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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Studium mit Mitte 30 & Autismus



monoblast
22.05.2026, 18:35
Hallo zusammen,

ich versuche mich kurz zu fassen, es gibt natürlich schon einige Posts dieser Art, nur denke ich, dass mein Fall etwas spezieller ist und wollte deswegen doch mal direkt eure Meinung.

Das Hauptanliegen ist die Frage, ob ich noch den Versuch wagen soll, ein Studium zu beginnen.

Arbeite aktuell mit med. Ausbildung in einem Labor aber hatte schon immer das Studium im Kopf. Nun kommen div. Begleitumstände dazu, die das in letzter Zeit verhindert haben bzw. mich jeden Tag über meine Situation nachdenken lassen. Zwar ist die jetzige Arbeit auch in gewissen Aspekten anspruchsvoll, aber je nach Platz schon sehr repetitiv mit wenig Raum für Veränderungen. Ich hab jeden Tag das Gefühl, dass ich "mehr" will (dabei meine ich keine Weiterbildung in meinem Fach, da letztendlich die Arbeit doch gleich/ähnlich bleibt. Einen richtigen "Aufstieg" gibt es nicht).

Eine alternative Laufbahn sehe ich im Moment nicht so richtig, schon immer war für mich Medizin das "Non-plus Ultra" und alle anderen Abschlüsse/Ausbildungen sind weniger wert (ist natürlich totaler Quatsch, aber hat sich in meinem Kopf so manifestiert)

Da ich mich im autistischen Spektrum befinde, gibt es schon im aktuellen (Berufs-)Alltag diverse Situationen, die dafür nicht ganz zuträglich sind (viele Leute um einen herum, Geräuschkulisse, fehlender Rhythmus durch wechselnde Plätze und Arbeitszeiten, Telefon, Stress (hier aber mehr Probleme mit sozialem Stress in der Interaktion als durch den Workload)). Das wird natürlich als Mediziner nochmal deutlich verstärkt.

Weiterhin, bzw. auch damit zusammenhängend, ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis in fast jedem Bereich, also hier zutreffend "Würde ich das Studium schaffen; Finde ich einen Arbeitsplatz der mir liegt?) aber auch alltägliche Sachen wie "Finde ich einen Parkplatz?; Hält mein Auto die nächsten X-Jahre?" (ging sogar schon so weit, dass ich mich - bei Bewerbung zum Studium vor einigen Jahren - schon auf die Warteliste des hiesigen Parkhauses setzen lassen wollte).

Die konkrete Vision einer bestimmten Fachrichtung ist noch etwas verschwommen, sehe mich aber eher patientenfern, finde die dortigen Sachen auch sehr interessant - Labor, Patho, Radio, Hyg. & Umwelt, Rechtsmed.. Generell würde ich sehr gerne den Wissenszuwachs durch das Studium haben, den patientennahen Teil hat man ja sowieso während der Praktika sowie im PJ und dem meist obligatorischen Jahr in der Patientenversorgung.

Finanziell ist das ganze natürlich auch ein interessanten Aspekt. Einerseits die Zeit des Studiums als auch der pot. Verdienst im Anschluss, vielleicht auch vergleichend hochgerechnet auf die Lebensarbeitszeit.

Aktuell komme ich auf ca. 2,9k netto inkl Dienstzulagen. In der Tariftabelle kann ich auch max +400€ mehr brutto kommen durch zeitlichen Aufstieg in den Gruppen (Tvöd). Der TV-Ärzte startet schon bei fast +1k als ich in meiner höchsten Stufe erreichen kann.

Zur Studiumsfinanzierung: Je nach Lernaufwand wäre zeitweise bestimmt ein Nebenjob möglich, wenn ich heute meine gesamten Assets liquidieren würde, käme ich auf ca. 150k (nach Steuern), was genau 2k pro Studiumsmonat bedeuten würde. Aber halt dann wieder komplett bei 0 starten...

Kinder stehen nicht zur Debatte (einerseits sehe ich mich dazu nicht in der Lage/ habe auch kein Interesse daran, andererseits musste meine Partnerin operiert werden, was das ganze Thema sowie biologisch unmöglich gemacht hat).

Allerdings würde ich gerne an der Wohnsituation etwas ändern, da es mir aufgrund zunehmender Umbaumaßnahmen bei mir zu laut wird. Der Traum wäre ein kleines ruhig gelegenes Haus mit meiner Frau, aber das wäre in der Situation natürlich auch schwer zu realisieren.

Es schwirren noch so viele Gedanken im Kopf rum, die ich aber jetzt nicht richtig ordnen und zu Papier bringen kann...daher soll es das fürs erste gewesen sein.

Für Meinungen/Inspirationen bin ich sehr dankbar

Nefazodon
22.05.2026, 20:55
Hallo monoblast,

Prinzipiell spricht nichts gegen ein Studium mit Mitte 30 oder mit Autismus. Gerade in der Medizin gibt es relativ viele Spät- und Quereinsteiger.

Du solltest dir aber bewusst machen, dass es nicht einfach ist, in diesem Alter noch zu studieren. Das Medizinstudium an sich ist durch viele Praktika sehr zeitaufwendig, und die Stoffmenge ist hoch.
Gerade auch in der Vorklinik wirst Du wenig Zeit haben, um nebenher zu arbeiten. Ist in Modellstudiengängen auch nicht besser.
Solltest Du das Studium schaffen musst Du erstmal als Assistenzarzt arbeiten. Wie Du schon selbst schreibst, ist auch in den meisten patientenfernen Fächern mindestens ein klinisches Jahr vorgeschrieben. Das bedeutet für dich dann auch Nachtdienste mit Anfang 40. Das ist machbar, aber nicht leicht.

Die Fragen, die Du dir stellen solltest, sind: Willst Du dir das wirklich antun? Wenn ja, warum? Wegen des Prestiges? Wegen des Geldes?
Lohnt es sich wirklich für dich, dafür nochmal 6 Jahre zurückzustecken um sich danach als Assistenzarzt erstmal hochzuarbeiten?
Das solltest Du dir ehrlich beantworten.
Ein weiterer Punkt: Du hast eine Partnerin erwähnt. So eine einschneidende Entscheidung solltest Du auch mit ihr besprechen, da Du in der Zeit des Studiums auf Vieles wirst verzichten müssen. Wie sieht deine Partnerin das? Würde sie dich unterstützen?

Auf zwei Punkte aus deinem Posting möchte ich noch näher eingehen:


Da ich mich im autistischen Spektrum befinde, gibt es schon im aktuellen (Berufs-)Alltag diverse Situationen, die dafür nicht ganz zuträglich sind (viele Leute um einen herum, Geräuschkulisse, fehlender Rhythmus durch wechselnde Plätze und Arbeitszeiten, Telefon, Stress (hier aber mehr Probleme mit sozialem Stress in der Interaktion als durch den Workload)). Das wird natürlich als Mediziner nochmal deutlich verstärkt.

Stressige Situationen mit Menschen und fehlendem Rhythmus werden sich in der Medizin nicht vermeiden lassen. Spätestens im PJ und auch in der Zeit als Assistenzarzt wirst Du dem Klinikalltag mit Menschen und Hektik nicht entgehen. Sei dir dessen bewusst.



Weiterhin, bzw. auch damit zusammenhängend, ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis in fast jedem Bereich, also hier zutreffend "Würde ich das Studium schaffen; Finde ich einen Arbeitsplatz der mir liegt?) aber auch alltägliche Sachen wie "Finde ich einen Parkplatz?; Hält mein Auto die nächsten X-Jahre?" (ging sogar schon so weit, dass ich mich - bei Bewerbung zum Studium vor einigen Jahren - schon auf die Warteliste des hiesigen Parkhauses setzen lassen wollte).

Um das Studium an sich brauchst Du dir glaube ich nicht soviele Sorgen machen. Entweder es klappt, oder es klappt nicht, das wird man sehen. Nur: Wenn dich schon alltägliche Sachen wie ein parkplatz für dein Auto so belasten, ist der Klinikalltag mit vielen wichtigen Entscheidungen, die letztendlich über Menschenleben mitentscheiden können, dann wirklich das Richtige für dich?

Du solltest gut darüber nachdenken, was Du willst und warum und ob es sich lohnt!

Feuerblick
23.05.2026, 08:26
Ich sehe das ähnlich wie Nefazodon.

Wichtig wäre auch, für dich selbst einzugrenzen, was „nicht zuträglich“ bedeutet. Bedeutet es, dass du Stress hast, aber handlungs- und entscheidungsfähig bleibst oder bedeutet Stress in der sozialen Interaktion, dass du einfrierst und keine Entscheidungen mehr treffen kannst? Dass du jede Entscheidung hundertmal durchdenkst bevor du sie triffst? Oder meinst du damit nur, dass du zu Hause Zeit brauchst, derartigen Stress zu verarbeiten?
Du wirst mindestens in Famulaturen, im PJ und in einem oder mehreren klinischen Jahren sehr viel sozialen Stress, sehr viele Wechsel im Rhythmus, im Arbeitsplatz, sehr viel ungeordnete Aufgabenstellungen und sehr viele Anrufe am Telefon haben. Dazu Angehörige, die reden wollen, Patienten, die reden wollen und möglicherweise auch Menschen, die dich unangenehm angehen.
Stell dir selbst die Frage ob du all das aushalten und in so einem „Dauerfeuer“ arbeiten kannst. Stell dir die Frage, wie gut du unter Druck bist, schnelle Entscheidungen zu treffen. Sei dabei bitte ehrlich zu dir selbst.
Man kann mit vielem umgehen lernen, aber jeder nur in seinem individuellen Rahmen. Den kennst nur du.

Überlege dir, warum du all das auf dich nehmen willst. Dein Alter ist nicht das Problem, aber du hast jetzt beruflich und privat schon ein bestimmtes Setting erreicht - möchtest du darauf mindestens sechs bis zehn Jahre verzichten, lernen, in der Hierarchie unten anfangen?

CaputMortuum
23.05.2026, 15:40
Da ich mich im autistischen Spektrum befinde, gibt es schon im aktuellen (Berufs-)Alltag diverse Situationen, die dafür nicht ganz zuträglich sind (viele Leute um einen herum, Geräuschkulisse, fehlender Rhythmus durch wechselnde Plätze und Arbeitszeiten, Telefon, Stress (hier aber mehr Probleme mit sozialem Stress in der Interaktion als durch den Workload)). Das wird natürlich als Mediziner nochmal deutlich verstärkt.

Gerade die hier genannten Punkte sind meiner Meinung nach im Alltagsgeschäft eine große Belastung. Dass man viele unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig im Kopf haben muss, während immer wieder neue Anrufe und Anfragen von Pflege, Patienten und Angehörigen kommen, lässt sich nicht wirklich vermeiden (zumindest im klinischen Bereich). Und das alles mit einer gewissen Geräuschkulisse im Hintergrund bzw. auch, wenn man in dem Moment mit Patienten beschäftigt ist. Es ist herausfordernd, alles im Kopf zu behalten, zu koordinieren, die richtigen zeitlichen Prioritäten zu setzen etc., ohne sich aus dem Rhythmus bringen zu lassen. Gerade mit Autismus (und, falls vorhanden, Konzentrationsschwierigkeiten) kann das schnell überfordern, das muss dir bewusst sein.

monoblast
24.05.2026, 20:22
Vielen Dank schonmal für die Rückmeldungen, das weiß ich sehr zu schätzen!

Zu dem "Warum?":
Da gibt es irgend eine starke intrinsische Motivation, schon seit ich denken kann finde ich rund um das Themengebiet alles extrem interessant, auch mit "Bewunderung" des ganzen Wissens und damit einhergehen, dass ich das auch mal alles "können/wissen" möchte.

Und da ist dann irgendwie alles andere im medizinischen Bereich, was nicht-ärztlich ist, mir irgendwie "zu wenig" bzw. bietet zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten.
In der jetzigen Tätigkeit noch die nächsten 30 Jahre zu verbringen ist schon nicht die rosigste Vorstellung. Natürlich wird es da auch Entwicklungen/Veränderungen geben, aber trotzdem nichts, was mich "erfüllt". Vielleicht ist zu sehr ein "Schnittstellenbereich" im Moment. Grob gesagt ein bisschen was aus Technik und Medizin, aber nichts richtig.

Ein Bekannter von mir (ein Jahr älter) kam damals per Losverfahren rein und ist mittlerweile ärztlicher Leiter eines Bereiches, ein anderer gleichaltriger Freund hat jetzt seine Facharzt und ich "versauere" noch in dem Ausbildungsberuf.

Zu der Art der Stressbelastung: Glaube da geht es eher in die Richtung, dass ich das im Nachgang kompensieren muss. In der jetzigen Tätigkeit gibt es auch durchgehend irgendwelche Geräusche, sei es laute Geräte, Telefon oder Kollegen. Privat geht es schon stark Richtung Misophonie und beim kleinsten nicht von mir verursachten Geräusch, auf das ich keinen Einfluss hab, steigt sofort der Blutdruck und das Stressempfinden. Ansonsten bin ich in den Stresssituationen, die mir passieren können, eher souverän im Umgang (sei es plötzlicher massiver Transfusionsbedarf, akuter Geräteausfall mit wartenden, wichtigen Werten), das wird mir auch von den Kollegen so mitgeteilt.
Ist natürlich nochmal eine andere Hausnummer, wenn man am Patientenbett steht und da unmittelbar die lebensrettende Intervention/Medikation anleihern muss.

Was ich vergessen hatte, sind Begleiterkrankungen wie atopische Dermatitis und Reizdarmsyndrom (statistisch sogar gehäuft bei Autismus), diese sind aber in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Man muss zwar auf seinen Körper hören, aber zum einschätzen gab es in den letzten zwei Jahren keinen dadurch bedingten Krankheitsausfall.

Meine Partnerin steht bei jeder Entscheidung in der Richtung zu 100% hinter mir.

Natürlich kann nur ich selbst das ganze beantworten, aber eure Einblicke, Erfahrungen und Meinungen geben schon eine gute Hilfestellung.