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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : An alle angehenden Psychiater - bin tooootal frustriert - Thema Psychotherapie



meritene
29.01.2008, 13:33
Hallo zusammen,
ich muss hier heute mal meinen Frust loswerden. Ich bin im November 2006 mit meinem Studium fertig geworden. Für mich war nach Famulaturen, Doktorarbeit und PJ in der Psychiatrie klar, dass ich diese Fachrichtung auch weiter machen möchte. Seit Januar 2007 arbeite ich nun schon und gerade heute hat meine ärztliche Tätigkeit aus Selbstinsuffizienz wieder so einen Dämpfer erlitten... Ich hab vorher immer in der Akutpsychiatrie gearbeitet und bin damit sehr gut zurecht gekommen. Hier in der Klinik bin ich auf einer Station auf der hauptsächlich depressive Patienten und Patn. mit Anpassungsstörungen behandelt werden. Ein großer Anteil der ärztlichen Tätigkeit liegt somit auch in den psychotherapeutischen Gesprächen. Und genau das frustriert mich sooooooooo sehr. Ich hab davon überhaupt keine Ahnung, fühle mcih da total inkompetent und denke auch, dass die Patienten das merken. Hab im Oktober mit der Ausbildung (Verhaltenstherapie) begonnen, die dauert allerdings 3 Jahre und ich hatte erst einen von neun Blöcken. Öfter kommen dann von den Patienten solche Kommentare wie: "Na beim letzten Aufenthalt war ich ja bei Frau Dr. XXX, da hatte ich den Eindruck, dass nach den Gesprächen für mich ein Groschen fällt. An Ihre Art muss ich mich erst gewöhnen". Und genau das empfinde ich manchmal auch selbst so. Wir labern da so rum, aber einen Plan oder ein strukturiertes Gespräch mit Ziel läuft da meines Erachtens auch nicht. "Mir hat die Therapie nicht so viel gebracht" - das ist dann der STandardsatz. Das nagt natürlich heftig an meinem Ego. Supervision oder sonstige Unterstützung von Kollegen gibt's nicht. Der Tenor ist dann immer: "Setzen Sie sich nicht so unter Druck, sie können es ja noch nicht können. Das Gespräch an sich hilft den Patn. schon viel.". Na toll. Furchtbares Gefühl, wenn man mit den Patienten nicht weiterkommt und bei denen nichts passiert.
Wie geht's Euch so? Habt Ihr Tips?

Lieben Dank im voraus,
die frustrierte Dani

Relaxometrie
29.01.2008, 16:46
Ob die Psychiatrie meine endgültige Fachrichtung bleibt, kann ich noch nicht sagen. Aber ich habe nach dem Examen auch in der Psychiatrie begonnen (vor 3 Monaten) und bin auf der geschlossenen Aufnahmestation der Suchtabteilung gelandet. Da habe ich inzwischen folgendes gelernt: Wenn es den Patienten gut geht, freuen sie sich und sind manchmal dankbar für die Hilfe, die sie erhalten haben. Wenn es ihnen aber schlecht geht, oder sie einen Rückfall hatten, sind immer die Ärzte/Pfleger/falschen Medikamente/äußeren Umstände schuld - NIEMALS der Patient selbst.
Was ich sagen möchte:
Natürlich muß man als Berufsanfänger noch an seiner Arbeitsweise arbeiten und kann/muß noch viel lernen. Aber trotzdem würde ich nicht jede Patientenkritik sofort persönlich nehmen. Oder zumindest nicht als destruktives Urteil sehen, sondern versuchen, die Kommentare zu analysieren. Wenn an der Kritik etwas Wahres dran ist, kann man daraus wahrscheinlich sogar lernen. Mir ist Kritik zwar auch nicht soooo lieb, aber um ehrlich zu sein, hilft einem konstruktive Kritik manchmal tatsächlich weiter. Kritik bedeutet ja nicht gleich, daß man zu doof ist. Man hat irgendetwas suboptimal vollbracht und durchdenkt die Sache, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

meritene
29.01.2008, 18:37
Aber trotzdem würde ich nicht jede Patientenkritik sofort persönlich nehmen. Oder zumindest nicht als destruktives Urteil sehen, sondern versuchen, die Kommentare zu analysieren. Wenn an der Kritik etwas Wahres dran ist, kann man daraus wahrscheinlich sogar lernen. (...) Man hat irgendetwas suboptimal vollbracht und durchdenkt die Sache, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Aber genau das ist es ja. Ich glaube den Patienten sogar, dass sie bei anderen, erfahrenen Therapeuten eher vorankommen als bei mir. Ich habe nur mit meinem jetzigen Ausbildungsstand überhaupt keine Möglichkeit - sehe ich zumindest für mich nicht - etwas aus der Kritik zu lernen und es besser zu machen. Die Patienten sagen ja nicht: Sie sind doof oder unempathisch oder ähnliches. Im Beziehungsaufbau zu den Patienten und in der Bemühung etc. hab ich keine Schwierigkeiten. Was soll ich also mit der Aussage: "Ich finde Sie ja genauso nett und mag sie auch und vertraue Ihnen auch, aber irgendwie ist damals bei der anderen Therapeutin nach jeder Sitzung der Groschen gefallen und mir ist einiges klarer geworden."
Mir fehlt halt einfach die therapeutische Erfahrung um zu erfassen wo der Knackpunkt bei den Patienten ist. Hab das Gefühl das eben andere Therapeuten viel schneller erfassen wo die eigentliche Problematik der Patienten ist und somit auch die "richtigen" Fragen stellen können, die den Patienten auf den Weg bringen um ihre Probleme bewältigen zu können. Aber was sind die richtigen Fragen? Hab halt keine Anleitung. Ich würd zum Beispiel gern einfach mal ein Gespräch anderer Therapeuten sehen/begleiten wollen. Aber da sperren sich alle Kollegen und machen dicht. Echt frustrierend.

Dani

Frau Betty Land
29.01.2008, 18:46
Mal ehrlich : Wen interessiert denn das heute in der deutschen McDonalds-Psychiatrie ?

KEINEN !

Man simuliert ein wenig herum, um den Patienten (und oft auch die Kassen) psychotherapeutisch zu blenden und gut ist.

Da "beaufsichtigen" Ober- und Fachärzte, bei denen man sich fragt, wie die jemals den Facharzt geschafft haben sollen und "psychotherapieren" bei Personalmangel völlig einschlägig therapeutische unbeleckte Jungassis an "spezialisierten" Psychotherapiestationen als einzige Ärzte.....

Tut mir leid- Du nimmst Dich und die Sache viel zu Ernst.

Beim Personalmangel in der Psychiatrie ist es völlig egal, was ein Arzt kann - Hauptsache, es sitzt einer da und dokumentiert... :-dance

little_lunatic
29.01.2008, 20:37
also von patientensicht aus kann ich sagen: einer der nur dasitzt und dokumentiert ist für die füße. da kann ich auch zu irgendjemand von ner telefonhotline gehen. unprofessionell. so jemand wird vielleicht seinen job machen und arbeit haben aber auch nur weil es patientenüberschuss und ärztemangel in dem bereicht gibt. qualitativ ist es einfach schlechte arbeit. da hilft auch kein akademischer titel.

klar gibts therapeutische naturtalente aber hauptsächlich ist es etwas das man lernen muss. und das braucht zeit und erfahrung. ich finds gut dass du auch ein wenig selbstkritik zeigst - nehms nur nicht zu persönlich. du wirst da erstmal ins kalte wasser geworfen. anderen gehts da ganz ähnlich. kann mich auch an diverse therapeuten erinnern wo ich gemerkt hab dass er/sie neu ist. z.t. wars denen unangenehm oder sie haben jeden satz aufgeschrieben oder nur genickt und jaja gesagt oder oh wie schlimm... ;-)
und zu einer therapie gehören immer 2 - einmal patient und einmal therapeut. manchmal machen patienten so dicht und arbeiten nicht mit dass auch ein guter erfahrungsreicher therapeut da nichts machen kann.

einfach mal als feedback von der anderen seite ;-) lass dich nicht ärgern! ist noch kein meister vom himmel gefallen

meritene
29.01.2008, 20:41
Mal ehrlich : Wen interessiert denn das heute in der deutschen McDonalds-Psychiatrie ?

Tut mir leid- Du nimmst Dich und die Sache viel zu Ernst.



MICH interessiert es. Und ich finde es mehr als bedenklich die Leck-mich-am-Arsch-Stimmung völlig kritiklos für sich selbst anzunehmen - und das schon im ersten Ausbildungsjahr. Die Gelegenheit völlig gleichgültig zu resignieren und keinen Anspruch an die eigene Arbeit zu haben wird sich in Zukunft sicherlich noch oft genug bieten.
Natürlich muss man auch lernen sich abzugrenzen und ich verfalle sicherlich nicht in die Illusion die Psychiatrie mit "meiner Psychotherapie" retten wollen. Aber wenn ICH bei MEINEN Patienten das Gefühl habe sie adäquat bzw. adäquater betreut zu haben, dann finde ich das nicht "zu Ernst nehmen", sondern einen natürlich Anspruch.

Beste Grüße
Dani

little_lunatic
29.01.2008, 20:44
find ich gut :-dafür :-) genau das meinte ich

Anjuli
08.03.2008, 22:37
Hallo Dani!
Dein Beitrag ist ja schon etwas älter, aber vielleicht schaust Du ja doch nochmal nach...
Bin seit einem 3/4 Jahr dabei, und mir geht's genauso.
Klar, die Beziehung ist nicht alles, aber schon mal viel, wenn Du da also keine Probleme hast, ist das schon ein grosser Pluspunkt. Da ich mich auch ziemlich allein gelassen fühle, hab ich schon mit Selbsterfahrung angefangen, das bringt was. Bekommst Du denn inzwischen Supervision? Falls nicht, besorg Dir doch einen externen Supervisor. Ist zwar teuer, aber man es kann immerhin absetzen :-)! Mir persönlich bringt auch die Balint-Gruppe viel, man kann eigene Unsicherheiten rauslassen und bekommt teilweise echt gute praktische Tipps, was und wie man mit den Patienten reden kann. Hast Du eine?
Ansonsten, lass den Kopf nicht hängen! Ich fürchte fast, dass diese Insuffizienzgefühle dazu gehören... Grüße!

apple
09.03.2008, 09:46
Hallo zusammen,
ich muss hier heute mal meinen Frust loswerden. Ich bin im November 2006 mit meinem Studium fertig geworden. Für mich war nach Famulaturen, Doktorarbeit und PJ in der Psychiatrie klar, dass ich diese Fachrichtung auch weiter machen möchte. Seit Januar 2007 arbeite ich nun schon und gerade heute hat meine ärztliche Tätigkeit aus Selbstinsuffizienz wieder so einen Dämpfer erlitten... Ich hab vorher immer in der Akutpsychiatrie gearbeitet und bin damit sehr gut zurecht gekommen. Hier in der Klinik bin ich auf einer Station auf der hauptsächlich depressive Patienten und Patn. mit Anpassungsstörungen behandelt werden. Ein großer Anteil der ärztlichen Tätigkeit liegt somit auch in den psychotherapeutischen Gesprächen. Und genau das frustriert mich sooooooooo sehr. Ich hab davon überhaupt keine Ahnung, fühle mcih da total inkompetent und denke auch, dass die Patienten das merken. Hab im Oktober mit der Ausbildung (Verhaltenstherapie) begonnen, die dauert allerdings 3 Jahre und ich hatte erst einen von neun Blöcken. Öfter kommen dann von den Patienten solche Kommentare wie: "Na beim letzten Aufenthalt war ich ja bei Frau Dr. XXX, da hatte ich den Eindruck, dass nach den Gesprächen für mich ein Groschen fällt. An Ihre Art muss ich mich erst gewöhnen". Und genau das empfinde ich manchmal auch selbst so. Wir labern da so rum, aber einen Plan oder ein strukturiertes Gespräch mit Ziel läuft da meines Erachtens auch nicht. "Mir hat die Therapie nicht so viel gebracht" - das ist dann der STandardsatz. Das nagt natürlich heftig an meinem Ego. Supervision oder sonstige Unterstützung von Kollegen gibt's nicht. Der Tenor ist dann immer: "Setzen Sie sich nicht so unter Druck, sie können es ja noch nicht können. Das Gespräch an sich hilft den Patn. schon viel.". Na toll. Furchtbares Gefühl, wenn man mit den Patienten nicht weiterkommt und bei denen nichts passiert.
Wie geht's Euch so? Habt Ihr Tips?

Lieben Dank im voraus,
die frustrierte Dani
Das könnte von mir sein ;-)
Habe im Juli 2007 direkt nach dem Examen in der Psychiatrie angefangen, war erst auf der Psychose- Station, dann auf der Akut und bin seit Oktober auch auf einer offenen Depressionsstation, wo aber zum Teil auch Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen behandelt werden. Ich fühl mich genau so ahnungslos in Bezug auf die Gespräche :-nix Ich frag mich ganz oft, ob meinen Patienten das überhaupt was bringt. Meine OÄ, die gleichzeitig auch Assisarbeit mit macht, hat total viel Ahnung und ich denke immer, die Patienten die zu ihr kommen, haben es besser als meine. Dann haben wir noch 2 Psychologinnen, die irgendwie auch mehr Ahnung haben als ich, obwohl sie auch erst mit dem Studium fertig sind.
Inzwischen ist es zwar schon etwas besser geworden, bekomme wirklich viel Hilfe und gute Tipps, aber unsicher bin ich mir immer noch ganz oft. Was mir hilft, sind Manuale für die Therapie, in denen die Sitzungen strukturiert sind, z.B. für Angsterkrankungen. Da ist dann richtig festgelegt, was in den einzelnen Gesprächen behandelt wird. Bei Angsterkrankungen wäre das z.B. 1. Psychoedukation (Patient bekommt auch etwas zum Lesen mit), 2. Angstkreislauf usw. erklären, 3. Angsthierarchie aufstellen, 4. Expovertrag zwischen Therapeut und Patient und dann 5. Expositionstraining. Da hat man wenigstens einen gewissen Plan und eine Art Anleitung. Finde es furchtbar, wenn man nicht weiß was man mit seinem Patienten, der gleich zum Gespräch kommt, besprechen soll, vor allem wenn es Patienten sind, die von sich aus wenig erzählen. Für Depressionen ist es etwas schwieriger, aber auch da gibt es ja eine Art Behandlungsplan, also erst mal Stabilisierung, dann Aktivitätsaufbau usw. Wir sind eine VT- Station, da gibt es zum Glück auch viel Material, z.B. Situationsbögen zur Verhaltensanalyse, Tages- und Wochenpläne zur Tagesstrukturierung usw. Das waren mir am Anfang auch alles Bücher mit 7 Siegeln, aber inzwischen wende ich das schon öfters an. Es ist sehr wichtig, den Patienten Aufgaben zu geben, die sie bis zum nächsten Gespräch bearbeiten sollen. Das kann man dann zusammen mit dem Patienten auswerten und – Im Idealfall- soll der Patient ja dann selbst erkennen was an seinem Verhalten oder an seinen Gedanken falsch ist. Auch wenn ich jetzt schon ab und zu mal denke, dass es doch etwas besser läuft, geb ich mir jedoch oft die Schuld daran wenn ein Patient von mir so gar keinen Fortschritt machen will, obwohl das ja oft auch an den Patienten selbst liegt, denn in der VT ist ja viel Mitarbeit gefragt. Ist halt manchmal noch alles ziemlich schwammig, aber ich werde versuchen weiter hilfreiche Bücher zu finden, in denen so eine Art Anleitung steht, aber leider lernt man ja wirklich vieles erst durch Erfahrung :-nix Wie gefällt dir denn die VT- Ausbildung bis jetzt ?

PS: Einer der Lieblingssätze meiner OÄ: Das Wichtigste passiert zwischen den Gesprächen !

jilain
10.07.2008, 14:14
Vielleicht könnte man hier die Diskussion des anderen Threads aufgreifen?

Ich habe auf Denüses Beitrag und auf THawks Beitrag mit PM folgendes geantwortet:

An Denüse bzgl. der Möglichkeit des Patienten frei wählen zu können, an wen er sich wendet:

Hallo,

ich denke das Gesundheitssystem gibt dem Patienten nicht unbedingt die Chance frei zu wählen - es sei denn er nimmt ständige monatliche Wartezeiten in Kauf.

Hmmm, man kann andererseits aber natürlich auch nicht wirklich erforschen, welche Methode jetzt die "Bessere" ist. Daher wäre für mich das Ergebnis der Diskussion, dass Vielfalt in die Psychotherapie kommt. Ein einfaches Ergebnis aber eigentlich nicht wirklich ein Ergebnis.
D.h. ich ließ mich noch nicht überzeugen, dass Mediziner das Zeug haben, Psychotherapeuten zu sein.

Was denkst du, was einen Mediziner dazu berechtigt Psychotherapeut zu sein, was bringt er dafür mit?


an THawk bzgl. des pharmazeutischen Fakts:

Hallo,

ich arbeite an mir, nicht mehr soviel Off-Topic schreiben zu wollen *g*, daher weiter via PM.

Ich fände es angebrachter die Mediziner aufs psychiatrische zu "beschränken". Denn den Psychologen würde ich auch nicht mehr Möglichkeiten auf den pharmazeutischem Gebiet zusprechen wollen, da denen ja das Medizinstudium fehlt.

Diese Konstellation wäre dann eine Ergänzung, die Konzeption wie sie zurzeit besteht gibt den Medizinern das Recht zu psychotherapieren - egal ob sie es wollen oder nicht. Und das betrachte ich kritisch.


Gut, dass ich Semesterferien und Zeit für solche Diskussionen habe ;-)