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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : HOPS/Wesensänderung nach Herz-OP?



Tombow
20.07.2005, 20:30
Eine Frage an die Kardiologie/Kardiochirurgie-Cracks hier:

Laut meines OA(das Thema kam zufällig in einem Gespräch auf), käme es nicht selten bei Patienten, die an die Herz/Lungenmaschine angeschlossen worden sind(Koronarbypass-OP, Vorhofmyxom-Resektion, Herztransplantation) des öfteren zu einer organischen Wesensänderung danach, auch wenn die OP an sich komplikationslos verlaufen ist. Auch wenn die Zahl mittlerweile rückläufig sei(früher bis zu 30% der Patienten, die so einen Eingriff überlebt haben), käme es immer wieder vor. Die Ursache dafür sei nie geklärt worden, vermutet wurden aber multiple Mikroembolisationen von kleinsten Hirngefäßen, die auf der herz/Lungenmaschine zurückzuführen seien.

Nun die Frage - gibt es zuverlässige Studien darüber(bei einer Suche im PubMed fand ich leider nichts), und inwieweit kann man so ein Phänomen von der normalen psychischen Reaktion des Patienten auf das Eingriff abgrenzen?

Falsl jemand aus erster Hand solche Erfahrungen gemacht hat, würde ich mich freuen, mehr zu erfahren.

Pünktchen
20.07.2005, 20:39
Gab es Blutdruckkrisen vorher oder nachher?

Wir haben derzeit eine Patientin mit sehr hohen Blutdrücken, die kaum einstellbar sind und diese junge Dame hat ziemliche Halluz.
Vor ein paar Tagen hatte sie nen ganzen Zoo nachts im Zimmer. :-((

Tombow
20.07.2005, 20:46
@Pünktel: soweit ich weiß, keine hypertensiven Krisen und/oder Entgleisungen.

MichaelHH
20.07.2005, 21:36
Hallo!

Was Du beschreibst, wird in der Literatur als Durchgangssyndrom bezeichnet und tritt tatsächlich häufig nach Organtransplantationen auf. Hier ist ein ganz interessanter Überblick:

http://www.lebertransplantation.de/durchgang.htm

Zur Ätiopathogenese heisst es dort:

"Wie schon zuvor beschrieben, ist die Ursache noch nicht völlig geklärt. In jedem Fall wird jedoch von vielfältigen verschiedenen Ursachen ausgegangen. Bei Patienten mit Herztransplantationen werden u.a. sowohl Mikroembolien als auch Komplikationen aufgrund von Durchblutungsschwankungen und Stoffwechselstörungen während der Operation, bzw. niedrigere Sauerstoffsättigung und Störungen im Wasser- und Elektrolythaushalt nach der Operation angenommen. Bei Patienten mit Lebertransplantation sehen manche Autoren einen Zusammenhang mit dem Auftreten einer hepatischen Enzephalopathie (HE), bzw. eines sogenannten "Leberkomas", vor der Transplantation."

Schöne Grüße,

Michael

Tombow
20.07.2005, 23:51
@Michael:

Danke für den Link, aber ich meinte nicht den "normalen" und altbekannten Durchgangssyndrom, der sich post-OP in der Regel zurückbildet, sondern die Fälle, wo eine irreversible Wesensänderung zu beobachten ist(ähnlich wie bei Patienten im Zustand nach SHT), es sich aber dabei nicht immer um einen Abbau handelt.

Prominentes(und einigen der Leser hier sicherlich aus erster Hand bekanntes) Beispiel - ein langjähriger Chefarzt, der fast während seiner gesamten Zeit auf diesem Posten bei sich und all seinen Assistenten peinlichst genau auf ein gepflegtes Aussehen(vor allem eine gründliche Rasur) und das Einhalten eines bestimmten Dresscodes geachtet hat(und etwaige Abweichungen gründlich zusammengesch***en hat). Nach einer ACVB-OP aber ist er in seinen letzten aktiven Jahren eher ungepflegt herumgelaufen, hat sich(laut mehreren Aussagen) auch vom Charakter her sich merklich geändert und diese Veränderung sei nicht rückläufig.

Sebastian1
21.07.2005, 01:53
Ich hab keine Studien o.ä. parat. Ich arbeite halt nebenher auf einer konservativen Kardio-ITS und wir bekommen halt häufiger Patienten rückverlegt, die von uns aus in Häuser mit Kariochirurgie weiterverlegt worden sind. Hauptsächlich geht es dabei um Klappenersatz-OPs oder um dissezierte Aortenaneurysmen. Da diese Eingriffe häufig auch im höheren Lebensalter durchgeführt werden (aber auch jüngere Patienten nicht wirklich gesund hüpfend daherkommen) sind die Patienten meist nachbeatmet; haben häufig noch Katecholamine und IABP als Kreiflauf/Koronarunterstützung.
Meine Beobachtung trifft von daher nur auf Zeiträume recht kurz nach der OP zu (sprich: Tage bis Wochen danach). Aber für diese Fälle kann ich bestätigen, dass häufig Wesensveränderungen deutlich sind - nach meinem persönlichen Eindruck. Das geht von Verwirrtheit über leichte Desorientierung, Distanzlosigkeit etc. Langzeitbeobachtungen lassen sich daraus sicher nicht ableiten, schliesslich ist ein grösseres Trauma vorhergegangen sowie etliches an Meis (vor allem Langzeitsedierung) gegeben worden, die die Leute gang schön neben sich stehen lassen.

HTH,
Sebastian

Tse Tse
25.07.2005, 11:05
Auf einer Inneren Station sagte mir einmal die Frau eines Patienten, dass ihr Mann „irgendwie anders als früher“ sei – u.a. witziger und gut gelaunt (!).
Er hatte allerdings keine Herz-OP, sondern ein paar Tage vor Aufnahme in die Innere eine Leber- od. Pankreas-OP, aber ich erinnere mich nicht mehr sehr genau und kann nichts zu den Operationsumständen sagen.
Das ist jetzt nicht wahnsinnig hilfreich, aber mein Gedanke ist,
dass womöglich viele Wesensänderungen gering/unauffällig sind,
somit eher von nahestehenden Personen bemerkt werden – und deshalb auch keine (?) Studien existieren. Ich fand den Patienten jedenfalls nicht neurologisch od. psychiatrisch od. sonst wie auffällig.
Im Gespräch kam auch der Gedanke auf, dass dies eine Reaktion auf den Stress/ Krankenhausaufenthalt/ Gesundung sei, aber die Frau sagte, sie kenne ihren Mann, wüsste wie er sich sonst in ähnlichen Situation verhalte und fragte, ob dies mit der Operation in Zusammenhang stehen könnte, denn seitdem sei er so.