Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Anästhesist - Kein richtiger Arzt?
Thomas24
08.01.2006, 20:50
Zitat:
Unter ärztlichen Kollegen gelten Chirurgen eher als ziemliche Deppen und Holzköpfe, ein Vorurteil, was vielleicht schon ein Fünkchen Wahrheit birgt. Zitat eines Anästhesisten unserer Klinik: "Ich war ja auch mal Chirurg. Aber dann habe ich Abitur gemacht und bin Anästhesist geworden" :-))
Ich glaube, daß Chirurgie intellektuell etwas weniger anspruchsvoll ist als andere Fachrichtungen. In meinen Augen ist Chirurgie eben ein Handwerk (wie der Name auch schon sagt.)
Und trotzdem betrachten sich die schneidenden Fächer als die Krone der Schöpfung :-D
Das erinnert mich daran, wie wir mal als kleine PJ´s in der chirurgischen Ambulanz einen Patienten angesehen haben, und feststellten, das der Patient wohl eher in die Innere gehört- das haben wir dem Ambulanz OA der Chirurgie gesagt....
OA (zeigt aus 5 m Entfernung auf die Trage) "Und was hat der Typ da drüben?"
Wir: "Vermutlich kein chirurgisches Problem"
OA abwinkend: "Mit anderen Worten: streng genommen ist er eigentlich also gar kein Patient?!" :-wow
Ich habe es bisher eigentlich immer so erlebt, dass Anästhesisten als die einzig wahren Ärzte (neben der schneidenden Zunft) angesehen werden (oder sich gerne so selber sehen), weil sie ja schließlich "Leben retten", während ich gerne im positivsten Fall mitleidig belächelt werde "Hm, ja... Augenheilkunde, joa... naja... muss es ja auch geben... is ja auch ... äh... bestimmt ganz interessant" :-D
Aber mir macht das Spaß, und solang jeder sein Gebiet findet, in dem er glücklich wird, kann es uns ja egal sein, wer der richtige und wer der falsche Arzt ist.
Froschkönig
08.01.2006, 21:40
Ich habe es bisher eigentlich immer so erlebt, dass Anästhesisten als die einzig wahren Ärzte (neben der schneidenden Zunft) angesehen werden (oder sich gerne so selber sehen),....
Wollen wir´s doch einfach mal schnöde realistisch betrachten: Anä und Chir können heutzutage einfach eh nimmer ohneeinander *g*
Der Frosch
Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaalso....
...ich hatte ja schon angekündigt, mich hier nochmal ein wenig über den Thread-Titel auslassen zu wollen...
nach einem eher ruhigen Dienst auf der Intensivstation, dafür aber einem ungleich unentspannterem Dienst im ärztlichen Notdienst finde ich nun die passende geistige Sinnschwere, um mich dieser schier unglaublichen Fragestellung zu nähern...
Ich schildere hier mal eben kurz meinen Einsatzbereich im "internistisch-operativen Polytraumazentrum links der Lippe" :-?
Natürlich mache ich als Anästhesist Narkosen. Bei jungen Patienten, bei ganz jungen Patienten, bei Patienten, die gerade erst auf die Welt kommen, aber auch bei alten, mittelalten und ganz alten Patienten. Ja ich gehe sogar soweit zu sagen, daß ich auch Patienten narkotisiere, die schon so alt geworden sind, daß sie fast unverschämt sind:-)
Das eigentlich interessante daran ist allerdings, daß sich mit dem unterschiedlichen Alter der Patienten eine vollkommen unterschiedliche Physiologie, Pathophysiologie, Pharmakokinetik und auch Pharmakodynamik verbindet. Der gemeine Patient als solches, gleich welchen Alters, setzt natürlich voraus, daß ich all dieses nicht nur weiß, sondern es auch beherrsche um es zu seinem Wohlbefinden einsetzen zu können...
Ob ich das auch kann? - Mh - Nun, ich sag's mal so: ich tue mein Bestes...
Hinzu kommt natürlich die prä- als auch die postoperative Betreuung. Ich gestehe an dieser Stelle gern ein, daß ich Prämedikationsgespräche bei jungen, dynamischen, augenscheinlich gesunden Patienten auch auf 2-3 Min. reduziere, weil es sowohl für sie als auch für mich nichts unerquicklicheres gibt, als sich über den mehr oder weniger regelmäßig zelebrierten Alkoholkonsum zu unterhalten.
Etwas "fuckeliger [kommt nicht von "fuck"]" wird es da schon bei einem Großteil der orthopädischen Patienten, da hierbei insbesondere auch bei der Auswahl des Narkoseverfahrens größere Sorgfalt gefordert ist. Intraoperativ mag die Narkose des jungen, gesunden Patienten vielleicht auf den ersten Blick wenig anspruchsvoll sein, aber, liebe Forenleser, lasst Euch gesagt sein, es bedarf nur eines ausreichend ungeschickten Chirurgen (ok, ok , um Recentiments nicht zu schüren nenne ich ihn lieber "Operateur"), und schon wird aus der normalsten Narkose ein Blutbad, wie man es ansonsten nur aus Chucky-Filmen kennt...oder eben vom befreundeten Metzger um die Ecke:-)
Aber Anästhesie ist mehr - viel mehr. Da muß auch schon mal während einer Sectio gleichzeitig apeacement mit dem Ehemann (bzw. bei uns spricht man wohl eher vom Erzeuger) organisiert werden, zudem bin ich für die Neugeborenenversorgung direkt nach Entbindung (im Rahmen einer Sectio) zuständig...und wer schon mal einen kleinen Wurm von 1200g reanimiert hat, weiß, was anspruchsvoll ist...
Dann ist da noch das weite Feld der Schmerztherapie...sicherlich zu einem nicht unerheblichen Teil auch verbunden mit psychosozialer Medizin, womit auch das Vorurteil entkräftet wäre, daß Anästhesisten den Patientenkontakt vermeiden wollen (ich zumindest will das nicht). Zugegeben, einen ganzen Tag nur Regionalanästhesien und mich intraoperativ zutextende Patienten UND Operateure, und mir würden vermutlich abends auch die Ohren bluten, aber wir haben zum Glück noch eine recht hohe Rate an ITN's.
Tja, was ist da noch...Glücklicher Weise haben wir hier im Haus eine interdisziplinäre Intensivstation, welche sich die Anästhesisten mit den Internisten im Wechsel teilen. Somit ist also auch die Internisten-Seite der Medizin abgedeckt. Gleichzeitig besetze ich von der Intensivstation aus auch das NEF, womit wir bei der Notfallmedizin wären. Es ist hier in verschiedenen Threads schon angeklungen, daß Anästhesisten die besseren Notärzte wären. Ich kann das so NICHT teilen. Ich glaube einfach, daß nur wirklich an Notfallmedizin interessierte Kolleginnen und Kollegen wirklich gute Notärzte sind, da spielt die Fachrichtung dann eine eher untergeordnete Rolle. Ich für meinen Teil kenne gute und schlechte Notärzte aus allen Fachbereichen, und möchte mir daher ein näheres Urteil dazu nicht anmaßen.
Alles in allem bin ich mit der Fachrichtung Anästhesie sehr zufrieden, ich kann auch nach 4 7/12 Berufsjahren zurückblickend sagen, daß es nicht einen einzigen Tag gegeben hat, an dem ich meine Berufswahl bereut hätte...und wenn ich mir hier so bestimmt Threads anschaue, dann geht es mir damit wohl anders, als vielen anderen hier im Forum.
Wenn nun wirklich jemand noch glaubt, Anästhesisten seien keine richtigen Ärzte, so kann ich ihm nur locker-flockig-grinsend zulächelnd sagen:
Friede Deiner Asche :-meinung
Es grüßt,
[ein wie immer völlig gelöster und entspannter] Hypnos ;-)
Shakespeareslady
08.01.2006, 22:59
kein dekubitus übrigens...! :-)
und vielen dank, dass du dir soviel mühe gegeben hast, uns die anästhesie noch näher zu bringen. danke, danke, danke!
werde es gleich nochmal lesen :-top :-keks
liebe grüße und eine gute n8,
julia
edit: das hast du soo schön gesagt!
Alzheimer
09.01.2006, 00:30
@Hypnos
Ich finde es toll, wie differenziert Du die Fähigkeiten der einzelnen Fachgebiete betreffs Notarzteinsatz siehst. Ich denke auch Internisten und Chirurgen können gut als Notärzte arbeiten.
Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass viele Anästhesisten denken, dass nur sie gute Notärzte sind.:-??? Das finde ich schade, da somit die Arbeit der anderen Fachrichtungen in Frage gestellt wird. Es will glaube ich keiner, dass sein Fachgebiet als unwichtig bezeichnet wird.Jeder hat seine Daseinsberechtigung und ist wichtig. Das sich die einzelnen Fachgebiete zum Teil so bekriegen macht die schwierige Krankenhausarbeit nicht gerade leichter und wir sollten damit aufhören um uns das Leben nicht noch selbst unnötig schwer zu gestalten. Ein produktiver Erfahrungsaustausch zwischen den Abteilungen wäre toll und es gibt Krankenhäuser, da soll es sogar funktionieren. :-top
Gruß Susann
@Hypnos: Du sprichst von einem hohen Ross, als quasi Facharzt, noch zwei Jahre spez. Intensiv und Du bist Oberarztreif, bei vielen Jungassis in der Anästhesie (zumindest jenen die ich kenne) geht es deutlich monotoner zu.
@Alzheimer: Ein Anästhesist stellt in Sachen Notfallmedizin nur selten die Kompetenz anderer Fachrichtungen in Frage, dennoch wird er häufig zum Schluß kommen, daß er eben doch der beste Notarzt ist. Warum? Um die Internisten und Chirurgen aufzugreifen:
Was kann der Internist draußen machen, was der Gasmann nicht kann/kennt?
-Umfangreichere Diagnostik -> Erforderlich? Wohl kaum, der aufnehmende Arzt wird sich selbst ein komplettes Bild machen.
-spez. Therapie -> Mit Ausnahme Lyse fällt mir kein Fall ein, bei dem die Therapie bis zum Eintreffen in der Klinik nicht in gleicher Qualität vom Anästhesist eingeleitet werden kann.
Im Gegensatz dazu kennt der 08/15 Internist nur 22 und 20G, intubiert vielleicht dreimal pro Jahr (wenn er die Intensiv überhaupt mal von innen sieht) und hat von Narkose und Analgesie wenig bis keine Ahnung, echten Volumenmangel sieht er quasi nie, falls doch wird er ihn mit 1000ml NaCl bekämpfen.
Was kann der Chirurg draußen, was der Gasmann nicht kann/kennt?
-Umfangreichere Diagnostik -> Bei schwerwiegenden chirurgischen Fällen ist dafür nur selten Zeit, außerdem kann er draußen kaum die Konsequenzen aus evtl. gewonnenen Diagnosen ziehen.
-spez. Therapie -> Alles was über Thoraxdrainagen, Amputaionen und evtl. mal ne Reponierung hinausgeht is m. E. heldenhaftes Getue und sollte draußen unterlassen werden.
Im Gegensatz dazu hat der 08/15 Chirurg nur wenig Ahnung von (speziell internistischer) Intensivmedizin und er intubiert noch seltener als der Internist.
Dr. Pschy
09.01.2006, 13:16
Eine Not-Amputation am Unfallort halte ich auch fuer heldenhaftes Getue. Sollte meines Wissens nach auch nicht mehr gemacht werden vom NA.
Ansonsten finde ich das mal eine klare Ansage von Hypnos. Ich mag Menschen, die argumentieren koennen :-winky
Aber jetzt bitte nicht wieder drüber diskutieren, wer der bessere NA ist, ok?
Hatten nämlich alles schon, zB. hier. (http://www.medi-learn.de/medizinstudium/foren/showthread.php?t=4830&highlight=notarzt)! :-top
R.
Ich hab die Disskussion nicht losgetreten, aber gehört halt zum Beruf des Gasmanns dazu...
[Offtopic an]
Es gibt Situationen in denen eine Amp. nicht vermeidbar ist...
[Offtopic aus]
eine Notamputation ist eine Sache, die es einmal in 25 Jahren in einem Bereich gibt
das ist kein Argument und nur Heldengelaber
1) Nicht falsch verstehen, ich bin für die Anä-NAs
2) Bei uns gabs 2004 eine, durch ne Gasfrau...LOL
dann kommt 2029 die nächste ;-)
Wußtet ihr, dass vor Jahren mal eine Anästhesistin im Big Brother-Container war? Deshalb hab ich immer ziemlich wenig von dem Beruf gehalten (wer bei sowas mitmacht, kann ja nicht besonders hell sein) :-))
Aber ich muss zugeben, dass sich die Arbeit eigentlich sehr interessant und vielseitig anhört...Naja, dumme Leute gibts eben überall :-D
Alzheimer
09.01.2006, 14:58
@ Gomer
Ich habe das Können von Anästhesisten nie in Frage gestellt.
Ich weiß nicht, in wie weit Du Einblick in den Rettungsdienst hast, aber meine Erfahrung ist, das die meisten Patienten internistische Probleme haben ( Altersdurschnitt der Bevölkerung ). Da sind Internisten garantiert nicht fehl am Platz. Sicher gibt es immer wieder Situationen, in denen intubiert werden muß, aber das macht den kleineren Teil der Patienten aus und bevor man als Notarzt fahren darf, muß man 6 Monate auf Intensiv gearbeitet haben. Außerdem gibt es Häuser, bei denen die Intensivstationen von Internisten und Cirurgen geführt werden und die Ärzte somit regelmäßig intubieren.
Gruß Susann
Also es gibt auch totlangweilige Tage/Wochen/Monate als Anästhesist. Und oft genug hab ich das Gefühl, dass ich für die Tätigkeit, die ich momentan mache nicht 6 Jahre hätte studieren müssen und jede gute Anästhesie-Schwester das mindestens genausogut könnte wie ich. Tagein,tagaus nur Braunülen legen und Tubus schieben...da wünsch ich mir doch manchmal Internist zu sein, um mal wieder differentialdiagnostisch gefordert zu sein, Ultraschall zu machen und das Hirn einsetzen zu müssen. Intellektull ist die Mehrzahl der Narkosen (bei gesunden Patienten) ungefähr so herausfordernd wie Rätsel-Lösen auf 9live, nur langweiliger...
Natürlich gibt es auch ab und zu mal spannende und interessante Dinge
bei vielen Jungassis in der Anästhesie (zumindest jenen die ich kenne) geht es deutlich monotoner zu.
Das kann ich zumindest nicht bestätigen, ich arbeite jetzt 7 Monate als Gas-Assi, und habe neben den üblichen ITNs, LaMas, Maskennarkosen und Spinalen auch häufig PDKs, ZVKs, Arterien, gelegentlich kann ich sogar fiberoptisches Intubieren üben.
Sicher, ich arbeite an einem mittelgroßen Haus mit Gyn und Uro, aber es kommt auch darauf an, was man daraus macht.
Was mich noch am meisten nervt, ist, wenn ich den ganzen Tag für den MRSA-Bunker eingeteilt bin und mich ständig verkleiden darf...
Also, Fazit dieses Threads:
- Anästhesisten sind richtige Ärzte (trinken nicht nur den ganzen Tag Kaffee, sitzen ein bißchen neben piependen Gerätschaften und ziehen mit Rucksäcken durch die Lande, um zu prämedizieren - nein!!! :-D )
- Anästhesisten sind die einzig wahren Notärzte (eib bißchen relativiert durch Hypnos, seines Zeichens erfahrener Anästhesist)
- Chirurgen sind Deppen (von mir so halb im Spaß gesagt, auf breiter Front bestätigt ;-) )
- jeder soll nach seiner Facon... und so...
By the way: Rückverlegung eines chir. Patienten von Intensiv auf Peripherie (war dort, weil postop. ein Lungenödem aufgetreten war). Labor: MI-verdächtig. EKG und nochmal Labor: siehe da- MI! Anhand der Enzymkinetik klar zu erkennen, daß er den auf Intensiv geschoben hatte.
Diagnose eines internistischen Problems eines von den Anästhesisten auf die chirurgische Peripherie verlegten Patienten durch Stationsdoc der Chirurgie. Sachen gibt´s... :-)) :-D
@Hypnos: schön differenzierte Darstellung. Ich sehe es auch so, daß Interesse an Notfallmedizin ein wichtiges Kriterium ist (neben den ganzen theoretischen und praktischen Fertigkeiten, die man natürlich haben muß), um auch tatsächlich NAW zu fahren. Mit einer entsprechenden Ausbildung traue ich mir das halt auch zu. Und falls ich feststellen sollte, daß ich damit überfordert bin, laß ich´s halt bleiben und beschränke mich auf´s Schrauben. ;-) :-D
Und falls ich feststellen sollte, daß ich damit überfordert bin, laß ich´s halt bleiben und beschränke mich auf´s Schrauben. ;-) :-D
Brauchste nicht, Tubus reinwerfen kann jeder :-D :-keks :-top
Brauchste nicht, Tubus reinwerfen kann jeder :-D :-keks :-top
Sag ich doch! :-D :-))
Aber es braucht ja glücklicherweise nicht jeder einen Tubus. (Obwohl- wenn wir mal bei den Vorurteilen bleiben- die Gas-Notärzte intubieren ja bekanntlich jeden, GCS 15 hin oder her... ;-) :-D )
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