PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : intraossärer Zugang



Seiten : 1 [2] 3

WackenDoc
26.05.2009, 11:06
In meinem Notarztkurs hat man uns erzählt, dass IO- Zugänge wohl auch beim Erwachsenen im Kommen sind. Allerdings eher mit der BIG. Da kann man auch verschiedene Tiefen einstellen. Zugangsmöglichkeiten: Von der üblichen Tibia, Humerus, sogar Sternum.

Die Israelis haben da wohl ganz gute Erfahrungen gemacht. Dort ist es unter ABC- Bedingungen inzwischen anscheinend sogar der Zugang erster Wahl und unter Gefechtsbedingungen Zugang der zweiten Wahl.
(Ok, nicht unbedingt Zugang der ersten Wahl für den gemeinen Notarzt in Deutschland). Allerdings ist die BIG sauteuer mit ca. 60€ pro Stück. Und so schmerzlos wie der Hersteller behauptet ist das Ding wohl doch nicht (Einer unser Notärzte hat das Ding im Rahmen einer Kinderreanimation falschrum gehalten und die Nadel ist nicht im Kind gelandet. Nach seinen Aussagen war es schmerzhaft. )

Cherry1977
26.05.2009, 19:00
Das ist natürlich Pech für euren NA! "rofl" :-wow
Weißt Du was zur Dosierung von Lidocain zur Analgesie vor Infundierung?
LG
Cherry1977

WackenDoc
26.05.2009, 19:32
Jap, der arme Kerl hatte nicht nur den Schmerz sondern auch den Spott.

Von dem Lidocain vor Infusion hab ich noch nix gehört. Die Patienten, die für nen intraossären Zugang in Frage kommen sind ja meist in einem Zustand wo die in der Regel auch nicht auf Schmerzreize reagieren. Wach und ansprechbar wäre für mich jetzt nicht der typische Patient für nen IO-Zugang.

Hab allerdings auch noch keine praktische Erfahrung mit dem Ding gemacht.
Wir durften nur auf dem Notarztlehrgang mal mit rumprobieren.
Vielleicht steht auf der Herstellerseite was.

Cherry1977
26.05.2009, 23:30
So, jetzt hamma was. :-))
Bin bei einem Forum drübergestolpert:
Der IO Zugang ist in Österreich und auch laut ITLS Mittel der Wahl bei einem volumen-/medikamentenbedürftigen Pat. (Volumenmangelschock, Reanimation) bei dem ein IV Zugang nicht unter 90 sec. geschaffen werden kann oder bei dem schon zwei iv Punktionsversuche gescheitert sind.
Ein Pat. mit erhaltenem Bewußtwein, sprich Schmerzempfinden, sollte vor jeglicher Injektion in den IO Zugang 20-100mg Lidocain erhalten, da die Raumforderung der Flüssigkeit im Knochen schmerzen tut! D.h. eine Aspiration zur Lagekontrolle müßte schmerzfrei sein! :-stud
Die Infusionsrate beträgt angeblich 100ml/min, das entspricht auch ungefähr der Menge die ich vom ITLS - Lehrbuch kenne. Eine Volumentherapie ist also bei Druckinfusion durchaus möglich!

LieberInvasiv
27.05.2009, 06:42
Also, dieser Injektions/Infusionsschmerz tritt bei ca 2-4% aller Patienten auf.
Zur Prävention sollte eine 2%ige Lidocain/Xylocain-Lösungen gegeben werden (und idealerweise 60sec gewartet werden) bevor mit der Infuion begonnen wird. Ewaige Blutabnahme sollte vorher erfolgen und ist schmerzlos.

Zum NA mit der BIG in der Hand:
Selbstverständlich tut es weh wenn man eine Kanüle in der Hand hat (ob vom i.o.Zugang oder sonst woher ist ja nicht so ausschlaggebend). Man sollte dabei nur bedenken, die Kanüle in der Hand steckt im Muskel. Das tut weh!
Wird aber korrekt punktiert, dann sollten nur beim durchstechen der Haut und des Periosts Schmerzen entstehen (können). Der Punktionsschmerz ist also dem einer normalen Viggo gleichzusetzen. (Habe ich auch von bekannten Niederländischen/Schweizern Paramedics zu hören bekommen welche die EZ-IO – selber – getestet haben)

Die verschiedenen i.o.-Systeme
Konventionell (man könntet auch veraltet sagen)
- Cook- Nadel (veraltet, nicht stabil nach Punktion, unsicher)
Modern
- FAST 1 TM
- B.I.G. (
- E.Z.-I.O. ("Knochenbohrmaschine")

Flussrate:
Konventionelle i.o.Systeme
- Schwerkraft 10-17ml/min
- Druck 41-100ml/min
Moderne i.o. Systeme
- Schwerkraft 80ml/min
- Druck 150ml/min
Im vergleich dazu:
- G17 (weiß): 128ml/min
- G16 (grau): 196ml/min
- G14 (orange): 343ml/min

Aber:
Fast niemand wird eine G17-G14 bei einem Pat legen können der einen i.o. Zugang benötig/bekommt.
Und:
Die periphere Kreislaufzeit im Schock, bzw. unter Reanimation ist viel geringer, die Plasmakonzentrationsanreicherung von Medikamenten ist daher bei periphervenösen Zugängen schlechter als bei intraossären.
Unter Reanimationsbedingungen ist der intraossäre Zugang dem zentralvenösen gleichzusetzen. Ganz interessant hierzu: In den Niederlanden und auch der Schweiz ist es wohl Standart in Schock/Reanimationssituationen zunächst 1x die V.Jugularis zu punktieren und bei frustraner Punktion direkt zum i.o.-Zugang überzugehen. Gibt allerdings auch Stimmen die selbst beim Erwachsenen die sofortige i.o.-Punktion befürworten.

Der intraossäre Zugang wurde 1916 zuerst erfolgreich durchgeführt (und dokumentiert).
Seit 2005 in den ERC, AHA, ILCOR Guidelines als iv-Alternative bei Päd. und Adult (Beim Kind als erster Zugang, beim Erwachsenen als zweiter vor der e.b. Gabe)

Tocantins 1940, Orlowski 1990, Warren 1994
i.o. Effektivität = i.v.

Cameron 1989 und Neufeld 1993
Während der Rea ist der i.o-Zugang dem zentralvenösen gleichzusetzen.

Cherry1977
27.05.2009, 11:14
Vielen Dank für die genaue Auskunft. :-top

Hab eine Dissertation im Net entdeckt:

deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=970093624&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=970093624.pdf

Auf Seite 46 geht der Autor auf die Durchflußraten und auf die zu applizierende Menge Lidocain 1% ein.
Er empfiehlt 3 - 5 ml Lidocain 1% zur Analgesie vor Infundierung.
Bin leider nicht so fit, entsprechen 3 - 5 ml 1% einer Dosis von 20 - 100 mg?

Vielen Dank

Cherry 1977

P.S.: Auf S. 36 hat der Autor Verständnis für den NA mit der BIG in der Hand geäußert

WackenDoc
27.05.2009, 11:57
Der Hersteller hat ja mal Behauptet,dass sein PRodukt schmerzfrei wäre. Was nun eindeutig widerlegt ist.
Aber ich gebe zu dass es sicher schmerzärmer als das manuelle Bohren und Venenpulen mit ner großlumigen Nadel ist.

Aber ich find´s gut dass das System jetzt auch den Weg in´s Zivile gefunden hat.
Hab zwar noch keine echte praktische Erfahrung mit dem Ding, aber es scheint ja relativ einfach anzuwenden zu sein.

//stefan
27.05.2009, 15:42
Hier ein Video einer EZ-IO Punktion unter Reanimation um mal deutlich zu machen, wie schnell ein venöser Zugang etabliert werden kann:

http://www.youtube.com/watch?v=VPGPdNMAMVY

CHALi
27.05.2009, 19:06
Die Bohrmaschiene kenn ich von ner Tagung. Prinzip find ich klasse und ganz ehrlich.. Viggos sind auch nicht angenehm, gerade Großlumige ;) und jemand der nen IO-Zugang braucht, der meldet sich in der Regel ja eh nicht und beklagt, dass es wehtut.. wobei der Vertreiber ganz stolz sich selbst in die Tibia gebohrt hat... schien aushaltbar.

Nur die Preise find ich unverschämt! Aber bewährt haben die Dinger sich ja gerade im Irak.. kann jeder Laie nach nem 5min Video selber bedienen... gerade für den Katastropheneinsatz glaube ich wären die ganz Patent...

Wären sie nur günstiger... :-oopss

//stefan
27.05.2009, 19:26
Hier siehst du den Beweis: http://www.youtube.com/watch?v=3pZxOqfB3YA

Schmerzlos. Es sei denn die haben geschummelt und vorher ne LA gemacht :-oopss...

sebi86
27.05.2009, 20:28
in einem Nachbarkreisverband haben sie die EZ-IO jetzt standardmäßig auf jedem RTW...find ich richtig geil :)

Einfach eine super Alternative zu den üblichen IO-Varianten. Aber wie schon gesagt...leider viel zu teuer :/
So eine Bohrmaschine gibts im Baumarkt doch schon ab 40,-, aber wenn es ein MP ist, dann kostet sie gleich mal das 10-fache
...eieiei

Summbine
27.05.2009, 21:45
Hallo Stefan,

ich habe mir das Video gerade angeguckt - und dann noch andere Videos... ich glaube, mir wird schwindelig...:-oopss

nee, im Ernst, wenn man nicht täglich damit zu tun hat, ist es echt ungewohnt, sowas zu sehen...:-?

LG, Summbine

//stefan
28.05.2009, 11:25
in einem Nachbarkreisverband haben sie die EZ-IO jetzt standardmäßig auf jedem RTW...find ich richtig geil :)

Einfach eine super Alternative zu den üblichen IO-Varianten. Aber wie schon gesagt...leider viel zu teuer :/
So eine Bohrmaschine gibts im Baumarkt doch schon ab 40,-, aber wenn es ein MP ist, dann kostet sie gleich mal das 10-fache
...eieiei

Auf dem RTW? Haben die RA denn dann eine spezielle SOP? Eine praktische Unterweisung am Phantom? Oder fährt der RTW die nur für den NA spazieren? Das wäre ja ne schöne Geldverschwendung...

DeKl
28.05.2009, 11:40
in einem Nachbarkreisverband haben sie die EZ-IO jetzt standardmäßig auf jedem RTW...find ich richtig geil :)

halte ich für blödsinn und "richtig geil" ist es auch definitiv nicht...

LieberInvasiv
28.05.2009, 12:59
halte ich für blödsinn und "richtig geil" ist es auch definitiv nicht...

Kommt da noch was oder ist das einfach nur deine unbegründete Meinung?

Ich persönlich würde das auch geil (oder einfach nur super *g*) finden.
Und in der Situation in der man einen i.o. benötigt kann man sich als RettAss genau wie beim i.v.Zugang gut an §34 StGB halten.
(Wenn nicht der ÄLRD von vornherein sein OK gibt)

//stefan
28.05.2009, 14:26
DeKl hast du Rettungsdiensterfahrung? Nur so ne Frage...

Evil
28.05.2009, 14:37
halte ich für blödsinn und "richtig geil" ist es auch definitiv nicht...
In unserem Kreis gibt es mittlerweile auch ein BIG auf dem RTW, die RettAss sind entsprechend geschult, und gerade bei Kindernotfällen mit schwierigem Venenzugang, wo der NA eine längere Anfahrt hat (aufm Land halt), ist das eine gute Sache.

Die Dinger sind auch schon irgendwie cool *grins*, allerdings finde ich die Konstruktion etwas unglücklich. Die BIG hat nämlich 2 Löcher an gegenüberliegenden Seiten, und es ist nicht ganz eindeutig (ohne Einweisung), aus welchem Loch die Nadel kommt.

DeKl
28.05.2009, 18:53
natürlich kann man sich einsätze konstruieren, bei denen so ein teil vielleicht sinnvoll wäre. die schulung ist selbstverständlich vorausgesetzt. mein statement, nicht besonders glücklich formuliert, gebe ich zu, bezog sich eigentlich auch mehr auf die sinnhaftigkeit so ein teil auf jeden rtw zu legen. auf einem nef oder so, ok, kann man natürlich drüber nachdenken. ist der kosten-nutzen-faktor gegeben? die mitarbeiter müssen an diesem teil ausgebildet werden und es sollte auch regelmässig geübt werden, sonst ist es mal wieder ein gerät, was drauf ist, beim check hin und her geräumt wird, aber benutzen tut es niemand, weil alle schiss davor haben. wieviele ras gibt es denn noch, die sich vor ner intubation scheuen, oder sogar vor nem einfachen i.v. zugang? wie oft hat man denn die situation, daß tatsächlich kein notarzt rechtzeitig vor ort sein kann, nachdem der rd seine basics abgewickelt hat? ich stelle nur in frage, ob es wirklich sinnvoll ist.
und zu dem zweiten punkt. "geil" ist kein begriff dafür, in meinen augen. vielleicht bin ich da auch einfach nur ein wenig empfindlich, weil es leider genug rdler gibt, denen alles nicht spektakulär genug sein kann, die aber nicht in der lage sind, einen patienten sinnvoll zu lagern. von solchen leuten hört man solche sprüche oft (wie nannte man sie noch gleich? rettungsrambos?). von denen würde der eine oder andere sicherlich auch gern so ein ding am gürtel tragen, neben den vielen anderen dingen...
aber wie gesagt, an dieser stelle bin ich sehr empfindlich und ich entschuldige mich bei den anwesenden, die selbstverständlich alle nicht unter diese kategorie fallen :-)

CHALi
28.05.2009, 19:01
Hab keine Rettungsdiensterfahrung (nur Intensivmedizinische) und kenn mehr als ein Beispiel wo der Gyn als NA gefahren ist und eben dem Kind keine Viggo legen konnte. Sind ja leider nicht alle geübt und gerade bei Kids sind Viggos so ne Sache.

Die Bohrmaschine ist da glaube ich eine gute Alternative, denn ganz ehrlich, die drei Stellen die in Frage kommen (je nach Patientengröße) sind leicht zu tasten, nach einer Einweisung sollte der Umgang klappen und das Bohren (zumindest an der Atrappe) ist leicht. Auch wenns teuer ist, ich find es sinnvoll das so ein Teil zur Verfügung steht.. gerade für die "Hobby"Notärzte.

Wir haben das bei uns sogar auf der ITS angeschafft! Es gibt immer Situationen wo man das Gerät brauchen kann und schlecht werden die Dinger ja nicht :-D

//stefan
29.05.2009, 15:45
Man muss das Ding übrigens nicht jeden morgen zum Check einmal laufen lassen.... ;-)

Auf dem RTW halte ich es auch für übertrieben, auf dem NEF ist es sinnvoll.