Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Arzt vs. Heilpraktiker
JumpRopeQueen
24.12.2025, 06:17
Liebe Leute, seit einiger Zeit stelle ich mir die Frage: wozu Medizin studieren und Weiterbildung machen, wenn man in diesem Land als Heilpraktiker mindestens genau so erfolgreich sein kann?
Ich bin selbst Ärztin, habe aber im unmittelbaren Umfeld eine Person, die Heilpraktiker für Psychotherapie lernt, weil sie kein Bock auf den langen Weg des Psychotherapeuten hat. Der Lehrgang dauert 1 Jahr, danach wird sie fast das selbe Geld für Therapien verlangen, wie die PTs, und privat versicherte Patienten behandeln, da einige PKVs die Kosten übernehmen.
Kürzlich habe ich nach einer Psychotherapie gesucht und war erstaunt, dass der preisliche Unterschied zwischen HP und PT lediglich 10-20€ beträgt.
Geschweige von anderen Richtungen wie Ästhetik oder Naturheilverfahren. Der Markt ist gefragt und überfüllt.
Was denkt ihr dazu?
Bender B. Rodriguez
24.12.2025, 07:27
Hab ich mir beim Vergleich Arzt - Enkeltrickbetrüger auch schonmal überlegt.
Am Ende waren moralische Überzeugungen der Grund für meine Entscheidungen.
Ein Heilpraktiker braucht glaube ich mehr als ein Jahr für die Ausbildung. Irgendeine medizinische Ausbildung (MFA, Physiotherapeut, Pflegefachkraft) muss er meines Wissens schon haben.
Meinst du ernsthaft, dass man mit einem dubiosen "Lehrgang" in einem Jahr das lernen kann, was Medizin- oder Psychologiestudium sowie eine langjährige Weiterbildung bieten, um verantwortungsvoll zu arbeiten? Verstehst du "erfolgreich arbeiten" lediglich die Umsatzgenerierung?
Es ist furchtbar, wie sich solche HP selbst überschätzen, weil sie eben nicht wissen, was sie alles nicht können und wissen.
Übrigens braucht ein HP überhaupt keine Ausbildung, es gibt lediglich eine Überprüfung beim Amtsarzt (keine Prüfung im eigentlichen Sinne, sondern ein Schadensverhinderungscheck, der nichts mit Wissen und Können zu tun hat.)
JumpRopeQueen
24.12.2025, 08:00
Meinst du ernsthaft, dass man mit einem dubiosen "Lehrgang" in einem Jahr das lernen kann, was Medizin- oder Psychologiestudium sowie eine langjährige Weiterbildung bieten, um verantwortungsvoll zu arbeiten? Verstehst du "erfolgreich arbeiten" lediglich die Umsatzgenerierung?
Es ist furchtbar, wie sich solche HP selbst überschätzen, weil sie eben nicht wissen, was sie alles nicht können und wissen.
Übrigens braucht ein HP überhaupt keine Ausbildung, es gibt lediglich eine Überprüfung beim Amtsarzt (keine Prüfung im eigentlichen Sinne, sondern ein Schadensverhinderungscheck, der nichts mit Wissen und Können zu tun hat.)
Es geht hier nicht um irgendwelche moralischen Überzeugungen, die sich jeder selbst festlegt. Es geht lediglich um die Frage der Wirtschaftlichkeit, ob der ganze Aufwand des Studiums sich überhaupt lohnt.
Nach meinem Wissen, ist es in keinem anderen europäischen Land so, dass ein Heilpraktiker 90% der ärztlichen Arbeit übernehmen kann, ohne dafür studieren zu müssen. Die PKVs übernehmen sogar diese Behandlungen.
In gar keiner Hinsicht wird man durchschnittlich als HP genauso erfolgreich sein, wie nach Medizinstudium. Weder bezüglich Einkommen, Jobchancen geschweige denn Karriereoptionen. Richtig systematisch werden die Daten nicht erhoben aber Hinweise auf das Einkommen von HPs bekommst du online. Interessant ist auch den Verlauf zu beobachten, wie viele den Lehrgang machen, wie viele die Prüfung ablegen und wie viele davon dann nach einem Jahr tatsächlich als HP arbeiten.
Bender B. Rodriguez
24.12.2025, 08:19
Nach meinem Wissen, ist es in keinem anderen europäischen Land so, dass ein Heilpraktiker 90% der ärztlichen Arbeit übernehmen kann, ohne dafür studieren zu müssen. Die PKVs übernehmen sogar diese Behandlungen.
Deutschland hat einen speziellen historischen Hintergrund für das Vorhandensein von Heilpraktikern. Das entsprechende Gesetz ist von 1939.
Viele Ärzte hatten in Deutschland in den Dreißigern ein Berufsverbot erhalten, weil sie Juden waren. Daher brauchte man Ersatz.
Tweety8008
24.12.2025, 15:56
Deutschland hat einen speziellen historischen Hintergrund für das Vorhandensein von Heilpraktikern. Das entsprechende Gesetz ist von 1939.
Viele Ärzte hatten in Deutschland in den Dreißigern ein Berufsverbot erhalten, weil sie Juden waren. Daher brauchte man Ersatz.
WTF, heute wieder was gelernt.
Die ganzen Praxen der Scharlathane in Deutschland haben ihren Erfolg also den Nationalsozialisten zu verdanken?!
Vor Schreck habe ich gerade auch in die AGB meiner PKV (“Landeskrankenhilfe”, Ärztetarif) geschaut: Gottseidank ist das nicht mit drin.
Nach meinem Wissen, ist es in keinem anderen europäischen Land so, dass ein Heilpraktiker 90% der ärztlichen Arbeit übernehmen kann, ohne dafür studieren zu müssen.
Also sorry, das ist mal völlig übertrieben. Aus meiner Sicht darf ein Heilpraktiker fast gar nichts. Bissl Blutabnehmen und irgendwas geben schon. Aber echte Medikamente? Operationen? Interventionen? Sinnvolle Diagnostik? Das ist alles schon extrem limitiert. Und klar: bei bissl Zwicken hier und Drücken da, bissl Darmgleichgewichtsstörungen, psychischen Knicks usw. kann ein Heilpraktiker helfen. Aber nicht bei ernsthaften Erkrankungen.
wozu Medizin studieren und Weiterbildung machen, wenn man in diesem Land als Heilpraktiker mindestens genau so erfolgreich sein kann?
Ich glaub das ist einfach nur Wunschtraum. Also das das so easy locker flockig funktioniert.
Du kannst auch Berater/Coach/Personal Trainer werden und machst das zu Stundensätzen >300€ für Leute die das zahlen. Da brauchst du gar nichts dafür weil diese Bezeichnungen nicht geschützt sind. Und doch ist die Wahrscheinlichkeit dass das gut funktioniert sehr gering. Heilpraktiker hat ne höhere Wahrscheinlichkeit dass es funktioniert aber geringere Stundensätze. Und die wenigen Heilpraktiker die ich kenne machen das eher so nebenbei als kleiner Zusatzverdienst. Weil eben die Auslastung zu gering ist. Als Psychotherapeut mit Kassenzulassung kannst du dich ja vor Patienten nicht mehr retten.
nystagmus
30.12.2025, 03:01
zur Ausbildung:
Ich wurde einmal angesprochen von einer Azubi HP Psychotherapie, ob ich eine Gruppe supervidieren könnte, da sie davon bisher nichts gehört hatten und die Supervision nach meiner Aufklärung interessant fand......
Soweit ich weiß, werden inzwischen immer weniger Prüfungen für Heilpraktiker für Psychotherapie angeboten, da sich die Behörden offenbar nicht zuständig fühlen und die Verantwortung zwischen verschiedenen Ämtern hin- und herschieben.
Soweit ich weiß, dürfen sie nur bestimmte Krankheitsbilder behandeln, meines Wissens vor allem leichtere Depressionen.
Jukka666
30.12.2025, 08:30
Ich glaube, wichtig zu wissen, ist, dass Heilpraktiker kein Ausbildungsberuf ist. Es ist generell überhaupt keine Ausbildung.
Das stösst mir schon immer sauer auf, wenn jemand sagt, er hat eine Ausbildung zum Heilpraktiker.
Heilpraktiker kann sein, wer die Prüfung besteht. Ich habe diese Prüfung selbst im Studium spaßeshalber mal online durchgeklickt und natürlich bestanden.
Die Fragen sind durchaus nicht ohne und völlig normal medizinisch.
Dass sich Menschen lehrgänge bezahlen lassen, um andere auf diese Prüfung vorzubereiten, ist ja eine andere Sache. Heilpraktiker wird ja oft, wer überhaupt keine medizinische Ausbildung hat.
Und dieser jemand würde natürlich bei so einer Prüfung mit Ach und Krach durchfallen. Darin liegt meines Erachtens der Skandal in diesem Tätigkeitsfeld. Und das weiß die Bevölkerung teilweise nicht, die glauben, man hat ein jahrelange „Ausbildung“ dafür.
Witzig, ich habe auch regelmäßig die HP Prüfung gekreuzt, weil die wie die IMPP Fragen waren.
Hab’s ca. 2018-20 regelmäßig gekreuzt. Ich hätte ohne Probleme ab dem 6. Semester als HP arbeiten können, das muss man sich mal vorstellen. Ich bin über ein Jahr approbiert und kann nicht mal ansatzweise irgendwas!Bin nun fast 4 Jahre approbiert könnte aber immer noch nicht sinnvoll die Ratsuchenden beraten und behandeln. Meiner Meinung nach muss die scheinbare Legitimierung durch die Gesundheitsämter wegfallen. Die können ja eigene Zertifikate entwickeln.
Der Aspekt der Wirtschaftlichkeit wird sich sicherlich verschärfen; jemand der geschickt Marketing/Medien einsetzt, kann gerade als Online-Dienstleister sicherlich beeindruckende Ergebnisse erzielen (kann, nicht muss), insbesondere auch in den Vergleichen à la "ich muss dafür aber einen Monat+Überstunden+Dienste arbeiten".
Die Aussage, dass ein Heilpraktiker ein "90%"-Arzt sei, ist offensichtlich falsch.
JumpRopeQueen
06.01.2026, 13:58
Der Aspekt der Wirtschaftlichkeit wird sich sicherlich verschärfen; jemand der geschickt Marketing/Medien einsetzt, kann gerade als Online-Dienstleister sicherlich beeindruckende Ergebnisse erzielen (kann, nicht muss), insbesondere auch in den Vergleichen à la "ich muss dafür aber einen Monat+Überstunden+Dienste arbeiten".
Die Aussage, dass ein Heilpraktiker ein "90%"-Arzt sei, ist offensichtlich falsch.
Das habe ich auch nicht behauptet. So einen Eindruck bekommt man aber, wenn man sich die Leistungsspektren mancher HPs anguckt. Betrachtet man die Nische der ästhetischen Medizin, wird man erstaunt wie viele Menschen sich von HPs spritzen und behandeln lassen. HPs dürfen sogar Botox spritzen, bloß nicht selbst eins kaufen. In keinem anderen EU-Land ist es so.
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