Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Nervige Routinearbeit, Burn-Out durch "zuviel" Patientenkontakt?
Zunächst mal: Routine gibt es überall und immer. Bin ja nun Betriebswirtin und arbeite in einer Wirtschaftsprüfung. Auch hier machst du zum 1000 mal den Jahresabschluß, aber ich verstehe schon was du meinst:
Was mir vor allem gefällt, ist, dass du intellektuell schon herausgefordert bist. Deine Kollegen und Kunden haben meist das gleiche studiert und du musst dich echt mit ihnen über fachliche Themen auseinandersetzen. Ist schon anspruchsvoller im kollegialen Kontakt als der Arzt, dessen "Kunden" ja niemals den gleichen fachlichen Wissensstand haben wie er und ihm somit in diesem Bereich immer unterlegen sind und ihn dementsprechend wohl auch mit Fragen langweilen. Bei uns in der Branche kommen noch ständige Gesetzesänderungen hinzu, die die Arbeit jedes Mal neuer und anders machen. Eine Mittelohrentzündung bleibt immer eine Mittelohrentzündung, da kann ich deinen Gedankengang schon verstehen. Allerdings gibt es im Büro schon Tage, wo du (ausser am Telefon) keinen Menschenkontakt hast und vor allem nur vor einem Bildschirm SITZT. Sitzen, sitzen, sitzen. Das ist wirklich eine gesundheitliche Gefahr.
Es sind halt andere menschliche Qualitäten gefragt. Nicht Trösten, Aufmuntern oder Helfen.
Auslandsreisen hat man als Arzt beruflich sicher auch nicht so oft, das sind bei uns allerdings schon auch Highlights.
ABER: Wenn du die 100ste Stichprobe bei uns durchkorrigiert hast und die 10000. Protokoll zu einer Sitzung, ist das auch sehr monoton.
Wahrscheinlich kommt es letztlicvh auf das Gleiche heraus. Als Mediziner hat man den riesigen Vorteil, dass die Sinnfrage immer schnell beantwortet ist. Als Junior Marketing Manager in einer Spam- Online Agentur oder auch als Unternehmensberater, der Leute rausrationalisiert, hat man es da schon etwas schwieriger.
Relaxometrie
06.01.2008, 11:26
Ist schon anspruchsvoller im kollegialen Kontakt als der Arzt, dessen "Kunden" ja niemals den gleichen fachlichen Wissensstand haben wie er und ihm somit in diesem Bereich immer unterlegen sind und ihn dementsprechend wohl auch mit Fragen langweilen.
Da unterschätzt Du leider die chronisch Kranken, die ihre Krankheit durch langjährige Beschäftigung mit dem Thema SEHR GUT kennen.
Da solche Patienten sich ja nur mit der einen Krankheit auseinandersetzen, häuft so mancher Kranke ein unheimlich großes Wissen an.
MatzeXXL
06.01.2008, 11:36
"Deine Kollegen und Kunden haben meist das gleiche studiert und du musst dich echt mit ihnen über fachliche Themen auseinandersetzen. Ist schon anspruchsvoller im kollegialen Kontakt als der Arzt, dessen "Kunden" ja niemals den gleichen fachlichen Wissensstand haben wie er und ihm somit in diesem Bereich immer unterlegen sind und ihn dementsprechend wohl auch mit Fragen langweilen. "
"Eine Mittelohrentzündung bleibt immer eine Mittelohrentzündung, da kann ich deinen Gedankengang schon verstehen."
Exakt das meine ich. Und ganz klar gehört überall Routine dazu, die Frage ist nur, in welcher Ausprägung man diese Tag für Tag erlebt. Ich erwarte nicht, daß das Berufsleben ein einziges Highlight ist.
Ich kann es eben schlecht einschätzen, wie es einem im Verlauf der Jahre mit dieser Arbeit so ergeht, da helfen meine Krankenhauspraktika wenig.
Ich sags mal so: Bei der dritten Endoskopie bin ich fast eingeschlafen. Sowas gibt mir zu denken. Die ganzen Dinge, die man im KH sieht, sind beim ersten Mal total interessant.
Da unterschätzt Du leider die chronisch Kranken, die ihre Krankheit durch langjährige Beschäftigung mit dem Thema SEHR GUT kennen.
Da solche Patienten sich ja nur mit der einen Krankheit auseinandersetzen, häuft so mancher Kranke ein unheimlich großes Wissen an.
Okay, daran habe ich nicht gedacht.
DENNOCH: Es ist etwas anderes (intellektuell gesehen), wenn du fachlich mit deinem Kunden (z.b. Leiter einer Controlling-Abteilung) über bestimmte Aspekte der Rechnungslegung in seinem Unternehmen diskutierst und er erstmal nicht so sehr deiner Meinung ist; du aber von ihm bezahlt wirst. Das ist kniffelig und anspruchsvoll, aber auch eine geistige Herausforderung. (Anm.: Das mach ich in meinen jungen Jahren natürlich noch nicht, aber war schon dabei, wie mein Chef das gemacht hat; auch das war sehr interessant).
Klar- irgendwannn stellt sich Routine ein.
Das Positive daran: Irgendeine OP stellt keine unglaubliche handwerkliche Herausforderung dar, sondern man kann´s halt.
Die Organisation der eigenen Arbeit auf Station geht schneller und leichter von der Hand (Briefe, Anmeldung und auch das "zeitnahe Bekommen" irgendwelcher Diagnostik durch Fremdabteilungen, Prioritäten setzen ("kann bis morgen warten" bzw. "muß jetzt sofort erledigt werden").
Heikle Patienten- und Angehörigengespräche sind irgendwann nicht mehr mit so viel Streß verbunden.
Man entwickelt gewisse Strategien, mit extrem redseligen Patienten umzugehen, um doch nicht erst nach einer Dreiviertelstunde auf den Punkt zu kommen, etc.
Das Negative: Vor lauter Routine (weil man irgendeine OP schon x-mal gemacht hat) kommt Gevatter Schlendrian ins Spiel.
Man wimmelt Patienten und Angehörige kurz angebunden ab, weil man meint, alles wäre nun hinreichend besprochen, aber die sind halt emotional sehr involviert, machen sich große Sorgen und fühlen sich darin nicht ausreichend gewürdigt.
Man kürzt irgendein Gespräch mit einem "Laber-Patienten" in gewohnter Weise ab, verpaßt aber dadurch die eine wichtige Information, die man dringend gebraucht hätte, weil man irrtümlich der Meinung ist, den Kern der Sache schon lange erfaßt zu haben.
Burn-Out durch zu viel Patientenkontakt- das glaube ich eher nicht. Als Arzt hat man mittlerweile so unendlich viel Schreibkram zu erledigen und verbringt so viel Arbeitszeit vor dem Rechner! (Wenn ich dabei aber permanent durch Angehörige und Patienten unterbrochen werde, nervt mich das schon gewaltig- hmmmm...)
Nach monatelanger Ambulanztätigkeit konnte ich allerdings gewisse Patienten einfach nicht mehr sehen- das gebe ich zu. Aber dann ist ja glücklicherweise immer wieder irgendein besonders netter Patient dabei, der einem "den Tag rettet".
Ich glaube, daß das Burn-Out-Problem am ehesten durch den ständigen Zeitdruck verursacht wird. Man kann es sich nicht leisten, stundenlange Gespräche zu führen, weil man genau weiß, daß sich an einer anderen Ecke die Arbeit stapelt. Weil man während eines solchen Gespräches immer wieder unterbrochen wird.
Nicht der Patientienkontakt an sich ist das Problem, sondern die Bedingungen, unter denen der Patientenkontakt stattfindet.
Ich liebe meinen Job. Trotz der zur Zeit wahnwitzigen Arbeitsbelastung (das neue Arbeitszeitgesetz hat sich bislang ausschließlich negativ ausgewirkt...). Patientenkontakt ist mit schon wichtig, aber nicht unbedingt den ganzen Tag lang (eigentlich wollte ich ja in die Patho gehen. Aber im PJ hat sich dann herausgestellt, daß Patientenkontakt doch nicht so schlimm ist wie zunächst gedacht... :-)) ) Und ohne Patienten wären die meisten Ärzte ja irgendwie auch überflüssig.
Neurofreak
06.01.2008, 13:01
Matze: Mal so ne andere Idee. Wenn du Angst vor Langeweile hast, wie wäre es mit Forschung für dich? Die hat doch per definitionem eher was mit Neuem zu tun (oder irre ich mich da?).
Mein persönliches Ziel als Forscherin in der Neurologie stelle ich mir jedenfalls sehr spannend vor.
MatzeXXL
06.01.2008, 15:28
Hi Neurofreak, das ist sicher eine Alternative, wenn man das Studium schon in der Tasche hat.
Wie sehen die anderen das mit dem ärztlichen Alltag und der Routine? Ich brenne auf Kommentare....
peter schlönzke
06.01.2008, 16:19
Als absoluter Neuling, dem es angesichts des nahenden ersten Arbeitstages zunehmend mulmig zumute ist, werde ich sicher zunächst mal sehr froh sein, wenn sich etwas Routine einstellt....
Und sollte die Routine dann irgendwann (momentan eher unvorstellbar ;-)) zu groß werden, dann bietet die Medizin einen riesigen Pool an Zusatzqualifikationen,die man erwerben kann und viele Facharztausbildungen Rotationen in ganz neue Bereiche.
Ich denke ohne Routine und der damit verbundenen Stressentlastung ist ein Beruf, egal welcher gar nicht mittelfristig durchzuhalten. Und wir sprechen ja nicht von monotoner Fließbandarbeit.
Just my 2 cents
in Bezug auf die Forschung und deren spannendes Potential: Wer mir sagt, dass die 1000. PCR, Zellkultur oder sonstwas immer noch spannend ist, der hat ein Rad ab. Es ist bestimmt nett, sich im Labor was zusammenzubasteln, bei dem womöglich tatsächlich eventuell ganz vielleicht mal was Nettes bei raus kommt, aber dass es dort keine langweilige Routine geben soll, halte ich für ein Gerücht.
MatzeXXL
06.01.2008, 19:34
Das könnte natürlich auch sein....
Muriel, findest du die Arbeit noch spannend?
Bei der Forschung hat man insofern Veränderung als das sich mit der Zeit die Themen etwas weiterentwickeln, aber dies läuft sehr langsam ab, da ein Thema oft lange braucht, bis es abgearbeitet ist.
In der Klinik ist es da oft abwechslungsreicher. Ich denke es gibt schon Fächer in denen es nicht zu so starker langweiliger Routine kommt. Natürlich gibt es häufige Krankheitsbilder.
Aber atypische Präsentationen, seltene Erkrankungen usw.. machen auch bei alt eingesessenen Ärzten noch einen abchwechslungsreichen Alltag. Habe ich zumindest so erlebt. Kommt sicher auch aufs Fach und das Haus an.
MatzeXXL
06.01.2008, 20:18
Bei welchen Fächern, würdest du sagen, ist der Alltag abwechslungsreich, bei welchen weniger? Ist natürlich sehr subjektiv, würde mich aber mal interessieren.
Kackbratze
06.01.2008, 21:28
SUbjektive Antworten sind Dir dabei sicher. Setz dich doch einfach mal in die Notaufnahme. Egal welche Fachabteilung Du mit deiner Anwesenheit beehren wirst (Chir, Inn, Auge, Neuro), alle sind in der Ambulanz mit ständig wechselnden, anspruchsvollen und fordernden Aufgaben gesegnet.
Welche davon nun am Ende die Deinige werden soll, kann hier wirklich keiner Entscheiden, ausser Du selber.
Das weiß er sicherlich auch. Aber Erfahrungsberichte von anderen können bei einer Entscheidung manchmal durchaus anregen. Austausch ist wichtig. Aber besser ist natürlich eigene Erfahrung - nur das dauert länger :-stud
in Bezug auf die Forschung und deren spannendes Potential: Wer mir sagt, dass die 1000. PCR, Zellkultur oder sonstwas immer noch spannend ist, der hat ein Rad ab.
Das schon, aber spannend ist es, immer wieder neue Methoden zu lernen und auszuprobieren. Kehrseite der Medaillie: so gut wie nie klappt etwas auf Anhieb und dann geht der beschissene Teil der Arbeit los, nämlich die Fehlersuche. Betrachte einen misslungenen Versuch als eine nicht funktionierende Lichterkette. Du musst jedes einzelne Lämpchen überprüfen, um das zu finden, was nicht funktioniert. Richtig schwer wird es, wenn mehrere Lämpchen nicht funktionieren und außerdem garantiert dir niemand, dass die Lichterkette überhaupt funktioniert! Ich z.B. habe einen bestimmten Versuch, der jedesmal etwa 4-5 Stunden plus 1h für die Auswertung dauert, bestimmt schon 50mal gemacht. Vielleicht 5 mal war das Ergebnis so wie erwartet. Ansonsten bin ich halt immer noch am probieren, warum es nicht klappt... und das macht ganz sicher KEINEN Spaß.
Grombühlerin
07.01.2008, 10:45
also ich find Routinearbeit manchmal auch gut! Kein Mensch kann ständig spannendes/anspruchvolles machen, amn muss sich auch mal bisschen entspannen bei der Arbeit!
Also geh ich Blutabnehmen, plauder mit den Omis über ihre Enkel etc... ich finde, die Mischung machts!
Powered by vBulletin® Version 4.2.3 Copyright ©2026 Adduco Digital e.K. und vBulletin Solutions, Inc. Alle Rechte vorbehalten.