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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : KFZ Unfall, BWS / LWS Schutz



Zoidberg
22.07.2010, 11:48
Frage an die Rettungsdienstler / NÄ
KFZ Unfall, sagen wir Auffahrunfall mit relevanter Geschwindigkeit, Patient ist wach, gibt an der Wirbelsäule keine Schmerzen an, Stiff neck bekommt denke ich jeder, rettet ihr aber jeden, wie auch gerade beschrieben, mit BWS / LWS Schutz, also z.B. KED System aus dem Auto oder reicht bei euch schonende Umlagerung auf Schaufeltrage / Spine Board?

Xanathos
22.07.2010, 13:13
Bei mir kommt das aufs Gesamtbild an.
Ist der Patient nur wach, oder auch orientiert, zurechnungsfähig, oder steht er völlig unter Schock? Klar ist auch, dass man letzteres nicht immer mit Sicherheit sagen kann. Oft kommt der Schmerz nämlich erst hinterher.

Stifneck ist klar. Auf jeden Fall würd ich die Wirbelsäule abtasten, Becken ebenfalls... und auf die RR-Werte achten (abfallend?). Relevant ist natürlich auch, wie es den Beinen geht... sprich, Motorik/Sensorik intakt? (kann ggf natürlich auf aufgrund anderer Unfalleinwirkungen geschädigt sein, nicht nur von den Wirbeln her)

Dann kommt es natürlich auch drauf an, wie deformiert das Auto ist und welche Rettungsart man überhaupt anwenden kann. Aber mal davon ausgegangen, dass alle potenziell verfügbaren auch möglich sind...
Wenns Unklarheiten gibt, wende ich lieber die sichere an. Wir haben eine sehr klagefreudige Gesellschaft *hust* und natürlich will ich auch keinen Patienten schädigen. Da also lieber das KED-System.

Ich persönlich arbeite eh ungerne mit dem Spineboard. Ich find es relativ unsanft. Die Schaufeltrage ist mir sympathischer... wobei sich nicht immer beides gleich gut anwenden lässt.

Naja... dann ist die Men-Power vllt auch noch ein Kriterium. Meist braucht man für eine Rettung mit Schaufeltrage/ Spineboard viel mehr Leute. Das KED-System bekommt man auch wunderbar alleine geregelt und den Patient getragen.

Soviel zu meiner Meinung und Erfahrung. :-)

LieberInvasiv
26.07.2010, 14:01
Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, aber Leute, tut euch endlich mal einen Gefallen und überlegt was ihr mit einem Stifneck erreichen wollt und in wie weit ein Stifneck (alleine) überhaupt funktioniert.

Die Cervicalstütze immobilisiert nur HWK 1-5, nicht aber 6 und 7
Die perfekt angelegte Cervicalstütze schränkt die Bewegung ein:
• Flexion (Beugung) 90%
• Extrension (Überstreckung) 50%
• Rotation (Drehung) 50%
Mehr aber auch nicht!

Ergo:
Wenn Stifneck, dann aber auch richtig und komplett immobilisieren - denn sonst kann man es auch direkt lassen!

Was das Szenario angeht sollte man sich (sofern der Patient nach ABCDE unauffällig ist und glaubhaft keine Schmerzen angibt) an Unfallmechanismus (Geschwindigkeit) und tatsächlich eingewirkter Kinematik orientieren.
D.h. wie sieht der PKW aus und vor allem hat es die Energie bis in die Fahrgastzelle geschafft. Ist diese deformiert hat es definitiv eine nennenswerte Übertragung gegeben, denn die Autos sind normalerweise so konstruiert, dass die Karosserie den meisten "Wums" auffängt und dann erst die Fahrgastzelle betroffen ist.
Eine schonende Rettung ist also indiziert.
Besondere Anzeichen für LWS/BWS-Verletzungen wären hier z.B. Anprallstellen der Knie am Armaturenbrett, bzw Prellmarken an den Knien. Allgemein deuten ausgelöste Gurtspanner, Airbags und fehlende Prellmarken an Kopf (vs. Scheibe) und Thorax (vs. Lenkrad) eher darauf hin, dass keine BWS-Schäden vorliegen.
Die LWS und das Becken wird durch die heutige Gurtkonstruktion allerdings eher noch belastet, da bei einem Frontalaufprall der Mensch dazu tendiert oben festgehalten zu werden und unten entsprechend der Trägheit der Masse aus dem Gurt zu rutschen. Könnte nur durch einen Vierpunktgurt verhindert werden :D

Wie rettet man jetzt schonend?
Stifneck+KED-System ist natürlich eine schöne Lösung. Ist der PKW auch so deformiert, dass wir eine entsprechende Verletzung „unterstellen“ wollen, spricht sicher auch nichts dagegen, dass die Kollegen von der Feuerwehr fix das Dach abnehmen.
Alternativ gibt es die Möglichkeit den Patienten wie bei einer Rapid Extrication unter manueller Immobilisation mit einem Spineboard. Das muss allerdings wirklich gekonnt sein, sonst war es das bei der Rotation der WS schnell mit schonend…
Würde aber mal behaupten, die meisten Patienten denen nichts fehlt (oder die es aufgrund des Schocks noch nicht merken) und nicht eingeklemmt sind werden wir allerdings stehend oder in einem anderen PKW sitzend auffinden. Das sind zumindest meine Erfahrungswerte.
Übrigens. Nur weil ein Patient (evtl sogar unter Schock) an der Einsatzstelle rumgelaufen ist heißt das nicht, dass man auf eine Immobilisation verzichten kann/darf!!!
Gibt da sehr interessante Zahlen zu, aber da müsste ich gerade etwas länger für kramen…

Allgemein kann ich bei theoretischen Fragen in Sachen Trauma „Präklinisches Traumamanagement. Das PHTLS-Konzept“ von NAEMT aus dem Elsevier Verlag empfehlen. Gerade was Grundlagen, Traumakinetik und Co angeht und leider in dem meisten „normalen“ Fortbildungen vernachlässigt wird teilweise sehr erhellend.
Das Konkurrenzprodukt von ITLS ist auch nicht schlecht, aber in meinen Augen nicht so gut geschrieben.

@Xanathos
In wie weit findet Du ein Spineboard bei der Rettung aus dem PKW denn "unsanft"? Das Spineboard ist sicherlich nicht das perfekte Allroundtalent, welches Schaufeltrage und Matratze vollständig ersetzt, aber gerade hier sehe ich es als bestens geeignet und deutlich überlegen an.

Xanathos
29.07.2010, 13:03
Mhhhh... ein konkretes Beispiel zu finden, ist recht schwer, weil sich 'unsanft' eher in der Praxis zeigt - bei KORREKTER Anwendung versteht sich. Ich habe mich dabei auch mehr auf die allgemeine Verwendung bezogen. Bei Autounfällen, so wie bei allen anderen Notfällen, kommt es natürlich auf die Umgebung an, was wie wo am Besten eingesetzt werden kann. Manchmal eignet sich das Spineboard natürlich besser als die Schaufeltrage. Ich arbeite trotzdem lieber mit letzterer. So hat wohl jeder seine Vorzüge.
Dazu kann ich theoretisch leider keine konkrete Aussage treffen.

Lava
02.08.2010, 10:10
Stiff Neck sowieso klar? Hahahaha! Soll ich mal die Patienten zählen, die nach Verkehrsunfall bei uns OHNE Stiff Neck ankommen??? Erst gestern wieder einen gehabt: Motorradunfall, in einer Kurve gestürzt. Da war sogar der Notarzt vor Ort, aber Stiff Neck? Wieso denn? Dem tat doch nur die Schulter weh...

Xanathos
02.08.2010, 14:53
@ Lava

Das kenn ich auch. Für mich persönlich ist es trotzdem klar. Eben WEIL man manche Verletzungen erst später selbst spürt und sie dem entsprechend auch nicht gleich mit angeben kann. Mhhhh... und manche tun auch gar nicht so richtig weh, sind aber trotzdem u.U. nicht ohne.

JJ*
09.08.2010, 00:04
Ich bin, wie LieberInvasiv, auch ein Verfechter der "ganz oder gar nicht"-Strategie. Wenn Patient, Unfallmechanismus oder Begleitumstände einen Hinweis auf eine Wirbelsäulenverletzung bieten erfolgt eine komplette Immobilisation. Diese Patienten werden dann auch so schonend wie möglich und auf Grund des Patientenzustandes vertretbar gerettet. Eine isolierte Immobilisiation der Wirbelsäule per StifNeck halte ich für nicht sinnvoll, die Gründe dafür hat LieberInvasiv ausführlich und anschaulich erklärt.

Das ITLS-Konzept bietet dazu einen praxisnahen Algorithmus, an dem ich mich orientiere. Ich kann den Besuch eines Traumakurses nur empfehlen, sei es ITLS wie bei mir, PHTLS oder für den klinischen Bereich ATLS oder ETC :-top

Xanathos
12.08.2010, 09:42
Wenn Patient, Unfallmechanismus oder Begleitumstände einen Hinweis auf eine Wirbelsäulenverletzung bieten erfolgt eine komplette Immobilisation.
Klar. Hat hier eigentlich jemand gesagt, dass man bei sowas nur nen Stifneck anwendet?