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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : V.a. Meningitis - Schutzmaßnahmen?



Der Käpt'n
05.01.2007, 18:21
Ich habe bislang 3 neurologische Notaufnahmen erlebt. Das Vorgehen bei Patienten mit V.a. Meningitis reichte von nix tun bis:

a) Prophylaxemedikation für Kontaktpersonen (genau weiß ich leider nicht mehr)
b) Mundschutz/Quarataine für die Patienten bis zur Diagnosestellung/Ausschluss

Wir haben das kräftig diskutiert. Viral ist häufig, bakteriell sind va. Haemophilus, Pneumos und Menignos zu nennen. Ob da jetzt Schutz/Prophylaxe angebracht/sinnvoll ist?

Discuss, please!

Hellequin
05.01.2007, 18:30
Leitlinien für Virale und bakterielle Meningoencephalitis:

http://www.dgn.org/187.0.html

http://www.dgn.org/176.0.html

Hab jetzt keine Zeit das durchzuschauen, vielleicht findest du ja das was du suchst. :-top

lala
05.01.2007, 18:40
:-meinung

1) GANZ WICHTIG: Bei V.a. Meningitis KEINE Panik auslösen!
2) Als einigermaßen erfahrener Neurologe hat man schnell das Gefühl, ob eine Meningitis "harmlos" (viral) oder nicht (bakteriell) ist, da die häufigste Einweisungsdiagnose (neben TIA und dem Re-Apoplex) der V.a. Meningitis bei den banalsten Kopfschmerzen ist.

Also:
1. Patient hat zwar Kopfweh, aber weder Fieber noch Meningismus=> CCT und LP anstreben aber keine Isolation und die Ergebnisse abwarten.
2. Patient hat zwar Fieber aber wirkt noch ganz fit und hat v.a.auch keine Petechien (Meningokokken!!)=> CCT und LP SCHNELL anstreben und warten.
3. Irgendwas stört mich (Fieber hoch, Patient gehts schlecht, Meningismus eindeutig) => Isolieren, Mundschutz für mich und Pflege und GANZ SCHNELL LP anstreben, bei hartem V.a. Meningokokken ggf auch Antibiose vor der Diagnostik starten.

Da man im Normalfall sofort nach LP den trüben Liquor und damit die Diagnose "bakteriell" hat, spätestens dann Isolation und Kombi-Antibiose nach Leitlinien oder eigenen Standards. Erst wenn die Diagnose als Meningokokkenmeningitis gesichert ist (sollte der Mikrobiologe schnell tun), macht eine Prophylaxe bei Kontaktpersonen Sinn (bei allen anderen Bakterien sowieso NICHT).Hier muss jeder selber wissen ob er das will oder nicht (Ciprofloxacin, Rifampicin - siehe Standards).

Ich selber hab bislang mindestens 4 mal Meningokokken-Patienten im Dienst aufgenommen und punktiert und noch nie Antibiose genommen, da ich bei kurzem Kontakt (Untersuchung, LP) und Mundschutz da wenig Sorgen hatte. Muss aber jeder für sich selbst entscheiden, daher sollte man alle möglichen Kontaktpersonen nach Bestätigung der Diagnose informieren.

Der Käpt'n
05.01.2007, 19:18
besten dank für die schnellen antworten.

danke für die links zu den leitlinien, aber die sind bekannt. es geht um tatsächliches, praktisches vorgehen und meinungen. Aber ich poste mal den Abschnitt der relevant ist:


Meningokokken werden entweder durch direkten Kontakt oder durch Tröpfchen-Aerosole übertragen. Die Inkubationszeit liegt in der Regel bei 3–4 Tagen (Spanne 2–10 Tage). Patienten mit Verdacht auf eine Meningokokkenmeningitis (z. B. petechiales Exanthem, gramnegative Kokken im Liquorgrampräparat) müssen bis 24 Stunden nach Beginn einer adäquaten Antibiotikatherapie isoliert werden, danach ist mit einer Ansteckungsfähigkeit nicht mehr zu rechnen (siehe auch Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, Internetadresse: www.rki.de). Unterdessen müssen Pflege- und ärztliches Personal sowie Besucher die bei Isolierung erforderlichen Hygienemaßnahmen (Tragen von Schutzkitteln, Nasen-Mund-Schutz, Handschuhe, Händedesinfektion) beachten. Bereits bei begründetem Verdacht auf eine Meningokokkenmeningitis muss eine Meldung an die zuständigen Gesundheitsbehörden erfolgen, damit eine lokale Häufung von Erkrankungsfällen rechtzeitig erkannt werden kann. Enge Kontaktpersonen sollen ausfindig gemacht, über das erhöhte Risiko und mögliche Symptome einer Meningokokkenerkrankung (z. B. Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen) aufgeklärt und eine Chemoprophylaxe empfohlen werden (Tabelle 5). Die Chemoprophylaxe muss schnellstmöglich begonnen werden; sinnvoll ist sie maximal bis 10 Tage nach dem letzten Kontakt mit dem Erkrankten (Inkubationszeit 2–10 Tage!).

soweit klar. der punkt ist eben, wie lala auch schon ausgeführt hat, dass man nicht sicher vorher weiß, obs meningokokken sind. Ich denke, an der Prophylaxefrage wird man an dem was Lala geschrieben hat nicht viel diskutieren können, das macht Sinn und sehe ich auch so (habs aber wie gesagt auch schon anders gesehen). Frage ist aber nach wie vor: Hygienemaßnahmen bei jedem Menigitisverdacht (Mundschutz v.a)?

Fino
05.01.2007, 19:21
Wenn ich was dzu sagen darf

Also:
1. Patient hat zwar Kopfweh, aber weder Fieber noch Meningismus=> CCT und LP anstreben aber keine Isolation und die Ergebnisse abwarten.

Da habt Ihr aber viele LPs durchzufuehren. Man kann auch nach einer vernuenftigen Anamnese erst mal abwarten, ohne gleich zum CT zu rennen und LPs durchzufuehren.


2. Patient hat zwar Fieber aber wirkt noch ganz fit und hat v.a.auch keine Petechien (Meningokokken!!)=> CCT und LP SCHNELL anstreben und warten.


Auch hier gilt: nicht gleich zum CT rennen und LPs durchfuehren. Du sagst ja selber, der Patient ist ganz fit und hat keine Petechien (die uebrigensb einer Sepsis auftreten, aber nicht bei einer "isolierten" Meningitis)
Allerdings: je juenger der (paediatrische) Patient, desto niedriger die "Hemm"schwelle fuer eine LP und umso atypischer die Symptomatik


3. Irgendwas stört mich (Fieber hoch, Patient gehts schlecht, Meningismus eindeutig) => Isolieren, Mundschutz für mich und Pflege und GANZ SCHNELL LP anstreben, bei hartem V.a. Meningokokken ggf auch Antibiose vor der Diagnostik starten.


Wenn es dem Patienten so schlecht geht, dass sein GCS unter 14 liegt, keine LP!! Antibiose sofort, PCR kann man auch spaeter laufen lassen.
Mundschutz fuer Aerzte und Pflegepersonal?!?!?
Hier in England gibt es klare Guidelines: kein Mundschutz fuer Aerzte und Pflegepersonal, keine Prophylaxe mit Antibiotika, ausser sie haben eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchgefuehrt. Prophylaxe nur fuer engen Kontakt, also Eltern, Geschwister, Partner ("kissing contacts"). Erkrankt mehr als ein Schueler an ein und derselben Schule, wird allen Schuelern Prophylaxe angeboten.


Da man im Normalfall sofort nach LP den trüben Liquor und damit die Diagnose "bakteriell" hat, spätestens dann Isolation und Kombi-Antibiose nach Leitlinien oder eigenen Standards. Erst wenn die Diagnose als Meningokokkenmeningitis gesichert ist (sollte der Mikrobiologe schnell tun), macht eine Prophylaxe bei Kontaktpersonen Sinn (bei allen anderen Bakterien sowieso NICHT).Hier muss jeder selber wissen ob er das will oder nicht (Ciprofloxacin, Rifampicin - siehe Standards).


Wir haben gerade ein Maedchen mit bakterieller Meningitis auf Station - ich habe sie lumbalpunktiert, und der Liquor war glasklar.



Ich selber hab bislang mindestens 4 mal Meningokokken-Patienten im Dienst aufgenommen und punktiert und noch nie Antibiose genommen, da ich bei kurzem Kontakt (Untersuchung, LP) und Mundschutz da wenig Sorgen hatte. Muss aber jeder für sich selbst entscheiden, daher sollte man alle möglichen Kontaktpersonen nach Bestätigung der Diagnose informieren.


Ich weiss gar nicht, wieviele Meningitis- / Meningokokkensepsispatienten ich allein aufgenommen habe, bestimmt mehr als 10 und wesentlich meht mitbetreut. Weder ich noch meine Kollegen haben je Prophylaxe betrieben. Dasselbe gilt fuer unsere Schwestern.

Der Käpt'n
05.01.2007, 19:27
Hier in England gibt es klare Guidelines: kein Mundschutz fuer Aerzte und Pflegepersonal, keine Prophylaxe mit Antibiotika, ausser sie haben eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchgefuehrt. Prophylaxe nur fuer engen Kontakt, also Eltern, Geschwister, Partner ("kissing contacts"). Erkrankt mehr als ein Schueler an ein und derselben Schule, wird allen Schuelern Prophylaxe angeboten.

das finde ich interessant...gibts da nen begründung für?

Fino
05.01.2007, 19:35
das finde ich interessant...gibts da nen begründung für?

Na ja, begruendet werden sollte doch eher eine Empfehlung, wonach Mundschutz getragen werden soll - gibt es Studien / Untersuchungen, wonach Aerzte durch normalen Kontakt gefaehrdet sind? Gibt es Studien / Untersuchungen, wonach die AB-Prophylaxe Vorteile bietet, die AB-Nebenwirkungen ueberwiegen? Dann muesste ich ja jede Woche mindestens(!!) einmal Prophylaxe betreiben....
Der normale Arzt-Patientenkontakt birgt da kein Risiko. Weshalb also die Mundschutz- und vor allem die Antiobiotikaprophylaxe fuer Aerzte? Schliesslich sind die AB keine Smarties.

schau mal hier (v.a, Abschnitt "medical, nursing and ambulance staff")
http://www.cht.nhs.uk/fileadmin/departments/infection_control/policies/section_d.pdf

lala
05.01.2007, 20:47
Hallo Fino!

Hast Recht -in unserer Klinik werden viel zu viele LPdurchgeführt! Ich persönlich bin da mit zunehmender Sicherheit auch im Laufe der Zeit dazu gekommen, nur noch selten zu punktieren, eben dann wenn ICH (und nicht irgendein einweisender Arzt) den Verdacht einer Meningitis habe. Da wir nur Erwachsene behandeln ist unsere Hemmschwelle auch sicher geringer als in der Pädiatrie!

Auch das mit dem Mundschutz sehe ich ähnlich wie Du - ich persönlich verzichte fast immer auch drauf, meist drängen aber hier Pflegepersonal, MTA, Transportdienste und so, so dass i.d.R. bei begründetem Verdacht demPatienten der Mundschutz aufgesetzt wird....ob das was bringt sei mal dahin gestellt...

Klarer Liquor bei bakterieller Meningitis ist aber wohl eher die Ausnahme (zumindest mir noch nie begegnet) - waren aber dann warscheinlich auch keine Meningokokken oder?