Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Selbsterfahrung online
rennmaus123
12.04.2025, 19:34
Ich bin aktuell in meinem letzten Weiterbildungsjahr in der KJP und bin auf der Suche nach einen Selbsterfahrungskurs online, um meine Stunden zu vervollständigen. Kennt jemand da zufällig einen Anbieter?
Den einzigen Anbieter, den ich online finden ist, ist die APP Köln, da passen die Termine aber leider nicht.
Danke für eure Hilfe :)
turaBu12
12.04.2025, 21:21
Ist das KJP-spezifisch? Sind das andere Formalia als bei Psychiatrie?
Ernsthaft? Wie willst du dich denn online selbst erfahren?
Warum soll dass nicht genauso gut funktionieren können wie Psychotherapie per Videosprechstunde?
Und manchmal gibt es für Online gute Gründe. z.B. wenn die Verfügbarkeit vor Ort nicht gegeben ist oder man so gebunden ist, dass man nicht an einem längeren Kurs teilnehmen kann.
Mein Jahr Selbsterfahrung hat damals bedeutet, dass ich ein Wochenende im Monat nur mit der Familie zusammen verbracht habe, da ich ein We durch die Selbsterfahrung komplett weg war und an den anderen beiden We gearbeitet habe, weil es Betreuungstechnisch nicht anders ging. Für Familien mit kleinen Kindern kann das ein erheblicher Organisationsaufwand bedeuten. Da braucht es dann einen leidensfähigen Partner, der das mitträgt. Mag man vielleicht nicht verstehen, wenn man ungebunden ist und die Arbeit über alles stellt…
turaBu12
13.04.2025, 08:09
Also ich habe es in Präsenz gemacht und ich kann für mich sagen, ich fand den persönlichen Kontakt sehr hilfreich, aber ich würde mir nicht zutrauen, auszuschließen, dass es auch online funktionieren kann. In der Klinik hier haben es locker ein Drittel der Leute online gemacht
Es kommt halt erheblich drauf an, wie man mit dem Online Medium umgeht und was für ein Typ man ist. Aber per se Online auszuschließen oder als minderwertiger zu betrachten, halte ich für undifferenziert.
Außerdem sollte Online genau wie Präsenz bestimmten Regeln unterliegen. Zudem gibt es ja auch Hybrid Angebote.
Ist eine schlechte Idee. Nicht zu empfehlen.
turaBu12
13.04.2025, 09:36
So viel zum Thema nicht undifferenziert urteilen :-D
Allerdings Back to topic, sollten es die gleichen Bestimmungen sein und Anforderungen an eine Person, die das anbietet, DM
Nicht alles, was möglich ist, ist gut, und nicht jede Möglichkeit ist gleich gut. Das hat nichts mit undifferenziert zu tun, sondern ist einfach eine Tatsache :-)) Menschlicher Kontakt findet nunmal in der Realität statt, beinhaltet nunmal Dinge wie Blickkontakt, Gestik, Mimik, Nähe, Umgebung, usw., weshalb man dafür sorgen sollte, dass auch die Selbsterfahrung denselben Charakter, dieselbe Präsenz und dieselbe Verbindlichkeit hat.
So ein Thread hat es ja an sich, dass ihn nicht nur die Threaderstellerin selbst lesen wird, sondern auch noch viele andere Leute, die vielleicht gerade erst mit der Weiterbildung beginnen, die vielleicht, anders als es bei der Threaderstellerin der Fall zu sein scheint, noch nie Selbsterfahrung in Präsenz hatten. Also ist es durchaus sinnvoll, dieses Thema auch ganz grundsätzlich anzusprechen. Ich möchte auch davon abraten, die Selbsterfahrung aufzuteilen - man erlebt es ja immer wieder, dass die wirklich bedeutsamen Themen erst nach 20, 30 Stunden angesprochen werden (können). Es ist schon klar, dass es manchmal lebenspraktische Gründe gibt, warum es nicht anders geht, aber das ist dann ja was anderes. Dann ist es halt eine Notlösung, und man macht es nicht, weil man es für gleichwertig hält, sondern weil es nicht anders möglich ist. Das ist dann natürlich auch OK.
Bzgl. der eigentlichen Frage: Warum nicht einfach mal beim Ausbildungsinstitut bzw. im Kreis der Kollegen vor Ort nachfragen? Da sollte man sich IMHO auch beim Ausbildungsinstitut und bei der LÄK erkundigen, ob diese zusätzliche Online-Selbsterfahrung dann z.B. im selben Verfahren wie die bereits in Präsenz absolvierte sein muss oder nicht, ob es eine Mindestzahl an Stunden gibt, die zur Berücksichtigung eines einzelnen Blocks erfüllt sein muss, etc.
Ungefähr so sinnvoll wie eine online-Händedesinfektion vor der Op.
nystagmus
13.04.2025, 12:02
Ich habe die Weiterbildung damals coronamaßnahmen bedingt komplett online absolviert, auch bei APP Köln. Einige Teilnehmer konnten dabei regelrecht „outzonen“.
Mir persönlich hat das Online-Format eher ermöglicht, das Ganze „zu erdulden“, da ich weder den Stundenumfang noch die Sinnhaftigkeit der Umsetzung wirklich nachvollziehen konnte. Für mich waren vielleicht nur etwa 25–50 % der Zeit sinnvoll – was sicher auch teilweise an mir selbst lag.
Insgesamt war es eine Geduldsprobe, die ich in Präsenz vermutlich noch schlechter ausgehalten hätte. Die negativ erlebten Aspekte – etwa die geringe Toleranz für Meinungsverschiedenheiten, ein überbehütender Umgang oder auch eine Form von toxischer Empathie – hätte ich vor Ort nicht so diplomatisch und mit der nötigen inneren Distanz bewältigen können.
Auf der anderen Seite habe ich die Balint-Gruppen in Präsenz sehr genossen. Vielleicht wäre auch die Selbsterfahrung in Präsenz besser gewesen – wer weiß.
turaBu12
13.04.2025, 12:56
oh das ist ja interessant. Würdest Du sagen, die von dir negativ geschilderten Aspekte hängen mit dem Format zusammen? Im Sinne davon, dass sich die geringe Toleranz für Meinungsverschiedenheiten online eher "ausleben" lässt?
Was meinst Du z.B. mit toxischer Empathie?
Hängen solche Sachen (wie viele andere Fortbildungen / Weiterbildungen / Angebote) nicht einfach davon ab wie sehr man sich dafür interessiert und wieviel Bock man darauf hat? Man kann auch bei online-Selbsterfahrung was mitnehmen oder bei offline-Selbsterfahrung nix mitnehmen. Dass man offline wahrscheinlich mehr mitnehmen kann ist ja allen klar denke ich. Manchmal gehen aber bestimmte Dinge organisatorisch nicht.
nystagmus
13.04.2025, 13:33
oh das ist ja interessant. Würdest Du sagen, die von dir negativ geschilderten Aspekte hängen mit dem Format zusammen? Im Sinne davon, dass sich die geringe Toleranz für Meinungsverschiedenheiten online eher "ausleben" lässt?
Was meinst Du z.B. mit toxischer Empathie?
Die negativen Aspekte liegen nicht allein am Format. Vielmehr handelt es sich um ein verbreitetes Problem hierarchischer Strukturen – der Supervisor wird oft wie ein „Messias“ wahrgenommen. Auch kognitive Dissonanz kann eine Rolle spielen, insbesondere wenn man viel Geld für seine Meinung bezahlt hat.
Ein interessanter Gedanke von dir ist, dass Selbsterfahrung online oft extremer verläuft – vielleicht, weil das Menschsein dort weniger wahrgenommen wird, oder weil bei Konflikten keine „physischen“ Konsequenzen zu befürchten sind. Für mich ist jedoch die fehlende Fluchtmöglichkeit entscheidender – ich meide solche Auseinandersetzungen, da sie sinnlos sind und nur Lebenszeit kosten.
Toxische Empathie verstehe ich als emotionsgesteuertes, prozessorientiertes Verhalten – etwa wenn es nur noch darum geht, positive Gefühle hervorzurufen, unabhängig vom Ergebnis. Dazu zählt auch Enabler-Verhalten mit Verstärkung von sekundärem Krankheitsgewinn sowie der Entzug von Verantwortung in schwierigen Lebensphasen. Viele bleiben dadurch in ihrer Opferrolle gefangen, und die Verletzbarkeit des „inneren Kindes“ wird überhöht dargestellt. Wer kundenorientiert arbeitet, sorgt zwar für stabilere, konfliktärmere Beziehungen – aber genau das ist nicht das Ziel dieses Berufs, da wir mit Patienten und nicht mit Kunden arbeiten.
turaBu12
13.04.2025, 20:58
Ist zwar weiterhin off-topic aber der Gedankengang interessiert mich schon. Siehst du an irgendeiner Stelle dieser Phänomene eine Linie zwischen online und Präsenz?
der Supervisor wird oft wie ein „Messias“ wahrgenommen.
Wenn du damit das Phänomen beschreibst, dass Teilnehmer ihre Ideen so äußern (bzw. solche Ideen äußern), dass sie damit möglichst den Geschmack des Supervisors treffen (so als wäre es eine Quizshow), das habe ich auch schon beobachtet. Habe aber das Gefühl das wird mit wachsender Erfahrung weniger und es ist relativ durchschaubar.
Toxische Empathie verstehe ich als emotionsgesteuertes, prozessorientiertes Verhalten – etwa wenn es nur noch darum geht, positive Gefühle hervorzurufen, unabhängig vom Ergebnis. Dazu zählt auch Enabler-Verhalten mit Verstärkung von sekundärem Krankheitsgewinn sowie der Entzug von Verantwortung in schwierigen Lebensphasen. Viele bleiben dadurch in ihrer Opferrolle gefangen, und die Verletzbarkeit des „inneren Kindes“ wird überhöht dargestellt. Wer kundenorientiert arbeitet, sorgt zwar für stabilere, konfliktärmere Beziehungen – aber genau das ist nicht das Ziel dieses Berufs, da wir mit Patienten und nicht mit Kunden arbeiten.
Klar, das ist ein typisches Problem und vielleicht auch etwas das wir als "professionelle" Helfer gerade anders machen sollten als das bisherige Umfeld (systemisch gedacht) um eine korrigierende Lernerfahrung zu ermöglichen. Toxische Empathie ist aber auch dafür (wenn ich das richtig verstanden habe) ein hartes Label. Die Alternative wäre also eine Nicht-Empathie? Damit würde man sich doch eher jeglichen Zugang verstellen. Das geht jetzt aber mehr in Richtung psychotherapeutische Haltung...
nystagmus
13.04.2025, 21:21
Ist zwar weiterhin off-topic aber der Gedankengang interessiert mich schon. Siehst du an irgendeiner Stelle dieser Phänomene eine Linie zwischen online und Präsenz?
Ja, online kann man unangenehmen Fragen oder Situationen/Gedanken leichter aus dem Weg gehen – ganz nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“. In Präsenz ist das deutlich schwieriger. Solche Situationen gehören zur Selbsterfahrung mMn. Außerdem fehlt einem online oft die Motivation, Fragen zu stellen oder zu antworten – sei es wegen der Hürde, virtuell die Hand zu heben, oder weil man erst überlegen muss, in welche Webcam man überhaupt schauen soll. Auch informelle Gespräche in den Pausen fallen komplett weg. Die soziale, begleitende Aktivität entfällt im Online-Format völlig.
Wenn du damit das Phänomen beschreibst, dass Teilnehmer ihre Ideen so äußern (bzw. solche Ideen äußern), dass sie damit möglichst den Geschmack des Supervisors treffen (so als wäre es eine Quizshow), das habe ich auch schon beobachtet. Habe aber das Gefühl das wird mit wachsender Erfahrung weniger und es ist relativ durchschaubar.
Ich stimme völlig zu, dass es mit wachsender Erfahrung weniger wird. Gleichzeitig finde ich es teilweise beunruhigend, wie stark die Mehrheit von Grund auf doch angepasst ist – man merkt, wie vorauseilend gehorsam oder autoritätsorientiert wir Mediziner oft sind, und das, obwohl wir letztlich diejenigen sind, die den Supervisor bezahlen.
Klar, das ist ein typisches Problem und vielleicht auch etwas das wir als "professionelle" Helfer gerade anders machen sollten als das bisherige Umfeld (systemisch gedacht) um eine korrigierende Lernerfahrung zu ermöglichen. Toxische Empathie ist aber auch dafür (wenn ich das richtig verstanden habe) ein hartes Label. Die Alternative wäre also eine Nicht-Empathie? Damit würde man sich doch eher jeglichen Zugang verstellen. Das geht jetzt aber mehr in Richtung psychotherapeutische Haltung...
Die Empathie als Motiv ist ja vorhanden – nur ist die Dosis oft zu hoch. Und wie man so schön sagt: Die Dosis macht das Gift
Shelby Ville
14.04.2025, 17:37
Ich habe ein paar Stunden beim Institut Grindel online gemacht, wäre dann tiefenpsychologisch. Habe ich mehr von profitiert, als von meiner ersten SE-Gruppe mit 64 h in Präsenz.
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