Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Kinder-Ecke
aschenputtel1977
27.11.2021, 20:27
Hallo !
Wie seht ihr die Chancen für ältere Bewerber?
Mit Erfahrung von 2 Jahren in der Pädiatrie, 6 Monaten in der KJP und ansonsten Amt ( Kinder und Jugendärztlicher Dienst und Infektionsschutz , da Covid) .
Du sprichst so gut Deutsch wie du schreibst? Und du hast sooo viel Erfahrung? Was gibt es da zu zweifeln, ich meine du kannst dir die Stelle aussuchen! Ganz im Ernst!
Auf jeden Fall! Viel Erfolg!
Hallo ihr Lieben, ich bin schon seit einiger Zeit eine „stille Mitleserin“ hier im Forum und würde mich nun einmal über eure persönlichen Erfahrungen bzw. Meinungen freuen!
Ich arbeite seit 15 Monaten als Assistenzärztin in einer großen städtischen Kinderklinik in Süddeutschland und habe aktuell irgendwie eine „Sinnkrise“ bezüglich des Faches.
Anfangs hat mir die Arbeit relativ große Freude gemacht, es war aber auch Corona-Winter und auf den Infektstationen und in den Diensten war es recht ruhig, die Stimmung im Haus war gut und es war optimal, um erst einmal in den Beruf reinzukommen. Dann bin ich weiter in die Neo rotiert und auch dort hat es mir eigentlich gut gefallen.
Auch wenn ich aktuell ja noch eher am Beginn meiner Ausbildung stehe, kann ich mir allerdings eine langfristige Tätigkeit in der Klinik nicht gut für mich vorstellen. Ich bin seit einigen Wochen auf unserer Intensivstation (Level 1) und merke einfach, dass ich auf gar keinen Fall mein Leben lang im Dienst mit solchen Notfällen und Schicksalen befasst sein und die Verantwortung dafür tragen möchte.
Daher wollte ich schon immer quasi in die Niederlassung, habe aber in letzter Zeit auch Zweifel daran, wie viel Spaß mir das in der Päd machen würden. Ich war vermutlich sehr naiv, aber irgendwie war mir durch Famulatur und PJ-Tertial in der Uniklinik im Sommer nicht klar, was für einen großen Anteil akute Infekte an den Vorstellungen in der Kinderheilkunde ausmachen, da habe ich erst in den Ambulanz-Diensten in den letzten Monaten einen Eindruck davon bekommen. Außerdem bemerkte ich zunehmend, dass ich extrem genervt bin von „unnötigen“ Vorstellungen wie „das vierjährige Kind hat zweimal erbrochen“ oder „das Zweijährige hat seit einem halben Tag Fieber“ oder hat einen Stich etc.
Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist, aber ich stelle mir aktuell vor, dass in der Praxis ein noch viel größerer Teil mit solchen „Banalitäten“ kommt. Ich verstehe ja auch zum Teil, dass die Eltern sich trotzdem Sorgen machen und vermute auch, dass man tagsüber in der Praxis dafür mehr Verständnis hat als nachts im Krankenhaus, aber ich habe Angst, dass ich irgendwann nur noch genervt sein werde und dadurch die Freude an der Arbeit verliere und auch den Familien nicht das geben kann, was eine gute Kinderärztin ausmacht.
Aktuell stelle ich mir die Arbeit in der Praxis vor wie eine Mischung aus Sozialarbeiterin und Infektiologe (wobei die meisten Kinder auch ohne das eigene Zutun vermutlich nach ein paar Tagen wieder fit sind), gleichzeitig muss man aber noch so vieles mehr wissen und können wie Derma, HNO, ein bisschen Neuro etc., was mir im Moment wie ein quasi unüberschaubares Feld vorkommt.
Ich bewundere alle niedergelassenen Kinderärzte und -ärztinnen, die mit Begeisterung und Herzenswärme ihre Arbeit verrichten, wie es hier ja auch im Forum zum Teil bei euch herauszulesen ist.
Jedoch - ich weiß nicht, ob das wirklich ich wäre. Ich mag Kinder, aber es gibt sicher viele Kollegen, die einen größeren Bezug oder eine größere „Liebe“ zu ihnen haben. Zum Beispiel stresst es mich oft und ich merke, wie ich ungeduldig werde, wenn ich beim Abhören außer Brüllen kaum etwas höre oder wenn ich vor lauter Strampeln beim Neugeborenen ewig brauche, um die Leistenpulse zu tasten etc. In solchen Momenten bin ich selbst enttäuscht von mir und wünschte, ich könnte besser auf die Kinder eingehen.
Wenn wir mal 16- oder 17-jährige Patienten haben, mit denen man sprechen kann wie mit Erwachsenen, merke ich, wie erleichtert ich dann bin und als wie „wohltuend“ ich es empfinde, einfach normal reden und untersuchen zu können.
Manchmal denke ich, dass ein Fach mit erwachsenen (oder gemischten) Patienten vielleicht doch besser zu mir passen würde und eines, das ein klarer umrissenes Gebiet abdeckt und bei dem es nicht so viele akute Vorstellungen in der Niederlassung gibt, sondern die Termine besser planbar sind. Ein Fach, in dem nicht ALLES komplett ungefiltert kommen kann.
Ich weiß aktuell nicht, ob ich nur in einer akuten Krise stecke, die auch durch die schlechte Stimmung bei uns im Haus bedingt ist (bin jedoch örtlich gebunden und ein Wechsel des Hauses ist aktuell eher keine Option), oder ob ich vielleicht wirklich eine Richtung eingeschlagen habe, die nicht optimal zu mir passt.
Ging es euch mal ähnlich? Oder was würdet ihr mir raten?
Ich bin über jeden Tipp oder Denkanstoß dankbar und schicke euch ganz liebe Grüße!
Habt einen entspannten (und hoffentlich freien) Adventssonntag!
Ich (und ich glaube, jeder andere Pädiater) kann deine Gedankengänge gut nachvollziehen. Ist nicht so, als würden wir alle manchmal schmunzeln (oder je nach Uhrzeit mit den Augen rollen) mit was für einem Quatsch die Leute so in der Notaufnahme aufschlagen. Aber ich glaube, das geht den Ärzten für große Menschen nicht viel anders. Ich hab dann von einem kleinen Haus an die Uni gewechselt und jetzt freue ich mich manchmal, wenn mal so ein simples, banales Problem kommt bei einem normalen Kind ohne XY-Syndrom, 10 Vorerkrankungen, 5 Vor-OPs oder was weiß ich.
Ich hatte auch so einen Tiefpunkt nach ziemlich einem Jahr und viele meiner Kollegen auch. Man hat schon ein paar Sachen gesehen, es ist nicht mehr neu und aufregend und das Bewusstsein setzt ein, dass man das bis zur Rente macht :))
Wurde dann wieder besser mit mehr Routine und im letzten Jahr kam nochmal so eine Sinnkrise. Ich glaube, das ist nicht so ungewöhnlich.
Hast du denn ein Fach, was dich noch interessiert? Mit der neuen WBO kann man sich ja doch recht viel anrechnen lassen, du kannst ja mal einen Ausflug woanders hin machen?
Hallo,
diese Phasen, in denen mir diese Schnullikramgeschichten alles vermiesen, habe ich immer wieder. 1-2 Wochen, dann hört es wieder auf. Ja, in der Praxis kommen die auch, aber die Masse ist es nicht. Die Schwelle ist zwar niedrig, aber dennoch ist es nicht die Mehrheit.
Der große Vorteil in der Praxis ist, dass man die Patient:innen und Familien kennt und sie bestenfalls sogar "großgezogen" hat. Unser Ziel ist es, wenig Pathologien zu vermitteln, gerade wenn es langsam normal entwickelte Kinder sind. Wir versuchen oft, vor dem eigentlichen Ereignis schon aufzuklären. Z.B. bei der ersten Impfung sprechen wir darüber, dass nicht jede Temperaturerhöhung ein Fiebermittel braucht, dass Fieber auch sein darf, usw. Einiges haben wir eingebaut, nachdem wir merkten, dass es immer wieder Thema ist, damit wir vorher informieren. Das geht halt nur in der Praxis, nicht in der Klinik. Und diese Unsicherheiten sind auch wirklich weniger.
Aber wie ich die Leute davon abbringe, mir völlig unwichtige Zehennagelverbiegungen oder die Menge an Cerumen, die man putzen müsse, als Vorstellungsgrund zu nennen, weiß ich leider nicht. Auch sehr beliebt sind minimalste Lymphknoten am Hinterkopf. 1x pro Woche sicher!
Es gibt Eltern, bei denen ich schon bei der U3 merke, dass da so viel Unsicherheit ist, dass ich mir besonders Mühe gebe, ihre Fähigkeiten zu erwähnen, sie an ihr eigenes Gefühl zu erinnern, usw. Und dann ist es toll zuzusehen, wie sie sicherer mit ihrer Einschätzung werden. Und wie es beim zweiten Kind anders ist.
Am Ende bleiben immer noch die Eltern übrig, die wegen jedem Sch... kommen, aber das sind nicht so viele. Man hat sich sein Patient:innengut ja erzogen.
Wir haben jeden Tag U-Untersuchungen, Impfungen und Akute. Das reicht mir persönlich an Abwechslung. Die Us sind trotz des selben Alters doch immer wieder anders und genau dadurch kann man gut die Varianz und dann auch die Pathologien gut erkennen. Bei den Impfungen kann man sich in der Praxis das eigene Prozedere ja auch selbst gestalten, Belohnungen einbauen, usw.
Und ja, bei den Akuten muss man einiges an Derma, HNO, Chirurgie, Uro, Pulmo, usw. können, mussten wir uns zum großen Teil auch selbst aneignen.
Und ja, es ist auch Sozialpädiatrie und Erziehungsberatung, wobei ich ihnen immer wieder sage, dass ich das nicht gelernt habe, aber man wird immer gefragt. Als wenn ich wüsste, wie man sein Kind zum Schlafen bringt. Mein eines brauchte schon immer Sedierung dafür und das andere haben wir in den Schlaf getragen und kann bis heute nicht schnell abschalten.
Es gibt aber Dinge, die ich einfach nicht aushalte. Z.B. wenn sich Kinder sich zur U8 nicht ausziehen wollen und die Eltern vor mir ihre Erziehung walten lassen müssen. Da geh ich immer raus und sage, ich komme wieder, wenn sie soweit sind. Und vieles an Nichterziehung macht mich wahnsinnig.
Ich bleibe dabei und liebe die Arbeit in der Praxis und in der Pädiatrie. Falls du mal hospitieren möchtest, melde dich!
LG
Annekii
Moonchen
12.12.2021, 15:30
Hey,
ich glaube so ähnliche Gedanken haben alle Pädiater - aber wahrscheinlich auch Allgemeinmediziner, Urologen usw.
Ich arbeite zur Zeit zu 75% im Krankenhaus und einen Tag in der Woche in einer Kinderarztpraxis, mache da allerdings nur Kinderkardiologie, was deutlich anders ist - vielleicht wäre ja auch so eine Subspezialisierung oder andere Nische was für dich? (Gibt ja durchaus zB im SPZ oder auch in größeren Kliniken Stellen die ohne Wochenend- und Nachtdienste auskommen).
Desweiteren habe ich bei mir und auch vielen anderen Kollegen beobachtet dass sich die Prioritäten im Laufe des Berufsleben doch etwas verschieben - während man sich am Anfang über jeden spannenden Fall freut ist es irgendwann dann doch so dass man (vor allem wenn man dann auch für alles selbstverantwortlich ist) auch eine gewisse Routine zu schätzen lernt da weniger Stress.
Ich würde dir von daher raten nicht den Kopf in den Sand zu stecken und Vlt nach einer Subspezialisierung zu gucken die dir gefallen könnte.
Hallo Biene, ich kann deine Zweifel gut verstehen . Wollte früher immer Pädiatrie machen, aber ich habe zum Glück im PJ schon gemerkt, dass ich ein Problem mit schreienden Kindern habe und mich einfach die Lautstärke maximal stresst. Dazu kommt, dass man als Kinderarzt den wirklich kleinen Mäusen noch nicht wirklich viel erklären kann und den Kindern leider auch Schmerzen zufügen muss.
Habe mich dann für Augenheilkunde entschieden und diese Entscheidung in über 30 Jahren nie bereut. Ich finde es toll, Patienten in allen Altersklassen zu betreuen. Lange habe ich ein- bis zweimal in der Woche spezielle Kindersprechstunden angeboten. Da kamen dann hauptsächlich Kinder zwischen 9 Monaten und 10 Jahren. Da klappt die Verständigung schon recht gut und läuft meistens ohne Geschrei ab.
Routinearbeit wird in der Niederlassung wahrscheinlich fachübergreifend überall vorkommen. Mir hat es geholfen, mir klar zu machen, dass banale Sachen für mich (kleines Gerstenkorn oder so) sich für den Patienten nicht so banal, sondern häufig furchterregend darstellen. Mittlerweile kann ich mich schon darüber freuen, wenn so ein Patient beruhigt und erleichtert von dannen zieht.
Ich wünsche dir, dass du für dich die richtigen Konsequenzen ziehst und die für dich passende Nische findest.
falscher Thread, bitte löschen...
Hallo, vielen lieben Dank für eure ganzen hilfreichen Antworten!
@ Milena: Es tut sehr gut zu lesen, dass es vielen so geht und diese Krise auch wieder vorbei gehen kann und nicht zwingend bedeuten muss, auf dem falschen Weg zu sein! In meinem PJ in der Uniklinik dachte ich oft, ich hätte auch nichts dagegen, wenn ich keine so schwer kranken Kinder wie Nierentransplantierte oder seltene Stoffwechsel-Erkrankungen betreuen würde, sondern eher die „Basics“, daran hat sich auch im Prinzip nichts geändert. Von daher glaube ich gerne, dass man sich dann über die Banalitäten regelrecht freuen kann!
Eventuell würde mich noch Gyn interessieren, aber alles Operative liegt mir eigentlich überhaupt nicht, deshalb ist es dann wieder ausgeschieden gegen Ende des Studiums.
Es ist eben schwierig, das „optimale“ Fach zu finden und man darf wahrscheinlich auch nicht den Anspruch haben, niemals genervt und immer total motiviert und glücklich zu sein.
@ annekii: Vielen Dank für deine Sicht und deine Erfahrungen aus der Praxis. Deine Begeisterung für deinen Beruf, die auch aus deinen anderen Beiträgen herauszulesen ist, ist wirklich wohltuend und motivierend. Und es ist toll zu lesen, dass man bei vielen Eltern durch Aufklärung etwas bewirken kann und dass es natürlich einen Unterschied macht, ob man die Eltern und Patienten länger kennt oder ob sie nur in der Akutsituation in der Klinikambulanz aufschlagen.
Wie ist es denn für dich bezüglich der Arbeitszeiten und der Organisation in der Praxis? Ich habe zwar noch keine Kinder, mein Wunsch für später ist aber auf jeden Fall eine eigene Familie und ich habe manchmal Sorge, dass es durch die Nicht-Planbarkeit der akuten Vorstellungen schwierig ist, abends halbwegs pünktlich rauszukommen oder seinen Tag gut zu planen etc.. Wobei das Problem ja sicher in fast allen klinischen Fächern besteht und es so viele verschiedene Modelle, auch für die Niederlassung gibt, dass man sicher nichts verallgemeinern kann.
Vielen Dank auch für dein Angebot mit der Hospitation, das ist sehr lieb! Vermutlich bist du recht weit weg, aber eine Hospitation in meiner Gegend in einer Praxis wäre vielleicht auch eine Idee!
Dein Beitrag hat mir sehr viel Mut gemacht, danke dafür!
@ Moonchen: Danke für deinen Tipp mit der Subspezialisierung, da werde ich auch auf jeden Fall die Augen offen halten!
Und ja, ich gebe dir auch nach einem Jahr schon recht, dass Routinen eine gute Sache sind ;)
Gerade jetzt auf der Intensivstation wünsche ich mir manchmal schon die „gesunden“ Kinder aus der Ambulanz zurück..
@ joggi: Danke auch für deine Antwort und schön zu lesen, dass du auch abseits der Pädiatrie etwas gefunden hast, was dich glücklich macht und für das du Kindern auch nicht komplett den Rücken kehren musstest!
Ich glaube auch, dass sich die Prioritäten der eigenen Arbeit in der Niederlassung verschieben und dass es einen schon glücklich machen kann, durch Aufklärung und Beruhigung etwas bewirken zu können.
Wir sind zu zweit, jede hat nur einen halben Kassensitz. Wir haben jeweils 21,5 h Sprechstunde/Woche und überschreiten die zwar aktuell immer mal, aber es sind dazwischen immer mal Lücken für nen Kaffee oder anderes. Wir lassen uns viel Zeit für die Vorsorgen, mehr als der EBM veranschlagt, haben aber sehr viel unserem PC beigebracht, dass er uns erinnert, die geldbringenden Ziffern nicht zu vergessen. Dadurch ist unser Scheinwert gut. Pro Tag kommen bei mir 1-1,5 h Nacharbeiten dazu. Wir haben jede einen Tag in der Woche frei, arbeiten einen Tag ganztags zusammen, wechseln an 2 Tagen mittags mit Übergabe und dann halt je eine einen Tag alleine. Urlaub planen wir auch großzügig.
Die Planbarkeit ist in der Praxis so klar, dass es im Gegenteil schwierig ist, wenn man mal wirklich etwas nur an den immer vergebenen Nachmittagssprechstunden besuchen könnte (bei uns zB der Geigenbauer, der immer nur Dienstagnachmittags offen hat).
Man braucht einfach ein anständiges Terminsystem, das man den Patient:innen beibringen muss und dann ein paar Nachjustierungen, bis es sitzt. Dann ist man auch zur richtigen Zeit raus. Wir hatten zB am Anfang Akutpatient:innen im 10 min-Takt, das war zu lang, da war Leerlauf dazwischen, dann 5 min und nun sind wir bei 7 min-Taktung und können auch einzelnen Unangemeldete (zB ganz oft Geschwisterkinder) auch noch mit reinquetschen.
Ich bin in Mittelthüringen. Daher vermutlich zu weit weg von dir. Aber bestimmt hast du zu bestimmten Einweiser:innen bei euch ein gutes Gefühl, wo es passen könnte.
aschenputtel1977
12.12.2021, 20:16
Ich bin ja mit 1 1/2jährigem Kind in die Praxis gestartet. Im Vergleich zum Klinikirrsinn mit gefühlten 27 Diensten im Monat wo man auch noch 24h durchgearbeitet hat und dann am nächsten Tag weitermachen musste, ist alles, wirklich alles besser. Ich habe einen ganzen Sitz, dadurch zwei Tage die Woche Sprechzeit bis 17 Uhr. Meine Leute "an vorderer Front" haben auch kleinere Kinder und sorgen schon für sich dafür, dass wir recht pünktlich rauskommen. Man kann sich halt seine Sprechzeiten so planen, wie es passt. Ein bisschen bedenken muss man auch die arbeitenden Eltern, die würde es halt nicht so lustig finden, wenn man tgl. von 8-14 Uhr nur aufhat, obwohl man so auch seine Mindestzeiten an Sprechstunden bieten könnte.
Manchmal fehlt mir die Zeit, die man so im Lauf eines stationären Aufenthaltes hatte, um Kind und auch Eltern wirklich einschätzen zu können, wenn man irgendwie rätselhafte Fälle hat. Oder auch mal die Bindung, die man nach monatelangem Aufenthalt von einem Extremfrühchen zu Eltern und Kind entwickelt.... Aber was mir gar nicht fehlt, ist die Intensivstation mit allem ihrem Drama und beatmete Kinder mit Katecholaminen oder die schweren Schädel-Hirn-Traumata.
Schwangerschaft geht in der Praxis sicher auch, ist aber halt anstrengender und darf nicht mit Komplikationen einhergehen. Elternzeit kostet dann eben Geld, weil man eine Vertretung engagieren und bezahlen muss, ist eher suboptimal....
Insgesamt bin ich auch Pädiater durch und durch (immer schon gewesen :D), ja man muss ihnen manchmal weh tun, ABER sie vergessen und vergeben schnell und Kinder heilen so schnell, das ist fantastisch und sehr befriedigend. Und die meisten Kinder machen Spass :D Eltern sind halt häufig unbeholfen, weil sie zu viel im Internet lesen oder eben der Familienverbund mit den erfahrenen "Müttern" fehlt. Was sollen sie machen? Sie sind verunsichert.... Schlimm sind nur die, die nicht reifen und es einfach nicht lernen wollen, da werde ich durchaus auch mal deutlich, ehrlich gesagt!
Oh und mein meistgehasstes "Item" ist: Ausschlag! Ganz doll, überall und sowieso am ganzen Körper.... Oh man ej! Wegzaubern soll ich es und jetzt sofort, dabei habe ich oft Mühe, überhaupt was zu erkennen, obwohl es "vorhin noch ganz doll rot war". Und das Thema "Schlafen", das entlockt mir immer nur ein müdes Lächeln, meine hat mit 3 gelernt zu schlafen und ich bin auch nicht dran gestorben....
Hier zuhause habe ich meiner Tochter beigebracht, dass ein Ausschlag erst einer ist, wenn er 24 h unverändert da ist und nicht schon fast wieder weg ist dann. Ein Kollege hat ein schönes Wort genannt "Das Egalthem". Aber das finden die Eltern nicht witzig.
Liebe Annekii, vielen Dank für deine erneute nette Antwort! Deine Beiträge machen mir wirklich Mut, dass mit Organisationstalent und den richtigen Rahmenbedingungen die niedergelassene Pädiatrie eine wirklich angenehme und auch familienfreundliche Arbeitsumgebung sein kann. Danke dir nochmals, das ist genau das, was ich gebraucht habe, um aktuell wieder ein Licht am Ende des Tunnels (der Intensiv- bzw. Klinikzeit) zu sehen!
Auch dir, Aschenputtel, vielen Dank! Es ist schön, dass man in der Niederlassung wirklich deutlich mehr Gestaltungsspielraum haben zu scheint!
Zu deinen Worten fällt mir noch ein Kollege aus der Klinik ein, der einmal meinte: „Wenn ich mir eine Superkraft wünschen könnte, wäre es Hilflosigkeit zu bekämpfen“ - das wünschen sich vermutlich alle Pädiater mal! ;)
tragezwerg
12.12.2021, 21:45
Ich wollte mich als Nicht-Pädiaterin nur mal kurz melden und sagen, dass ich euren Thread sehr gerne lese...und ab und an doch ein bisschen wehmütig werde (Päd war im Studium meine Alternative zur Anästhesie). Ich arbeite mittlerweile auch täglich mit Kindern, von daher passt das schon. Aber Päd ist das einzige Fach, das ich mir in der Praxis richtig gut vorstellen kann (ambulante Versorgung erwachsener Patienten finde ich ganz schrecklich). Bräuchte ich dafür nicht noch tonnenweise stationäre Weiterbildung, würde ich echt drüber nachdenken, nen zweiten Facharzt zu machen.
Mal eine andere Frage: Bringt es was, sich in Pädiatrie DEGUM zu zertifizieren ? Ich frage vor allem für den niedergelassenen Bereich. In der Klinik hat man ja immer noch einen Oberarzt oder Radiologen, der auf die Bilder schauen kann. In der Praxis ist das ja eher schwieriger. Macht ihr das "learning by doing" und Selbststudium oder nehmt ihr regelmäßig an Fortbildungen teil (sei es nun DEGUM oder nicht). Habt ihr vielleicht sogar die Möglichkeit unklare Befunde einem Kinderradiologen zukommen zu lassen, damit der oder die nochmal drüberschaut ? Und wie ist es mit Echos ? ... ich kenne vereinzelt niedergelassene Kinderärzte, die keine Kinderkardiologen sind, aber die trotzdem Echos machen. Fände das als Niedergelassener super praktisch, weil man beispielsweise bei kranken / septisch wirkenden Neugeborenen eine kardiale Genese ausschließen kann (sofern die nicht gleich in die Klinik kommen) oder bei einem Herzgeräusch die Patienten vielleicht doch nicht extra zum Kinderkardiologen schicken muss. Finde da den Spagat irgendwie schwierig zwischen "das trau ich mir zu" und "das überweise ich dann doch lieber zum Kardiologen". Gibt es hier niedergelassene Kinderärzte, die Echos machen und keine Kardiologen sind ... wie habt ihr euch das angeeignet und habt ihr Tips ?
Allgemein halte ich Ultraschall einfach für ein wahnsinnig tolles diagnostisches Instrument, besonders in der Pädiatrie. Aber wenn man nicht gerade ein paar Monate in der Kinderradiologie hospitiert hat, dann ist es einfach schwer, Erfahrung zu sammeln, vor allem bei nicht allzu häufigen Fragestellungen.
Danke :)
Kholanta
19.12.2021, 14:37
Hallo in die Runde,
ich habe mal eine Frage als Mutter an Euch.
In meiner näheren Umgebung hat man in der letzten Zeit sehr viel über Erkrankungen von jungen Kindern am RS-Virus gehört, u.a. mit Krankenhausaufenthalten. Wie man aber auch liest, könnte nächstes Jahr ein Zulassungsantrag für Nirsevimab erfolgen, bei dem Kinder durch eine passive Immunisierung 1 Jahr lang weitestgehend geschützt wären. Nun denke ich mal, dass der Zulassungsantrag wahrscheinlich eher für kleine Kinder mit besonderem Risiko erfolgen wird, u.a. neuromuskuläre Erkrankungen, Frühgeborene, etc.
Gibt es diesbezüglich bereits schon Informationen, für welche jungen Patienten der Zulassungsantrag des Impfstoffs wahrscheinlich erfolgen wird? Meint ihr, falls der Impfstoff nächstes Jahr zur Verfügung stehen würde, würde ein Kinderarzt off-label ein Baby ohne Risikofaktoren dagegen impfen?
Ich bin auf Eure Meinungen gespannt.
Danke für die Frage, die mich darüber erst informiert, dass es sowas geben soll. ich gebe zu, dass ich nicht gerade zu denen gehöre, die ohne Zulassung und Erfahrung einfach mal schnell was anwenden. Für off label use sollte zumindest irgendwer von Belang schon mal festgestellt haben, dass der Nutzen das Risiko überwiegen wird. Aber schön, dass es sowas geben soll, damit wir nicht mehr monatlich zu den anderen Impfungen dazu die Zwerge stechen müssen.
Ich wette dass die Kosten für Nirsevimab so hoch sein werden, dass sich die Frage nicht stellen wird. Synagis kostet ca. 1000€/Monat für je 4-6 Monate. Konnte keine konkreten Daten finden, denke aber dass die Kosten für die eine Impfung deutlich höher als die äquivalente Jahresmenge Synagis sein werden. Off-label = selbst zahlen.
Ich gebe meistens die Rotaviren als 1. singulär, quasi als sanfter Impfeinstieg :D Dann gibts in der 2. Rutsche Rota + 6fach + Pneumokokken mit 8-10 Wochen. Ich suche noch nach einer Möglichkeit, den Abstand U5 bis U6 zu "unterbrechen" mit einer Impfung, es sind in mir in den letzen 2 Jahren einfach zu viele motorisch retardierte Kinder zu U6 vorgestellt worden....
Ich ziehe es mal hier hin.
Macht ihr zur Terminvereinbarung zur U3 dann gleich auch 2 Wo später den Termin aus? Ich habe da nie Termine frei 2 Wochen im Voraus. 4 geht, aber 2 ist alles voll.
Ich mache bei der U5 einen Zwischentermin aus (EU mit Impfaufklärung 2. LJ heißt der bei uns), wenn die Kinder sich zur U5 noch nicht auf den Bauch drehen. Das müssen sie ja mit 5 Monaten auch noch nicht. Aber wenn sie es können, spare ich mir den Termin. Zeitlich lege ich ihn auf 7-8 Monate.
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