren Weg gefunden um damit vernünftig umzugehen, momentan lebe ich nach „durchhalten und hoffen, dass es besser wird – irgendwann“. Ich denke am Ende kommt es im Grunde auf das eigene mindset an. Ich bin deutlich defizitorientiert und versuche mich gerade eher in Richtung ressourcenorientiert zu entwickeln.

Lenadrenalin
25.03.2025, 13:19
Vielen Dank für eure Ansichten, Erfahrungen, Meinungen..!
Es tut gut zu lesen, dass es anderen ähnlich geht.
@crossie: dein Empfinden teile ich zu 100%. Ich habe schon das Gefühl, meine Kinder mitzukriegen. Nicht allzu viel zu verpassen, durch die Teilzeitstelle.
Aber ehrlicherweise habe ich eben nicht die Zeit (und ja, auch nicht den Nerv, abends um 22 Uhr noch Fachbücher zu lesen, weil ich einfach müde bin vom Alltag) mich fachlich groß weiterzubilden. Ganz ehrlich kann ich meine Traum,,weiterbildung" mit meiner Familie so auch nicht umsetzen, mein Job und evtl auch endgültige Fachwahl ordnet sich der Vereinbarkeit mit Familie unter. Das ist bei anderen ja auch ganz anders..

Es funktioniert ganz gut so wie es ist, aber es frustet mich, dass entweder medizinische Weiterbildung oder eben doch die Familie zu kurz kommt.
Ich mache den Job gerne, komme aber dennoch immer wieder an die Grenzen, von fehlender ,,me-time" eh mal abgesehen :D
Man kriegt halt immer suggeriert, man braucht so früh wie möglich den Facharzt, besseres Gehalt, bessere Verhandlunsposition usw - davon bin ich meilenweit entfernt.

Vielleicht muss ich mir wirklich immer wieder sagen, dass das in 20 Jahren keine Rolle mehr spielt und das Gras auch nicht immer grüner ist auf der anderen Seite, aber ja. Fällt mir nicht so leicht, zugegebenermaßen.

Kackbratze
26.03.2025, 13:03
Man kriegt halt immer suggeriert, man braucht so früh wie möglich den Facharzt, besseres Gehalt, bessere Verhandlunsposition usw - davon bin ich meilenweit entfernt.

Dein Facharztgehalt entspricht dem Tarifgehalt in 90% der Fälle, damit weisst Du auch jetzt schon, was die Zukunft als Facharzt bringt.
Einer besseren Verhandlungsposition gegenüber der Verwaltung bei wasauchimmer sind 90% der Fachärzte auch entfernt, weil (wenn man die aktuelle Stellensituation in anderen Threads und der Realität anschaut) gerade nix eingestellt wird sondern gekürzt wird. Was man da verhandeln will ist mir zwar schleierhaft, aber ich kann nur für mein Klinikumfeld sprechen.

Dementsprechend schau lieber auf deine Familie als auf das Gras auf einer imaginären Weide. :-meinung

davo
06.04.2025, 19:25
Vorab: Wenn du das Studium mit 34 abgeschlossen hast, und derzeit 36 bist, bist du vieles, aber definitiv kein Oldie.

Für mich klingt dein Problem tatsächlich rein gedanklich - das ist dir offenbar auch selbst bewusst, denn du hast ja nicht umsonst Problem in Anführungszeichen geschrieben.

Du hast eben mehr in deinem Leben als viele andere - du hast eine Familie, hast den Wunsch, Teilzeit zu arbeiten. Und warum muss man in der Medizin eine "Karriere" vorantreiben? Du wirst mit Zeitablauf mehr oder weniger automatisch Fachärztin sein, und wirst danach automatisch eine Facharztstelle bekommen. Was ist daran schlecht, oder schlimm? Es ist ein Job, der interessant ist, der einem ein Einkommen verschafft - aber kein alleiniger Lebensinhalt oder Sinn im Leben.

Du hast dich für deinen höchstpersönlichen Lebensweg entschieden - und jede Entscheidung für etwas ist immer auch eine Entscheidung gegen etwas. Alles zu haben ist nicht möglich - aber auch gar nicht nötig.

Wäre es denn wirklich besser, eine 33-jährige Oberärztin zu sein, die außer ihrer Arbeit nichts im Leben hat? Außerdem hatte die ja auch gute Gründe, sich für ihren Weg zu entscheiden - für sie passt ihr Weg, für dich passt dein Weg. Menschen sind unterschiedlich, Lebenswege sind unterschiedlich. Solange man einen geht, der einen glücklich macht, ist doch alles gut.

Wenn du es als Kränkung empfindest, dass eine jüngere Frau eine höhere Position innehat, etwas mehr Geld verdient, sagt das etwas über dein innerpsychisches Funktionieren aus - aber nicht darüber, dass diese weiter wäre als du, oder ein besseres Leben hätte als du.