Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Medizinstudium momentan attraktiv?
MatzeXXL
28.03.2006, 16:28
....haben sich hier die Depressiven zum Stelldichein versammelt oder ist die Lage (Arbeitsbedingungen) wirklich so dramatisch?
hey matze,
ich glaube, überall wo du leute fragst, die schon gearbeitet haben, wirst du solche oder ähnliche antworten erhalten! *daseinfachmalsobehaupte*
was die "schwere" des studiums angeht:
ich werfe hier einfach mal böse in den ring:
ist ein ammenmärchen!!
das medizinstudium ist lernintensiv. fordert fleiss.
aber anspruchsvoll und schwer ist was anderes!! :-meinung
meiner ansicht nach ist das studium sehr auf machbarkeit ausgelegt. wer nicht wirklich total dumm oder einfach faul oder psychisch labil ist oder wer nicht gerade von schicksalsschlägen oder dummen zufällen getroffen wird, wird das studium mit sicherheit durchziehen, meist in regelstudienzeit.
das gerede, das medizinstudium sei ach so schwer, ist meiner meinung nach daneben!! :-meinung
die herausforderung in diesem studium besteht in der menge- aber NICHT in der komplexität des stoffes!!
ich wage hiermit zu behaupten, dass alle naturwissenschaftlichen studiengänge, wenn nicht arbeitsintensiver, dann zumindest geistig deutlich anspruchsvoller sind.
ich habe früher physik studiert. die unterschiede??
- im medizinstudium kann man eine klausur aus dem kurzzeitgedächtnis schreiben und den stoff dann vergessen.
in mathe zb muss man alles en detail verstanden und durchdrungen und jederzeit präsent haben, bevor man die nächste stufe (=das nächste semester, die nächste prüfung) erklimmen kann
- in physik musste man an stoff arbeiten, um ihn zu verstehen. lang nachdenken, nochmal probieren, anwenden,rechnen, anwenden, nachdenken. in medizin liest man etwas und es ist sofort einsichtig (man nenne EIN beispiel wo der stoff wirklich zu komplex gewesen wäre, als dass man ihn hätte verstehen können!!)
- wenn bei medizin eine klausur zu hohe durchfallraten hat: ein aufschrei! klausur runtergesetzt! wiederholt!
wenn leute abspringen, fällt das auf!
dagegen mathe, physik, chemie: dass am anfang 100 leute in der vorlesung sitzen und den schein am ende nur 40 machen, schert kein schwein.
- in physik muss man in klausuren rechnen... das hat mit verstehen und anwenden zu tun..
das kreuzen dagegen lernt man echt hauptsächlich durchs kreuzen (welch intelektueller gewinn!)
noch ein paar beispiele gefällig?
die löwin, momentan angesichts der lage sehr frustriert -
Altruist
28.03.2006, 16:45
....haben sich hier die Depressiven zum Stelldichein versammelt oder ist die Lage (Arbeitsbedingungen) wirklich so dramatisch?
Nun - wenn Du über die Gabe Gottes - einer dumpfsinnigen, beschwingten, immerwährenden, niemalsendenden Glückseeligkeit verfügst, dann - so kann ich vermuten - wird Dich dieser Beruf mit all seinen Anforderungen, die derzeit hierzulande, sei es in vielen Kliniken/ vielen Praxen vorherrschen, vollends beglücken.
Flagellant
28.03.2006, 17:05
Dieser Thread ein Stelldichein der Apologeten des Niederganges ? Hm...habe ich heute morgen etwa doch vergessen, mein Prozac einzunehmen ? :-))
Ich denke, die Problematik ist realer, als so mancher denkt. Wieso denn dann all die Demonstrationen in letzter Zeit, die Warnungen im Ärzteblatt u.a., daß ca. 30.000 Praxen in Deutschland von der Schließung bedroht sind und immer mehr Ärzte ins Ausland abwandern usw. usf. ? Natürlich kann man auch in Deutschland hier und da als Arzt noch sein Auskommen haben und gleichzeitig ein Privatleben führen. Trotzdem gibt es eine immer größere Gruppe derer, die in diesem System auf der Verliererseite stehen.
Da halte ich es dann für sinnvoller, vorher schon einmal ein paar Alternativen zu ventilieren. :-)
Flagellant
28.03.2006, 17:26
Ich habe in den USA geheiratet, darum ist die Situation nicht ganz vergleichbar. Ich denke, viele Mediziner machen den Sprung hierher, weil sie mit viel Optimismus und Motivation an die Sache rangehen. Das heisst, die JungPJler, die ich gelegentlich hier treffe, sind so motiviert. Wären die genauso in Deutschland am Ball, würde der Lernunterschied minimal ausfallen. Lange Stunden mit wenig Lernerfolg. Die Teaching Conferences, M&M etc sind doch meist eher Gelegenheiten zum Ausruhen, Essen und ggf. Schlafen als wirklich was mitzunehmen. Die Gehälter in den USA sind, mit leicht fallender Tendenz, immer noch ziemlich gut. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass je nach Fach bis zu 150.000 Dollar für die Kunstfehlerversicherung draufgeht. Das kann bis zu 50% des Gehaltes bedeuten. Ich habe neulich den Bericht von Half A Bee gelesen, der in Emergency Medicine gematcht hat, was in den USA echt eines der besten Fächer ist weil Du a) gute Ausbildung bekommst, b) das Gehalt stimmt und c) die Arbeitszeiten in Ordnung sind. Ich kann nur von größeren akademischen Einrichtungen erzählen, dass dort die Ärzte premature aging, also Ergrauen und Erfalten in den 30ern erleben. Man muss auch sehen, dass man nach Residency und Fellowship ja auch noch ein Leben erfolgen muss, und da kann ich über Deutschland mehr positives finden. Hier ist es so, dass, insbesondere wenn man Familie hat, eine kostspielige Abschottung von einem Grossteil der Bevölkerung haben möchte. D.h. unterschiedliche Wohnviertel, damit bessere High Schools, damit bessere Colleges etc etc. In Deutschland hatte ich dieses GEfühl nie wirklich, weil arm in Deutschland noch eine überschaubarere Dimension hat als hier. Ich denke, man sollte es sich sehr genau, ich würde sagen mindestens ein Jahr, mal angucken und dann entscheiden. Wie beim Thema Studienbeginn in der Medizin, halte ich hier eine informierte Entscheidung für extrem wichtig. Ein PJ Tertial, das man mit viel Elan beginnt und alles, inkl. der Sprache und Leute, noch spannend findet, ist noch kein guter Indikator. Für mich ist das Problem, das mir meine Frau keine andere Wahl läßt :-)
Daß ausgerechnet Emergency Medicine mehr Lebensqualität bietet, hätte ich jetzt gar nicht gedacht !
Sind denn die meisten residencies innerhalb von 3 Jahren zu bewältigen ?
Gruß,
Flagellant
FrederikMD
28.03.2006, 20:11
Daß ausgerechnet Emergency Medicine mehr Lebensqualität bietet, hätte ich jetzt gar nicht gedacht !
Sind denn die meisten residencies innerhalb von 3 Jahren zu bewältigen ?
Gruß,
Flagellant
Einige, plus Deine Fellowships, die finanziell nicht besser sidn als Residency. Emergency Medicine ist (wie Derma, Auge etc) deshalb so attraktiv, weil Du einen geregelten "Schicht"plan hast, zumindest in den Haeusern, an denen ich war. ER kann teilweise 4 Jahre sein, einige Haeuser verlangen/wuenschen 1-2 Jahre Forschung, haengt aber echt alles vom Programm ab. Insgesamt sind Residency/Facharztausbildung fuer Auslaender im Schnitt gleich lang wie im Heimatland (man verliert viel Zeit, meist 1 Jahr zwischen Ende Studium Anfang Residency, Visum etc etc). ER Medicine ist leider an vielen Plaetzen deshalb nicht so toll, weil Du die ganze Zeit mit den untersten 20% zu kaempfen hast. Das ist zwar als Medizinstudent / Anfaenger noch spassig, wenn Du 50 bist...
magnolie
04.04.2006, 15:08
nachdem ich all diese beiträge gelesen habe, weiß ich einmal mehr, warum ich aufhöre... :-?
magnolie
04.04.2006, 17:10
aus verschiedenen gründen die studium und beruf später gleichermaßen betreffen
ua -die schwierige situation mit den kassen, die sich imo nicht so schnell ändern wird
-keine lust 20 jahre auf, wenn überhaupt, ne eigene bezahlbare praxis zu warten
-zunehmende bürokratie und somit entfernung vom patienten
-die unterschätzte stressbelastung im studium
-persönliches
ne menge faktoren, die meinen entschluss zunehmens verhärten.. :-?
wie kommst du darauf, 20 Jahre auf eine Praxis warten zu müssen?
magnolie
05.04.2006, 11:43
7 jahre studium, 5 jahre facharzt, keine familien oder bekannteninterne praxisübernahme möglich..warten, geld verdienen..zulassung bekommen. ich denke 20 jahre sind nicht unrealistisch.
Flagellant
05.04.2006, 15:44
Wieso sollte die "eigene" Praxis überhaupt erstrebenswert sein ?
Einzel(-Facharzt-)Praxen in der jetzigen Form wird es in Zukunft möglicherweise sowieso nicht mehr geben, eher sehr große Gemeinschaftspraxen, ambulante Versorgungszentren u.ä.
In manchen europäischen Ländern ist diese Tendenz jedenfalls bereits erkennbar, z.B. in Schweden, Holland.
In manchen Fachgebieten -ganz extrem in der Radiologie - haben die Investitionskosten für eine Praxis Dimensionen erreicht, die von einer Privatperson oftmals nicht mehr zu stemmen sind. Daher machen ja immer mehr Ärzte bewußt einen Bogen um die eigene Praxis, was sicherlich sehr vernünftig ist.
Ich möchte auch einmal die Behauptung aufstellen, daß man im Krankenhaus viel mehr "Arzt" sein kann als in der eigenen Praxis, wo man permanent auf die Bilanzen, das Budget schielen muß.
condorito
07.04.2006, 16:44
Ich möchte auch einmal die Behauptung aufstellen, daß man im Krankenhaus viel mehr "Arzt" sein kann als in der eigenen Praxis, wo man permanent auf die Bilanzen, das Budget schielen muß.
Kann man nicht. Bürokratiewut über alles.Typisch deutsch halt.
Ca. 50% des Tages war man ( zumindest bei mir ) ungelogen mit Verschlüsseln,QM oder Dokumentationen der Krebspatienten beschäftigt. Dazu noch Arztbriefe oder Krankenkassenanfragen. Insgesamt äusserst spassbringend.
Und die Perspektive:
Wer will schon nach 30 Jahren Klinik noch nachts um 3 aus dem Bett geklingelt werden,weil du ne vaginal-operative Entbindung machen musst?
Und das bei ca. 10 Hintergründen im Monat?
Nee danke, so viel Neuroleptika brauch ich noch nich,dass ich das als erstrebenswerte Alternative betrachte...
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