Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Sind Kurzlehrbücher ausreichend für das Medizinstudium?
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Kackbratze
07.01.2011, 23:06
Ich glaube kaum, dass der Handchirurg, wenn er sich denn dann mal für diese Richtung entschieden hat, noch die Anatomie der Hand auf dem FF beherrscht
Aus dem FF vielleicht nicht, aber er sollte sie noch so gut beherrschen, dass er sie nur kurz anschauen muss, damit sie wieder im Gedächtnis auftaucht.
Wenn er sie in dem Bereich komplett neu erlernen muss, ist in der Vorklinik was falsch gelaufen.
Und auch Handchirurgie ist nicht bloss auf den Namen und Verläufen der Muskulatur basierend; Innervation, Faszienschichten, Gefäßversorgung, mögliche Amputationslinien, etc. sind alles Dinge, die man in der Anatomie bereits lernen sollte, damit man sie anwenden kann, wenn gefordert.
Und nicht nur der Handchirurg sollte wissen, wie der Unterarm + Hand aussieht.
Anästhesie (arterieller Zugang), Innere (BGA-Möglichkeiten), Unfallchirurgie, Gefäßchirurgie (Shuntanlagen), Neurologie.
Indirekt die Gynäkologen (welchen Nerven hat der Tumor in der Axilla kaputt gemacht), Pulmonologen+Thoraxchirurgen (Pancoast-Tumoren).
Neben den Humangenetikern, Laborärzten und Urologen fallen mir sonst keine Fachrichtungen aus dem Stehgreif ein, denen die Hand egal sein sollte....
Mr. Pink online
07.01.2011, 23:16
@DoctorNew
Ich weiss nicht was du unter wissenschaftlicher Arbeit/wissenschaftlichem Denken verstehst, aber zu Beginn steht überall und in jeder Wissenschaft die Auswendiglernerei. Egal ob du Bio, Chemie, Physik oder von mir aus Ingenieur studierst. Darauf baut wissenschaftliche Arbeit/Denken immer auf. Die Vorstellung, dass man sich in diesen Fächern das meiste mit Logik ohne fundiertes Faktenwissen herleiten kann ist schon fast märchenhaft romantisch. Die kochen auch nur mit Wasser!
Natürlich lernen Mediziner in der Vorklinik nur molekularbiologische, biochemische Grundlagen, aber das ist ein wichtiger Grundstein zum Verständnis medizinischer Forschung, medizinischer Tests, Krankheitsursachen ...blabla. Ich möchte mich später nicht als Arzt sehen, der Rezepte ausstellt, Diagnosen stellt und Tests anordnet nur weil er approbiert ist! Ich möchte auch verstehen warum.
Und dabei geht es dann nicht darum ob ich weiss wie der Biochemiker im Labor eine 200µl Pipette benutzt oder wie lange er die PCR bei 72° und in welchem Puffer laufen lässt, sondern schlicht um das theoretische Verständnis der Abläufe. Wir werden als Mediziner schließlich nicht wie die Biologen, Chemiker, usw. zu Laborarbeitern ausgebildet, sondern als Bindeglied zwischen Patient und Labor! ;-)
Autolyse
07.01.2011, 23:19
[...]
Das Beispiel mit den Juristen finde ich übrigens recht gut, um einen weiteren Punkt zu erläutern. Der Jurist lernt eben nicht das Strafgesetz auswendig, das darf nämlich zu jeder Klausur mitgeführt werden. Er lernt vielmehr zu verstehen, wie er das Gesetz auslegt und damit Streitstände auflöst. Der Jurist wird aber nicht dadurch gut, das StGB auswendig zu können. Genau das meine ich auch in Bezug auf die Anatomie. Grundkenntnisse halte ich für wichtig, genauso aber wie ein Grundverständnis, um eben Detailfakten bei Bedarf schnell lernen und anwenden zu können.
[...]
Das immer wieder gebrachte Beispiel geht doch an der Realität vorbei. Juristische Klausuren besteht man nicht dadurch, dass man in der Lage ist Normen auszulegen. Juristische Klausuren besteht man dadurch, dass man die Probleme des Sachverhalts erkennt, dafür braucht es Problembewusstsein, und darauf die auswendig gelernten Prüfungsschemata, Definitionen und soweit erforderlich Meinungsstreits anwendet. Kein Korrektor möchte Ausführungen zur historischen Auslegung in der Klausur lesen, abgesehen davon hat man in der Klausur keine Zeit in epischer Breite über den Aufbau der eigenen Argumentation nachzudenken, der muss in Grundzügen bereits vorher gekannt werden.
Bensona!
07.01.2011, 23:20
*Popcorn*
DoctorNew
07.01.2011, 23:23
@Kackbratze
Hier müssen wir aber doch eindeutig wieder zwischen Grundlagen und Detailwissen unterscheiden. Ich würde mich zudem wundern, wenn in einer typischen internistischen Abteilung auch nur einer von zehn Assistenten die Anatomie von Hand und Unterarm noch detailiert im Kopf hätte. Und um eine Arterie zu legen braucht man immer noch kein Wissen über Ursprünge und Ansätze irgendwelcher Muskeln im Bereich des Unterarms oder detailierte Kenntnisse der Sehenscheiden.
@Mr Pink
Also zwischen dem Verstehen von grundlegenden Zusammenhängen und dem Auswendiglernen von Fakten liegen aber meilenweite Unterschiede. Weder in der Physik, noch in Ingenieurwissenschaften wird annähernd so viel stupide auswendig gelernt, wie in der Anatomie. Die Herangehensweise an das Lernen der Zusammenhänge ist in diesen Gebieten ganz anders geprägt. Wie schon erwähnt dürfen Ingenieure meist sämtliche Unterlagen und Bücher in Klausuren verwenden. Es hat wohl doch seine Gründe, dass der typische Spruch eines Ingenieurs über Mediziner lautet, dass die meisten ohne Nachdenken über den Sinn auch das Telefonbuch auswendiglernen würden.
Also zwischen dem Verstehen von grundlegenden Zusammenhängen und dem Auswendiglernen von Fakten liegen aber meilenweite Unterschiede. Weder in der Physik, noch in Ingenieurwissenschaften wird annähernd so viel stupide auswendig gelernt, wie in der Anatomie. Die Herangehensweise an das Lernen der Zusammenhänge ist in diesen Gebieten ganz anders geprägt. Klar, die Ingenieure können sich ja ihre Maschinen auch weitgehend so bauen wie sie wollen. Wenn irgendwo ein anderes Zahnrädchen besser wäre, dann können die das einbauen.
Wir müssen halt leider den Körper nehmen, den der Patient mitbringt. Und der hat halt 5 Finger an jeder Hand - auch wenn man sich vielleicht irgendwie mechanisch herleiten könnte, dass 6 besser wären.
Deshalb müssen Mediziner die Spezifikationen ihres "Arbeitsgeräts Körper" lernen, verändern können wir sie eh nicht. Der Ingeneur hat den Luxus, dass er die Spezifikationen selber festlegen kann und muss, deshalb ist auch seine Ausbildung und Arbeitsweise eine ganz andere.
Latent OT, aber der Thread is ja eh schon jenseits von gut und böse: :-oopss
Des weiteren muss ich mal feststellen, dass diese Vergleiche mit anderen Berufsgruppen und was die anderen alles besser können irgendwie nicht weiterhelfen. Klar kann der Biochemiker besser pipettieren und findet das was ein Mediziner an Biochemie macht ganz poplig, aber dafür kann ich auch besser sonographieren. Deshalb bin ich Arzt und er ist Biochemiker.
Unterschiedliche Berufe stellen eben unterschiedliche Anforderungen, da muss man gar nicht versuchen allen nur erdenklichen Berufsgruppen auf ihren ureigenen gebieten zu übertrumpfen. Biochemie ist für die Mediziner halt nur eine Hilfswissenschaft, würden wir alles so toll machn wie die Biochemiker, dann bräuchte man davon keine mehr, sondern könnte gleich Ärzte nehmen.
Der durchschnittliche Polizist schießt vermutlich besser als der durchschnittliche Arzt - ist mir aber egal, ich hab da genauso wenig den Ehrgeiz besser zu sein, wie ich versuchen würde einen Biochemiker in Biochemie zu übertrumpfen.
Es hat wohl doch seine Gründe, dass der typische Spruch eines Ingenieurs über Mediziner lautet, dass die meisten ohne Nachdenken über den Sinn auch das Telefonbuch auswendiglernen würden.Da wir ja alle studiert haben wissen wir ja wie weit weg dieser Spruch von der Realität ist.
Ich:1-Gott:0
08.01.2011, 01:09
was so paar wörter verusachen können...ist ja nicht normal-->14 seiten:-wow:-party
DoctorNew
08.01.2011, 01:09
@Rico
Natürlich will der Mediziner sich nicht mit dem Biochemiker in der Biochemie messen. Genauso wie die Biochemie ist aber auch die Anatomie für den Mediziner eine Hilfswissenschaft. Meine Aussage dazu bezog sich auf die von Mr. Pink propagierte wissenschaftliche Grundausbildung. Ich sehe halt bei vielen Details aus der Anatomie oder auch der Biochemie schon seit Jahren, sowohl während als auch jetzt nach dem Studium, immer noch nicht die klinische Relevanz, warum ich das einmal auswendig lernen musste. Ein Detailgrad, der aber nur für einzelne Fachgruppen, sei es der vielzitierte Handchirurg, oder eben nur akademisch Sinn macht, hat bei einem Fach, was letztendlich Hilfswissenschaft darstellt, in meinen Augen keinen Sinn.
Die unterschiedliche Auffassung zum Auswendiglernen hat aber wohl nicht nur die Ursache darin, dass der Maschinenbauer seine Maschine selbst bauen kann. Der Physiker gründet ja seine Erkenntnisse beispielsweise auch auf Experimenten und Anschauungen. Die Grundeinstellung ist in diesen Fächern einfach eine ganz andere. Im Allgemeinen hatte ich aber während dem ganzen Studium das Gefühl, dass in der Medizin mehr Wert auf Faktenwissen, als auf tiefes Verständnis gelegt wird.
Aber die Diskussion ist natürlich auch sehr müßig. Wer die Vorklinik für essentiell wichtig hält, wird immer Beispiele finden, die das belegen. Das selbe gilt für die gegenteilige Meinung. Gab hier ja auch vor Zeiten mal einen Thread, wo es um die Bedeutung der Physikumsnote als Gradmesser für die fachliche Befähigung im späteren Arztleben ging. Ich glaube, da kam man auch nicht überein.
Ehemaliger User 05022011
08.01.2011, 09:06
@Mr Pink online
Also das Auswendiglernen von Fakten hat aber mit richtiger Wissenschaft oder dem Schulen wissenschaftlichen Denkens nicht viel gemeinsam. Auch die wissenschaftliche Methodik ist mir so wirklich in der Vorklinik nicht begegnet.
da klingt ja immer so schön : Ausweniglernen ist hat nicht mit richtiger Wissenschaft zu tun und nur die Fähigkeit wissenschaftliche Methoden anwenden zu können ist die Krone der Wissenschaft, aber zunächst braucht man eben, um überhaupt mitreden zu können, ein großes Faktenwissen und Fakten muss man halt erst mal auswendig lernen, Zusammenhänge kann man erst dann denken, wenn man die Einzelfakten kennt
so ungern wie auch ich jede Menge Fakten auswendig lerne, ohne geht es nun mal nicht, so einfach ist das und da unterscheidet sich halt die Mathematik sicher deutlich von der Medizin
was so paar wörter verusachen können...ist ja nicht normal-->14 seiten:-wow:-party
doch, das ist die Realität dieses Forums in dem sich diskutierfreudige Menschen aufhalten :-D
Klar, die Ingenieure können sich ja ihre Maschinen auch weitgehend so bauen wie sie wollen. Wenn irgendwo ein anderes Zahnrädchen besser wäre, dann können die das einbauen.
Wir müssen halt leider den Körper nehmen, den der Patient mitbringt. Und der hat halt 5 Finger an jeder Hand - auch wenn man sich vielleicht irgendwie mechanisch herleiten könnte, dass 6 besser wären.
Der durchschnittliche Polizist schießt vermutlich besser als der durchschnittliche Arzt
:-top
ob Ingenieure es auch so schön auf den Punkt können bringen wie Rico ?
Wer die Vorklinik für essentiell wichtig hält, wird immer Beispiele finden, die das belegen.
Bei aller Freude am Diskutieren, sie ist wichtig, dass kann man nun wirklich nicht wegdiskutieren Doctore. Ohne Vorklinik - so ätzend wie sie auch ist - geht es aber doch nun wirklich nicht, ich wüsste nicht wie ich ohne grundlegende Kenntnisse der Biochemie, Anatomie e.c. die klinischen Fächer verstehen sollte - dann würde man wirklich ohne jedes Verständnis nur auswendig lernen :-dagegen
Bensona!
08.01.2011, 09:38
Also Faktenlernen muss jeder mal, egal in welches Fach man da studiert. Wir mussten ja auch das 1x1 in der Schule auswendig lernen :-oopss
netfinder
08.01.2011, 10:16
Also Faktenlernen muss jeder mal, egal in welches Fach man da studiert. Wir mussten ja auch das 1x1 in der Schule auswendig lernen :-oopss
Und das kannst Du noch? :-))
Bensona!
08.01.2011, 11:17
Muss da manchmal länger nachdenken, als ein 8jähriger ^^
DoctorNew
08.01.2011, 11:18
@Khiri
Natürlich stellen Grundsätze in Anatomie, Physiologie und Biochemie eine Basis für das spätere Verstehen klinischer Zusammenhänge dar. Das habe ich aber an keiner Stelle bestritten. Ich finde halt nur, dass vieles, was insbesondere in der Anatomie gelehrt wird, weit über das hinaus geht, was wirklich nötig wäre. Und da Auswendiglernen erstmal nur zum Anhäufen von vergänglichem Wissen dient, sollte man doch schauen was der Mediziner wirklich im Kopf haben muss, und was es sich lohnt eher bei Bedarf nachzuschauen. Vor einigen Jahren traf ich bei einer Famulatur auf einer Neurologie durchaus Assistenzärzte und Oberärzte, die zur Diagnostik die von den Störungen betroffenen Dermatome einfach im Atlas nachschlugen. Das Verständnis, was ein Dermatom ist und wofür man es anwendet, hatten die natürlich trotzdem , schlugen aber einzelne Fakten nach. Waren das jetzt Schmalspurneurologen? :-D
Auch habe ich, wie schon erwähnt, in einem Seminar einige Orthopäden getroffen, die U und A von Muskeln nicht für wirklich notwengiges Wissen hielten, trotzdem wird in der Anatomie da ein immenser Lernaufwand für eingesetzt. Auch hier denke ich, dass jeder, der weiß, wo der Muskel grob liegt, sich genauso seine Funktion (u.ä.) erklären kann, ohne dass er jetzt die genauen Processus und Kondylen herunterrattern kann. Waren das jetzt Schmalspurorthopäden?
Also ich will die vorklinischen Fächer sicherlich nicht wegdiskutieren. An den gelehrten Inhalten und der Organisation im Verhältnis zu den klinischen Fächern könnte man aber durchaus etwas ändern. Aber das tun heutzutage ja schon einige der in den letzten Jahren entstandenen Modellstudiengänge.
Auch will ich nicht bestreiten, dass man ein gewisses Faktenwissen im Kopf braucht. Sehr wohl bin ich aber gegen die Aussage, prinzipiell alle Inhalte auswendiglernen zu müssen. Da plädiere ich auch für ein größeres Problembewusstsein seitens der Prüfer, was denn nun wirklich auswendig gewusst werden muss und wo es reicht, zu wissen, wo man die Information findet.
John Silver
08.01.2011, 19:18
Besonders lustig sind die Erstklässler...äh, Erstsemestler, die mir erklären wollen, was später im "Berufsleben" wichtig sei. Deshalb ein Paar Beispiele:
1. Es gibt den Plexus cavernosum recti und die Analvenen. Ich wette, dass ihr alle den Unterschied zwischen diesen beiden Strukturen nicht kennt, und dass keiner von euch in der Lage ist, diese Strukturen und ihre Beziehung zu benachbarten Strukturen zu bezeichnen, ohne vorher im Lehrbuch nachzusehen. Das sind doch alles unwichtige Details, stimmt's? Ganz bestimmt - und deswegen kennen schätzungsweise 90% aller Leute mit ärztlicher Approbation in unserem schönen Lande nicht den Unterschied zwischen Hämorrhoidalleiden und Analvenenthrombose, obwohl beides häufige Erkrankungen sind; und bevor ihr wieder mit "aaaber ein Augenaaarzt!" kommt, verrate ich euch, dass Augenärzte, HNOler, Humangenetiker etc. nicht mal ansatzweise 90% ausmachen, und alle anderen (Allgemeinärzte, Internisten, Chirurgen, Hautärzte etc.) mit diesen Erkrankungen häufig konfrontiert werden und häufig schon bei der Diagnosestellung kläglich versagen.
2. Die Anatomie der Leiste und des Leistenkanals versteht vielleicht 1 von 100 Studenten, die ihr Staatsexamen machen. Ist ja klar, ist doch unnötig. Es wollen aber (zum Grück) weit mehr davon Chirurgen werden und Leistenhernien operieren. Nach meiner Erfahrung schauen vor der Operation vielleicht 5 von 10 sich die Anatomie der Leiste an, wobei wiederum 3 von 5 diese auch danach nicht wirklich verstehen. Dann operiert man seine Leisten mit dem Oberarzt, der einem immer schön vorsagt, was man machen soll, und einen vor Fehlern bewahrt. Dann ist man Facharzt, hat eine gaaanz dicke Hose, operiert seine erste Leistenhernie allein und baut das Netz ventral der Externusaponeurose ein (Nichts verstanden? Hm...).
3. Bleiben wir bei der Leistenhernie. Fast jeder Anfänger muss gestoppt werden, bevor er oder sie den Unterrand des Netzes beim Lichtenstein an das Leistenband annäht, weil fast alle zu richtig schön tiefen Stichen ausholen, soll ja stabil werden, ist doch klar; dass darunter ein Paar echt dicke Gefäße laufen - naja, das sind doch Details, die kann man später immer nachschauen.
4. Bei der Sonografie der Nieren fangen die meisten Neulinge mindestens 10-15 cm zu tief an.
Ich kann Dutzende solcher Beispiele anbringen. Soviel zu "überschätzter" Anatomie. Wie ein ehemaliger Oberarzt von mir immer zu sagen pflegte: "Chirurgie ist Anatomie". Je besser man die Anatomie kennt, desto besser versteht man, was man operiert. Und wer die Anatomie nicht wirklich versteht, und immer nur soviel wie zum Bestehen der Prüfung nötig lernt, der wird auch später nur "auswendig" operieren, und das ist mal ziemlich schlecht, ehrlich.
Ich sage nicht, dass das Lernen aus den dicksten Lehrbüchern das einzig Wahre sei. Das ist es sicher nicht, insbesondere bei der Vorbereitung auf multiple-choice-Klausuren oder auf das HEx, weil diese Prüfungen nur durch Kreuzen gut zu meistern sind; und auch die Anzahl der Klausuren, die man pro Semester zu bewältigen hat, ist zu groß, um sich wirklich fundiert vorbereiten zu können. Doch was war die ursprüngliche Frage, die zu dieser Diskussion geführt hat? Die Frage war, ob man auf Vorlesungen pfeifend und nur aus Kurzlehrbüchern lernend durchs Studium kommen kann. Und ich bleibe dabei: Man kann, aber das Ergebnis ist meist bestenfalls mittelmäßig, Freunde der Sonne. Es gibt das Lernen für Prüfungen, und es gibt das Lernen, um etwas zu verstehen und zu wissen. Sind zwei Paar Schuhe. Das Studium besteht nicht nur aus Prüfungen und Vorlesungen; eine der wichtigsten Sachen, die man im Studium lernen sollte, sind nicht die vielen Fakten, sondern die Tatsache, dass man nur dann wirklich gut werden kann, wenn man kontinuierlich lernt und kontinuierlich liest. Es geht zu tief ins Detail? Überspringen und weiter. Man kann kein Fachmann für alles werden; aber der Blick fürs Detail gehört zu den wichtigsten Unterscheidungskriterien zwischen guten Leuten und der Masse, die sich gerade so durchwurschtelt, wie sie sich schon im Studium gerade so durch die Prüfungen durchgewurschtelt hat. Nur wenn man das Maximum anstrebt, kann man wenigstens gut werden.
Mr. Pink online
08.01.2011, 19:49
Ich stimme dir zu, schon allein weil in jeder Klinikvorlesung der Impact von Anatomie und Physiologie betont und auch an Beispielen belegt wird.
Nur eins weiss ich genau so sicher: nur mit KLB durch die Vorklinik - wird nicht funktionieren. Dafür gibt es, zumindest an meiner Uni, zu viele mündliche Testate. Multiple Choice ist natürlich eine andere Geschichte, da reicht es ja meistens Altklausuren zu kreuzen und, falls man sich die Mühe machen will, ein KLB lesen. :P
John Silver
08.01.2011, 19:54
Durch die mündlichen Testate schafft man es mit Kurzlehrbüchern auch, und wenn Details abgefragt werden, dann kann jeder Prüfer bei Bedarf viel tiefer graben als Du lernen kannst. Mir geht es vor allem darum, zu betonen, dass das Lernen für Testate und Klausuren nur eine notwendige Hürde im Studium darstellt; man sollte aber nicht nur dafür lernen, sondern auch parallel dazu "fürs Leben". Dafür kann man lernen wie man lustig ist, aber das Resultat sollte mehr als nur das Bestehen der Klausuren sein.
Nennt mich ruhig einen Streber.
Giant0777
08.01.2011, 19:56
@john silver: ich finde deine beispiele sehr gut und auch realitätsnah gewählt. mein eindruck ist ( ich studiere noch und so ist mir ein absoluter blick in den alltag eines arztes noch ein wenig verwehrt ) zumindest fürs studium der, dass man grade in der klinik von fach zu fach rauscht und versucht über die runden zu kommen. details bleiben zumindest bei mir leider auf der strecke.
dinge, die ich in der vorklinik gelernt habe, habe ich leider auch hier und da vergessen. und ich merke auch, dass die prüfungsschwerpunkte der prüfungen in diesem abschnitt andere waren, als das was man heute in den klinischen fächern als wichtig erachtet. insofern ist schon ein grosser unterschied zwischen vorklinischen und klinischen anspruch zu merken. und ich bin fest überzeugt davon, dann im beruf später dieser unterschied auch wieder auftritt.
was will ich also nun sagen: m.m. führt einige inhalte in der vorklinik vorbei an der klinik und weiter geht diese problematik richtig späteren beruf. viele dinge aus der biochemie sind mir im jetzigen teil meines studium zumindest in der tiefe nicht mehr wiederbegegnet. auch in der anatomie stelle ich das fest. das einzige fach, von dem heute noch absolut profitiere ist physio. ABER, ich muss auch heute noch manchmal meine alten physiobüchern rausbuddeln, um was nachzulesen. und ich glaube, dass jede facharztbranche eben manche sachen aus der vorklinik mehr braucht, als andere richtungen ( ob ein augenarzt nun wirklich den glykolyse wissen muss?! ). wir sind einfach brutall ot geworden und die frage, ob nun klb kann doch nicht ausreichend beantwortet werden, weil es eben von sovielen faktoren abhängt.
wichtig ist für mich aus der diskussion, dass ich 1. die klinik wohl zu sehr auf klausuren bestehen reduziere ( aber bei der menge an klausuren auch nicht weiss, wies anders gehen soll ), 2. meine augen/ohren bei "echten" ärzten in famus/pj offen halte, weil ich denke hier zu merken, was wirklich wichtig ist und 3. ich als fertiger arzt wohl doch hin und wieder was nachlesen muss, weil ich es eben vergessen habe. und diese form der weiterbildung kann sich ja wohl jeder eingestehen, ob nun physikum mit 1 oder mit 4 gemacht!
lg,giant
John Silver
08.01.2011, 20:02
@Giant0777:
Du hast mich auch nicht ganz verstanden. Natürlich wirst Du als fertiger Arzt immer wieder etwas nachlesen müssen. Die, die es nicht tun, tun es nur der Faulheit und Bequemlichkeit wegen nicht. Und genau das ist der springende Punkt: die einen lernen, um zu verstehen und zu wissen, die anderen, nur um durchzukommen. Dreimal darfst Du raten, wer klinisch kompetenter ist.
Giant0777
08.01.2011, 20:14
@john silver: ich fand dein beispiel schon gut und denke auch, dass wir im wesentlichen die gleichen ansätze haben.
ich bin nur zu meiner persönlichen erkenntnis gekommen, dass klausuren bestehen eben das eine ist und später im beruf zu bestehen etwas ganz anderes. letztlich ist es wohl ein strukturelles problem unseres studiums, dass wir gut auf den späteren beruf vorbereitet werden oder eben nicht.
die tragweite, was wichtig ist, bemerke ich erst langsam je weiter ich im studium komme. in der vorklinik hätte ich mich aber natürlich auch gefreut, wenn ich mit weniger aufwand durch die vk gekommen wäre.
naja, wahrscheinlich alles viel zu weit weg vom eigentlichen thema....:-D
schönes we:-))
Ich mußte Bratzes Anmerkung (oder Spruch) schmunzeln, dass viele eh erst im 7. Semester merken, wie wichtig Anatomie/Physio/Biochemie usw. sind. Zumindest bei mir kann ich das auch feststellen! Die gute Nachricht: Es kann auch ein überzeugter Kurzlehrbuchnutzer im klinischen Studium kontinuirlich mit guten Büchern lernen und ich finde inzwischen an einigen anatomisch/physiologischen Details Freude, die mich in der Vorklinik sehr gelangweilt haben oder die ich mir nur schwer merken konnte. Es gibt in der Klinik (zumindest in Marburg) durchaus entspannte Zeiten in den Semestern und man hat schon Zeit sich seinen Interessen zu widmen.
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