Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Babys früher ohne Narkose operiert?
Der Thread ist zwar alt, aber die Vorstellung finde ich immer noch erschütternd (auch was ich kürzlich über Vivisektionen gelesen habe in Japan, NS-Zeit usw, aber anderes Thema).
Hier habe ich mal was gefunden:
http://www.journals.elsevierhealth.com/periodicals/ysiny/article/S1084-2756%2898%2980084-5/abstract
http://www.kinderkrankenpflege-netz.de/aktuell/schmerz_fg.shtml
http://www.urbia.de/magazin/gesundheit/kinder/schmerzen-bei-kindern
Erschreckend, dass dieses "früher" gerade mal 25 Jahre her sein soll.
Ich bin da jetzt nur noch mal drauf gekommen, nachdem ich im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion zur religiös motivierten männlichen Beschneidung die Aussage von Salomon Korn, der in Frankfurt der Jüdischen Gemeinde vorsteht, gelesen habe, "dass aller medizinischen Erkenntnis zufolge das Schmerzempfinden von Babys in den ersten drei Lebensmonaten kaum ausgeprägt sei. Die Kinder würden also unter dem Eingriff nicht leiden." http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/urteil-zur-beschneidung-von-jungen-schnitt-und-schmerz-11801177.html
An dem Typen sind die letzten 25 Jahre dann wohl auch spurlos vorbeigegangen...
Ja, über den Ausspruch in dem anderen Thread habe ich mich auch schon aufgeregt.
Das habe ich noch hier gefunden: http://www.springerlink.com/content/rg88p05nl2266013/fulltext.pdf
Noch bis 1977 war man der festen Überzeugung, bei der Neugeborenenbeschneidung und bei kleine- ren operativen Eingriffen bis zum 3. Lebensmonat auf suffiziente Analgesie verzichten zu können, weil Babys bis zu diesem Zeitpunkt ob der Unreife ihrer afferenten Schmerzfasern ohnehin keinen Schmerz empfinden könnten (Schuster u. Lenard 1990). Erst 1999 wurde die Forderung erhoben, endlich mit den placebokontrollierten Studien zur Analgesie bei der Neugeborenenzirkumzision aufzuhören zugunsten effektiver Analgesie (Maxwell u. Yaster 1999).
WackenDoc
01.07.2012, 12:17
Gibt es nicht auch Studien, bei denen man herausgefunden hat, dass Kinder auch in Deutschland oft keine adäquate Analgesie bei Schmerzen bekommen?
Ja, gibt es! Vor gar nicht langer Zeit war auch ein Artikel in der A&I zum Thema Kindernarkosen / Schmerztherapie. Mal sehen, ob ich den noch finde. Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass Kind / Säugling eine adäquate Narkose benötigt. Und die Kreislaufparameter intraoperativ zeigen dies auch ganz deutlich. So kann man schön sehen, wann das Fentanyl während der OP seine Wirkungsdauer überschritten hat und es Zeit ist, nachzuspritzen! Bei uns haben die Kinder i.d.R. bei allen OP unterhalb des Bauchnabels entweder eine Kaudale zur Maske / ITN bekommen, oder aber PWB oder Lokalanästhesien regional. Damit sind die auch im AWR zufrieden gewesen. Wobei ich sagen muss, dass mein OA auch ein sehr großer Fan von Regionalanästhesien war / ist. Der hat auch alles unterspritzt, wo es möglich war, zum Beispiel bei den Hämangiomen, etc...
Eine Primärquelle zum Beispiel hier: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed?term=petrack%20pain%20management aus dem Journal of Pediatrics. Man sah signifikant weniger Schmerztherapie bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen; dieser war jedoch nur in 'gemischten' Emergency Departments signifikant; an einer Klinik mit getrennten ED's erhielten Erwachsene und Kinder fast gleich viel Analgetika.
Ich denke, dass es an dieser Stelle schon vermehrt Ängste und Unsicherheiten gibt wenn pädiatrisch/kinderchirurgisch unerfahrene Ärzte Analgesie bei Kindern machen sollen. Ich glaube, Berlin-Buch hat da ein sehr festes Konzept entwickelt mit Schmerzmessung durch die Schwestern und automatischer Analgetika-Gabe durch die Schwestern je nach Punktwert. Ihre Daten hätten sich dadurch deutlich verbessert (wurde 2011 auf der DGKJ-Jahrestagung vom dortigen Kinderanästhesisten vorgestellt). In meinen Augen ein gutes Konzept.
Sebastian1
01.07.2012, 21:13
In diesem Zusammenhang finde ich die Äußerungen von Herrn Korn (Beschneidungsdebatte) in der FAZ erschreckend, das so darzustellen, als wäre für die Säuglinge die Circumcision quasi aufgrund vermindertem Schmerzempfinden problemlos durchführbar.
Sie ist durchführbar mit einer adäquaten Anästhesie und Analgesie. Über die ggfs vorhandenen operativen Komplikationen sagt das allerdings nichts aus. Als sicher nicht unintelligente Person öffentlichen Interesses darf man gern mal etwas differenzierter darstellen....Zumindest hat es dieses Statement nicht in die offizielle Presseerklärung des Zentralrats des Juden in Deutschland geschafft.
WackenDoc
01.07.2012, 21:23
Ich fand den Bericht über die Befragung israelischer Eltern recht interessant.
Sebastian1
01.07.2012, 21:28
Der Link ist an mir vorbeigegangen, magst du den hier noch mal posten bitte?
Der Link ist an mir vorbeigegangen, magst du den hier noch mal posten bitte?
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/urteil-zur-beschneidung-von-jungen-schnitt-und-schmerz-11801177.html
"Eine informelle Umfrage des israelischen Elternportals „Mamy“ ergab im Jahr 2006, dass rund ein Drittel der Väter und Mütter am liebsten auf den Eingriff verzichten würden, sich aber – auch wegen des sozialen und familiären Drucks – letztlich dafür entschieden. "
Sebastian1
02.07.2012, 08:15
Danke :-)
In diesem Zusammenhang finde ich die Äußerungen von Herrn Korn (Beschneidungsdebatte) in der FAZ erschreckend, das so darzustellen, als wäre für die Säuglinge die Circumcision quasi aufgrund vermindertem Schmerzempfinden problemlos durchführbar.
Da habe ich auch geschluckt.
Paar Stunden später höre ich in nem Cafe Gäste darüber reden ala "Siehste, habe ich doch schonmal gehört, dass Babys kaum Schmerzen empfinden können..." - Solche Aussagen sind gefährlich, Menschen glauben soetwas!
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