Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : und plötzlich ist er tot
Ein bisschen kann ich die Situation nachempfinden. Mir ist mal FAST jemand gestorben, durch eine Handlung, die ich ausgeführt habe. Gott sei Dank ist alles gut gegangen, der Patient hat's überlebt und konnte guter Gesundheit entlassen werden.
ABER, als ich das Rea-Team in seinem Zimmer sah, wie ihm der OA auf der Brust rumdrückte, fuhr mir der Schrecken erstmal in die Glieder und mein erster Gedanke war: was habe ich falsch gemacht?? Ich bin sofort zum Computer gegangen, um die Laborwerte nachzukontrollieren. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich den Quick kontrolliert hatte, ob ich nicht aus Versehen den Patienten verwechselt habe oder sonstwas. Es stellte sich heraus, dass der Quick in Ordnung war ich nicht schlicht und ergreifend nichts falsch gemacht hatte. Ich konnte einfach nichts dafür. Ich habe alles richtig gemacht, wir hatten halt Pech, es ist eben schief gegangen....
Nach ein paar Tagen, nachdem ich auch den Patienten nochmal besucht habe, um zu sehen, wie es ihm geht, ob er vielleicht irgendwie sauer auf mich ist (was er nicht war), war ich wieder ich selbst.
Was ich mich aber frage: was ist, wenn ich wirklich mal einen Fehler begehe? Wie komme ich dann damit klar? Mir graust es davor, aber eines Tages werde ich wohl auch diese Erfahrung machen müssen. :-?
Feuerblick
02.10.2007, 18:18
Jeder von uns fragt sich mal mehr, mal weniger, ob und wenn ja er was falschgemacht hat oder potentiell haben KÖNNTE. Gerade wenn ein Patient verstirbt, fühlt man sich als Arzt schon mal per se schuldig. Da ist es dann gut, wenn eine Obduktion stattfindet, denn WENN man etwas falsch gemacht hat, hat man so wenigstens die Chance, aus seinen Fehlern zu lernen oder zumindest zu erkennen, was man hätte besser machen können.
Und wenn man aus seinen Fehlern oder aus solchen Ängsten etwas lernt, dann war das alles nicht umsonst! :-meinung
alley_cat75
02.10.2007, 18:24
... was ist, wenn ich wirklich mal einen Fehler begehe? Wie komme ich dann damit klar?
Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, weil vorn unter der Motorhaube etwas klappert und ihn abhole und es nun hinten statt vorn klappert - so what? Kann man klären und der Mechaniker bekommt eine neue Chance. In unserem Job nicht möglich - und das macht uns Angst. Ehrlich gesagt, bin ich der Überzeugung, dass, wenn man diese Angst nicht mehr verspürt, den Job als Arzt quittieren sollte. Ich finde es normal, sich in o.g. Situationen zu fragen, ob man alles richtig gemacht hat... :-meinung
Kajana79
02.10.2007, 18:31
Sowas hatte ich auch mal... Patientin, ca. 80 Jahre alt, nachts in der NA von den Internisten übernommen mit dem Hinweis "internistisch unauffällig". Patientin ist somnolent. Die Tochter berichtet über intermittierende optische Täuschungen, und einen Stupor im Verlauf des Tages. Ich gehe von einem nonkonvulsiven Status aus und gebe Tavor, kurzzeitig Kontaktaufnahme mit der Patientin möglich, ich fühle mich bestätigt. Im CT progrediente Verschlechterung, BGA zeigt Zeichen einer beginnenden Retention. Auf Stroke Unit zur Überwachung gelegt, rapide Verschlechterung, Herzalarm, Reanimation, kurzzeitig erfolgreich, bald darauf aber leider Exitus auf der ITS. Am nächsten Tag stellt sich raus, Pat. hatte fette Pneumonie (aber natürlich kein Fieber). Vom Internisten übersehen (Rö-Tx war gelaufen), ich hatte den Rö-Tx nicht mehr angesehen und auch nicht aufs Sani-Protokoll geguckt, sonst wäre mir die schlechte Sättigung aufgefallen und ich hätte da sicher nicht noch Tavor raufgekippt. Naja. Hab ich auch ne Weile dran geknabbert. Aber mein OA sagte immer, alle zwei Jahre kommt mal ein Patient, der dann stirbt, und man denkt sich hinterher, hätte auch anders laufen können... Is irgendwie beruhigend zu wissen, dass das wohl jedem Mal so geht und man deshalb noch kein schlechter Arzt ist.
Rumpelstilzchen
02.10.2007, 19:13
In meiner letzten Famulatur gab es einen Patienten, der beim Einkaufen eine Synkope hatte und eigentlich anstatt mit dem RTW mitzufahren nach Hause wollte. Zur Abklärung erstmal auf Intensiv aufgenommen, dann am Tag darauf Herzkatheter. Während des Eingriffs Bewußtseinsverlust, Herz-Kreislauf-Stillstand, starke Blutung aus der rechten Lunge (bei der Herzdruckmassage schoß jedes Mal Blut aus dem Tubus), ein EK nach dem anderen lief rein, FFPs en gros, riesige Blutlache im Katheterlabor, Patient verstirbt nach dreistündiger Reanimation und intensivmedizinischer Behandlung, ohne das Bewußsein wiedererlangt zu haben.
Ahnen konnte das vorher keiner, in der Obduktion hat sich ergeben, daß das Herz durch diverse alte Infarktnarben schon vorgeschädigt war. Die Ursache der Lungenblutung ließ sich nicht mehr klären, das war alles Matschepampe.
Studmed1
02.10.2007, 19:43
Wir bekamen vom RTW auf die Intensivstation plötzlich einen Patienten, den wir reanimieren mussten. Der Patient war namentlich noch nicht identifiziert, aber ca. 40 Jahre alt, sehr kachektisch.
3 PJler, 2 OA, 2 Assis und die Schwestern.
Alle versuchten das möglichste bei der Reanimation. Die Assis und PJler.... wir alle versuchten irgendwo einen venösen Zugang zu bekommen, ein Anästhesist intubierte, wir legten einen ZVK, eine Arterie, dann bekam er Arterenol, der Patient wurde "stabiler", was heißt, dass wir nicht mehr wie wild reanimieren mussten. Sein Herz schlug wieder von allein (mit einer Frequenz von 40 oder so). Wir wollten die nächste Dosis (ich glaube auch Arterenol oder Dobutamin???) geben und plötzlich schrie einer nur laut:
"STOPP, nichts mehr spritzen!"
Wir waren alle wie erstarrt, bis sogleich die Schwestern sagten: "Aber der stirbt uns hier, usw." Dann schrie der andere wieder: "NEEEEEEEEEEIN, nichts mehr machen!. Der Patient hatte ein Magen-Ca und war bereits vor 3 Wochen als inkurabel eingestuft und "nur noch nach Hause geschickt worden zum Sterben".
Wie uns dann gesagt wurde, wurde der Patient auf der Straße liegend gefunden. Passanten riefen den RTW, wir reanimierten...
Der Patient lebte noch gute 4 Stunden... Wir durften ja nicht einfach extubieren.... Aber wir gaben keine Medis mehr - nur noch eine Menge Morphin...
Der Vorteil war, dass immerhin seine Frau noch in die Klinik kommen konnte, um ihn zu verabschieden.
Das Schlimmste allerdings war unser unsensibler Assi.
Folgende Situation: Der Patient ist beatmet. Es hebt und senkt sich also permanent der Brustkorb. Das war für die Frau DAS Zeichen schlechthin, dass ihr Mann noch LEBT. So eine Ehefrau guckt ja nicht aufs EKG oder so. Damit kennt sie sich (und in dem Moment sowieso nicht) ja nicht aus. Sie blickt also die ganze Zeit auf ihren Mann, der immer schön "atmet".
Wir sagten ihr natürlich vorher, dass ihr Mann wohl in den nächsten Stunden sterben werde. Sie solle in Ruhe Abschied nehmen. Das tat sie ja auch... Aber der Brustkorb hebte und senkte sich die ganze Zeit.
Ich beobachtete den Monitor eine zeitlang und pro Minute wurden ca. noch so 4-5 Herzaktionen aufgezeichnet. Ich sagte also unseren Assi: "Wir sollten der Frau sagen, dass Ihr Mann jetzt tot ist. Oder müssen wir noch auf die komplette Nulllinie warten?!" Der Assi: "Nein, der Patient ist tot. Ich gehe rein."
Klar war ich froh, dass ich das als PJler nicht machen musste, aber ich kam mit. Wollte ja von dem Assi so richtig was lernen.
Was ich lernte, das wusste ich schon vorher, nämlich: WIE MAN ES NICHT MACHEN SOLLTE.
Er ging - mit leicht geöffnetem Mund kaugummikauend (aaahhhhhhh, das HASSE ich schon) in das Intensivzimmer, ging an die Beatmund, schaltete das Gerät ab, machte alle Monitore aus und nickte der Frau zu und wollte gehen.
Die Frau starrte ihn an, schute zu mir, starrte ihn wieder an und fragte: "Was soll das? Warum schalten sie die Geräte jetzt einfach ab?!"
Ihr müsst euch vorstellen, dass diese arme Frau die ganze Zeit gedacht hat, ihr Mann lebt. Schließlich hob und senkte sich der Brustkorb die ganze Zeit. Und dieser Assi geht da einfach rein und macht alles aus?! Ohne ein Wort zu sagen... Nicht vorher, nicht nachher.
Ich erklärte letztlich der Frau, dass das Herz schon seit längerer Zeit nicht mehr schlägt, dass ihr Mann ohne Schmerzen eingeschlafen sei, wünschte ihr mein Beileid etc.
Nein, ich kaute nicht mit geöffnetem Mund Kaugummi, wie mein "Kollege", der dann auch noch "Beileid" sagte...
alley_cat75
02.10.2007, 20:07
:-heul :-heul :-heul
...bekommt eine neue Chance. In unserem Job nicht möglich
Das stimmt so gottseidank nicht ganz, es ist gar nicht so einfach, jemanden umzubringen.
Aber passieren wird das jedem Arzt irgendwann, man muß halt draus lernen und es beim nächsten Patienten besser machen.
Nicht den Kopf hängen lassen :-)
Kathibaby
03.10.2007, 09:41
Also ich habe neulich das erste Mal einen "kompletten Therapieabbruch" im Dienst druchführen müssen. Also Abstellen der Beatmung und Extubation, trotz dessen das die Patientin noch gelebt hat. Bisher haben wir immer nur auf "Basistherapie" gestellt, also FiO2 auf 0,21 und alles aus bis auf Flüssigkeit und Analgosedierung. Das war schon ganz schön hart, obwohl ich ja wusste, dass es so besser ist. Die Patientin hatte einen raumfordernden Media- und Anteriorinfarkt wahrscheinlich durch einen Carotisverschluss sowie einen MI, des Weiteren eine Patientenverfügung. Die Angehörigen haben sich alle von ihr verabschieden können, der Pfarrer war da und dann musste ich alles abstellen bis auf den Dormicumperfusor. Ein wenig Propofol und Morphin gab es dazu aus der Hand. Sie starb dann 80 Minuten später.
Meinen "Ersten" werde ich mit Sicherheit auch nie vergessen- der ereilte mich während einer Famu auf Intensiv und war extrem dramatisch. Selbst die Ärzte dort waren hinterher deutlich negativ beeindruckt.
schon klar. Nur: wer begründet die Obduktion? Ist die Threadstellerin mit dieser Kompetenz ausgestattet? Ich denke nicht, dass man so mir nichts, Dir nichts eine Obduktion durchführen kann ohne eindeutige Verdachtsmomente. Oder täusche ich mich da?
Nicht ohne Einwilligung der Angehörigen. Aber die kann man sich ja in einem entsprechenden Gespräch einholen.
Ich denke in solchen Fällen macht es immer Sinn, eine Obduktion anzustreben.
FUMANCHU
04.10.2007, 11:57
zu Haldol bei Delir usw... ( falls es wen interessiert)
Ich glaube da wird sich in naher Zukunft am Standard auch noch etwas ändern, habe gerade vor ein paar Tagen gelesen, das sich nach i.v. Applikation qt- Zeitverlängerungen und Torsaden gehäuft haben, und man v.a. bei Patienten die bereits eine derartige Nw verursachende Begleitmedikation, oder strukturelle Herzschäden haben da sehr von abrät.
Ich weiss nur nicht wo ich es gelesen hab.... Mensch mein doofes Gehirn!
Christoph_A
04.10.2007, 15:01
Haldol? Ich weiß nicht, geb ganz gern Vitamin H bei meinen Postoperativen,wenn die wieder mal durchdrehen-und die haben ja irgenwie alle ein kardiales Problem, hab da noch nie trouble gekriegt, obwohl wir da schon manchmal ordentliche Dosen reingekachelt haben ( 6 Ampullen im Schuß, man gönnt sich ja sonst nix ).
Naja,dann eben zurück zum alten Merksatz : "Willste viel, nimm Atosil!"
Ehemaliger User 20130505
04.10.2007, 17:25
zu Haldol bei Delir usw... ( falls es wen interessiert)
..., habe gerade vor ein paar Tagen gelesen, das sich nach i.v. Applikation qt- Zeitverlängerungen und Torsaden gehäuft haben, und man v.a. bei Patienten die bereits eine derartige Nw verursachende Begleitmedikation, oder strukturelle Herzschäden haben da sehr von abrät.
Ich weiss nur nicht wo ich es gelesen hab.... Vielleicht dort? : http://www.fda.gov/cder/drug/InfoSheets/HCP/haloperidol.htm
<FDA ALERT [9/2007]: This Alert highlights revisions to the labeling for haloperidol (marketed as Haldol, Haldol Decanoate and Haldol Lactate). The updated labeling includes WARNINGS stating that Torsades de Pointes and QT prolongation have been observed in patients receiving haloperidol, especially when the drug is administered intravenously or in higher doses than recommended. Haloperidol is not approved for intravenous use.<
alley_cat75
04.10.2007, 19:16
Bezieht sich das mit dem Haldol nur auf i.v.-Gabe? Mache ich so gut wie nie. Bisher hat mir noch jeder die kleine Pille abgenommen. :-D
Richtig Selbstzweifel gibt' s dann, wenn man sich selber ehrlicherweise zumindest teilweise die Schuld geben muss.
Meine persönliche Maximalkomplikation:
Alkoholiker, alkoholisiert gestürzt und von den Rettungssanis aufgelesen, hatte von meiner Seite nichts außer oberflächliche Schürfungen. Hab' dann das obligatorische Psych-Konsil anberaumt. Der Psychiater sagte schon am Telefon, er habe viel zu tun, es könne dauern. Der Patient wurde zunehmend unwillig und tat lauthals kund er habe doch nichts, wolle nach Hause und sähe das hier alles gar nicht ein. Zuerst ließ er sich noch beruhigen, irgendwann turnte er nur noch auf dem Flur rum und nörgelte in einer Tour die Schwestern an, die widerum genervt waren und mich anmaulten, dass ginge so nicht und ich solle mich endlich kümmern. Der Psychiater kam und kam nicht. Ich geriet also zunehmend unter Zugzwang. Ich hätte ihn nur noch mit Polizeigewalt dabehalten können und da er klinisch recht fit erschien, hab' ich das als unverhältnismäßig erachtet und ihn ziehen lassen.
2 Stunden später war er wieder da: Er war in seiner Wohnung von der Treppe gefallen. Im CT war ungefähr jeder Knochen im Gesichtsschädel und die Schädelbasis gebrochen - ich dachte ich muss tot umfallen.
Was mich getröstet hat war, dass der Patient selbst, mich offensichtlich überhaupt nicht für sein Elend verantwortlich gemacht hat (im Gegensatz zu mir selber). Ich hatte ja Gelegenheit in ausgenüchtertem Zustand mit ihm zu sprechen. Seiner Einschätzung nach gings ihm bei seiner Erstvorstellung gut, er hätte auch nicht mehr getrunken als sonst, dass ich ihn daher, seinem freien Willen entsprechend, hatte gehen lassen, fand er normal und dass er von der Treppe gepurzelt war, war eben Pech. Man muss ja klar sagen, dass ich, hätte er mich verklagt, mit ziemlicher Sicherheit meine Zulassung los gewesen wäre. Kritisch betrachtet, hab' ich wahrscheinlich seinen Alkoholisierungsgrad unterschätzt - war einer meiner ersten Dienste und ich hab' nicht routinemäßig mit Alkoholikern zu tun und da sollte man solche Leute eben einfach nicht nach Hause schicken. Im Endeffekt hat er alles ohne bleibende Schäden überstanden, bis es soweit war, hab' ich echt gelitten (ist schon hart, wenn die eigenen Opfer einem ständig in der Klinik über den Weg laufen).
P-DrageesBlau
04.10.2007, 22:36
Man muss ja klar sagen, dass ich, hätte er mich verklagt, mit ziemlicher Sicherheit meine Zulassung los gewesen wäre.
Quatsch. Ein chronischer Alkoholiker ist ja auch noch mit 2 Promille formal orientiert. Dumm wäre nur, wenn man in seinen Aufnahmebogen reinschreibt "Pat.alkoholisiert, Orientierung nicht prüfbar o.ä.". Wenn aber drin steht "Pat. zu Zeit,Ort und Situation orientiert" (und das sind meines Erachtens ein Großteil der chronischen Alkis auch mit mehr als 2 Promille), dann kann dir keiner was.
Wenn so einer heim will, lass ich ihn unterschreiben und ziehen. Ich halte es eher für problematisch ihn gegen seinen Willen festzuhalten. Da brauchst du dann schon ein PsychKG für.
Ich würde mir da keine Vorwürfe machen, der hätte auch an jedem anderen Tag die Treppe runterfallen können.
P.S. Bei alkoholisierten "Nicht-Alkoholikern" ist das natürlich anders.
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