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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zukunft der Herzchirurgie?



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SarahT.
29.05.2011, 20:34
Das "Grundproblem" der Herzchirurgie ist meiner Meinung nach, dass

1. man prinzipiell an die wichtigen Stellen auch mittels endovaskulären Techniken herankommt, die in der Hand der Kardiologen liegen. Man kann fast alles per Katheter erreichen.
2. Jeder Patient hat Angst vor einer "Herzoperation" und entscheidet sich im Zweifelsfall lieber für die endovaskuläre Technik.

Klar, man wird auch in Zukunft Herzchirurgen brauchen, allerdings wohl ein bisschen weniger als heutzutage und mit anderem Spektrum. Wie genau ist noch einigermaßen ungewiss. Dazu kommt die schlechte Ausbildung und die begrenzte Klinikauswahl, deswegen muss man sich das schon gut überlegen.

Coxy-Baby
29.05.2011, 20:54
Zumal 10-15 Jahre bis zum FA ja auch kein Pappenstiel sind.
Ich denke auch Klappenprothetik wird eher in Richtung Kardiologie gehen und der ganze ACVB etc beim HTC bleiben.....

stennadolny
29.05.2011, 20:57
Als Außenstehender fragt man sich, mitunter ketzerisch, noch etwas ganz anderes:

Ist vielleicht - bei aller chirurg. Ausbildungsmisere in D - der begrenzende Faktor zukünftig die Herzanästhesie ? Oder die Kardiotechnik ? Oder gar die OP-Pflege ?

An Top-Zentren in den USA sollen die Chirurgen vergleichsweise langsam bei elektiven Eingriffen vorgehen - und wenn ein Assi dabei ist, wird dieser (fast) grundsätzlich zum Hauptoperateur. Verdienst als FA: Big. Verdienst aber auch für die Herzgasmänner: Big.

Im Gegensatz zu unseren Breiten.

Die Chirurgen vergessen immer wieder, daß die Anäs wahrscheinlich der limitierende Faktor werden (, wenn sie es in gewissen Kliniken nicht bereits sind !).

Herzchirurgien werden also entweder deutlich weniger operieren (bzw. deutlich öfter Staatsanwälte küssen) oder aber den Anäs vergleichsweise fürstlich zahlen müssen.

Und da sehe ich persönlich eher ein Black Hole.

Technische Diskussionen hin oder her - strukturell wird die Vergütung herzchirurgischer Eingriffe im komplexen Vergütungsgefüge der DRGs vielleicht auch aus verteilungspolitischen Gründen zurückgefahren werden. Who knows.
Ländliche Wahlkreise benötigen zukünftig eher bitterst weiterhin Hausärzte und Grundversorgungskliniken mit Basic-Innere/Chir/Gyn als Uni-Herzchirurgien de luxe. Nur so als Impulsgeber :-))
Das Hemd ist dem Wähler auch in der Fläche näher als die KlappenOP o.Ä..

Rico
29.05.2011, 21:46
Ich seh das ganz pragmatisch.
Fortschritt und Veränderungen hat es in der Medizin schon immer gegeben.
Wieviele Fachgesellschaften wurden in den letzten 50 Jahren aufgelöst, weil ihr Tätigkeitsfeld in anderen Fachgebieten aufgegangen ist? Keine.
Wieviele wurden neu gegründet? 10?

Die Niere
02.06.2011, 15:11
Ich sehe es ähnlich wie Rico. Fachgesellschaften werden nicht verschwinden, sondern es ändert sich nur ihr Spektrum. Andere Fachgesellschaften werden weiter diversifiziert. Es ist nicht anzunehmen, dass Kardiologen eines Tages weiterhin alles von Echo, über Rhythmologie, PTCA und endovaskuläre Klappenchirurgie usw. unter einem Facharzt vereinen (ist ja bereits jetzt schon nicht mehr so).

gruesse, die niere

Kackbratze
02.06.2011, 15:31
Die Spezialisierungen werden sich nicht aufhalten lassen und es wird immer ein Chirurg gebraucht werden, der Komplikationen oder komplizierte Fälle offen versorgt.

SarahT.
02.06.2011, 15:40
Es hat ja auch niemand ernsthaft daran gedacht, die Herzchirurgie aufzulösen. Das war auch gar nicht die Frage, es weiß jeder, dass es auch in Zukunft Herzchirurgen geben muss. Worum es anderen und mir geht, ist die Frage, wie die Zukunft der Herzchirurgie wohl aussehen wird. Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass die Nachteile deutlich überwiegen.

Die Kardiologie ist einfach viel, viel fortschrittlicher als die Herzchirurgie (ich sag nur drug-eluting balloons usw.). Einfach cool. Die Herzchirurgie hingegen hat gar nicht mehr soo viel Innovationspotential meiner Meinung nach. Selbst wenn man minimal-invasiv operieren könnte, sind die endovaskulären Techniken auf Dauer nicht aufzuhalten. Jetzt werden schon immer mehr TAVIs mit sehr vielversprechenden Ergebnissen gemacht, d.h. auch dieser Bereich der Herzchirurgie wird deutlich kleiner werden. Was bleibt, sind irgendwelche Spezialfälle (z.B. Transplantation/Kunstherz?), wohl noch für einige Jahrzehnte die Mitralklappenrekonstruktion und das Ausbügeln von Komplikationen nach Interventionen. Finde das nicht sehr erfüllend.

Wir leben in Zeiten des Ärztemangels, wo man sich die Fachrichtung quasi aussuchen kann, da muss man ja nicht gerade das Fach nehmen, das ohnehin schon extrem schlechte Bedingungen "bietet", darüber hinaus aber immer weiter an Bedeutung verlieren wird.

Kackbratze
02.06.2011, 15:44
Man sollte trotzdem primär nach Interesse vorgehen und nicht nach Prestige oder Geld. Die beiden Letzgenannten kommen automatisch, wenn man gut ist in dem Fach, das man mit Begeisterung ausführt.

SarahT.
02.06.2011, 15:52
Apropos Prestige... Ich glaube schon, dass das ein wichtiges Argument für die Herzchirurgie ist, zumindest fand ich immer schon, dass Herzchirurgie (zusammen mit Neurochirurgie und Transplantationschirurgie) etwas ganz besonderes ist. Davon darf man sich aber wohl nicht blenden lassen. Wenn man alles ganz nüchtern betrachtet, spricht nur wenig dafür, Herzchirurgie zu machen. Aber das ist nur meine persönliche Meinung nach vielen Gesprächen mit Kardiologen und Herzchirurgen.

Herz87
27.05.2012, 18:19
Hey! Ich bin über google auf diesen Thread hier gestoßen [1. Treffer bei google, respect!]. Könnte es nicht vll so kommen dass man als Herzchirurg in Zukunft total gefragt sein wird? Je mehr Kliniken an TAVIs Geld verdienen wollen, desto eher wird auch immer ein Herzchirurg benötigt werden. Denn die Forderung ist ja schon, dass die Entscheidung gemeinsam von Herzchirurgen und Kardiologen getroffen wird und auch beide anwesend sein sollen. Da bieten sich doch ganz interessante Karriereoptionen. Die transapikalen TAVIs werden ja sowieso von Herzchirurgen gemacht. Und an Zentren wie Leipzig oder Deutsches Herzzentrum München sind die Herzchirurgen ja auch ziemlich aktiv bei den transfemoralen TAVIs. Kann mir gut vorstellen, dass man als Herzchirurg später an ein großes nicht universitäres Haus wechseln kann und TAVIs machen kann. Darüberhinaus hat man ja auch noch die Schrittmacherim- und -explantation.

Was meint ihr?

Solara
27.05.2012, 21:26
Schrittmacher? Machen doch die Kardiologen?

Herz87
27.05.2012, 23:18
Schrittmacher? Machen doch die Kardiologen?

Das hängt von der Klinik ab, an den meisten Kliniken, wo es eine Herzchirurgie gibt, machen Herzchirurgen auch SM-Implantationen. Von Revisionen (Lasersondenextraktion etc.) oder auch Implantation komplexerer Systeme ganz zu schweigen.

wjsl
28.05.2012, 01:11
Zu operieren werden die vermutlich immer was haben, klar. Gesucht sind aber vermutlich primär eher die Fachärzte, und bis du den hast dauert es ja auch eine Weile. Obwohl die glaube ich derzeit auch Assistenten dort gut brauchen können, zumindest hat man beim Durchsuchen von Stellenanzeigen den Eindruck, dass für chirurgische Fächer leider immer nur solche aus dem Herz/Thoraxbereich angezeigt zu werden scheinen. Da das vermutlich aber auch seinen Grund hat, würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen ob du das wirklich machen willst.

Herz87
28.05.2012, 16:04
Zu operieren werden die vermutlich immer was haben, klar. Gesucht sind aber vermutlich primär eher die Fachärzte, und bis du den hast dauert es ja auch eine Weile. Obwohl die glaube ich derzeit auch Assistenten dort gut brauchen können, zumindest hat man beim Durchsuchen von Stellenanzeigen den Eindruck, dass für chirurgische Fächer leider immer nur solche aus dem Herz/Thoraxbereich angezeigt zu werden scheinen. Da das vermutlich aber auch seinen Grund hat, würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen ob du das wirklich machen willst.

Glaubst du denn, dass man später als Herzchirurg mit MitraClip, TAVI und SM-"Chirurgie" an ein kleineres Haus kann oder ist der Herzchirurg zwingend an ein Zentrum gebunden? Das ist wohl die größte Schwäche der Herzchirurgie: Schlechte Arbeitsbedingungen und keine Hoffnung auf eine kleinere gemütlichere Klinik mit Mitte 40. Mit den Interventionen könnte sich das aber in meinen Augen ändern.

dreamchaser
28.05.2012, 16:25
Bei uns werden TAVI transfemoral und MitraClip von den Kardiologen gemacht, ebenso die Schrittmacher (incl. 3-Kammer-System). Herzchirurgen machen bei uns nur die Schrittmacher für eigene Patienten oder eben die epikardialen Sonden.
Der Kollege aus der Herzchirurgie, mit dem ich auf Station war, ist oft früher gegangen als ich (also früher als 17/18 Uhr) - scheint also nicht überall so furchtbar zu sein.

Solara
28.05.2012, 16:25
Das hängt von der Klinik ab, an den meisten Kliniken, wo es eine Herzchirurgie gibt, machen Herzchirurgen auch SM-Implantationen. Von Revisionen (Lasersondenextraktion etc.) oder auch Implantation komplexerer Systeme ganz zu schweigen.

Kenne ich anders, auch an Kliniken mit Herzchirurgie werden die SM durch die Kardiologen implantiert - und die werden sich das auch nicht nehmen lassen, warum auch?

Herz87
28.05.2012, 17:34
Okay, das hängt tatsächlich dann von der Klinik ab. Aber angenommen man kann als Herzchirurg SM-Implantationen und TAVIS + MitraClips durchführen: Ist es denkbar, als Oberarzt in die Kardiologie eines "kleineren" Hauses zu wechseln?

Solara
28.05.2012, 17:41
Hmm, warum nicht gleich Kardiologe werden?
Machen TAVIs, machen SM und können den ganzen internistischen Kram (der dem Herzchirurgen ja dann doch eher fehlen dürfte).

dreamchaser
28.05.2012, 17:44
Vor allem kannst du als Herzchirurg sicher gut Bypässe operieren, aber keine PTCAs durchführen. Und das ist nunmal die Hauptaufgabe des kardiologischen Oberarztes im Hintergrunddienst. Aber auch sonst... und nicht jeder Herzchirurg kann Echos (die bei uns nicht, gibt aber Herzzentren, an denen das die THG selbst macht), TEE oder Duplexe. In dem Falle wäre der Kardiologe sicher die bessere Ausbildung.

wjsl
28.05.2012, 18:26
Irgendwie verstehe ich auch nicht, warum du mit den Zielen kein Kardiologe werden willst; eigentlich machen die genau das was du beschreibst; wie kommst du denn überhaupt trotzdem auf Herzchirurgie?