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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schweiz-Famulatur in der Chirurgie im Regionalspital Thusis



Bille11
03.05.2005, 11:21
soo, jetzt habe ich headphones, musik und tee da, eigentlich nichts zu tun, ausser krank sein (immer noch *GRML*) und lernen (GYN *fluch*)... da schreibe ich doch lieber meinen noch fälligen Famulaturbericht über meine 2 Monate dieses Frühjahr.

Ort des Geschehens: 7430 Thusis, GR
Zeit: Februar-März 2005 - genau zur besten Skifahrzeit
Fachrichtung: Chirurgie - Allgemeine und Unfall, aus den lokalen Gegebenheiten eher Unfall..
Anwesenheiten: 7:30-12:00; 15:00-18:30
Pikett: JA, 8x im Monat, ein Wochenende, inklusive Rettungsdienstpieper, kein Ausgleich
OP: ja, aber eher wenig
Mit-UHUS: es gibt 2 chirurgische und 2 medizinische UHUS..
Grösse des Krankenhauses: ca. 60 Betten auf 2 Stationen verteilt
Unterkunft: Ja, etwas gammelig, aber okay. es lohnt sich, sich gut mit der Hauswirtschaftlerin zu stellen.
Sprache: zuerst krass, dann gut... es wird (ungern) auch Hochdeutsch gesprochen.. Bünderschweizerdeutsch ist aber gut verständlich!
Gehalt: 1000sfr, davon ~350sfr für Unterkunft und Steuern weg
Kleidung wird gestellt: hierbei wird auf Hierarchie geachtet, UHUS trugen Hosen ohne Taschen, Assistenten mit Taschen, Kittel waren alt & geflickt (aber okay), Leibchen waren für alle die gleichen. Die Chefärzte trugen furchtbare „Hintenzumachkittel“.. (sah lustig aus, zunächst)
Pieper: ja, eigener + Notfall/Pikettpieper

Auf die Stelle gekommen bin ich durch eine Anzeige auf der fvmed.unizh.ch Seite vom Fachverein Medizin der Zürcher Universität.. Der Spitaldirektor hatte diese dort aufgegeben, weil man wohl etwas im Planungszwang war.. das war 10 Monate im Voraus.. ein kurzer ungezwungener Emailwechsel hatte alles klar gemacht.. JUHUU, im Februar/März in GRAUBÜNDEN (=SKI-DORADO) famulieren.. die Arbeitszeiten klangen traumhaft (ja, ich wusste schon vorher davon).. was gibts also mehr? Im Sommer habe ich dann noch 2 Monate in Zürich in einer orthopädischen Klinik gemacht & wusste, dass ich es grossartig finden würde.. Vorbereitungen also.. fast keine..
Natürlich musste ich wegen des Anfangsdatums (1. Februar) etwas zittern, unser Semester würde bis zum 4. Februar gehen.. Glücklicherweise war die Semesterendprüfung aber anderthalb Wochen vorher, die letzten 2 Wochen waren für das Psychiatrie-Blockpraktikum vorgesehen.. (und das habe ich dann in die ersten zwei Januarwochen vorgezogen.. VOR die Prüfung.. sollte mir aber letztlich richtig gut geholfen haben, im Psychiatrie-Block der Prüfung war ich angenehm gut, wie ich später erfahren habe)..
Ende Januar bin ich dann nach Zürich geflogen (nie wieder, jedes Extrakilogramm kostet VIEL VIEL Geld! - lieber Zugfahren), habe dort 2 Tage verbracht, bevor ich dann am Montag, dem Tag vor Arbeitsantritt nach Thusis weitergefahren bin.. Ski, grosses Gepäck kann man in Zürich direkt auf dem Bahnhof aufgeben.. und in Thusis abholen.. sehr erleichternd.
In Thusis angekommen (kleines Kaff, aber hat MIGROS und COOP, da es quasi die Regionalhauptstadt bildet) war der Weg zum Spital kein Problem.. An der Rezeption war man schon informiert, gab mir die Schlüssel, stellte sich mir mit Vornamen vor & erklärte mir den Weg zum Wohnhaus.. Das ist in diesem Fall ein normales (altes) Mehrfamilienhaus, in dem 2 Wohnungen mit jeweils 4 Zimmern, 1 Bad, 1 Klo, 1 Küche, 1 Balkon (nach Osten) vom Spital angemietet waren.. In der Zeit, in der ich da war, waren wir zu zweit in einer dieser Wohnungen, die eine medizinische UHU (Schweizerin) hat zu Hause gewohnt, bzw. der medizinische UHU (ein PJ) in einem anderen Wohnhaus, das viel schöner, sehr viel moderner und eigentlich nur für "höheres" Personal vorbehalten war, er hatte sich aber nach 1-2 Monaten erfolgreich bei der Hauswirtschaftlerin beschwert, so dass sie ihm erlaubt hatte, dort zu wohnen.. Nachteil war, dass es keine 2 Minuten vom Spital entfernt war, sondern 5. Vorteil: er brauchte den Kinderlärm nicht auszuhalten, der von den Wohnungen unter und über uns ausging..*grml* weiterer Nachteil: bei uns gingen ständig die Sicherungen raus.. Das Haus war alt und lange nicht renoviert.. das Bad war nicht das schönste, aber man konnte sich dran gewöhnen.. Immerhin war es nah genug zum Spital.
Mit meiner Kollegin, die mit mir dort wohnte, hatte ich etwas Pech, sie war ein wenig langweilig, ging früh schlafen & beteiligte sich ungefähr GAR nicht an irgendwelchen Aktivitäten ausserhalb des Spitals und so war relativ wenig mit Gemeinschaftsleben.. in dem Punkt habe ich mich sehr an den medizinischen UHUS gehalten, die zwar auch nicht das Sozialleben für sich perfektioniert hatten, aber wenigstens ging man mal ins Kino oder ass Abends zusammen Pizza.. In der letzten Zeit war dann eine neue Hebamme in der Wohnung des medizinischen UHUs, mit der man viel Spass haben konnte, sowie ein neuer Assistenzarzt, der auch nicht unlustig war, so dass wir dann die letzten 2-3 Wochen noch ganz nett gefeiert, gequatscht usw. haben.. Schade eigentlich, aber das ist der Nachteil bei wenigen UHUS.
Am ersten Tag sind wir - die andere Chirurgische UHU und ich - um halb 8 zur Loge (=Empfang, Rezeption, Pforte) gegangen, haben uns von dort zu den Assistenten-Zimmern weiterleiten lassen & festgestellt, dass keiner da war ausser dem diensthabenden Nachtarzt, der schnellstenst nach Hause wollte & uns erst einmal in den OP verfrachtet hat.. Hier konnten wir dann erstmal zuschauen, uns mit dem (sehr netten) OPS-Personal bekannt machen & bekamen alles erklärt.. so nach und nach machten wir uns dann auch mit den Ärzten bekannt... es gab 2 chirurgische Chefärzte und 3 chirurgische Assistenten. (ausserdem noch 1 medizinischer Chef, 3 med. Assis, 1 Gynäkologe, 2 Anästhesisten im Pikettdienst (jeweils 1 für 2-3 Wochen, dann der andere) und diverses paramedizinisches Personal.. die Stellung der Anästhesie-Pfleger/Schwester war sehr hoch, sie waren auch für das Rettungswesen zuständig und hervorragend ausgebildet!).. wir wurden auf die Tagesassistenten aufgeteilt, jeder von denen hatte eine Station mit jeweils ca. der Hälfte chirurgischen Patienten.. später bekamen wir dann einen Pieper, eine Dienstanweisung für den Rettungsdienst, den Pikettplan, Schlüssel und die Anweisung, hinter den Assistenten herzulaufen.. Visite, usw. Um 12 Uhr durften wir Mittag machen.. Und um 15 Uhr ging es dann in die Ambulanz (=Notfall genannt).. hier kamen die Patienten hereingeschneit, bzw. hatten Termine für Nachkontrollen, sowie Aufnahmen (ca. 2-3 pro Tag)..
Abends waren wir froh, den ersten Tag geschafft zu haben, mussten aber doch feststellen, dass es etwas blöd war, dass einem keiner sagen konnte, was wann wo wie war.. Dadurch, dass die 2 chirurgischen UHUS gleichzeitig anfingen, die Assis keine Zeit oder Lust hatten, einem alles zu erklären, war es etwas unklar, was wir eigentlich wann wo machen sollten.. Eine Dienstanweisung/Plan existierte nicht, schade!
Im Laufe der ersten Woche kristallisierte sich dann heraus, dass die typische Woche so ablief, dass man
Montag und Donnerstag um 8:15 zum Morgenrapport da war, vorher die Röntgenbilder der einzelnen Patienten in die Fenster in den Zimmern geklebt hatte. Morgenrapport ging ca. 15 min bis 1/2h, anschliessend 1-3 h Chefvisite... dann Bilder abhängen, Aufgaben erledigen, Mittag.
Dienstag, Mittwoch, Freitag war um 7:30 Morgenrapport, 8 Uhr OPS. Da die beiden Chefärzte operierten, die Assis assistieren und die UHUS unterassistierten (im wahrsten Sinne des Wortes - man konnte manchmal froh sein, das Bein, den Arm halten zu dürfen)... war nicht sonderlich viel zu tun, es gab 2 OP-Sääle und es kam oft auch vor, dass man nur rumstand & nichts tun musste.
Um 15 Uhr war jeden Tag Ambulanz (=Notfall), hier nahm man bei den Patienten die Anamnese, untersuchte sie & stellte die Röntgenanforderung, sofern nötig. Dann stellte man sie dem Chefarzt von Dienst vor, der das gleiche nochmal tat & die Röntgenbilder begutachtete.. bei Nachkontrollen die weiteren Procedere beschloss (und man selber nickte;-)), bzw. bei Brüchen gipste, OPS beschloss oder was auch immer notwendig war. Nebenbei machte man 1-3 Eintritte für den kommenden Tag, besprach diese mit den Assistenten (&achtete darauf, dass die Unterlagen komplett waren, d.h. Akten selbst aus dem Archiv holen, letzten Arztbrief aus der Ambulanz kopieren usw.. --> wichtig vor allem für den/die Anästhesisten/in)
17:00 war wieder Rapport, diesmal über das, was am Tage passiert ist, Notfälle wurden vorgestellt, frischoperierte dem Nachtdienst präsentiert, dann ging es zum Röntgenrapport, hier wurden die Röntgenbilder des Tages durchgesprochen. (es gibt keinen Radiologen dort, sondern 3 Röntgenassistentinnen (hervorragende!!) und die Befunde wurden von den Assistenzärzten unter Aufsicht der Chefärzte diktiert.. Nach dem Röntgenrapport ging es dann auf die Abendvisite.. alles private, frischoperierte und am nächsten Tag zu operierende wurde noch einmal visitiert. Anschliessend wurde aufgearbeitet, was noch fehlte/zu machen war.. In der Regel war man gegen halb7 gut fertig, manchmal konnte man um 6 gehen, oft um 7.. Wenn noch OPS anlagen, dann wurde prinzipiell der Pikett-UHU "dazugebeten", wenn die chirurgischen UHUS die OPS übernahmen, war das okay (und die medizinischen waren froh)..
Das Personal war sehr sehr sehr nett, alle duzten einen (bisauf... chirurgische Chefs, Hauswirtschaftlerin ( :-blush) & man war sehr familiär im Umgang.. Qualitativ und auch menschlich habe ich selten so gutes Pflege, Röntgen, Notfall-personal erlebt!
Man wurde schnell nett aufgenommen.. ausser von den Chefärzten, diese waren sehr zurückhaltend & liessen sich nicht leicht haben.. Im weiteren Verlauf liessen sie sehr durchblicken, dass sie nichts von einem erwarteten, man selbst "bitte das Maul zu halten habe" & trotz sicherlich einiger Erfahrung immer wieder auf die 0-Stufe gestellt wurde, vor allem im OPS. Schade!
Die Aufgaben waren prinzipiell alles was man konnte, wollte, durfte, hingen aber auch sehr von den Assistenten ab, mit denen man zusammenarbeitete. Die einen verlangten, dass man Austrittsberichte schrieb, diktierte usw, die anderen waren froh, wenn man nur Eintritte statete und sonst eher rumhing (seltsam!)
Wenn man Pikett hatte, war man neben dem normalen Ablauf auch für den Rettungspieper zuständig, d.h. wenn dieser losging, musste der UHU neben dem normalen RTW-Personal auch umgezogen (in furchtbaren Einteilern und dicker Jacke) in 2-3 Minuten am Treffpunkt sein. Die Fahrten waren in der Regel immer sehr lustig und auch lehrreich, aber letztlich erschloss sich der Sinn dessen nicht so recht. Man kam zwar rum (von Splügen nach Chur in einer Fahrt, lernte das „Kanti“ in Chur kennen usw..)
Schade auch, dass Pikett nicht ersetzt, bezahlt oder sonstwie beachtet wurde. Wenn man ein Wochenende durcharbeitet, dann sollte das auch anerkannt werden. Nur gemacht werden musste er, ansonsten bekam man sehr schnell Ärger! ;-)
Da wir UHUS den UHU-Pikett-Plan selbst schreiben durften, habe ich versucht, mich immer auf einen der Chef-Visiten & Nicht-OP-Tage einzutragen, um wenigstens die Chance zu haben, von diesen endlosen Visiten (2x die Woche 1-3 h die gleichen Patienten in der Chirurgie???) wegzukommen..
Einkaufen war in Thusis von 8:30-18:00 möglich, am Freitag auch bis 20 Uhr. Dementsprechend war man beraten, in der Mittagspause zur Migros oder zum Coop zu gehen-.. viel mehr konnte man eh nicht machen.. als kleines Kaff ist im Winter wenig los in Thusis, im Sommer ging man wohl ins Freibad, wie wir von den Assistenten erfahren haben, aber im Winter war die Zeit zu knapp, um (1/2h hin, 1/2h zurück) auf den Hausberg zu fahren, zum Skifahren.. So dass wir die meiste Zeit mittags eher durchgegammelt haben, gegessen, Zeitung gelesen usw. Essen vom Spital gab es keins, man musste sich selbst verpflegen.. (Nudeln und Schoggi)..
An den Wochenenden war es allerdings grossartig, man kam von Thusis in sehr kurzer Zeit wirklich an jeden Skiort der Gegend.. Lenzerheide 1/2h, Flims/Laax, Arosa, Davos 1h, St. Moritz, Engadin 1,5h, musste nur relativ günstige Preise bezahlen (Bahnspecials von wegen reisen&skifahren für 1 Franken mehr als die Tageskarte) und die Zuganbindung war perfekt.. Der Hausberg war 1/2h entfernt (Tschappina, Heinzenberg) und auch nicht zu verachten.. Nach Splügen kam man in 3/4h und nach Italien (Bellinzona) mit dem Bus in 1,5h.. Grossartig war auch die Schlittelstrecke bei Bergün, die ich selbst nicht gefahren bin, von wo wir aber in der Schlittelzeit fast jeden Tag 1-2 Patienten bekamen..
Dementsprechend war das Klientel zumeist auch Ski-Unfälle, Wadenbeinbrüche(Weber A-C mit jeder Komplikation), sonstige Sportunfälle.. Ins Frühjahr hin kommen dann die Autounfälle in den vielen Tunnels dort hinzu.. (OSTERN)..
Nach Chur war es 1/2h mit der Bahn oder dem Auto, nach Zürich anderthalb..
Da den UHUS nicht gesagt wurde, dass man 1 Nachmittag in der Woche frei habe (JAHA, ich habe das nicht ein mal in der Zeit wahrnehmen dürfen) , sowie es furchtbar schwierig war, sich einen freien Tag zu nehmen (ich war mit meinem Vater an einem Wochenende (Fr-Mo) in Zürich verabredet, das hat leider nicht so ganz geklappt, wie ich wollte, da ich den Freitag dann doch voll arbeiten sollte, Montags habe ich mir die Freiheit einfach genommen, mittags erst wieder zurückzukommen, das wurde dann toleriert).. dies alles wohl auch, weil man sowieso sehr knapp mit dem Personal war & die Assistenten schon mit den Zeiten schwer zurecht kamen, dass immer 2 chirurgische Assistenten im Tagdienst eingeteilt waren..
Ich würde jedem, der sich in Thusis bewerben möchte, raten, dass diese Stelle schön ist, sofern man keine Ambitionen hegt, viel in de OPS zu kommen, ausserdem sich in der Freizeit gut selbst beschäftigen kann.. Und evtl. mit einer Chirurgischen Bewerbung bis zum kommenden Jahr ab April warten kann, wenn der alte Chef in Rente gegangen ist. Mit diesem Herrn gab es immer sehr viel Stress, er war 20 Jahre schon dort, hatte Gewohnheitsrecht und Altersstarrsinn auf sich vereint und machte nicht nur den UHUS sondern auch dem gesamten Team das Leben oft unnötig schwer. Der medizinische Chef war ein sehr sehr netter Chef, unheimlich spassig, brachte den Studenten und Assistenten gerne viel bei und sehr beliebt.
Vielleicht ist diese Stelle als eine erste Chirurgische Famulatur gut, aber ansonsten sehr gewöhnungsbedürftig.

bei weiteren fragen... pm usw.