Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : An die Anästhesist*innen - Würdet ihr euch nochmal für das Fach entscheiden?
Hi,
eine Frage, die mich in letzter Zeit beschäftigt - Würdet ihr euch heute, mit all eurer Erfahrung, wieder für das Fach entscheiden?
Blickt ihr zufrieden auf eure Berufswahl zurück, oder schleichen sich manchmal Zweifel ein?
Wie geht ihr – besonders diejenigen von euch, die schon länger dabei sind – mit der Belastung durch die Nachtdienste um? Merkt man das mit den Jahren immer mehr?
Und in welchem Umfeld arbeitet ihr heute? Seid ihr noch in der Klinik mit ihrem ganzen Trubel, oder habt ihr den Schritt in ein MVZ oder einen anderen Bereich mit geregelteren Arbeitszeiten gewagt?
Viele Grüße
Börne
Jukka666
18.10.2025, 07:26
Hi,
eine Frage, die mich in letzter Zeit beschäftigt - Würdet ihr euch heute, mit all eurer Erfahrung, wieder für das Fach entscheiden?
Blickt ihr zufrieden auf eure Berufswahl zurück, oder schleichen sich manchmal Zweifel ein?
Wie geht ihr – besonders diejenigen von euch, die schon länger dabei sind – mit der Belastung durch die Nachtdienste um? Merkt man das mit den Jahren immer mehr?
Und in welchem Umfeld arbeitet ihr heute? Seid ihr noch in der Klinik mit ihrem ganzen Trubel, oder habt ihr den Schritt in ein MVZ oder einen anderen Bereich mit geregelteren Arbeitszeiten gewagt?
Viele Grüße
Börne
Ich in jedem Fall! Ich würde sogar sagen, ich liebe mein Fachgebiet über alles. Was ich so daran liebe? Man ist ein klinischer Allrounder. Wenn man engagiert ist, und in der Klinik einen gewissen Ruf sich arbeitet hat, ist man ein überall gern gesehener Gast, weil man Probleme lösen kann. Erst neulich hatten wir einen komplexen Intoxikationsfall, wo man gesehen hat, wie sehr man mit anästhesiologischem Wissen weiterkommt.
Ich wollte ursprünglich nie Anästhesie machen, sondern Chirurgie. War auch in der Chirurgie und bin dann probeweise Anästhesie gewechselt. Hängen geblieben. Bereue diesen Schritt überhaupt nicht. Auch wenn ich weiterhin chirurgisch angehaucht bin, deshalb arbeite ich ja auch im OP. Den OP muss man als Zentrum seines Berufslebens lieben oder nicht. Das muss man für sich entscheiden und rausfinden. Ständige Konflikte, Diskussionen, sind an der Tagesordnung und man kommt aus diesem räumlichen begrenzten Arbeitsbereich auch nicht raus unter Tag. Das gefällt nicht jedem.
Man hat auch die Möglichkeit, sich auf verschiedene Unterfächer zu spezialisieren: in meinem Fall die Regionalanästhesie und die Notfallmedizin, hier kann man extrem viel bewegen. Und auch gestalten.
Was man eben wissen muss: irgendwann trennen sich die Vorlieben. Es gibt Kollegen, die schaffen es einfach nicht mehr, operativ tätig zu sein. D.h. die finden dieses tägliche Narkose machen langweilig. Ich konnte das nie nachvollziehen (verstehe es aber) Mir hat es immer Spaß gemacht, einen Fall nach dem andern zu machen. Die Wechselzeiten kurz zu halten. Jeden Patienten neu als Individuum zu sehen. Und den optimal zu versorgen.
Ich persönlich konnte zum Beispiel nichts mit der Intensivstation langfristig anfangen. Zu viel Routine, zu viel Hamsterrad. Andererseits gehen dort viele Kollegen auf und können sich entfalten.
In der Anästhesie hat man dann noch die Möglichkeit, in seiner Freizeit, Rettungsdienst zu fahren. Auch hier bringt einem das Fachgebiet extrem viel Sicherheit.
Ja, die Nachtdienste sind wie in jedem Fach ein Thema. Denen kann man sich nur entziehen, wenn man zum Beispiel eine rein intensivmedizinische Karriere als Oberarzt anstrebt. Dann bleiben aber auch noch die Hintergründe am Wochenende. Oder in ein MVZ geht. Dort fehlt mir aber persönlich der KlinikCharakter, mit Notaufnahme und Notfällen.
Die Nachtdienste werden mit fortschreitenden Alter immer schwieriger, mir hilft dabei, mir für den nächsten Tag nichts vorzunehmen oder zum wandern gehen.
Mir sind 24 Stunden Dienste oder Bereitschaftsdienste aber 1000 mal lieber als Wechselschichten auf der Intensivstation. Wo ich nach Hause gehe und am Abend wiederkommen musste.
Ich bin aktuell in einer Klinik ohne richtige Intensivstation beziehungsweise mit einer kleinen interdisziplinären Intensivstation. D.h. es gibt bei uns nur Tag Dienste und Bereitschaftsdienste.
Und jetzt mal aus Sicht eines Chirurgen ;-) : man ist (ähnlich Radiologie/MiBi/Patho/etc.) in der Regel keine bettenführende Abteilung, Intensivstation ausgenommen. Das heißt man hat den Riesenvorteil, dass man mit den Patienten selbst wenig zu tun hat. Es gibt im OP bis zu mehrstündige Berührungspunkte, in denen man sich gut oder schlecht um den Patienten kümmert, was mit dem Patienten davor oder danach passiert mit dem hat man nichts zu tun. Klassischer Dienstleister. Üblicherweise macht die Prämedikation auch jemand anderes. Aber man erfährt auch nicht die entsprechende Befriedigung die man in einer bettenführenden Abteilung hat. Wenn ich eine mehrstündige Operation mache in der sich die Anästhesisten dreimal auslösen wegen Frühstück, Kaffee, Kuchen, Mittagessen, Pinkelpause und warum sonstnoch, dann hab ich den Patienten vor der OP gesehen, ihn operiert und seh danach wie es weiter geht. Und muss natürlich meine Komplikationen auch selbst mit dem Patienten besprechen. Und wir nehmen da unsere Sache im Team ziemlich ernst, wer einmal angefangen hat zu schneiden ist mehr oder weniger dauerhaft für den Patienten verantwortlich. Mir persönlich gefallen diese Rückmeldungen gut, es gefällt mir mit dem Patienten die OP davor zu besprechen, durchzuführen und dann zu sehen wie es weiter geht. Aber das kann auch eine entsprechende Belastung sein. Als Anästhesist lernt man sein Handwerkszeug und die allerallermeisten Formen der Anästhesie laufen ziemlich geräusch- und reibungslos und man sieht eben den Patienten nie wieder. Vor- und Nachteil.
Aus meiner (chirurgischen) Sicht ist die Arbeit im OP auch völlig anders je nach Seite der "Blut-Hirn-Schranke": auf der chirurgischen Seite wird geratscht, zwischen den Chirurgen, mit der OP-Pflege etc. Der Anästhesist ist bei uns meist allein, kein Ansprache etc. Außer der Anästhesist macht seine Sache nicht gut. Dann bekommt er Ansprache. Und außer Anästhesiepflege ist noch da. Dann kann er mit denen ratschen, meist stört das jedoch weil dann die Lautstärke im OP-Saal hoch wird und der Anästhesist bekommt wieder seine Ansprache von den Chirurgen. Ich persönlich hab daher eher das Gefühl dass der Anästhesist eher allein still und leise vor sich hin arbeitet. Aber vielleicht täuscht der Eindruck auch.
Rettungsdienst: als Anästhesist hast du den Vorteil dass man sich mit Intubation und kreislaufstabilisierenden Maßnahmen gut auskennt weil man es ständig macht. Letztlich kann aber quasi jeder Notarzt machen. Chirurgen eher weniger weil es vor allem an Verständnis und Rücksicht durch die Chefs mangelt usw. aber je nach Klinik fahren manchmal auch mehr Internisten Notarzt als Anästhesisten und es gibt auch Chirurgen, Pädiater, Urologen, Neurologen etc. Anästhesisten fahren bei uns aber in der Regel früher Notarzt. Also schon als Assistenzärzte. Internisten als sehr fortgeschrittene Assistenzärzte und alle anderen dann frühestens als Fachärzte nach einigen Jahren. Ist zumindest die Beobachtung wenn ich mir sämtliche Notärzte unseres Standortes ansehe.
Wie schon erwähnt kann man als Anästhesist entweder in der Klinik dauerhaft Dienste machen, sich Richtung Intensivstation verabschieden wo es z.B. keine Nachtdienste mehr gibt (aber das sind gefühlt max. 20% der Oberärzte und Spätdienste machen die auch) oder in ein MVZ gehen bei dem es dann tatsächlich um die Anzahl an Narkosen geht und nicht mehr um die Anwesenheitszeit. Denn dieser sackenblöde Spruch eines grenzenlos faulen Anästhesisten "ich werd hier für die Anwesenheit bezahlt und nicht für die Anzahl an Narkosen" zählt da definitiv nicht mehr. Da geht es Schlag auf Schlag. Praxis eben. Muss man auch mögen.
Nachtdienste merkst du in JEDEM Fach im Alter mehr. Daher verabschieden sich Leute ja irgendwann aus der Klinik. Aber das in jedem Fach. Chirurgie, Innere, Uro, Gyn etc. Aber bevor du auf dieser Basis jetzt schon die nächsten 40 Jahre planst: es gibt immer Möglichkeiten sich später noch ein wenig anzupassen. IMMER. Und wenn du 30 Jahre richtig viel Spaß in der Arbeit hattest und dann 10 Jahre noch was machst was nicht mehr so toll ist, ist das immer noch besser als 40 Jahre einen Job den mal gleich nicht toll findet. Ich plädiere daher ganz klar dafür sich zum jetzigen Zeitpunkt einen Job zu suchen der einem so richtig Spaß macht.
Ich hab mich nach 3 Famulaturen, PJ und Doktorarbeit in der letzten Sekunde gegen die Anästhesie entschieden, da ich OP/Narkose auf Dauer öde fand und mich die Intensivstation als Perspektive nach dem PJ eher abgeschreckt hat. Auch Nachtdienste habe ich schon in den 20ern schlecht vertragen und fand es auch wenig erquickend, das perspektivisch für immer zu machen.
Notaufnahme und Notarzt kann man als Internist in meinen Augen genauso gut wenn nicht besser, ebenso den Wechsel in die Allgemeinmedizin, was ja viele als Exit wählen.
Somit bin ich am Ende in der Inneren gelandet und habe bisher mit meinen Arbeitsbedingungen immer Glück gehabt.
Trotzdem hadere ich manchmal mit der Wahl und bin neidisch auf den handwerklichen Teil, die allgemeinen Arbeitsbedingungen und auch die vielfältigen Einblicke in alle anderen Fächer bei der Anästhesie. Es ist weiterhin mein Plan B, wenn ich irgendwann mal keine vernünftige Stelle mehr finden sollte.
tragezwerg
18.10.2025, 15:40
Ich bin seit fast 14 Jahren Anästhesistin und habe es nie bereut. Arbeite als Fachärztin an einem Maximalversorger, betreue dort hauptsächlich Kindernarkosen in Außenbereichen. Das ist nie langweilig, und aufgrund des Patientenklientels oft eine Herausforderung. Intensivmedizin reizt mich gar nicht, daher vermeide ich diesen Arbeitsbereich wenn möglich.
Nachtdienste als Bereitschaftsdienst sind für mich okay, in den Schichtdienst möchte ich aber nicht wieder zurück (das ist mir noch nie besonders leicht gefallen, und es wird mit zunehmendem Alter tatsächlich anstrengender). Anästhesie ist aber auch gut ohne Nachtdienste möglich (ambulantes Setting, Schmerztherapie, Palliativmedizin...), sodass man Ausweichmöglichkeiten hat wenn nötig.
Ich schätze an der Anästhesie vor allem die Vielseitigkeit, die fehlende Stationsarbeit, und die Tatsache dass meine Patienten hauptsächlich schlafen. Außerdem mag ich, dass mein Handeln einen direkten Effekt hat, dass manuelle Fähigkeiten eine große Rolle spielen, und dass ich mich im Zweifelsfall auf meine Rolle als Dienstleister beschränken kann.
Ich würde das Fach wieder wählen.
Ich glaub was man noch nicht richtig herausgearbeitet hat ist die Tatsache dass Anästhesisten in unserem Haus diejenigen mit dem klarsten Arbeitzeitende sind. Die kommen am Ehesten um 16 Uhr raus wenn der Dienst um 16 Uhr endet. Das ist bei Chirurgen, Internisten etc. eher nicht so der Fall. Kommt wiederum aufs Haus an, aber sich täglich als Chirurg um 15:45 Uhr im OP auslösen zu lassen kommt einfach nicht gut an. Und als Chirurg ist man extrem abhängig vom Wohlwollen der Oberärzte die einem das operieren beibringen sollen. Ist extrem unfair, ist aber so.
Und wie viel pünktliches Heimgehen wert ist lernt man erst zu schätzen wenn man es nicht hat und dann plötzlich so Dinge wie "Kinderbetreuung" oder sowas ansteht.
Jukka666
19.10.2025, 00:43
Ich glaub was man noch nicht richtig herausgearbeitet hat ist die Tatsache dass Anästhesisten in unserem Haus diejenigen mit dem klarsten Arbeitzeitende sind. Die kommen am Ehesten um 16 Uhr raus wenn der Dienst um 16 Uhr endet. Das ist bei Chirurgen, Internisten etc. eher nicht so der Fall. Kommt wiederum aufs Haus an, aber sich täglich als Chirurg um 15:45 Uhr im OP auslösen zu lassen kommt einfach nicht gut an. Und als Chirurg ist man extrem abhängig vom Wohlwollen der Oberärzte die einem das operieren beibringen sollen. Ist extrem unfair, ist aber so.
Und wie viel pünktliches Heimgehen wert ist lernt man erst zu schätzen wenn man es nicht hat und dann plötzlich so Dinge wie "Kinderbetreuung" oder sowas ansteht.
Vieles was du sagst, kann man so unterschreiben. Wie gesagt, es ist alles geschmackssache. Was aber nicht fein ist, über das prinzipielle Berufsbild an sich zu schimpfen, denn dann drehen wir uns im Kreis.
Jede Fachrichtung hat seine Ups and Downs. Der TE hat ja nach den Vor und Nachteilen der Anä gefragt. Die sind ja auch individuell zu sehen.
Ich persönlich könnte jetzt behaupten, trotz fehlender Langzeitbetreuung der Patienten, was mich selbst ja manvhmal auch stört, in vielen Punkten der “bessere” Arzt zu sein, was einiges an Fachwissen angeht. Aber eben nur das, was ich sehe. Beispiel! Unseren Chirurgen brauchst du nicht mit EKGs, Blutdruckleitlinien, Physiologie außerhalb ihres Fachgebiets oder auch anderen Dingen wie Neuro oder Kardio zu kommen. Ein guter Anästhesist kennt sich aber hier relativ gut aus, kennt Behandlungsschemata vom ACS, weiß was NT-proBNP ist oder kennt Hämofiltration.
Wir sind eben Allrounder. Internisten schimpfen über Chirurgen und vice versa. Finde ich Insg. Sehr schade.
Daher tangieren mich die abgedroschenen „Dienstleisterphrasen“ nicht mehr. Denn erstens: bin ich gerne Leister eines Dienstes am Patienten (und nicht für den Chirurgen), aber ermögliche auch die gute Arbeit des chir Kollegen. Der Patient kommt nicht in die Klinik, um sich narkotisieren zu lassen, sondern für eine OP.
Zweitens: wers braucht… drittens: sind wir alle Dienstleister. Der Stentkardiologe auch (aus Sicht des Herzchirurgen?) usw usw.
Sekundär sind Gründe wie Arbeitszeiten etc.ich habe mich damals von der chirurgie abgewendet, weil ich tatsächlich aufgrund eines stellenwechsels hängen geblieben bin und weil ich irgendwie nicht Mitte 40 sein wollte, bevor ich so richtig was „konnte“.
Aber das muss jeder für sich entscheiden.
Mir gefällt eben va der vielseitige Einblick, die Belesenheit und das Know-how zu akutsituationen, Pharma, Management und Notfällen.
Und wie gesagt: regionalanästhesie als singuläre subspezialität.
Jukka666
19.10.2025, 10:51
Vieles was du sagst, kann man so unterschreiben. Wie gesagt, es ist alles geschmackssache. Was aber nicht fein ist, über das prinzipielle Berufsbild an sich zu schimpfen, denn dann drehen wir uns im Kreis.
Jede Fachrichtung hat seine Ups and Downs. Der TE hat ja nach den Vor und Nachteilen der Anä gefragt. Die sind ja auch individuell zu sehen.
Ich persönlich könnte jetzt behaupten, trotz fehlender Langzeitbetreuung der Patienten, was mich selbst ja manvhmal auch stört, in vielen Punkten der “bessere” Arzt zu sein, was einiges an Fachwissen angeht. Aber eben nur das, was ich sehe. Beispiel! Unseren Chirurgen brauchst du nicht mit EKGs, Blutdruckleitlinien, Physiologie außerhalb ihres Fachgebiets oder auch anderen Dingen wie Neuro oder Kardio zu kommen. Ein guter Anästhesist kennt sich aber hier relativ gut aus, kennt Behandlungsschemata vom ACS, weiß was NT-proBNP ist oder kennt Hämofiltration.
Wir sind eben Allrounder. Internisten schimpfen über Chirurgen und vice versa. Finde ich Insg. Sehr schade.
Daher tangieren mich die abgedroschenen „Dienstleisterphrasen“ nicht mehr. Denn erstens: bin ich gerne Leister eines Dienstes am Patienten (und nicht für den Chirurgen), aber ermögliche auch die gute Arbeit des chir Kollegen. Der Patient kommt nicht in die Klinik, um sich narkotisieren zu lassen, sondern für eine OP.
Zweitens: wers braucht… drittens: sind wir alle Dienstleister. Der Stentkardiologe auch (aus Sicht des Herzchirurgen?) usw usw.
Sekundär sind Gründe wie Arbeitszeiten etc.ich habe mich damals von der chirurgie abgewendet, weil ich tatsächlich aufgrund eines stellenwechsels hängen geblieben bin und weil ich irgendwie nicht Mitte 40 sein wollte, bevor ich so richtig was „konnte“.
Aber das muss jeder für sich entscheiden.
Mir gefällt eben va der vielseitige Einblick, die Belesenheit und das Know-how zu akutsituationen, Pharma, Management und Notfällen.
Und wie gesagt: regionalanästhesie als singuläre subspezialität. ��
Beim Lesen deines Textes mit der „Ansprache“ musste ich im Nachgang schmunzeln.
Ist schon drollig wie du das Verhältnis siehst. Sicher teilweise nachvollziehbar, manche der Anäkollegen sind sicher schwierig.
Aber eine belehrende schulmeisterliche Ansprache kannst du dir gerne überlegen, wie du das gerne selbst hättest: jedes Mal eine „Ansage“, was du da für einen Mist operierst? Dass es mal wieder länger dauert? Dass wieder mal die geplanten Zeiten null zur Realität passen? Wieder ein Gefäss durchtrennt (gut bei dir ja geplant)? etc etc.
Es müsste insg mehr „Ansagen“ richtung qualität des anderen geben, aber in beide Richtungen. Aber gewohnt bist du das anscheinend nur in eine Richtung. Bequem halt.
Dass auf eine direkt an Anästhesisten/innen gestellte Frage sofort von einem Chirurgen und Internisten geantwortet wird sagt schon ganz, ganz viel aus. Das muss man als Anästhesist aushalten, genau das ist unsere Stellung.
Ich bin jetzt im achten Jahr Anästhesist und sehr zufrieden. In den ersten Wochen/Monaten bin ich mit dem vorbeschriebenen Umstand, dass man im OP nur ein nerviges/lästiges Anhängsel ist nur schwer zurecht gekommen und hätte deswegen fast aufgehört. Mittlerweile hab ich mich aber dran gewöhnt, denk mir meinen Teil dazu und mach meine Arbeit.
Mir gefällt an dem Fach wie die anderen auch schon geschrieben haben die Vielseitigkeit. Saal, Ambulanz, Intensiv, Notarzt. Ich mag tatsächlich Intensiv lieber als den Saal, am besten ist aber eine Mischung aus allem wie ich sie gerade habe.
Im PJ sagte eine OÄ mal zu mir "als Anästhesist hat man von allem etwas, aber von nichts so richtig Ahnung" und das triffts eigentlich ganz gut. Und so sehe ich mich im Grunde auch selbst. Man muss zwangsweise von allen Fachrichtungen so eine gewisse Basis haben ohne sich aber im Detail verlieren zu müssen. Mir kommt es häufig so vor, dass wir in der Klinik die ersten und einzigen sind, die den Patienten mal in seiner Gesamtheit betrachten und nicht nur auf ein Fachgebiet beschränkt.
Am Ende macht man in jeder Fachrichtung immer nur das gleiche. Der Unterschied ist, dass das eben dem einen in der einen Fachrichtung und dem anderen in der anderen Fachrichtung Spaß macht. Oder besser gesagt Sinn stiftet.
Jukka666
19.10.2025, 19:12
Dass auf eine direkt an Anästhesisten/innen gestellte Frage sofort von einem Chirurgen und Internisten geantwortet wird sagt schon ganz, ganz viel aus. Das muss man als Anästhesist aushalten, genau das ist unsere Stellung.
Lol. Fand ich auch witzig. Ich würd nie was schreiben, wenn einer gefragt hätte "wie isses als Augenarzt?"...
Im PJ sagte eine OÄ mal zu mir "als Anästhesist hat man von allem etwas, aber von nichts so richtig Ahnung" und das triffts eigentlich ganz gut. Und so sehe ich mich im Grunde auch selbst. Man muss zwangsweise von allen Fachrichtungen so eine gewisse Basis haben ohne sich aber im Detail verlieren zu müssen.
Muss ich widersprechen, sorry. :-) Wir haben sehr wohl extrem viel Ahnung, und zwar von UNSEREM EIGENEN FACHGEBIET! Davon hat nämlich keiner sonst Ahnung. Warum wir das nicht aufführen, sondern immer nur die Schnittmenge der "anderen" Fächer, gehört zu meinem eigenen Reifeprozess und das wird einem halt erst nach einigen Jahren klar.
Beispiel: du würdest ja auch nicht einem Unfallchirurg sagen "er hat von allen chir. Fächern so ein bisschen Ahnung, aber keine Details und von nix so RICHTIG Ahnung"...
Wir sind Experten was Airwaymanagement, Regionalanästhesie und Notfallmedizin angeht. Weit mehr als alle anderen. Schmerzmittel, Pharma, Physiologie von Herz und Lunge etc etc.
Und DAZU kommen alle weiteren Schnittmengen aus dem OP, wo wir sicherlich von unseren chir. Kollegen profitieren, denen wir ja den Eingriff ermöglichen.
Niemand ausser uns war in seiner Berufslaufbahn im TAVI-Saal, evtl. im Herzsaal, im Schockraum, in der Derma, im Augen-OP, im NCH-Saal, hat Kinder betreut etc.
Das ist schon das was du meinst.
Aber man darf nicht vergessen, dass wir unser eigenes Fach beherrschen. Aber anscheinend reicht das in den Augen der anderen nicht... :-) Niemand (oder fast niemand) beherrscht doch ZWEI Fachgebiete oder mehr...
Ich persönlich habe ehrlich gesagt den Anspruch, MEHR zu wissen. Ich lese auch orthopädische oder internistische Paper, und ich sehe es nicht ein, das nicht zu wissen.
Ich finde ehrlich gesagt anästhesiologische Kollegen grauenhaft, die nach ihrer Approbation und ihrem FA-Zeugnis zu Tubusschiebern geworden sind und nicht wenigstens lesen oder dazu lernen wollen.
"Nicht mein Fachgebiet"...finde ich schade.
Mir kommt es häufig so vor, dass wir in der Klinik die ersten und einzigen sind, die den Patienten mal in seiner Gesamtheit betrachten und nicht nur auf ein Fachgebiet beschränkt.
Am Ende macht man in jeder Fachrichtung immer nur das gleiche. Der Unterschied ist, dass das eben dem einen in der einen Fachrichtung und dem anderen in der anderen Fachrichtung Spaß macht. Oder besser gesagt Sinn stiftet.
Absolut. Das stimmt.
Ich finds immer irritierend, dass manche für sich "Arzt" immer als denjenigen definieren, der Patienten wirklich von ANFANG bis ENDE begleiten...alle anderen...bäh, pfui, nur "Dienstleister".
Was ist mit dem Augenarzt? Dem Hautarzt? Der Gefäßchirurg kümmert sich ja auch "nur" um die Endstrecke, aber den Diabetes und den Bluthochdruck wirklich minutiös einstellen, da schickt er die Patienten zum Internisten oder zum HA.
Und keiner würde auf die Idee kommen, den GCH-Chirurgen nicht als vollwertigen Behandler zu sehen.
Ich könnte ja auch sagen, der Orthopäde macht "nur" das Gelenk neu, und sieht den Patienten in dem ganz engen Zeitraum von Praxis bis Entlassung. Während der Reha-Mediziner - DER ist ja der richtige Behandler usw usw.
Dann drehen wir uns im Kreis - alle mal entspannter sein, dafür ist das Leben zu kurz.
Aber dennoch muss ich sagen, dass ich es schade finde, dass Leute wie anignu ihre Zeit opfern, um in einem Thread zu einem "anderen" Fach gleich so viele negative Worte zu finden (nebst einigen wohl positiv gemeinten). Da muss ja ein bisschen Frust aufgestaut sein, wie? ;-)
Finds auch bezeichnend, wie er den OP wohl als sein Eigentum sieht...ist halt ne klassische Vorstellung...Der OP gehört der Klinik. Punkt. Und dass die Lautstärke dann "zu hoch" wird, sobald der Anästhesist schnattert, aber er selbst quatschen kann wie er will, ist hoffentlich mit Humor gemeint gewesen (wobei mich die Lautstärke auch stört, gebe ich zu). Bezeichnend alles. Aber soweit bekannt.. ;-)
Muss ich widersprechen, sorry. :-) Wir haben sehr wohl extrem viel Ahnung, und zwar von UNSEREM EIGENEN FACHGEBIET! Davon hat nämlich keiner sonst Ahnung. Warum wir das nicht aufführen, sondern immer nur die Schnittmenge der "anderen" Fächer, gehört zu meinem eigenen Reifeprozess und das wird einem halt erst nach einigen Jahren klar.
Ja, ohne Frage, der zitierte Spruch stellt ja auch eher auf die Breite des ärztlichen Wissens ab. Dass wir in unserem sehr breiten Fach Experten sind steht außer Frage - nur interessiert sich außerhalb unseres Fachgebietes wirklich niemand dafür, was wir eigentlich machen außer den Schalter "Narkose AN/AUS" zu bedienen und nicht sitzende Regionale zu stechen :-D
Aber wir sollten hier vielleicht um des TE Willen nicht wieder in die ewig gleiche Leier abschweifen sondern andere Anästhesistinnen und Anästhesisten zu Wort kommen lassen.
Jukka666
19.10.2025, 20:29
Ja, ohne Frage, der zitierte Spruch stellt ja auch eher auf die Breite des ärztlichen Wissens ab. Dass wir in unserem sehr breiten Fach Experten sind steht außer Frage - nur interessiert sich außerhalb unseres Fachgebietes wirklich niemand dafür, was wir eigentlich machen außer den Schalter "Narkose AN/AUS" zu bedienen und nicht sitzende Regionale zu stechen :-D
Aber wir sollten hier vielleicht um des TE Willen nicht wieder in die ewig gleiche Leier abschweifen sondern andere Anästhesistinnen und Anästhesisten zu Wort kommen lassen.
Hast recht. :-)
LasseReinböng
19.10.2025, 20:52
Anästhesie ist ein Querschnittsfach und das ganze Spektrum von AINS(P) abzudecken schafft eigentlich niemand. Vom Frühgeborenen bis hin zur Thorax- und Herzchirurgie anästhesiologisch topfit zu sein, daß habe ich bisher bei keinem Anästhesisten gesehen - geschweige denn, daß man dann gleichzeitig noch auf der ITS sämtliche Situationen beherrscht.
Ich wollte auch immer Internist während des Studiums werden und habe auch in der Inneren gearbeitet. Aus der Sicht eines Internisten ist die Anästhesiologie natürlich "trivial" und "unterkomplex" etc. blablabla. Am Ende ist der Berufsalltag eines gewöhnlichen niedergelassenen Pneumologen, Kardiologen, Nephrologen aber auch nicht immer so spannend und jemanden, der seit > 10 Jahren nur Kardiologie gemacht hat, brauchst du auch nicht mehr nach Onkologie oder Nephrologie fragen usw.
Außerdem, je älter man wird, desto mehr wird es einem egal, was andere Menschen, ob Kollegen, Patienten oder Laien, von einem denken.
Bleibt der Aspekt der Work-Life-Balance bzw. Niederlassungsmöglichkeit... ich würde einen Teufel tun, mir hier in diesem Staat noch so etwas wie eine Praxis ans Bein zu binden. Enough said.
Was aber nicht fein ist, über das prinzipielle Berufsbild an sich zu schimpfen
Die Stelle zeigst mir bitte. Ernsthaft. Ich bin nicht der Meinung über das Berufsbild geschimpft zu haben.
Jukka666
20.10.2025, 16:40
Die Stelle zeigst mir bitte. Ernsthaft. Ich bin nicht der Meinung über das Berufsbild geschimpft zu haben.
Bitte:
was mit dem Patienten davor oder danach passiert mit dem hat man nichts zu tun. Klassischer Dienstleister.
Aber man erfährt auch nicht die entsprechende Befriedigung die man in einer bettenführenden Abteilung hat.
Frühstück, Kaffee, Kuchen, Mittagessen, Pinkelpause und warum sonstnoch
Außer der Anästhesist macht seine Sache nicht gut. Dann bekommt er Ansprache.
der Anästhesist bekommt wieder seine Ansprache von den Chirurgen.
Denn dieser sackenblöde Spruch eines grenzenlos faulen Anästhesisten "
Anästhesisten in unserem Haus diejenigen mit dem klarsten Arbeitzeitende sind. Die kommen am Ehesten um 16 Uhr raus wenn der Dienst um 16 Uhr endet.
Ist aber okay. Einiges hat ja ein Körnchen Wahrheit..und auch wenn du es als "Is ja so" empfindest, pauschalisiert es eben unser Berufsbild. Vieles davon trifft auf meinen Berufsalltag Nullkomma null zu. Einiges schon, einiges habe ich gar nicht in der Hand. Andere Abteilungen, andere Sitten.
Aber okay. ich habe das ja auch gemacht (siehe meine Posts). Und das finde ich eben doch recht schade, weil JEDER ist zwar Teil seines Fachs, aber wir wissen doch alle, dass es solche und solche gibt.
Sprüche wie die von dir zitierten (mit den Narkosezahlen) würde ich im Traum nicht abgegeben, leider tuns manche Kollegen.
lass ma das so jetzt. Führt zu nix. ;-)
Aber jetzt mal ehrlich: siehst du das anders? Und damit meine ich nicht "ein Körnchen Wahrheit" sondern tatsächlich ob du das wirklich anders siehst?
Unterscheidung bettenführende Abteilung - nicht bettenführende Abteilung: eine bettenführende Abteilung führt den Patienten tendentiell durch den Krankenhausaufenthalt. Und es mag sein dass du persönlich als Anästhesist um Meilen mehr Ahnung hast von vielen Krankheitsbilder etc. Das ist ziemlich egal. Du triffst nicht die Entscheidungen. Und meist bekommst du auch das Ergebnis nicht mit. Der Anästhesist hat singuläre Berührungspunkte. Und spart sich dafür unglaublich viel Schmarrn mit Sozialdienst, Weiterversorgung, Angehörige, extrem viel Papierkram usw. aber eben auch diese kontinuierliche Begleitung eines Patienten.
Ich persönlich könnte jetzt behaupten, trotz fehlender Langzeitbetreuung der Patienten, was mich selbst ja manvhmal auch stört, in vielen Punkten der “bessere” Arzt zu sein, was einiges an Fachwissen angeht.
Ok, von mir aus, du bist der "bessere" Arzt. Allein der Impact fehlt. Weil viele Entscheidungen durch "schlechtere" Ärzte getroffen werden.
Ansprache im OP: hast du tatsächlich das Gefühl dass du als Anästhesist ähnlich viel eingebunden bis in eine OP wie das personentechnisch größere Team Chirurg-Assistent-OP-Pflege-Springer? Also dass die Leute, obwohl du alleine schon visuell mittels grünem Tuch getrennt arbeitest, in einem ähnlichen Maße Kontakt zu dir halten wie zu den restlichen Mitgliedern des chirurgischen Teams? Klar, es gibt so Anästhesisten. Tendentiell ist der Kontakt nach meinem Gefühl aber deutlich weniger. Und bei manchen Anästhesisten läuft es eben drauf raus dass eine Kommunikation nur bei Problemen stattfindet. Ich weiß nicht ob man das mögen würde. Denn die Anästhesiepflege verzieht sich in unserer Klinik immer extrem schnell, labert sowieso nur die ganze Zeit davon dass sie unterbesetzt sind und ist gefühlt nie da. Damit ist der Anästhesist tendentiell alleine auf seiner Seite. Für mich persönlich wär das eher einsam, manche mögen das. Was daran so negativ sein soll kannst mir gern erklären, ich find das eine Beschreibung der Tatsachen.
Denn dieser sackenblöde Spruch eines grenzenlos faulen Anästhesisten "ich werd hier für die Anwesenheit bezahlt und nicht für die Anzahl an Narkosen"
Mach das Zitat komplett, damit die Leute verstehen was gemeint ist. Und der Kontext war dass man sich in einer Praxis nicht mehr auf sowas zurückziehen kann. Ich bleib dabei, dass diese Aussage ein sackenblöder Spruch eines grenzenlos faulen Anästhesisten ist. Der Anästhesist war grenzenlos faul und der Spruch ist sackenblöd. Ich kann dir auch gern den Spruch eines arroganten Chirurgen liefern wenn du das brauchst. Der hat auf eine Frage wieso er einem nichts assistiert und nichts machen lässt geantwortet "in meinem Arbeitsvertrag steht nicht drin dass ich Ihnen was beibringen muss". Auch der Spruch: totaler Wahnsinn. Geht komplett gegen meine Berufsehre, ebenso wie der Satz des Anästhesisten. Der Satz des Chirurgen (hab ich in meinem ersten Weiterbildungsjahr gehört!) hat mir übrigens klar gemacht dass wir in Deutschland ein absolut grundlegendes Problem mit der Weiterbildung haben. Und das betrifft quasi jedes Fach und zieht sich komplett durch die gesamte Weiterbildung. Beide Sprüche waren für mich echt wie so Art "Augenöffner".
Wieder zurück: ich wollte Klarstellen dass "Praxis" nicht ein Allheilmittel für "ich mag keine Dienste machen" ist. Praxis ist schön und gut, bedeutet tendentiell aber dafür auch höhere Schlagzahlen. Auch das muss man mögen.
Und damit kommen wir zum tendentiell pünktlichen Heimgehen: ist das jetzt negativ? Ich finde nicht. Ja, Anästhesisten gehen tendentiell pünktlich heim. In einem öffentlichen Haus. Und als Chirurg arbeitet man dann entweder irgendwann im Dienst (in einem Bruchteil der Sääle) oder schmeißt das OP-Programm des nächsten Tages über den Haufen. Hinter diesem pünktlich Heimgehen steht aber der Anästhesiechef. In der Chirurgie verursacht pünktliches Heimgehen eher Probleme und erzeugt große Verachtung durch den eigenen Chef.
Und dadurch dass mein keine bettenführende Abteilung ist hat man auch den Vorteil dass man am Ende einer OP tendentiell nicht mehr so viel mit den Patienten zu tun hat. Wenns länger dauert: OP abgeben an den nächsten Kollegen und heimgehen. In der Chirurgie machst du tendentiell die OP fertig und hast aber immer noch die Station irgendwie an der Backe. Oder schaust vor dem Heimgehen noch bei allen OPs des Tages vorbei.
Und wenn du jetzt sagst:
Vieles davon trifft auf meinen Berufsalltag Nullkomma null zu. Einiges schon, einiges habe ich gar nicht in der Hand. Andere Abteilungen, andere Sitten.
Mir geht es nicht drum ob du was in der Hand hast oder nicht. Es geht doch um Arbeitsbedingungen. Und hier um Tendenzen. Daher kommt auch das Wort tendentiell so oft vor ;-)
Aber dann beschreib doch mal Punkte aus deinen Berufsalltag:
- Prämedikation: toll? nicht toll? siehst du genau diese Patienten dann irgendwann wieder?
- OP: habt ihr keine klaren Pausenregelungen? Löst ihr euch nicht regelmäßig aus? Sitzt du alleine da und machst deine Arbeit oder führst du die ganze Zeit in Gesprächen mit den Kollegen?
- Arbeitszeiten: sind die eher klar geregelt oder ist es (wie in der Chirurgie gern) dass man nur so einen groben Korridor Richtung "Arbeitszeit endet zwischen 16 und 18 Uhr, kann auch 19 Uhr werden" hat?
- wie oft siehst du Patienten vor oder nach einer OP? Bestellst du sie dir dann Monate später in die Sprechstunde zur Nachkontrolle ein? Und wenn es Komplikationen gibt: löst du sie dann selbst oder wer ist dann zuständig?
- kümmerst du dich um Patienten auch außerhalb des OPs? (ITS abgesehen)
Noch was ganz anderes: Thema Nachtdienste.
Bei uns haben die Anästhesie-Oberärzte einen festen "In-House"-Nachtdienst. Ja, es gibt auch den Spezial-Nachtdienst der Kinderanästhesie. Und es gibt die Intensivstation bei denen es einen OA-Frühdienst und OA-Spätdienst sowie OA-Nachtdienst gibt. Aber der Großteil der Oberärzte macht immer noch einen "In-House"-Nachtdienst. Und auch das muss man mögen. Als Chirurg (und in unserem Haus Viszeral, Thorax, Unfall, Uro etc.) schläft man als Oberarzt zu Hause und kommt nur für Fragen oder OPs rein. Das ist schon auch noch ein Unterschied. Mit dem Nachteil wiederum dass das Rufdienste sind. Ich würd aber keine Nachtdienste mehr in der Klinik wollen.
Jukka666
23.10.2025, 13:47
Aber jetzt mal ehrlich: siehst du das anders? Und damit meine ich nicht "ein Körnchen Wahrheit" sondern tatsächlich ob du das wirklich anders siehst?
Auch wenn das wieder den Thread kapert und sprengt, da der TE das initial nicht wissen wollte..
Nein, ich sehe es nicht per se "anders" als du, die Frage ist, ob das überhaupt die richtige Fragestellung war.
Der TE wollte wissen, ob man sich für die Anästhesie wieder entscheiden würde.
In deiner Gedankenwelt spielt die Rolle der Patientenbetreuung auf längerfristiger Basis offenbar eine gewichtige Rolle, für die du argumentierst.
Und das ist richtig und wichtig.
Aber hier eben nicht zielführend. Da ist es unerheblich, ob es so ist oder nicht.
Nochmal: mit dem Argument ist eine notärztliche Tätigkeit egal welcher Couleur ebenfalls in der Kategorie, da man den Patienten ebenfalls nur in einem extrem begrenzten Moment betreut. Aber ich würde doch sagen, dass man - abgesehen von den üblichen unspannenden Einsätzen - eine entscheidende vielleicht auch lebensrettende Therapie einleiten kann, die das KH im besten Fall nur mit einer Überwachung oder Therapieergänzung komplettiert.
Patientenbegleitung über Tage und Wochen ist nicht das Kriterium.
Idem dazu wären andere Bereiche und Fächer zu sehen. Für DICH ist das das Kriterium, für andere nicht...
Unterscheidung bettenführende Abteilung - nicht bettenführende Abteilung: eine bettenführende Abteilung führt den Patienten tendentiell durch den Krankenhausaufenthalt. Und es mag sein dass du persönlich als Anästhesist um Meilen mehr Ahnung hast von vielen Krankheitsbilder etc. Das ist ziemlich egal. Du triffst nicht die Entscheidungen. Und meist bekommst du auch das Ergebnis nicht mit. Der Anästhesist hat singuläre Berührungspunkte. Und spart sich dafür unglaublich viel Schmarrn mit Sozialdienst, Weiterversorgung, Angehörige, extrem viel Papierkram usw. aber eben auch diese kontinuierliche Begleitung eines Patienten.
Siehe oben. Es ist nicht falsch, was du sagst. Ich "gebe" gerne zu, dass mich das selbst an der Anästhesie durchaus stört. Ich mache zwar wo ich kann eine postoperative Anä-Visite, aber nur zu meinen Patienten und nur begrenzt auf den AZ, die RA und die allgemeine Situation.
DU definierst Entscheidungsfindungen über diese Kriterien, ist ja auch gut! Anästhesie trifft Entscheidungen im OP, oft schnell, kritisch und hart. Das kriegen andere Fächer oft nicht mit.
Wir machen das aber eben nicht jeden Tag zu jeder Minute. Man kennt den Spruch: Hours of boredom, minutes of Thriller, seconds of terror.
Das mag nicht jeder.
Ok, von mir aus, du bist der "bessere" Arzt. Allein der Impact fehlt. Weil viele Entscheidungen durch "schlechtere" Ärzte getroffen werden.
Wie gesagt, ich habe gesagt, ich "könnte" behaupten. Tu ich ja nicht. Aber wenn Internisten über Chirurgen schimpfen, weil der Patienten seit 1 Woche mit schlecht eingestelltem RR auf der Station liegt, weil man ja nur für das Knie zuständig ist, wo ist der Unterschied zu deiner langfristigen und engen Patientenbetreuung? Aus welcher Perspektive sieht man das? Es gibt immer einen anderen um einen rum...
(Was macht ein Strahlentherapeut auf Station? Der kümmert sich auch "nur" um den Tumor und seinen Job...wo endet die Definition der Langzeitbetreuung?)
Aber ja: das macht eine Stationsarbeit ja durchaus auch attraktiv und nicht wenige entscheiden sich ja dafür.
Ich kenne auch Anästhesisten, die genau deshalb in die Allgemeinmedizin wechseln und HA werden. ist doch gut!
Ansprache im OP: hast du tatsächlich das Gefühl dass du als Anästhesist ähnlich viel eingebunden bis in eine OP wie das personentechnisch größere Team Chirurg-Assistent-OP-Pflege-Springer? Also dass die Leute, obwohl du alleine schon visuell mittels grünem Tuch getrennt arbeitest, in einem ähnlichen Maße Kontakt zu dir halten wie zu den restlichen Mitgliedern des chirurgischen Teams? Klar, es gibt so Anästhesisten. Tendentiell ist der Kontakt nach meinem Gefühl aber deutlich weniger. Und bei manchen Anästhesisten läuft es eben drauf raus dass eine Kommunikation nur bei Problemen stattfindet. Ich weiß nicht ob man das mögen würde. Denn die Anästhesiepflege verzieht sich in unserer Klinik immer extrem schnell, labert sowieso nur die ganze Zeit davon dass sie unterbesetzt sind und ist gefühlt nie da. Damit ist der Anästhesist tendentiell alleine auf seiner Seite. Für mich persönlich wär das eher einsam, manche mögen das. Was daran so negativ sein soll kannst mir gern erklären, ich find das eine Beschreibung der Tatsachen.
Formal richtig. Was du daraus interpretierst in der Botschaft an den TE, das ist halt diskutabel.
1. Kann man das auch persönlich gestalten (auf beiden "Seiten"). 2. Du brauchst das, du definierst deine Arbeitsmotivation so. Verstehe ich total!
Als ich noch in der Chirurgie war, hat mich "die Anästhesie" total genervt: laut, geschwätzig, Patienten haben gepresst etc.
Das geht auch besser, keine Frage. Ich definiere meine Rolle so, dass ich den Patienten sicher, schnell und möglichst mit schnellen Turnovern und komfortabel durch die OP führe und diese erst ermögliche. Ich interessiere mich für die OP-Schritte und mit der Zeit immer mehr, beherrsche aber natürlich die OP nicht. Ab und zu assistiere ich im OP auch, führe die Kamera oder helfe wo ich kann.
Wenn du nur bei Problemen kommunizierst, ist das auch eine Einstellungssache.
In meiner jetzigen Klinik sind wir ein gutes Team, aber klar...die OP-Pflege ist natürlich enger dran. Die Anä-Pflege halt enger an uns.
Letztere sind m.E. durchaus auch besonders, klar. Nicht alles ist optimal.
Wie gesagt, der TE weiß das und du definierst deine Arbeitsmotivation halt anders. Ich persönlich bin mit dieser "Rolle" zufrieden und happy.
Der Anästhesist war grenzenlos faul und der Spruch ist sackenblöd. Ich kann dir auch gern den Spruch eines arroganten Chirurgen liefern wenn du das brauchst. Der hat auf eine Frage wieso er einem nichts assistiert und nichts machen lässt geantwortet "in meinem Arbeitsvertrag steht nicht drin dass ich Ihnen was beibringen muss". Auch der Spruch: totaler Wahnsinn. Geht komplett gegen meine Berufsehre, ebenso wie der Satz des Anästhesisten.
Completely agree. Aber nicht Thema des Threads.
Und damit kommen wir zum tendentiell pünktlichen Heimgehen: ist das jetzt negativ? Ich finde nicht. Ja, Anästhesisten gehen tendentiell pünktlich heim. In einem öffentlichen Haus. Und als Chirurg arbeitet man dann entweder irgendwann im Dienst (in einem Bruchteil der Sääle) oder schmeißt das OP-Programm des nächsten Tages über den Haufen. Hinter diesem pünktlich Heimgehen steht aber der Anästhesiechef. In der Chirurgie verursacht pünktliches Heimgehen eher Probleme und erzeugt große Verachtung durch den eigenen Chef.
Und dadurch dass mein keine bettenführende Abteilung ist hat man auch den Vorteil dass man am Ende einer OP tendentiell nicht mehr so viel mit den Patienten zu tun hat. Wenns länger dauert: OP abgeben an den nächsten Kollegen und heimgehen. In der Chirurgie machst du tendentiell die OP fertig und hast aber immer noch die Station irgendwie an der Backe. Oder schaust vor dem Heimgehen noch bei allen OPs des Tages vorbei.
Faktisch korrekt. Aber bei dir klingt es halt negativ weil - nochmal - für DICH das das Kriterium ist für die Unterscheidung "gut vs. doof".
Ich persönlich bleibe solange, wie es vertretbar ist und mache die Narkose/OP fertig. Sich ablösen zu lassen, weil es jetzt 16:00 ist und die OP geht bis 16:10, fand ich immer schon total albern.
Aber ja: Wir sind durchaus austauschbar, gehen früher heim, etc. etc.
Ich höre von vielen jungen chir. WBA, dass die ihren Arbeitsalltag insgesamt nicht so geil finden... kann beide Seiten nachvollziehen.
Aber dann beschreib doch mal Punkte aus deinen Berufsalltag:
- Prämedikation: toll? nicht toll? siehst du genau diese Patienten dann irgendwann wieder?
- OP: habt ihr keine klaren Pausenregelungen? Löst ihr euch nicht regelmäßig aus? Sitzt du alleine da und machst deine Arbeit oder führst du die ganze Zeit in Gesprächen mit den Kollegen?
- Arbeitszeiten: sind die eher klar geregelt oder ist es (wie in der Chirurgie gern) dass man nur so einen groben Korridor Richtung "Arbeitszeit endet zwischen 16 und 18 Uhr, kann auch 19 Uhr werden" hat?
- wie oft siehst du Patienten vor oder nach einer OP? Bestellst du sie dir dann Monate später in die Sprechstunde zur Nachkontrolle ein? Und wenn es Komplikationen gibt: löst du sie dann selbst oder wer ist dann zuständig?
- kümmerst du dich um Patienten auch außerhalb des OPs? (ITS abgesehen)
Haben wir jetzt mehrfach diskutiert. Es bringt nix, hier "die Anästhesie" zu verteidigen oder irgendwas positiver oder negativer darzustellen. Denn es ist alles im Auge des Betrachters.
Könnte jetzt kontern mit allen negativen Punkten aus meiner Chirurgiezeit, bringt nix. Hat der TE nicht gefragt. Der weiß, was man in der Prämed macht etc.
Prämed kann geliebt werden oder gehasst. Da lernt man Patienten ja auch kennen, spricht mit ihnen, kann sogar Probleme identifizieren oder Patienten sogar helfen (weil einem das pathologische EKG auffällt, das der andere Kollege vorher übersehen hat...? Na? eben....).
Entspricht das nicht eher deiner Definition von "Patientenbetreuung"?
Der Rest spielt alles in die gleiche Leier ein: langfristige Patientenbetreuung. Dann ist halt operative Anästhesie nicht das richtige Fach für dich. So be it.
Noch was ganz anderes: Thema Nachtdienste.
Bei uns haben die Anästhesie-Oberärzte einen festen "In-House"-Nachtdienst. Ja, es gibt auch den Spezial-Nachtdienst der Kinderanästhesie. Und es gibt die Intensivstation bei denen es einen OA-Frühdienst und OA-Spätdienst sowie OA-Nachtdienst gibt. Aber der Großteil der Oberärzte macht immer noch einen "In-House"-Nachtdienst. Und auch das muss man mögen. Als Chirurg (und in unserem Haus Viszeral, Thorax, Unfall, Uro etc.) schläft man als Oberarzt zu Hause und kommt nur für Fragen oder OPs rein. Das ist schon auch noch ein Unterschied. Mit dem Nachteil wiederum dass das Rufdienste sind. Ich würd aber keine Nachtdienste mehr in der Klinik wollen.
Also wir machen alle noch in House Dienste. Ausser der Chef. Mei. Das würde hier den Rahmen sprengen. Kann ebenfalls cool sein oder nicht.
Pro/Con (in meinem Fall, kleines Haus):
- Am nächsten Tag frei
- Nachts meist Ruhe
- Ab Abends alleine, man kann frei agieren, keiner kann einem helfen. Man wird gefühlt schon gern gerufen, ist "Problemlöser" für Notfälle, Intensiv, Schockraum, kann RA machen für Frakturen/ Sedierungen in der ZNA etc.
Muss man mögen. Wir hatten schon Bewerber, die nicht kommen wollten, weil eben alleine nachts.
Ich fands immer genial!
Aber klar, der Chirurg und der Internist die rödeln meistens durch nachts. Dafür haben die BD3. Wir nicht.
Manche Kollegen verabschieden sich Richtung MVZ und machen hoffentlich keine "sackblöden" Sprüche... :-)
Fazit:
- Jedes Fach hat "Schattenseiten", die sind allerdings persönlich zu definieren. Es gibt keine Definition ob etwas "ärztlich wertvoll" ist. Schon gar nicht an der Definition der Langzeitbetreuung.
- Muss jeder für sich wissen am Ende.
Danke für deine ausführliche Antwort. Ich find die Ausführungen nun deutlich differenzierter.
Jedes Fach hat "Schattenseiten", die sind allerdings persönlich zu definieren.
Und genau darum geht es aber wiederum schon. Wenn es um das Thema "Blickt ihr zufrieden auf eure Berufswahl zurück, oder schleichen sich manchmal Zweifel ein?" dann kommst du jetzt mit "Ich kenne auch Anästhesisten, die genau deshalb in die Allgemeinmedizin wechseln und HA werden.". Und das sollte angesprochen werden. Ist nun ja auch erfolgt...
Ich glaub auch dass die Pro/Con-Liste einigermaßen wertvoll ist. Denn genau das ist es ja auch was dem TE ggf. für seine Perspektive hilft. Ich denke so eine Pro/Con-Liste wäre eben von anderen Leuten noch sinnvoll die an anderen Häusern arbeiten.
Denn das Fazit der Pro/Con-Liste kann ich auch völlig unterschreiben und trifft genau auch auf meinen Job zu "muss man mögen"!
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