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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber



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Leelaacoo
28.09.2010, 20:32
Evil, du bist dir auch sicher, dass es die Pleura war ? ;-):-wow;-)

Wenn ich den Patienten nicht kenne, fange ich auch an...aber man sollte sich schon gerade bei internistischen Pat. im Kh schnell den Überblick verschaffen, was an VE da ist und ob nicht tatsächlich "Keine Rea" im Kardex steht...man sollte nicht glauben, wie oft trotzdem der Alarm ausgelöst wird...einfach oft aus der Hilflosigkeit der Pflege heraus, die grad da ist und es ihr/ihm einfach zu viel wird, wenn der Pat. in ihrem/seinem Beisein einfach wegtritt:-nix
Und seien wir ehrlich...jeder Arzt, der nicht nur einmal im Jahr bei einer Rea dabei ist, kann trotzdem vielleicht nur 1-2 Patienten aufzählen, die so erfolgreich reanimiert wurden, dass sie ohne (weiteres) Defizit entlassen werden konnten...und dass sind meist die Pat., die rel. jung sind (bis 70) und ein akutes kardiales Ereignis ohne weitere dramatische VE hatten...den allergrößten Teil bekommt man nicht wieder oder mit dramatisch schlechterem cerebralem Outcome...oder sie versterben nach primär erfolgreicher Rea an ANV/Sepsis oder Hirndruck...
Wenn man das zusammennimmt, hätte ich auch nach ein paar Mal drücken bei dem genannten Pat. wieder aufgehört...wobei das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eh nichts gebracht hätte und man deshalb auch nicht anfangen hätte müssen (und eine Rea ist eine medizinische Maßnahme die genau so indiziert sein muss wie jede andere, isr sie es nicht, ist es kontraindiziert...eigentlich einfach, aber in der Realität natürlich eine Gratwanderung...). Aber stehen muss man zu seiner Entscheidung so oder so...ob bei einem toten Patienten oder einem Heimbeatmeten im minimal vegetative state. Und "Rea ja" ist ja auch keine Garantie, dass der Patient überlebt, so viel Demut vor der Realität muss man ja auch haben, man ist eben kein Halbgott...meist nützt es nichts und sollte Angehörigen auch nicht so vermittelt werden, finde ich (z.B. mit Fragen wie "Sollen wir ihre Mutter wiederbeleben, wenn das Herz stehen bleibt, ja oder nein?"..da dreht sich mir der Magen um...als ob wir das garantieren könnten:-kotz ).

(Zu) langer Rede, kurzer Sinn...ich hätte es auch nicht gemacht, wenn ich den Pat. gekannt hätte.

LG Lee (heut in Laberstimmung...)

der_querulator
30.09.2010, 18:58
Bei Tumoren mit ohnehin übler Prognose (etwa einem Nasopharynxkarzinom) werden die Leutchens auch noch nach Strich und Faden radiochemotherapiert bis die Niere versagt und dann bricht man plötzlich ab, weil man kalte Füße bekommt. Bei einem ehemaligen Spitzensportler, dem keiner sagt, daß die Wahrscheinlichekit für eine Heilung praktisch Null ist.

Moment, ein Nasopharynxkarzinom hat unter Bestrahlung eine recht gute Prognose, auch bei lokal ausgedehntem Befund und LK-Metastasierung.

Kackbratze
30.09.2010, 19:56
Vielleicht bei dem Patienten auf Grund der T4-Situation mit Wachstum per continuitatem in das Neurokranium gerade nicht?

"recht gute Prognose" ist ausserdem ein sehr weit gefasster Begriff...

Annabell Lee
02.10.2010, 17:30
Bei Verfahren, die man grundsätzlich ablehnt, wäre es vielleicht gut, irgendeine Studie, die die eigene Meinung unterstützt, am besten von möglichst hohem Evidenzgrad, irgendwo hinzulegen, wo sie dem Chef garantiert ins Auge springt, oder vorzuschlagen, eine Studie zu starten, die die Überlegenheit des neuen Verfahrens (zB Excimerlaser) zu überprüfen(sofern man an einer größeren Klinik ist zumindest).

Bei individuellen Entscheidungen(wie bei Tumorpatienten) könnte man den Unwissenden, Lernenden spielen, und den Vorgesetzten durchlöchern, ihn möglicherweise in Widersprüche verwickeln. Gut, er wird trotzdem machen, was er will, aber man hat zumindest ein unangenehmes Gefühl hinterlassen, nicht tatenlos zugesehen, ein Zeichen gesetzt, das einen dann vielleicht auch ruhiger schlafen lässt.

Und sollte das alles nichts helfen, einfach daran denken, dass es für jeden eine Zeit gibt, wo er mit dem gängigen System leben muss, zusehen muss. Jeder der etwas veränderte, hatte eine Lernphase, in der er ertragen musste, ohne den entscheidenden Einfluss auf wichtige Entscheidungen zu haben. Falls du es, sobald du die Gelegenheit dazu hast, so machst wie du es für richtig hältst und nicht so, wie es dein früherer Ausbilder für richtig hielt, bist du dir ja auch treu geblieben.

Dennoch denke ich, dass die "eminence based medicine" keine Zukunft haben wird. Immer mehr Chefs stehen der evidenzbasierten Medizin sehr offen und interessiert gegenüber, in unserer Arbeitsgruppe gibt es viele Anfragen und Interessenten. Ich glaube dass irgendwann auch der Druck der Öffentlichkeit so groß wird, dass der Chefarzt nicht mehr "Halbgott", sondern eben unterm Strich ein "Dienstleister" ist, und der Patient wissen will, worauf die Entscheidung basiert, und dabei wissenschaftliche Evidenz fordert. In der Richtung hat sich viel geändert. Und wird sich vor allem viel ändern. Das Geld im Gesundheitswesen wird außerdem immer knapper, auch die Kassen und privaten Versicherungen wollen genaue Gründe für Entscheidungen hören.

Sicher kann man auch wissenschaftliche Studien anzweifeln. Aber nur, wenn man im Einzelfall ebenso Gründe dafür nennen kann; und nur so kann man Entscheidungen auch vor sich selbst rechtfertigen.

John Silver
03.10.2010, 00:39
Ich bin ein großer Fan der Evidenz, aber Evidenz gibt es nicht für alles.

Wenn man die Entscheidung eines Vorgesetzten hinterfragt, bedeutet es noch lange nicht, dass der Vorgesetzte im Unrecht ist. Es bedeutet nur, dass man mit dieser Entscheidung nicht einverstanden ist; da man aber selbst nicht allwissend ist und i.d.R. über wesentlich weniger klinische Erfahrung als der Vorgesetzte verfügt, ist es nicht sehr viel. Loyalität ist nicht gleich Kadavergehorsam, aber eigenständiges Denken setzt nicht voraus, dass man immer Recht hat.

Im Übrigen bin ich ganz sicher kein "Dienstleister", nur weil ich kein "Halbgott" bin. Taxifahrer oder Bäckereiverkäuferinnen sind Dienstleister. Du bist hoffentlich ein Arzt oder eine Ärztin und nicht bloss "Dienstleister", denn dieser Unterschied ist nicht nur im juristischen Sinne durchaus vorhanden und relevant.

WackenDoc
03.10.2010, 13:57
Tja, bleibt noch das Problem, dass es eben nicht für jedes Problem und jeden Aspekt des eigenen Patienten eine Studie gibt. Zudem sind zahlreiche Begleitumstände zu berücksichtigen.

Und es kann immer wieder zu Situationen kommen, wo man anderer Meinung als seine Vorgesetzten und /oder Kollegen ist. Und deren Erfahrung ist nun mal nicht zu unterschätzen, auch wenn womöglich die ein oder andere Studie was anderes sagt.
Viel hat später auch mit Instinkt.
Dann muss man irgendwann für sich selber überlegen, ob man die Entscheidungen/Überzeugungen des Arbeitgebers mit tragen kann oder nicht, oder ob man so viele Freiheiten hat, selber die Entscheidung zu treffen, die man für richtig hält ohne arbeitsrechtliche Konsequenzen des Arbeitgeber fürchten zu müssen. Bzw. ob man die Möglichkeit hat, Maßnahmen, die man nicht gut heisst, nicht zu unterstützen.

Aber @Annabell: Das wirst du schon noch sehen, wenn du mal selber für Patienten verantwortlich bist. Da du dies bisher offensichtlich noch nicht warst, ist das, was du hier teilweise hier von dir gibst nur theoretisches Blabla.