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Picknicker
13.01.2006, 17:34
Hallo zusammen!
Generell finde ich meinen (hoffentlich) baldigen Verdienst nicht übel, verglichen mit dem, was ich im Studium hatte (nämlich nix!). Es gibt auch viele Jobs, die noch viel schlechter bezahlt werden, bei noch mehr Arbeit. Meine Freundin ist Biologie-Doktorandin, bekommt 1500€ brutto, bei einer 60 Stunden Woche. Und so geht´s den meisten Naturwissenschaftlern.So viel zu diesem Thema.
Es stimmt, daß hier auf relativ hohem Niveau gejammert wird. Den Verdienst an sich fände ich OK, ich möchte dann aber auch meine Überstunden bezahlt bekommen (oder eben als Freizeitausgleich), die man in manchen Häusern nicht mal aufschreiben darf.
Ich möchte mich später gerne mal niederlassen, als Hausarzt irgendwo auf dem Land. Zu ländlich sollte es aber auch nicht sein, in der Peripherie einer größeren Stadt wäre ideal, sonst ist man wirklich die ganze Woche am hausbesuchen und hat null Freizeit. Ein Problem ist allerdings die Praxisfinanzierung. Wenn man wie ich nicht Sohn eines oder mehrerer Großverdiener ist und auch keine Praxis in Aussicht hat, weil der Papi seine mir vererbt, wird es schon ein ziemlicher Brocken. Bafög darf ich auch noch zurückzahlen (so viel zu Studiengebühren... :-( ), also mit meinem Assigehalt dürfte as länger dauern. Aber ich schau jetzt einfach mal, freu mich sogar ein bißchen auf die Arbeit (fängt ja bald an!). Wird schon werden

Fraggle
13.01.2006, 18:20
@ suchmeister:
hast ja recht, dass man als arzt gut verdienen sollte, bzw. angemessen bezahlt. aber diese aussichten sehen trübe aus für die nächsten jahre und deuten eher auf das gegenteil.

fraggle

suchmeister
13.01.2006, 18:32
@fraggle

Ich wollte nicht recht haben, im Gegenteil.

Finde die Meinung: "Es geht nicht nur ums Geld" auch sehr gut, aber von Idealismus allein wird man nicht satt, im Gegenteil, die Lebenserwartung von Ärzten ist mit die niedrigste, die Suizid-Rate einer der höchsten...

Zum Thema Praxis:
In BRB fehlen jetzt schon 190 Hausärzte, in Mcpom wohl 150.
In BRB sind 1/3 der Ärzte über Sechzig in McPom weiß ich es nicht.

Ich denke, die Sache sieht für die Medis gut aus, denn es werden weniger Medis und mehr Patienten und damit mehr ältere Wähler und schon um die irgendwie zu halten, bei der Gesundheit nicht zu verärgern, muß sich die Politik etwas einfallen lassen.
Wenn die Medis sich nicht allzu deppert anstellen (nichts leichter als das ;-) , haben sie auch eine gute Machtposition.

Ist eigentlich jemand von Euch nächste Woche in Berlin dabei beim Ärzte-Protesttag am 18.1.?

Viele Grüße und bitte weitere Meinungen.
V.a. womit könnte man Euch in die Provinz locken (denn Speckgürtel ist ja einfach) aber wie in die Provinz?

[edit] habe gerade noch etwas gefunden:

Regina Feldmann, KV Thüringen: "Prozentual ausgedrückt bedeutet dies, dass aus Altersgründen 41,4% der Hausärzte in Brandenburg, 39,8% in Mecklenburg-Vorpommern, 38,5% in Sachsen, 48,6% in Sachsen-Anhalt und 40,9% in Thüringen bis 2010 ihre Zulassung zurückgeben werden", so Feldmann.

Loish
13.01.2006, 19:14
ich will mich jetzt gar nicht groß an der diskussion beteiligen, aber @suchmeister - wenn du dir die beiträge noch mal anschaust, dann wirst du sehen, wenn die leute hier sagen "es geht nicht nur ums geld", dann meinen sie das nicht ausschließlich idealistisch in dem sinn von "es gibt wichtigeres im leben als geld." sondern in dem kontext eher so: "es gibt momentan noch schlimmere probleme als das geld".
eine liste dieser noch schlimmeren probleme, (wie er sie empfindet) hat irgendwer weiter vorne im thread gepostet.
ich glaube halt, diese aspekte musst du mitbetrachten, wenn du verstehen willst, was los ist. :-nix

GOMER
13.01.2006, 22:17
@Gomer:
Wenn ich mal kalkuliere mit 1800 Netto für einen Assi (nach 6 Jahren Studium!!! Man vergleiche das mal mit Informatikern oder Physikern)
Jedenfalls 1800 Netto, minus 600 für Wohnung, minus 400 für Nahrung bleiben 800.
Davon ist zu bezahlen: Versicherung, eventuell Bafög zurück, das Auto
Sagen wir: Diese 3 Posten: 300
bleiben 500 über für: Urlaub, Alter, Bausparkasse, Freundin ausführen, Fortbildung (obwohl die ja steuerlich absetzbar ist) Kino, Oper usw.


Was hat das mit meiner Aussage zu tun? 1800 ohne Dienste is wenig, klar.


Aber, wie gesagt, das kann man aufbessern, selbst wenn man putzen geht. Rechne 2 Jahre Assi-Zeit, dann kannst Du FK Rettungsdienst/Zusatzbezeichnung Notfallmed. machen. Such Dir einen kleinen Land-KV, da gibt's, je nach Bundesland 200-1500€ pro Schicht.

Thomas24
13.01.2006, 23:21
Moin,

meiner Meinung nach wird in dieser ganzen Debatte viel zu sehr ausschließlich über Geld geredet!
...
1. miese Ausbildung, kaum positives Feedback !!! (warum verlieren Chefs nicht z.B. ihre Weiterbildungermächtigung wenn sie es nicht schaffen ihren Assistenten eine gescheite Ausbildung in einer vernünftigen Zeitspanne zu bieten?)

2. viel zu lange Arbeitszeiten, um deren Ausbezahlung sei es als Freizeitausgleich oder aber in Gehaltform man ja (meiner Erfahrung nach) so gut wie überall betrogen wird.

3. schlechtes Arbeitsklima an vielen Häusern, man ist als "Assi" wirklich oft der Fußabtreter für alle.

4. viel zu straffe Hierarchien in denen man an manchen Häusern kaum eigene Gestaltungsmöglichkeiten hat.

5. wachsende Flut an bürokratischem Mist mit dem man sich rumschlagen muß.

6. wenig Zusammenhalt der Ärzteschaft untereinander.

7. Wenig "Dank" für die Arbeit die man leistet, hiermit meine ich nur ein ganz bescheidenes "Dankeschön" seitens der Patienten oder auch mal ein "das haben sie gut gemacht" seitens der Oberärzte. Auf der anderen Seite muß man für Dinge geradestehen für die man gar nichts kann oder der falsche Ansprechpartner ist.

Trotz dieser Probleme macht die klinische Arbeit als Mediziner auch in Deutschland (meistens) noch Spass. Die rein auf das Gehalt reduzierte Diskussion in der Öffentlichkeit geht meiner Meinung nach aber an vielen Problemen vorbei.


Amen. Endlich jemand, der uns versteht *g*... :-dafür
Obwohl- über ein bisserl mehr Geld würde ich mich auch freuen.
Wer spenden möchte, kann sich vertrauensvoll über PM an mich wenden... :-keks

suchmeister
14.01.2006, 01:11
@all:

Vielen Dank. Besonders das mit der Hierarchie und der Bürokratie findet meine Zustimmung.
Aber leider liegt in der vielen Bürokratie auch eine Logik:
Muß der Arzt viel Bürokratie machen, kann er nicht soviel behandeln und verursacht weniger Kosten, zusätzlich spart er auch noch, weil er ja eine professionelle Schreibkraft ersetzt.

@gomer
Ich hoffe, Du fühltest Dich nicht gekränkt, ich habe die 1800 einfach mal runtergerechnet.
Kannst Du mir kurz erklären, was mit Diensten gemeint ist?
Heißt das, man arbeitet normal als Assi (wieviele Stunden pro Woche sind denn das offiziell und inoffiziell) und macht dann noch Dienste?
Wie lang geht so ein Dienst?
Frage vielleicht dumm, will Dich aber nicht falsch verstehen :-blush

Wie gesagt, vielen Dank.

@all
Was würde Euch in die Provinz (z.B. 100km weg von Berlin in die Uckermark locken?)
Jeden Tag frische Milch, frisches Gemüse, Biofleisch vomm Bauern (also seinem Vieh)? Was sollten die Landräte sich einfallen lassen?

Viele Grüße

GOMER
14.01.2006, 09:37
Ganz grob: Unter "Dienste" versteht man Bereitschaftsdienste. Also die Arbeit zwischen 17 und 7 Uhr.

Je nachdem wie viele Dienste man macht und in welchem Bereich man arbeitet, kommt man so auf 40-70h pro Woche.

Fraggle
14.01.2006, 12:07
in die provinz würde ich in erster linie gehen, wenn es eine gute / sehr gute ausbildung gibt. das wär der größte anreiz.
ein zweiter grund, aber schon viel weniger wichtig, wäre geld.

alles andere wäre mir (fast) egal. (also umgebung, infrastruktur, idealismus, etc.)

fraggle

suchmeister
14.01.2006, 13:25
@gomer: danke

@fraggle

danke und womit müßte als Facharzt die Provinz locken, damit Du Dich niederläßt?

test
14.01.2006, 13:38
@gomer: danke

@fraggle

danke und womit müßte als Facharzt die Provinz locken, damit Du Dich niederläßt?

Wenn ich vor der Frage stünde als Facharzt wo ich mich niederlasse, würde ich persönlich nur in die provinz gehen, wenn das Gehalt deutlich besser wäre als in der Stadt mindesten 60-70% höher als in der Stadt. :-meinung

Doktor_No
15.01.2006, 21:18
jo, in die pampa würde ich auch nur gehen wenn ich da super ausgebildet werde, also klinik. niederlassen nur wenn die kohle richtig rollt, und ansonsten: nein danke! überlasse ich gerne den osteuropäischen kollegen die das geil finden, in der provinz gas zu geben, aber das macht mich unter den gegebenen umständen nun gar nicht an.

suchmeister
15.01.2006, 21:27
@dr. no:

Die osteurop. Kollegen dürfen (noch) nicht als Niedergelassene arbeiten (wenn sie keine dt. Staatsbürgerschaft haben.)

Und noch die Frage, wieviel Kohle müßte es denn (mehr) sein?
Oder wäre schon mietfrei (gespart 1000 Euro für 4-5 Raum Whg.) etwas?

ramirez
15.01.2006, 22:10
problematisch in der Provinz in Brandenburg/McPom ist ja nicht alleine die Altersstruktur der Ärzte sondern auch die ihrer Patienten. Dort findet seit Jahren eine in hoher Arbeits- und damit verbundener Perspektivlosigkeit begründete Flucht der jüngeren Bevölkerung in strukturstärkere Gebiete. Zurück bleiben nur die "Alteingesessenen". Oder drastisch ausgedrückt: Was hilft die schönste Praxis inklusive sämtlicher angedachten Benefits wenn einem die Patienten aussterben...

Doktor_No
16.01.2006, 17:23
meine schmerzensgeldvorstellungen für arbeit in underserved areas als niedergelassener liegen irgendwo im bereich zwischen 6k und 8k netto/monat. darunter würde ich das nicht machen wollen.

Thomas24
16.01.2006, 19:06
Dort findet seit Jahren eine in hoher Arbeits- und damit verbundener Perspektivlosigkeit begründete Flucht der jüngeren Bevölkerung in strukturstärkere Gebiete. Zurück bleiben nur die "Alteingesessenen". Oder drastisch ausgedrückt: Was hilft die schönste Praxis inklusive sämtlicher angedachten Benefits wenn einem die Patienten aussterben...

Oder noch drastischer ausgedrückt: wenn das Gros der Leistungsfähigen, Mobilen, Motivierten, gut ausgebildeten und jungen Menschen abgewandert ist... was bleibt dann bitteschön für ein Patientengut übrig ?

Cave Polemik! Beispielsweise hätte ich an Leuten mit kahlrasierter Fleischkappe, die auf ihrer Brust in altdeutscher Frakturschrift stolz den Schriftzug "asoziale Randgruppe" spazieren tragen (das T-Shirt gibt´s mit dieser Aufschrift echt zu kaufen!!) weder beruflich noch privat großes Interesse. Da hilft auch kein staatlich alimentiertes Schmerzensgeld (aka Buschzulage) mehr.

suchmeister
16.01.2006, 20:11
@ramirez:
Die Patienten bleiben ja, die werden sogar mehr (weil mehr Rentner)
Die sind erst dann weg, wenn Du in Rente gehst.

@Thomas24
Verständlich, vor allem möchte man seine eigenen Kinder nicht darunter mischen. Aber frustration findet sich oft auf dem Land.

@doktor No
Denken die Kollegen auch so?

@all: Da muß sich die Politik ja auf einiges gefaßt machen.

ramirez
16.01.2006, 21:19
Nicht ganz... das Problem sehe ich schon in der Altersstruktur des Patientengutes. Bis ich in Rente gehen kann dauerts schon noch knapp 40 Jährchen, d.h. unerläßlich sind Patienten die mit meiner Praxis alt werden. Und die werden eben, wie schon gesagt, knapp.

btw. Das mit dem Schmerzensgeld sehe ich ähnlich wie No

@ Thomas: Polemik hin oder her, da ist schon ein Großteil Wahrheit in deiner Aussage.

Loish
16.01.2006, 21:50
ich glaub, selbst wenns jetzt voll assozial und un-altruistisch wirkt etc etc.... aber es hat einfach keiner lust wo hin zu ziehn, wo er die gegend mies findet, die stimmung mies, die unterhaltung schlecht etc etc
ich glaub das hat nix mit elitären getue zu tun ("seine kinder nicht drunter mischen"), sondern nur, dass einen persönlich eben nix aber auch gar nix an der gegend reizt.
und selbst wenn man genau weiß, dass da welche hinsollten, wer ist schon so nett und opfert sich auf?
ich weiß allerdings nicht, ob nich noch manche da irgendwas daran reizt.... wer weiß. :-nix

suchmeister
16.01.2006, 22:36
@lioness: Das ist ja verständlich und nicht verwerflich, es ist eben realistisch.
Nur habe ich von den Pressestellen der Kranken Kassen gehört:
"Alles nur ein Verteilungsproblem", oder "es gibt arbeitslose Ärzte in Berlin" usw. Nur kommen ja trotzdem keine Ärzte in die Provinz.

Nur ist die spannende Frage: Es müssen aber Ärzte in die Provinz, weil sich die Politik dazu verpflichtet hat (GG 2, Recht auf Leben udn körperliche Unversehrtheit, heißt: Für jeden Bürger medizinische Versorgung).

Aber, wie kriegt sie die Ärzte dahin, oder eben anders, was muss sie denen bieten, sie kann sie nämlich nicht zwingen.

So ein Kreis wie die Uckermark steht Honorarmäßig in konkurrenz zur Praxis in Schleswig, zum geregelten Klinikjob in Schweden, England, neuerdings Dubai, oder der Industrie.

UNd was Idealismus, Altruismus angeht, da scheinen sich viele bei Ärzte ohne Grenzen besser aufgehoben zu fühlen
(Aufwandspauschale pro Monat 600 Euro)

Ich wollte halt wissen, was man dem / der Ärztin bieten muß.
Die Antworten, die hier kamen, finde ich sehr realistisch und danke schon mal.

Vielleicht hat ja jemand noch ein paar Ideen.