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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : LISS-System erklären? - Unfallchirurgen gefragt!



haemo
03.11.2009, 11:51
Hallo!

Da laut Protokollen mein Prüfer das LISS-System für subkapitale Oberarmfrakturen abfragt, kann mir das bitte mal jemand verständlich erklären? Ich hab keinen Plan von Unfallchirurgie ...

Also, dass es Periost- und Durchblutungsschonend, weil winkelstabil ist, versteh ich ja noch. Dass es wie ein Fixateur interne wirkt, auch.

Aber wieso "Less invasive"? Wie kann ich denn eine Platte einbringen, ohne vorher die Weichteile zu lösen? (wie laut Internetseiten beschrieben)
Und wie funktioniert das mit diesem Zielbügel?

Und dann habe ich etwas von selbstbohrenden, selbstschneidenden Schrauben gefunden. Andererseits steht da wieder etwas von "es wird gebohrt". Wie denn jetzt?

Und es "dürfen nicht alle Plattenlöcher besetzt werden, damit ein freies schwingen der Platte möglich ist". Wie? Ich denke, das ganze soll stabil sein? Wieso soll die Platte dann schwingen?

Kann mir das ganze vom Verfahren her einfach nicht vorstellen. Also bitte einmal Unfallchirurgie für Dummies :-notify:-nix

Unser Prüfer meinte übrigens, er prüft "gutes Hausarztwissen". Na, ob jeder Hausarzt dieses LISS kennt ...

Lava
03.11.2009, 17:59
Also.... anders als bei herkömmlichen Platten muss man bei einer LISS nicht Haut und Weichteile in ganzer Länge aufschneiden, um die Platte anzulegen. Es wird nur ein kleinerer Hautschnitt proximal oder distal gemacht und die Platte dann dort am Knochen entlang reingeschoben. Die Weichteile werden quasi untertunnelt. Dass es das am Oberarm gibt, ist mir neu, ich kenn LISS Platten bisher nur für Femur und Tibia. Wie gesagt: kleiner Schnitt, Platte dann einfach reinschieben. Anders als bei nicht-winkelstabilen Platten müssen winkelstabile ja nicht perfekt anmodelliert sein, so dass man unter Röntgenkontrolle nur die Reposition überprüfen muss und ob die Platte so halbwegs korrekt liegt, ob alle Schrauben auch wirklich im Knochen sind und nicht daneben.

Selbstverständlich müssen auch bei der LISS die Löcher gebohrt werden. Dazu ist die LISS an einen Zielbügel montiert, so dass man in den Zielbügel die Bohrhülse einsetzen kann, an der entsprechenden Stelle eine Stichinzision in die Haut macht, den Bohrer ansetzt und der genau aufs gewünschte Loch in der Platte trifft. Selbstschneidend bedeutet, dass man bei normalen Schrauben nach dem Bohren noch ein Gewinde schneiden muss. Bei den Selbstschneidenden entfällt dieser Schritt, die kann man nach dem Bohren einfach reindrehen.

Zu der Geschichte mit dem Schwingen der Platte kann ich jetzt auch nichts sagen...

haemo
04.11.2009, 10:16
Aha, na das hört sich doch schon mal logischer für mich an ... Vielen Dank!

Lava
04.11.2009, 12:11
Wenn du in der Prüfung glänzen willst, beschäftigst du dich jetzt noch mit der Alternative, nämlich der Marknagelung, und suchst dir Studien, die Vor- und Nachteile der beiden Verfahren aufzählen :-D

(Und am Ende fragt der Prüfer das gar nicht :-wow)

haemo
04.11.2009, 15:22
Nene, soweit wollt ich dann doch nicht glänzen ;-)
Wobei, er hat das für die subkapitale Humerusfraktur gefragt. Die subkapitalen nagelt man doch nicht, oder? Nur die Schaftfrakturen, soweit ich das verstanden habe?

Tja, ist ja das Gleiche mit jedem Thema, entweder es wird gefragt oder nicht ... aber ich würd mich schon ärgern, wenn es schon im Protokoll steht und ich trotzdem so gar nix dazu sagen kann. Naja, ist zum Glück nur eine von sehr wenigen Fragen, bei denen ich unwissend den Kopf geschüttelt habe beim lesen ... :-stud:-???

Lava
04.11.2009, 17:42
Man kann auch subcapitale Humerusfrakturen nageln. Manchmal sogar Transcapitale. Hängt von der Fraktur an sich ab (wieviele Fragmente, wie steht die Fraktur) und vom Alter des Patienten. Und natürlich vom verwendeten Nagel. Nicht alle eignen sich dafür.

Käthe, MD
05.11.2009, 19:33
Also zum Thema schwingende Platte: Darunter versteht man eine winkelstabile Platte, die eine Fraktur überbrückt und bei der die Schrauben relativ fern der Fraktur eingebracht werden. Dadurch hast du etwas Spielraum im Frakturbereich, was zu Mikrobewegungen führt. Man weiß heutztage, dass Mikrobewegungen zwischen 400 und 800µm die sekundäre Frakturheilung mittels Kallus anregen, was ja bei den nicht-artikulären Frakturen durchaus gewünscht ist. V.a. bei Trümmerfrakturen kann dies ganz gut sein. Wobei ich mich Lava anschließen muss, kenne die "richtige" LISS eig auch nur für Femur und Tibia, vlllt. meint dein Prüfer ja auch allgemein die winkelstabile Platte :-))

haemo
05.11.2009, 22:36
Aha, aus deinem Beitrag Käthe entnehme ich das Prinzip, dass nicht-artikuläre Frakturen mit Kallusbidung, artikuläre ohne Kallusbildung heilen sollen. Das hatte ich so noch nciht begriffen, allerdings macht es eigentlich Sinn im Zusammenhang damit, warum man welche Verfahren wo bevorzugt ... Danke für diesen Durchbilck :-top

airmaria
06.11.2009, 08:45
...das LISS-System für subkapitale Oberarmfrakturen

LISS (less invasive stabilisation system) ist eigentlich für zwei speziell geformte lcp-platten der firma synthes belegt:

LCP Proximal Lateral Tibia Plate und LCP Distal Femur Plate

daher wette ich mal zu 99,752%, dass im bereich der schulter die philos-platte gemeint ist.

und jetzt wird es kompliziert:

der initiale ansatz - wie bereits in den vorherigen posts aufgezeigt - ist eine osteosynthese nach dem prinzip der relativen stabilität unter zuhilfenahme von winkelstabilen schrauben als sogenannter fixateur interne. zusätzlich kommt noch die gewebeschonende operationstechnik ins spiel, um denudierung zu vermeiden (platte durchschieben, stichinzisionen etc.).

wenn man jetz das ganze losgelöst vom LISS betrachtet, ist der eigentliche überbegriff:

MIPO minimalinvasive plattenosteosynthese

leider passt das aber so gar nicht zur typischen subcapitalen humerusfraktur!
denn hier wird heutzutage zwar fast immer ein winkelstabiles system verwendet (wie eben die philos-platte z.b.), aber nix grossartig durchgeschoben und keine besonders schonende operationstechnik im vergleich zur anwendung herkömmlicher platten an dieser stelle, nur eben "winkelstabil".

lediglich bei komplexeren brüchen (eher im proximalen humerusschaftbereich) wird soetwas mal verwendet und zur axillarisschonung durchgeschoben, aber dann eignen sich die auch länger erhältlichen philosplatten wiederum weniger, da sie um die längsachse nicht gebogen sind.
ich habe zwar mal so einer platte für meinen chef im keller torquiert, um eben eine entsprechende situation lösen zu können, aber dafür sind diese platten eigentlich nicht vorgesehen und ich glaube nicht, dass soetwas dann in dieser konstellation hier gefragt wird.
airmaria

haemo
06.11.2009, 12:01
Oh je, das ist ja alles noch viel komplizierter als ich dachte. Vielen Dank auf jeden Fall für die Erklärungen.
Also laut Protokoll wollte er wirklich LISS für subcap. Humerus-Fx hören, aber vielleicht hat dann ja auch der Protokollant etwas durcheinander gebracht ...

Lava
06.11.2009, 12:10
Das würd ich wohl meinen...

PHILOS heißt übrigens proximal humerus interlocking system ;-)

PICA
23.11.2009, 11:35
Hallo, kann mir jemand noch mal erklären wann ein Osteosynthese-Verfahren als winkel-oder rotationsstabil gilt, und wann nicht? Und kann mir jemand erklären wann man Kortikalis, wann Spongiosaschrauben benutzt? Vielen Dank!