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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Narben



Hoppla-Daisy
10.02.2006, 00:49
Wie lange dauert es eigentlich, bis ein zerrissenes Herz anfängt abzuheilen? Ich wünschte, ich wüsste die Antwort auf diese und ähnliche Fragen. Allein mit diesem Wissen könnte ich wohl ein Vermögen machen. Aber ich werde aller Voraussicht nach arm bleiben. Und woher kommt dieser Schmerz, der sich von Zeit zu Zeit breit macht in Brust und Bauch, und der sich anfühlt wie ein Messer, welches mit penibler Sorgfalt immer und immer wieder im wunden Fleisch lustvoll herumgedreht wird. Und jedes Mal ein bisschen tiefer eindringt. Die Wunde selbst ist nicht zu sehen, aber man weiß genau, dass sie da ist. Und irgendwann, ganz plötzlich wie aus heiterem Himmel, bemerkt man, dass der Schmerz weg ist. Aber die Narbe spürt man noch sehr genau. Wie im richtigen Leben zieht und zwackt es immer wieder, und man wird daran erinnert, dass dort mal der Schmerz zuhause war. Und dieser Schmerz lässt einen mit Gewissheit sagen, dass man noch am Leben ist. Mit der Zeit werden es allerdings immer mehr Narben, und der Anteil an Unversehrtheit schwindet zusehends. So ähnlich wurde mir in einem Liedtext erzählt. Stellt sich die Frage, was wohl passiert, wenn schließlich alles vernarbt ist. Was kommt dann? Ach, hätte ich doch auch nur darauf eine Antwort.

Manchmal ist es wirklich anstrengend, darüber nachzudenken, was das Leben noch alles für einen bereit halten mag. Einerseits ist es gut, dass man so viele Dinge im Vorfeld nicht weiß. Andererseits würde man vielleicht vieles vermeiden, von dem man weiß oder ahnt, dass es Schmerzen bereiten wird. Aber würde man sich nicht damit automatisch auch des Schönen selbst berauben? Man muss wohl abwägen, wieviel man vertragen kann, wieviel Last die eigenen Schultern zu tragen vermögen. Die Frage ist nur, inwieweit man das beurteilen kann im Wahn, der dem Messerschnitt vorausgeht. Wiegt das Schöne den Schmerz am Ende völlig auf? Oder gerät das Schöne über die Trauer gar in Vergessenheit? Nein, das wohl nicht, allerdings wirft der Rückblick einen zarten Schleier des Unwirklichen darüber. Ist das wirklich einmal so gewesen? Viel zu schnell schwindet die Erinnerung an ein Gefühl, eine Berührung. Meist ist es ein vertrauter, zärtlicher Blick, aber vielfach auch ein Blick zurück im Zorn. Zorn darüber, weil einem das liebste Spielzeug genommen wurde. Weil der eigene Wert scheinbar missachtet wurde. Weil man vergessen wird. Weil man links liegen gelassen wird. Weil man mit dem entzauberten Zauber allein gelassen wird. Weil man ersetzbar geworden ist. Oder zumindest so nicht mehr gebraucht wird. Und das ist wohl der größte Schmerz. War man vorher der wichtigste Mensch oder zumindest auf der Säule der wichtigsten Menschen recht weit oben angesiedelt, so sieht man sich nun degradiert. Verrückt auf eine andere Säule, nämlich die mit den anderen Menschen, die ebenfalls irgendwann degradiert wurden. Schaut man sich um, erkennt man, dass man in die Masse geschoben wurde. Dabei möchte doch jeder von uns einzigartig, etwas Besonderes sein. Und nun steht man mit leeren Händen da, einfach verschoben, zur Passivität verdammt. Am liebsten würde man sich aus der Masse befreien und losschreien, dass man hier nicht bleiben möchte. Aber wie war das noch mit dem Spatz in der Hand?

Und plötzlich ist dieses Gefühl weg. Einfach weg. Es ist schon sehr seltsam, mit einem Mal festzustellen, dass der andere auch ersetzbar ist und ebenso in die Masse geschoben werden kann. Und damit ist der Blickwinkel ein anderer. Der Blick zurück im Zorn (oder auch in Trauer) weicht einem gnädigeren Blick. Gnädiger, aber auch von wesentlich weiter entfernt. Und langsam dünnt auch der Grauschleier aus. Alles wird wieder klarer, die Ziele werden neu definiert. Wo auch immer diese liegen mögen, sie liegen nicht nah bei den alten Zielen. Und wieder einmal ist der Zeitpunkt des Entliebens unmerklich gekommen. Ich werde wohl wirklich arm bleiben, weil ich mal wieder nicht sagen kann, wann warum und wie genau das Gefühl plötzlich verschwand. Aber schon wieder ist da eine Narbe mehr, die es zu pflegen gilt. Gute Pflege ist wichtig, damit die verheilte Wunde nicht zieht und zwackt, die Narbe geschmeidig bleibt und einen nicht lähmt in den neuen Aktivitäten. Wie Falten sind Narben wohl Zeichen eines bewegten Lebens. Und wenn ich es mir recht überlege, sollte man ja fast dankbar sein für Narben. Lieber so als falten- und narbenfrei ein langweiliges Leben gelebt zu haben.

Wenn die Schnitte und Wunden nur nicht immer so tief wären…

Miss
10.02.2006, 11:30
schöner Text :-top


... Zorn darüber, weil einem das liebste Spielzeug genommen wurde. Weil der eigene Wert scheinbar missachtet wurde. Weil man vergessen wird. Weil man links liegen gelassen wird. Weil man mit dem entzauberten Zauber allein gelassen wird. Weil man ersetzbar geworden ist. Oder zumindest so nicht mehr gebraucht wird. Und das ist wohl der größte Schmerz. War man vorher der wichtigste Mensch oder zumindest auf der Säule der wichtigsten Menschen recht weit oben angesiedelt, so sieht man sich nun degradiert. Verrückt auf eine andere Säule, nämlich die mit den anderen Menschen, die ebenfalls irgendwann degradiert wurden. Schaut man sich um, erkennt man, dass man in die Masse geschoben wurde. Dabei möchte doch jeder von uns einzigartig, etwas Besonderes sein. Und nun steht man mit leeren Händen da, einfach verschoben, zur Passivität verdammt. Am liebsten würde man sich aus der Masse befreien und losschreien, dass man hier nicht bleiben möchte. Aber wie war das noch mit dem Spatz in der Hand? ...

das finde ich auch immer wieder und auch im Rückblick ziemlich erschreckend...wie schnell ist man sich nach Momenten solcher Vertrautheit wieder fremd...obwohl man doch vorher angeblich so was Besonderes füreinander war. Da wird einem doch ganz schön oft klar, daß man sich (zuzweit oder auch nur man selbst) einfach was vorgemacht hat. Also war doch alles nicht so einmalig und einzigartig. Man hat das Gefühl geliebt und nicht den Menschen. Und die Stelle des anderen oder der eigenen Person kann beliebig neu besetzt werden. Aber leider fehlt einem in den Augenblicken, in denen man so etwas nüchtern beurteilen sollte, einfach die Objektivität...außerdem ist man ja auch viel zu sehr kleines Kind (ich will aber...und ich will sowieso nicht vernünftig sein) :-nix

Das ist jetzt keineswegs verbittert, aber ich frag mich schon, warum kann man denn die Wahrheit so oft nicht erkennen, warum kann man denn nicht sehen, was das Richtige ist?

Das Herz vernarbt, und es wirkt sich aus auf unsere Handlungen. Noch geben wir nicht auf (und das ist auch gut so :-) ), aber Stück für Stück sind wir doch ein wenig mißtrauischer geworden -und die unschuldige Liebe von damals geht heute nicht mehr. Tja, so ist das halt...

Hypnos
10.02.2006, 11:39
Kunze singt:

"Das Herz ist alt, die Nase voll..."

Das ist manchmal sowas von passend :-keks

Es grüßt,

Hypnos

Chippielara
10.02.2006, 12:32
Daisy und miss- sehr schöne, traurige worte. Ich weiß nicht, nach wievielen narben das herz, die seele nicht mehr heilen können. Narben sind unterschiedlich tief. Aber wie beim herzinfarkt können auch schon kleine narben, wenn sie nur an kritischen stellen entstehen, immense effekte haben. Manchmal ist es eben wirklich nur ein tropfen, der das fass zum überlaufen bringt und dann verbittert man und verweigert sich der liebe.

Dagegen habe ich einen traum, mit dem ich jeden abend einschlafe, eine visualisierung.

Es ist Sommer, die Sonne scheint. Ich liege im gras, mein liebster hat mich im arm und streichelt mich sanft. Ich rieche ihn, rieche das gras, den see, die sonnencreme. Ich bin vollkommen glücklich, es ist einer dieser tage, die nie enden sollten. Die sonne wärmt uns sanft, ab und zu lachen wir, einfach nur so.

Das ist natürlich nur ein bild. Aber ich hab dieses gefühl schon erlebt und ich denke, wenn ich es erst in mir wiederfinde, dann kann ich es vielleicht irgendwann mit jemandem wiederfinden.

Dr.Nemo
10.02.2006, 13:56
Zorn darüber, weil einem das liebste Spielzeug genommen wurde. Weil der eigene Wert scheinbar missachtet wurde. Weil man vergessen wird. Weil man links liegen gelassen wird. Weil man mit dem entzauberten Zauber allein gelassen wird. Weil man ersetzbar geworden ist. Oder zumindest so nicht mehr gebraucht wird. Und das ist wohl der größte Schmerz. …

Wie wahr!!! :-nix :-keks

Tse Tse
10.02.2006, 14:22
manchmal hilft einfach nur Schnaps gegen Schmerzen

sehr schöner Text

Golfina
10.02.2006, 18:08
Schnaps... so viel könnte ich gar nicht saufen...
Wenn ich Daisys Text lese, kommen mir die Tränen. Und ich dachte, ich könnte endlich mal über den Dingen stehen, kann ich aber nicht. Genaugenommen gehts mir prima, habe eine liebe Familie, eine gute Stelle an Land gezogen, habe alles,was ich brauche. Das sagt mir jeder und alle haben recht. Ich weiß das auch. Aber es begegnen einem Menschen, die werfen dich aus der Bahn. Im Guten, wie im Schlechten Sinn. Gefühle kommen und gehen wie sie wollen; man kann sie nicht bestellen, wie man sie haben möchte und abschalten kann man sie auch nicht. Die Vernunft sagt so, das Herz sagt anders. Bei mir hat die Vernunft gesiegt, zumindest gewinnt sie jeden Tag mit Mühe die Oberhand. Ein kurzer Abschied, machs gut...nicht bis bald, nicht Aufwiedersehen, nur Lebewohl. Und da ist sie, die Narbe. Sie macht sich jeden Tag bemerkbar und indem du dich über sie ärgerst, merkst du jeden Tag aufs Neue, daß diese Narbe dir nicht gleichgültig ist. Und sie verändert für immer. Leider!

flyingbarbar
16.02.2006, 01:49
WOW krass - Daisy Du hast da so einiges auf den Punkt getroffen das ich grad fühle...

Lohnt es sich Gefühle zu investieren gegen die Gefahr einer drohenden Enttäuschung? Was überwiegt am Ende? Die guten Gefühle in Form toller Erinnerungen? Oder überwiegt die Enttäuschung?

schlafmuetze
16.02.2006, 05:52
hey Daisy,

musste beim Lesen deines Textes feststellen, dass mir ne Traene ueber die Wange lief....glaube du sprichst mit deinem text sehr vielen Menschen aus der Seele.


L.G.

schlafmuetze,

die sich in letzter Zeit haeufiger vergessen vorgekommen ist

Gwendoline
16.02.2006, 10:17
Mir ging es auch schon einmal so. Leider hab ich mir damals immer nur die guten Zeiten mit dem Partner in Erinnerung gerufen und nicht die schlechten Tage (die es auch zu genüge gab) und das hat dann noch viel mehr weh getan.

synosoph
16.02.2006, 11:26
Mir ist spontan dieser Satz aus Khalil Gibrans Buch "Der Prophet" in Erinnerung gekommen:

"Euer Schmerz ist das Zerbrechen der Schale, die euer Verstehen umschließt."


Der ganze Abschnitt:

Vom Schmerz

Und eine Frau sagte: Sprich uns vom Schmerz.

Und er antwortete:

Euer Schmerz ist das Zerbrechen der Schale, die euer Verstehen umschließt.

Wie der Kern der Frucht zerbrechen muss, damit sein Herz die Sonne erblicken kann, so müsst auch ihr den Schmerz erleben.

Und könntet ihr in eurem Herzen das Staunen über die täglichen Dinge des Lebens bewahren, würde euch der Schmerz nicht weniger wundersam scheinen als die Freude;

Und ihr würdet die Jahreszeiten eures Herzens hinnehmen, wie ihr stets die Jahreszeiten hingenommen habt, die über eure Felder streifen.

Und ihr würdet die Winter eures Kummers mit Heiterkeit überstehen.

Vieles von eurem Schmerz ist selbstgewählt.

Er ist der bittere Trank, mit dem der Arzt in euch das kranke Ich heilt.

Daher traut dem Arzt und trinkt seine Arznei schweigend und still;

Denn seine Hand, obwohl schwer und hart, wird von der zarten Hand des Unsichtbaren gelenkt,

Und der Becher, den er bringt, ist, obwohl er eure Lippen verbrennt, geformt aus dem Ton, den der Töpfer mit seinen heiligen Tränen benetzt hat.


Ausserdem kenne ich noch ein afrikanisches Sprichwort:

"Die Narbe sagt, dass sie mal eine Wunde war."

Miss
16.02.2006, 11:40
sehr schön :-)

Patella
18.02.2006, 01:00
Hallo Daisy,
das hast Du wirklich sehr schön und vor allem sehr treffend beschrieben!
Du hast eine Art, Gedanken in Worte zu kleiden, die mir sehr gefällt!

Und das:


Und plötzlich ist dieses Gefühl weg. Einfach weg. Es ist schon sehr seltsam, mit einem Mal festzustellen, dass der andere auch ersetzbar ist und ebenso in die Masse geschoben werden kann. Und damit ist der Blickwinkel ein anderer. Der Blick zurück im Zorn (oder auch in Trauer) weicht einem gnädigeren Blick. Gnädiger, aber auch von wesentlich weiter entfernt. Und langsam dünnt auch der Grauschleier aus. Alles wird wieder klarer, die Ziele werden neu definiert. Wo auch immer diese liegen mögen, sie liegen nicht nah bei den alten Zielen. Und wieder einmal ist der Zeitpunkt des Entliebens unmerklich gekommen.

habe ich in den letzten Tagen auch festgestellt.

Viele Grüsse,

Patella :-)

Hoppla-Daisy
02.05.2006, 16:22
War übrigens ne fiktive Geschichte *nur mal so anmerk*
Ich wünschte, es wäre so gewesen.

Kackbratze
03.05.2006, 10:50
In jedem Ende wohnt auch ein Zauber der Neuanfangs inne.

Hab ich irgendwo mal gelesen, weiss nicht obs stimmt... :-)

hallohaldol
03.05.2006, 11:05
In jedem Ende wohnt auch ein Zauber der Neuanfangs inne.

Hab ich irgendwo mal gelesen, weiss nicht obs stimmt... :-)

hermann hesse

Integra
03.05.2006, 21:24
Nope: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", das ist Hesse!



Sorry, mußte mal wieder sein
:-))

hallohaldol
03.05.2006, 23:29
stimmt,das wars....knapp daneben ist auch vorbei :-))

Kackbratze
04.05.2006, 11:36
Nach der Rechtschreibreform geht auch meine Version :-D