Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fragen für Übernahme KV-Sitz
Rudiologe
28.07.2025, 15:58
Liebe Kollegen,
ich habe demnächst ein erstes Gespräch mit einem Kollegen, dessen Kassensitz in einer Gemeinschaftspraxis ich ggfs. übernehmen könnte. Gibt es Fragen, die man auf jeden Fall stellen/klären sollte (und auf die man als Arzt ohne KV Erfahrung vielleicht auch nicht direkt kommt)?
Du kannst einen KV-Sitz nicht einfach übernehmen. Du kannst nur den Patientenstamm, das Personal, die Räumlichkeiten und die Ausstattung übernehmen. Wobei jeder Patient natürlich selbst entscheidet, ob er von dir weiterbehandelt werden möchte.
Über die Zuteilung des Sitzes entscheidet der Zulassungsausschuss nach mehr oder weniger objektiven Kriterien. Üblicherweise bekommt eine designierter Nachfolger den Zuschlag. Je nach Fachrichtung kann aber auch die Warteliste relevant sein.
Für dich heißt es, dass du alle Verträge mit dem jetztigen Inhaber nur unter Vorbehalt einer offiziellen Zuteilung durch den Ausschuss unterschreiben solltest. Prinzipiell halte ich ein Steuerberater und einen Fachanwalt auch bei einer auf den ersten Blick unkomplizierten Übernahme unter Bekannten für unerlässlich. Es gibt so viele Fallstricke, gerade beim Thema Personal und Arbeitsverträge. Oft liegen die Preisvorstellungen von langjährigen Inhabern in unrealistischen Bereichen.
Wichtig ist auch, dass du bzw. dein Steuerberater die BWA der letzten drei Jahre sehen kannst/können.
Klassisches Beispiel ist die Übernahme einer alteingesessenen Hausarztpraxis in einem unterversorgtem Bezirk mit eine langjährigen Personalstamm, entsprechenden ungewöhnlichen Nebenabreden in den Arbeitsverträgen (falls Verträge überhaupt vorhanden sind), ausstehenden Zahlungs- und Urlaubsverpflichtungen und Praxisausstattung aus der Gründungszeit. Auch bei die Miet-/Pachtverträge der Praxis enthalten viele Stolpersteine.
Relaxometrie
28.07.2025, 19:24
Eine KV-Sitz-Übernahme scheint ein extrem komplexes Unterfangen zu sein. Das war mir zwar auch vor dem Sehen dieses Videos schon irgendwie klar, aber durch das Video wurde mir endgültig bewusst, WIE KRASS es ist.
Ein paar Dinge, die ich im Laufe der Zeit aufgeschnappt habe:
Man sollte besonders gut überlegen, ob man mit dem Praxispartner wirklich gut klar kommt und wie die gemeinsamen Ansichten bzgl. einer Dinge sind:
-Was macht man mit KV-Diensten? Selbst ableisten? An andere Ärzte abgeben?
-Bietet man auch Leistungen an, die voraussichtlich nicht kostendeckend bezahlt werden? Ich habe diesbezüglich mal einen Streit erlebt, ob man in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis die nicht kostendeckend bezahlte Jugendarbeitsschutzuntersuchung weiterhin anbietet, oder eben nicht mehr, da es wirtschaftlich einfach nicht schlau ist.
-Hat man ähnliche Ansichten zu Freizeit und Arbeitstempo? Aus dem verlinkten Video ist mir auch im Gedächtnis geblieben, dass man sich gerne streitet, wenn ein Praxispartner plötzlich hohe Kosten zu bewältigen hat (teure Scheidung, Hauskauf) und dem anderen dann vorwirft, dass er nicht zügig genug arbeiten würde.
https://www.youtube.com/watch?v=eSbvS7bez0Q
Rudiologe
28.07.2025, 19:32
Ok, das hilft beides schonmal sehr weiter! Einen Steuerberater habe ich bislang noch gar nicht, müsste ich mir erstmal suchen. Fachanwalt ebenso. Mir geht es vor allem um den Ablauf des ersten „Kennenlernens“. Wahrscheinlich würde es ja erstmal darum gehen, grobe Eckdaten zu besprechen und einen ersten Eindruck zu bekommen. Habe gerade auch so eine Checkliste vom Virchow Bund gefunden, die ganz hilfreich aussieht. https://www.virchowbund.de/fileadmin/virchowbund/dokumente/Freie_Praxisinfos/Praxisuebernahme_-_Checkliste.pdf
Bezüglich der Nachfolgebestimmung: die KV hat in meinem Bundesland eine eigene Praxisbörse dafür. Das würde ja eigentlich nur Sinn machen, wenn die regelhaft die Vorschläge der aktuelle Praxisinhaber annehmen würden.
aschenputtel1977
29.07.2025, 10:56
Gemeinschaftspraxis finde ich auch gewagt.... Man sollte sich genau erkundigen, wie es da mit der gegenseitigen Haftung aussieht. Und ggfs. ob man aus der GP rauskommt. Für mich wäre es nichts, ich mach lieber alleine.
Relaxometrie
29.07.2025, 12:01
Bei einer Gemeinschaftspraxis, in die man sich einkauft, ist auch die Altersstruktur der anderen Ärzte wichtig. Wenn einer der anderen Ärzte seinen Sitz relativ bald, nachdem man selbst eingestiegen ist, abgibt, kann es sein, dass man dann einen Kollegen vorgesetzt bekommt, den man sich selbst vielleicht nicht ausgesucht hätte. Denn wie lange der abgebende Arzt sucht, um einen Nachfolger zu finden, der dem bereits in der Praxis arbeitenden Kollegen passt, ist fraglich. Ärger vorprogrammiert.
Eine Freundin von mir hat deswegen letztlich ein Praxisangebot ausgeschlagen, weil die anderen beiden Praxisinhaber innerhalb der nächsten 2-3 Jahre ausgestiegen wären und sie oben beschriebenes Szenario vermeiden wollte.
Ich will nicht den Teufel an die Wand malen. Aber meiner Meinung nach sollte man auch diese Dinge bedenken, wenn man sich erstmal voller Elan für einen KV-Sitz interessiert.
Gemeinschaftspraxis finde ich auch gewagt.... Man sollte sich genau erkundigen, wie es da mit der gegenseitigen Haftung aussieht. Und ggfs. ob man aus der GP rauskommt. Für mich wäre es nichts, ich mach lieber alleine.
Das sollte alles im Gesellschaftsvertrag geregelt sein und den kann ein Anwalt prüfen.
Ok, das hilft beides schonmal sehr weiter! Einen Steuerberater habe ich bislang noch gar nicht, müsste ich mir erstmal suchen. Fachanwalt ebenso. Mir geht es vor allem um den Ablauf des ersten „Kennenlernens“. Wahrscheinlich würde es ja erstmal darum gehen, grobe Eckdaten zu besprechen und einen ersten Eindruck zu bekommen. Habe gerade auch so eine Checkliste vom Virchow Bund gefunden, die ganz hilfreich aussieht. https://www.virchowbund.de/fileadmin/virchowbund/dokumente/Freie_Praxisinfos/Praxisuebernahme_-_Checkliste.pdf
Bezüglich der Nachfolgebestimmung: die KV hat in meinem Bundesland eine eigene Praxisbörse dafür. Das würde ja eigentlich nur Sinn machen, wenn die regelhaft die Vorschläge der aktuelle Praxisinhaber annehmen würden.
Das wichtigste für den Anfang ist ein guter Steuerberater, der sich mit Arztpraxen auskennt, und ein Rechtsanwalt, der für dich dann alle Verträge prüfen kann, u.a. den Gesellschaftsvertrag etc.
In Nordrhein veranstaltet die KV regelmäßig einen Praxisbörsentag. Da stellen verschiedenste Dienstleister in der Regel aus, mit denen man dann Kontakt haben kann und man kann Vorträge zum Thema Praxiswertermittlung etc. besuchen. Das fand ich damals als ich angefangen hab mich mit dem Thema auseinander zu setzen hilfreich.
Das was am Anfang am aufschlussreichsten ist, sind die Jahresabschlüsse und BWA der letzten 3 Jahre und der Gesellschaftsvertrag. Da sieht man relativ schnell, ob das Ganze hält, was es verspricht und wie alt die anderen sind und wann sie planen in den Ruhestand zu gehen, ist auch ein wichtiger Aspekt.
Um die KV würde ich mich am wenigsten sorgen. Meiner Erfahrung nach hat noch jeder den Sitz bekommen, den er wollte, da solche Dinge nicht wirklich transparent öffentlich ausgeschrieben werden. Das, wo es Stress gab, sind eher Einzelfälle, wo es schon vorher Schwierigkeiten gab.
Das Gute ist, dass es insgesamt viel Unterstützung für den Anfang der Niederlassung gibt. Ja, es gibt viele Dinge zu bedenken, aber meines Erachtens lohnt es sich noch immer diesen Schritt zu gehen.
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