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Lalo
12.01.2011, 17:14
@Alex Hat es Dich je (zu) sehr belastet, dass Du mit onkologischen Patienten zu tun hast? Schaffst Du die Waage zwischen Empathie und Abgrenzung?

Moorhühnchen
12.01.2011, 19:26
@ Lalo: zu Deiner Frage im ersten Beitrag, ob man Dich in der Inneren immer noch nehmen würde, wenn Du Dich in der Radioonko nicht wohlfühlst.... ich denke, da mußt Du Dir nicht so viele Sorgen machen! Du wirst mittlerweile genug Erfahrungen gesammelt haben, so daß Du auch in der Inneren bei der derzeitigen Stellensituation fast überall mit Kußhand genommen wirst - da bin ich mir sicher!! :-)

alex1
12.01.2011, 21:52
@Alex Hat es Dich je (zu) sehr belastet, dass Du mit onkologischen Patienten zu tun hast? Schaffst Du die Waage zwischen Empathie und Abgrenzung?
Arbeit mit onkologischen Patienten ist immer belastend.
Ich finde, dass eine gute Kombination aus Ehrlichkeit und Empathie der beste Weg sind.

Ein Vorteil der Radioonkologie ist, dass wir niemanden umbringen.
Klar verursachen wir Nebenwirkungen, aber umbringen tun wir niemanden.

In der medizinischen Onkologie selten, in der chirurgischen Onkologie manchmal und in der Hämatologie oft gibt es Patienten, die aufgrund der Behandlung versterben.
Das finde ich richtig schlimm, vor allem bei Patienten mit sonst guter Prognose. Ich hätte da grosse Mühe weiterzuarbeiten mit dem Wissen, dass ich Patienten aufgrund der Behandlung umgebracht habe,

Ich denke da an folgende Beispiele:
1. schwere Lungenschäden nach Bleomycin-Chemotherapie bei Chemotherapie wegen Lymphomen oder Hodentumoren.
2. perioperative Mortalität bei Lungen-OPs
3. schwere GvHD bei allogener Stammzelltransplantation

Lalo
17.01.2011, 13:40
@ Alex: Na ja... Sepsis nach Ganzhaut-RT? Darmperforation bei Becken/Bauch-RT? (ok, dürfte eigentlich nicht passieren, hast recht;-)) Pneumonitis mit Superinfektion nach Lungen-Ca-RT? Ok, tödliche Komplikationen sind nicht so häufig, wie in der Inneren Häm/Onko, aber geben tut es sie auch...

alex1
17.01.2011, 14:48
Sepsis nach Ganzhaut-RT?
Ich muss gestehen, ich habe nur 3 Ganzhaut-RTs in meiner Karriere gesehen, alle 3 ohne grosse Probleme. GanzhautRT ist ohnehin eine sehr seltene Indikation. In einer Praxis wirst du sowas nie sehen und selbst nicht alle Krankenhäuser/Kliniken haben das notwendige Know-how & Equipment eine solche Behandlung durchzuführen.


Darmperforation bei Becken/Bauch-RT?
Nie gesehen.
Fisteln habe ich gesehen, aber nur weil Tumor reingewachsen war. Fistel nach RT ohne Tumordurchbruch habe ich nie gesehen. Und selbst diese Fisteln waren nicht tödlich.


Pneumonitis mit Superinfektion nach Lungen-Ca-RT?
Patienten mit Pneumonitis habe ich einige gesehen, auch superinfizierte.
Allerdings ist keiner daran gestorben. Bei einem Fall war es aber knapp, der Patient musste auf Intensivstation, usw.
Man darf auch nicht vergessen, dass einige "verkauften" Pneumonitis-Fälle vermutlich Lymphangiosis sind.

Die einzigen Patienten, die ich an der Therapie verloren habe, habe ich an der Chemo verloren.
Meistens waren es massive Panzytopenien mit Infektkomplikationen.


Ok, tödliche Komplikationen sind nicht so häufig, wie in der Inneren Häm/Onko, aber geben tut es sie auch...
Wie gesagt, extrem selten.

Ein weiteres Beispiel war mir einfällt wäre Hirnnekrose nach Radiochirurgie oder Rezidivbestrahlung. Auch selten und meistens nicht tödlich, kann aber bei grossem Ausmass gefährlich werden. Auch hier ist die Differentialdiagnose der Tumorprogress und ich bin mir sicher, dass einige Patienten, die an "Hirnnekrose" nach Bestrahlung gestorben sind, eigentlich progredient waren.

Wenn du ein krasses Beispiel haben will, wie die Therapie einiger anderen onkologisch tätigen Kollegen Patienten umbringen kann, dann schau hier nach:
Mortalitätsrate von Patienten ist, die eine Pneumonektomie beim Stadium IIIA NSCLC nach neoadjuvanter Chemotherapie erhalten.
z.B.
http://ats.ctsnetjournals.org/cgi/content/abstract/annts;72/4/1149
Und das sind keine Daten aus einem Provinzkrankenhaus, sondern von MSKCC.

Rudiologe
23.09.2015, 10:28
Mal eine andere Frage an die Strahlentherapeuten (ich grabe den Thread mal aus): von wem lernt man eigentlich das ganze internistische Handwerkszeug, das man auf der strahlentherapeutischen Station braucht? Ich meine, in der Inneren selbst hat man ja die Oberärzte, die natürlich im Regelfall fachlich fit sind. In der Strahlentherapie hört sich das für mich so an, als ob die erfahrenen Ärzte sich eher nicht mehr auf Station rumtreiben (es ist ja sowieso nur ein Jahr Stationsarbeit vorgesehen). Das hieße doch aber, dass da niemand rumläuft, der über viel Erfahrung verfügt. Wie funktioniert das?

Nessiemoo
23.09.2015, 10:44
Mit viel Chaos & Überstunden. ^.^ Zumindest so das Gefühl hatte ich von meiner Famulatur.

Ne, also es gab da schon ein paar Oberärzte, die sich etwas mehr mit Innere und co auskennen. Und bei jedem etwas größerem Problem wird die Strahlentherapie sowieso unterbrochen und der Patient wird verlegt.

Rudiologe
23.09.2015, 14:01
Ach, und ich dachte immer, Chaos und Überstunden seien eher die Ausnahme in der Strahlentherapie. Wo war das denn, Nessie?

Nessiemoo
23.09.2015, 15:05
Lieber per PN :)

davo
23.09.2015, 15:23
Überstunden sind da glaub ich eher Standard, wenn man sich durch diverse ältere Berichte im Forum liest.

chondroklast
23.09.2015, 21:04
So ein bisschen Standardtherapie wie BZ-Einstellung, Blutdruckeinstellung, Infusionstherapie usw. lernt man idealerweise schon im Studium wenn man nicht nur am Strand im PJ lag. Es gibt auch noch Oberärzte und ältere Kollegen die eine Station betreuen und im Idealfall etwas wissen weiter geben. Komplexe Dinge kann man per Konsil abhandeln.
Ein paar Notfallsituationen wie epileptische Anfälle, Herzinfarkt und Lungenembolie, Blutungen usw. sollte man als grobes Ablaufschema sobald man Dienste hat verinnerlicht haben.

An einer normalen Strahlentherapie macht man nicht unbedingt viele Überstunden.
Habe schon mehrere Wochen eine 27 Betten Station in der Urlaubszeit allein führen müssen. Es ist dann stressig, aber man kommt auf jeden Fall vor 18 Uhr aus dem Haus (Uniklinik).
Jeder normale Strahlentherpeut möchte aber nach einer Weile in die Ambulanz bzw. an die Geräte. Reine Stationsarbeit bringt für den Facharzterwerb nicht so viel...

Rudiologe
24.09.2015, 09:44
Ok, dann auf jeden Fall danke für die Antworten! Bin gespannt, mache im PJ acht Wochen Strahlentherapie. Da ist man wohl hauptsächlich auf Station unterwegs, da werd ich ja einen ganz guten Eindruck bekommen hoffe ich.

Loreleye
02.10.2015, 20:36
@Überstunden

Die Überstundenanzahl hängt in der Radioonkologie, wie auch in anderen Fächern, mit der Besetzung zusammen. Am Anfang meiner Weiterbildung in einer Uniklinik waren wir sehr wenige Assistenten, viele freie Stellen und viele unbezahlte Überstunden, teilweise bis 20-21.00 abends, wenn man alles gescheit erledigen möchte, keine Mittagspause, viele Kündigungen. Aktuell: wir sind doppelt so viele Assistenten, fast immer Mittagspause, man kann in Ruhe, ohne zu viel Hektik arbeiten und kommt meistens pünktlich raus. Klar gibt es auch jetzt mal Tage mit viel krank/Urlaub, aber das ist ja absehbar. Allerdings sind jetzt auch alle Stellen besetzt, und niemand hat erstmal vor, zu gehen. Man soll das Fach aus der Interesse wählen, Personalsituation kann sich schnell ändern.

@Internistische Kenntnisse

Schmerzmedis, die Chemos und denen Nebenwirkungen, lernt man schnell auf der Station. Falls es kein Standardproblem ist, ziehen wir einen Konsiliararzt dazu, meistens OA von der jeweiligen Klinik, ist meistens ganz nett und mal lernt was dazu. Die Klinik hat in der Regel kurze Wege. Bei großen Problemen ist auch zusätzlich das Reateam bei Bedarf schnell vor Ort. In den palliativen Fällen wird es natürlich anders gehandhabt. Es steht in der ersten Linie die Lebensqualität.