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Die Niere
06.06.2004, 15:43
Schweiz - Glarus - Innere Medizin - Unterassistent

Ich habe die Zeit zwischen Februar und Mai 2004 auf der Medizin im Kantonsspital Glarus als Uhu verbracht und wollte euch hier einmal einen Eindruck dessen geben, wie ich die 4 Monate erlebt habe.

Glarus ist die kleineste Kantonshauptstadt eines schweizerischen Kantons (5000 Einwohner) und dementsprechend familiär geht hier alles zu. Die Klinik hat auf der Medizin 1 CA, 4 OA und ca. 10 Assis mit ca. 3-4 Uhus, auf der Chirurgie sieht es ähnlich aus. Dann existiert noch eine Gyn (1 Stockwerk) mit dviersen Ärzten und 1 Uhu, ein Stock für die Verrückten (ohne Uhu, gehört zur Medizin) und eine ziemlich gut ausgestattete Radio mit 1 CA, 1 OA und 1 Uhu. Desweiteren arbeiten noch diverse Belegärzte versch. Fachgebiete im Spital, mit denen man aber eigentlich kaum bis garkeinen Kontakt hat.

Man lebt im sog. „Terrassenhaus“, ein 5-stöckiges (aber für Wohnheimverhältnisse schönes) Gebüde mit zwei verschienden Arten von Zimmer. Auf der einen Seite haben alle Zimmer ca. 10, auf der anderen Seite ca. 15 qm. Die grossen Zimmer kosten ca. 330 sFr – den Preis der kleineren kenne ich nicht. Man hat in jedem Fall einen Balkon bzw. im 5. und 4. Stock auf der teuren sowie. 4., 3. und 2. Stock auf der billigen Seite eine Terrasse mit Blick auf den Vorderglärnisch (siehe unten). Auf jedem Stock auf der teuren Seite gibt es eine gut eingerichtete Küche (Teller, Töpfe, Besteck usw, vorhanden), ein Wohnzimmer, eine extra Terrasse, zwei Toilletten, zwei Duschen, eine Badewanne, einen Trockenraum. Insgesamt gibt es 2 Waschmaschinen, die man kostenlos nutzen darf. Die Zimmer sind nicht nur geräumig und gut ausgestattet (Schreibtisch, Bett, Metallregale, Lavabo, Schrank usw.) sondern sind auf der einen Seite komplett als Fensterfront mit herrlichem Ausblick gebaut.

Die Umgebung ist ein Traum…wenn man denn Berge mag. Im Winter nur 15 Minuten von zwei Skigebieten entfernt..im weiteren näheren Umfeld nochmal locker 5 weitere Skigebiete. Für die richtigen Profis gibt es ein riesiges Angebot an Skitouren (bis zum 3600m hohen Tödi möglich). Ansonsten kann man im Sommer auf verdammt viele Berge wandern, Bergseen besuchen (Klöntaler See, Obersee, Walensee), Velo fahren (und dabei verdammt viele Höhenmeter im Schneckentempo hinter sich bringen, um dann auf dem Gipfel ein schönes Panasch zu geniessen) und Klettern in echt und in der Halle (siehe „Was macht sexy ;-) “) betreiben. Oder man geniesst einfach die Sonne auf den 1001 Wiesen, der eigenen Terrasse oder sonstwo.

Das Schaffen ist sehr angenehm und man duzt jeden…auch den Chefarzt!!! – dementsprechend ist man auch nie der Uhu oder eine Nummer, sondern immer ***** bzw. Die Niere ;-) . Auf der Medizin gibt es drei Stockwerke…der 2. Stock ist privat und ausser im Wochenenddienst hat man dort eigentlich garnichts zu arbeiten. Der erste und das Erdgeschoss ist jeweils zweigeteilt mit 12 Betten vorne und 12 Betten hinten. Jedes dieser 12 Betten wird durch einen Assi betreut (und nicht mehr!) und als Uhu ist man genau eben einer Abteilung (also auch 12 Betten) zugeordnet. Ein normaler Tagesablauf geht ungefähr so:
- Morgenrapport um 8:00 Uhr (dort Besprechung der nächtlichen Vorkommnisse, ggf. Interdisziplinäre Besprechungen mit den Physioleuten oder dem Sozialdienst o.ä.)
- 30 Minuten Frühstück in der Cafeteria
- Stationsarbeit oder Eintritt staten
- 10:00 Uhr Visite (zweimal in der Woche mit OA, nie mit CA *freu*)
- 12:00 Mittagspause bis 14:00
- ab 14:00 ggf. einen Eintritt staten, sonst Stationsarbeit und sonstwie beschäftigen
- 16:00 Kardexvisite mit den Schwestern (kurz einfach nochmal neu aufgetretene Dinge besprechen und Anordnungen geben)
- 17:00 Röntgenrapport und Abschlussrapport
- ca. 18:00 Arbeitsende, wenn alles erledigt ist
Zu den Aufgaben eines Uhus gehören:
- Eintritte staten (also Aufnahme)
- Eintrittsbriefe schreiben, wenn man möchte, schon mal die ersten Anordnungen schreiben und dem Assi + OA vorstellen (dort bekommt man sehr viel Feedback, Tipps und bespricht das weitere Vorgehen / dabei ist es durchaus möglich eine andere Vorgehensweise als der OA eingeschlagen zu haben, die dann wenn man sie vernünftig begründen kann durchaus auch so durchgezogen werden kann – also die Oberärzte verstehen sich hier auf keinen Fall als oberste Instanz und Gott in Weiss, der dem keinen Idioten alles beibringen muss, sondern sind gerne auch auf Gebieten, bei denen sie sich nicht so gut auskennen, lenrfähig (Beispiel Uhu-Fortbildung ORL durch einen Uhu, der dort geschafft hat für einige Monate))
- Austrittsbriefe schreiben (natürlich kann man auch diktieren)
- Sonographie
- Kleine Eingriffe unter Anleitung
- Wochenenddienst (jedes WE muss 1 Uhu dort sein…also je nach Menge der Uhus hat man jedes 3. oder 2. WE Dienst)
- Eigentständige Visiten, wenn der Assi nicht da (z.B. REGA-Einsatz (=Hubschraubernotarzteinsatz)) ist oder man Wochenenddienst hat
- Organisationen (Ärzte anrufen, Verlegungen organisieren, Recherche bei unklaren Krankheitsverläufen, Anordnungen, Konsile, Verläufe schreiben, usw.)
- Usw. usw. usw.

Man ist also sehr eingespannt (was nicht gleichbeteutend mit viel viel Arbeit ist) und wird ernst genommen – von schwesterlicher und ärztlicher Seite, dass das Schaffen einfach auch sehr befriedigend macht. Es gab in meinen 4 Monaten kaum einen Tag, an dem ich nicht auch mal meine Ruhe hatte und Emails schreiben, Bücher lesen oder was Süsses auf der Klinikterrasse mit Blick auf das schneebedeckte Alpenpanorama (s.u.) geniessen konnte. Das ergibt sich auch aus dem Umstand, dass man maximal 12 Patienten zu betreuen hat- Eintritte gibt es an einem Tag eigentlich maximal drei (aber sehr selten) – viel häufiger sind zwei, einer oder garkeiner (in meiner letzten Woche habe ich nicht einen einzigen Patienten aufgenommen). Das kann am Wochenende aber schon mal anders aussehen und sich bis auf 10 Patienten steigern – die teilt man aber mit seinem Assi. Zusammengefasst muss man wohl sagen, dass richtiger Stress eigentlich nur am WE auftritt (aber nicht muss – ich hatte zwei WE mit jeweils nur einer Aufnahme eines Kindes in 2 Tagen…da wird man schon ganz schön braun :-) – wenn die Sonne scheint).


Die Bezahlung ist mit 1616 sFr. eine der besten in der Schweiz (meines Wissens gibt es nur eine Stelle in einem Tetraplegikerzewntrum, die besser bezahlt wird).
Der CA lässt sich ausser in den Frührapporten eigentlich auf den normalen Stationen fast nie blicken und verfolgt nebenbei sehr alternative Methoden (wer des öfteren Berichte in RTL, 3sat, ARD, ZDF, SAT.1 und Pro7 darüber gesehen hat bzw. die aktuelle PM gelesen hat, weiss wovon ich rede).

Durch das eher kleine und dörfliche Einzugsgebiet sind die meisten Patienten schon den Assis und OA’s bekannt (und es existieren maximal 100 Nachnamen im Kanton Glarus…also hat man auch mal 4 Hefti’s auf Station liegen (Das Lernen der Vornamen ist also obligat :-) )) und der familiäre Umgang ist auch ausserhalb des Spitals verbreitet. Jeder und ich meine wirklich jeder sagt einem Gruezi oder Hoi. Das geht vom 6 jährigen Mädchen, über den 70 Jahre alten Retner bis zum halfaffigen 16-jährigen Proleten, der Dir nachts grossspurig entgegenkommt und plötzlich ganz freundlich „Gruezi“ sagt. Das ganze hat natürlich auch den Nachteil, dass im Glarnerland kein Geheimnis, ein Geheimnis bleiben kann – einmal ein Bier trinken gehen mit einer Schwester und die Gerüchteküche ist am brodeln. Dieses ist auch der grösste, aber meiner Meinung nach verschmerzbare, Nachteil der Enge. Nach einer Zeit gewöhnen sich die Ärzte, Patienten und Menschen an den offenen Nordeutschen und man selbt lehrt und lernt dazu.

Das Freizeitprogramm und die Integration ist super. Vom Terrassenhaus (Uhus, Physio, MTRA, Schwestern, Schwesternschülerinnen, Assis) haben wir eigentlich oft sehr viel gemeinsam gemacht. Montags war immer Unihockey…danach Pizzaessen, am Dienstag wurde gemeinsam gekocht und gegessen, Donnerstag war immer Kneipenabend und an den anderen Tagen sind wir meistens auch noch los gewesen oder haben eine DVD geschaut. Am WE sind die meisten schweizer nicht da, so dass man dann zusammen nach Zürich in Ausgang gegangen ist. Vom Spital wird auch viel organisiert, so gab es neben einem Spitalfest, ein grosses Eishockeyturnier mit anschliessender Party, die Abschiedsparties der Assis und Uhus sind häufig und feuchtfröhlig, es wurde Bowling organisiert, Kalberwurstessen, jetzt im Juni gibt es wieder ein Beachvolleyballturnier usw usw usw. – abends trifft man sich auch mal mit dem OA, der einem zum Essen oder Trinken einlädt usw. Es wirkt halt wie ich jetzt schon zu genüge erzählt habe wie eine grosse Familie und man wird schnell aufgenommen.

Ach ja, in den Monaten November bis Januar/Februar kann einen das Fehlen von viel Sonne und die eingeengtheit der Berge deppressiv machen – das sollte man immer bedenken und wird auch so drastisch durch die meisten zu dem Zeitpunkt dort verbliebenden beschrieben.

Fazit: Wer eine gutbezahlte Stelle in der Schweiz als Unterassistent der Medizin annehmen möchte, sich durch zu hohe Berge und ein etwas enges Beisammensein nicht abschrecken lässt, kann in Glarus viel lernen, viel medizinisch arbeiten, viel Spass haben, viele Menschen kennenlernen, neue Freunde gewinnen, neue Sportarten entdecken, braun werden, das schwyzerdütsch lernen (was in Glarus noch ein wenig schwieriger ist als im Rest der deutschsprachigen Schweiz, aber nach 3 Wochen hat man es einigermassen drauf) und eine tolle Zeit verbringen. Ich war verdammt gerne da und habe ein tolles Tertial verbracht.

Gruesse, die Niere

PS: Zum besseren Eindruck hier noch ein paar Fotos…

Die Niere
06.06.2004, 15:48
Der Blick in das Glarnertal hinein

Die Niere
06.06.2004, 15:49
Blick auf Glarus aus der Vogelperspektive

Die Niere
06.06.2004, 15:50
...nochmal ein Blick aus einer nicht ganz so sicher erscheinenden Gondel auf das Nebendorf Ennenda

Die Niere
06.06.2004, 15:51
Der Blick aus der Vogelperspektive aus dem Glarnerland heraus...Richtung Zürich...(ca. 70 km entfernt)

Die Niere
06.06.2004, 15:52
Das Alpenpanorame, dass man z.B. jeden Tag beim Mittagessen auf der Spitalterrasse anschauen darf...und es hat mich nach 4 Monaten noch immer beieindruckt...

Die Niere
06.06.2004, 15:53
Der Blick auf ein anderes Panorame vom nahe gelegenen Skigebiert Elm

Die Niere
06.06.2004, 15:53
...und auf das Skigebiet selber...

Die Niere
06.06.2004, 15:55
...und nochmal ein beeindruckender Blich in das Tal mit den verschiedenen kleinen Ortschaften

Die Niere
06.06.2004, 16:00
Die direkteste Demokratie, die in der Schweiz noch existiert (nur noch in Glarus vorhanden) - Landsgemeinde.

Alle Menschen die abstimmen möchten stehen in einem Kreis und in der Mitte werden die zur Abstimmung gebrachten Vorschläge nochmal dargestellt, bevor mit Handzeichen ("Blickdiagnose") abgestimmt wird.

So wurde in Appenzell lange Zeit das Frauenwahlrecht verhindert, die Ladenöffnungszeiten in Glarus fast vollständig aufgehoben (der Besitzer des Spar-Marktes wollte einfach immer aufmachen) und dieses Jahr die Gewerbesteuer gesenkt usw.

Spannend und verrückt zugleich...aber direkter geht es nimmer.

Die Niere
06.06.2004, 16:00
So sieht es aus, wenn ein Vorschlag auf breite Zustimmung trifft...

Die Niere
06.06.2004, 16:01
...und so auf eine weniger breite! :-D

Die Niere
06.06.2004, 16:02
Der Blick auf die Terrassen im 5. Stock des "Terrassenhauses" mit REGA-Hubschrauber und Landeplatz gleich nebenan

Die Niere
06.06.2004, 16:03
Der Blick direkt aus dem Fenster des Wohnheims auf den Vorderglärnisch (so etwas wie de Wahrzeichenberg von Glarus)

Die Niere
06.06.2004, 16:04
...und das ganze nochmal im Winter

Die Niere
06.06.2004, 16:04
Der Blick aus dem Terrassenhaus nach rechts...

Die Niere
06.06.2004, 16:05
...den Blick nach links erspare ich euch mal, da steht nur das Spital (kleiner Wermuthstropfen)

Die Niere
06.06.2004, 16:06
Der deppressive Blick aus den Wohnheimzimmern im tiefen Winter (der kleine Hügel dort heisst "Bergli")

Die Niere
06.06.2004, 16:07
...mit Schwenk nach rechts

Die Niere
06.06.2004, 16:08
...und nochmal im Panorama inkl. Vorderglärnisch (ist dass langsam zu viel??? ich komme mir schon wie ein Diavortragstyp vor, der alle langweilst :-D )