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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 3 Telefone in der Kitteltasche



Relaxometrie
28.02.2011, 23:30
Ich bekommen derzeit über Erzählungen einer Bekannten die Dekompensation einer Inneren-Abteilung eines Krankenhauses der Grund- und Regelversorgung mit und frage mich, wieviel man akzeptieren und mitmachen muß, und wann die Zustände so untragbar werden, daß man sich ernsthaft wehrt.
Aktuell kommen dort einige Kündigungen zum Tragen, erfahrene Leute gehen (Krankenhauswechsel, Wechsel in Praxis......das Übliche) zwei neueingestellte Kollegen sind absolute Berufsanfänger. Jetzt müssen also die täglich zu besetzenden Arbeiten unter den wenigen noch vorhandenen Ärzten aufgeteilt werden, was neben allen möglichen fragwürdigen Konstellationen auch mal dazu führt, daß ein Arzt nicht nur seinen eigenen Funk in der Tasche hat, sondern auch noch den der Notaufnahme und den Notarztfunk :-((
Ist das die deutsche Medizin? Sprich: wenn dieser Arzt jetzt zum Notarzteinsatz raus muß, kann es sein, daß die Notaufnahme im eigenen Krankenhaus halt mal 'ne Stunde (oder länger, eventuell sogar viel länger) ärztlich nicht besetzt ist.
Ich denke, daß jeder diese Zustände kennt. Ich selbst hatte in der Psychiatrie auch mal stundenweise mehrere Funks in der Tasche und fand es schon zum Kotzen, bei fast jeder Tätigkeit unterbrochen zu werden. Aber Notaufnahme + Notarztfunk in der Inneren ist schon krass!
Akzeptieren? Streik? Was tun?

psycho1899
28.02.2011, 23:40
Schwierig... offenbar scheint das Problem ja nicht die Anzahl an Stellen, sondern die Besetzung derselbigen mit zumindest durchschnittlich fähige Leute zu sein.

Notarzt könnte man ja mit Leihnotärzte abdecken.

Ansonsten, glaube ich, ist es ein an peripheren Häusern in relativ unattraktive Regionen (wobei das ein immer weiter werdender Begriff wird) ein immer mehr zur Regel werdender Zustand.

Das erinnert mich daran, wie ich als junger Assistent, damals selbst an einem peripheren Haus in einer jedoch relativ attraktiver Stadt tätig, während einer Fortbildung von einem Oberarzt aus einer unweit entfernten Stadt angesprochen wurde, ob ich Leute kenne, die Interesse an meinem Fachgebiet hätten. Sie suchten dringend Personal und die einzige relevante Voraussetzung sei die Beherrschung der deutschen Sprache. Daraufhin entgegnete ein mithörender alter Neurochirurg verächtlich schnaubend "Bald ist die einzige Voraussetzung der aufrechte Gang".

Wahrscheinlich gar nicht so unwahr.

Rico
28.02.2011, 23:52
wenn dieser Arzt jetzt zum Notarzteinsatz raus muß, kann es sein, daß die Notaufnahme im eigenen Krankenhaus halt mal 'ne Stunde (oder länger, eventuell sogar viel länger) ärztlich nicht besetzt ist. Na, die Notaufnahme wird schon nen anderen Arzt anrufen wenn ein STEMI vor der Tür steht, bzw. der Arzt den Piepser weiterreichen bevor er ausrückt.
Unsere (universitäre) Notaufnahme ist ganz planmässig wochenends und feiertags am Vormittag nicht ärztlich besetzt weil da laut Unternehmensberatung eh kaum ein Patient kommt. :-nix
Da gruselt es mich jetzt eher bei....

psycho1899
28.02.2011, 23:58
Na, die Notaufnahme wird schon nen anderen Arzt anrufen wenn ein STEMI vor der Tür steht, bzw. der Arzt den Piepser weiterreichen bevor er ausrückt.
Unsere (universitäre) Notaufnahme ist ganz planmässig wochenends und feiertags am Vormittag nicht ärztlich besetzt weil da laut Unternehmensberatung eh kaum ein Patient kommt. :-nix
Da gruselt es mich jetzt eher bei....

Ha ha ha ha... maximale Marginalvesorgung :-D Darf ich fragen, um welche Fachrichtung es sich handelt, bei denen keine Patienten am Vormittag kämen?

Rico
01.03.2011, 00:19
Innere... da kommen eh kaum Patienten... kleines Orchideenfach....

Lava
01.03.2011, 00:22
Anzeigen. Zumindest bei uns hat das dazu geführt, dass in einer personalschwachen Abteilung einige Leihärzte eingestellt wurde. Scheunt billiger zu sein als die Strafen, die man für Verstoß gegen das AZG zahlt. :-nix Eine Lösung für das Problem ist das natürlich nicht, aber so bleibt die klinik zumindest halbwegs handlungsfähig.

Relaxometrie
01.03.2011, 00:41
um welche Fachrichtung es sich handelt, bei denen keine Patienten am Vormittag kämen?
Schlaflabor ;-)


Innere... da kommen eh kaum Patienten... kleines Orchideenfach....
Hatte ich nicht im Studium. Oder? Innere? Grübel.


Anzeigen. Zumindest bei uns hat das dazu geführt, dass in einer personalschwachen Abteilung einige Leihärzte eingestellt wurde.
Es gab ein Gespräch mit Chef und Verwaltung, was kaum Änderungen ergeben hat: man einigte sich auf marginalen Bull$hit, der Rest waren leere Versprechungen. Aber keine Leihärzte.
Ich frage übrigens nicht im Namen der Bekannten, denn die lässt ihren Vertrag eh auslaufen und ist nur noch wenige Wochen dort :-))
Aber ich halte die beschriebene Situation für häufig vorkommend und möchte einfach mal diskutieren, wieviel man bereit sein sollte, mitzumachen.

Kackbratze
01.03.2011, 07:28
Die Frage ist, ab wann sind die Anfänger eingearbeitet? Ab wann sind Veränderungen absehbar?
Sicherlich keine schöne Arbeit, aber wenn es sich nur um 2-3 Wochen handelt?
Was machen eigentlich die OAs der Klinik? Nehmen die auchmal einen Funk in die Hand oder schauen die nur artig beim Dekompensieren zu?

nicci81
01.03.2011, 11:52
also bei uns (Unfallchirurgie/Ortho - Schwerpunktversorgungshaus):
Wir sind zur Zeit auch etwas unterbesetzt und haben 2 "Frischlinge" (frisch aus der Uni ohne PJ, weil im Ausland studiert), welche man definitiv noch nicht allein in der Notaufnahme lassen kann.
Ich bin im 3. Jahr und bei uns schon eine der "Großen" was natürlich auf der einen Seite super fürs Ego ist, auf der anderen Seite natürlich nicht so sein sollte. Der Vorteil bei uns: Die OÄ´s sind super...wenn ich zwischen Station, Babyhüftsonos und Notaufnahme das Gefühl habe es läuft nicht, genügt ein Anruf und ein OA steht da. Natürlich hat diese Art auch 2 Seiten. Es gibt sicher Leute, die nie anrufen und andere die immer anrufen...das kommt gut oder weniger gut in der oberen Ebene an. Da liegt es echt an einem selber was man bereit ist zu "zahlen". Möchte ich mir ein entspannten Tag machen, bimmel ich nach oben, möchte ich in der Karriereleiter nach oben acker ich mich auf...man muß da meines Erachtens nach den Mittelweg finden. Ich arbeite gern hart, wenn ich sehe dass es mir was bringt, aber wenn ich mich ausgenutzt fühl das tue ich das Kund! Damit fahr ich ganz gut bisher...

Alles in allem wussten wir, dass wir einen Job machen der auch mal hart sein kann. Wer das nicht abkann hat das falsche gelernt. Aber aufackern muß man sich nicht, da gibt es andere Möglichkeiten...

:-meinung

MediHH
01.03.2011, 12:08
Das vormittags am Wochenende in der Inneren zu Fuß keine Patienten kommen halt ich mal für ein übles Gerücht. Bei uns (Innere Uni) sind immer 2 Innere Assis auf der Notaufnahme. Die braucht man auch. Gerade am Feiertag kippen einem doch die Pflegeheime alles was nicht bei 3 auf den Bäumen ist vor die Tür.

Brutus
01.03.2011, 12:43
Ähm, hallo? Vielleicht kommt die Realität mittlerweile auch in den Unikliniken an!
Ich kenne Krankenhäuser der Regelversorgung, da sind im Dienst (also nach 16:00 Uhr und am Wochenende) genau 2 Ärzte im Haus. Ein Chirurg und ein Internist. Und dreimal dürft ihr raten, wer den Notarztfunk bekommt... Na klar, der, der morgens zu spät kommt :-)) :-))
Das führt dann dazu, dass es Situationen gibt in denen der Chirurg im OP steht, der Internist im roten Spaßmobil unterwegs ist und der Rest des Krankenhauses halt mal einfach so zurechtkommen muss. Gut, zur Not ist ja noch der Anästhesist da, der bei einem wirklichen Notfall halt jurz raus muß...

Relaxometrie
01.03.2011, 12:49
Alles in allem wussten wir, dass wir einen Job machen der auch mal hart sein kann. Wer das nicht abkann hat das falsche gelernt.
Zum Teil richtig.
Nur muß ich zugeben, daß ich schlecht damit klar komme, teilweise Mangelverwalterin zu sein (je mehr Telefone in der Kitteltasche stecken, desto mehr Funktionen muß ich gleichzeitig ausüben, weil Personalmangel herrscht), mir dabei echt alle Mühe zu geben, und dann trotzdem in viele entnervte Gesichter blicke (fordernde Patienten, wartendes und selbst gestresstes Pflegepersonal, nölende Angehörige). Man fühlt sich dabei manchmal irgendwie wie das letzte Glied der Nahrungskette.

Relaxometrie
01.03.2011, 12:57
Ich kenne Krankenhäuser der Regelversorgung, da sind im Dienst (also nach 16:00 Uhr und am Wochenende) genau 2 Ärzte im Haus. Ein Chirurg und ein Internist.
Das ist in besagtem Haus auch der Standard. 3 Ärzte: Chirurg, Internist, Anästhesist.
Wenn der chirurgische Assi im OP ist, versorgt der internistische Assi die chirurgischen Patienten der Notaufnahme:
Nett, wenn man interdisziplinäres Arbeiten mag (was bei mir ja theoretisch der Fall ist). Grundverkehrt, wenn man weiß, daß es den allwissenden und in allen Gebieten bewanderten Arzt -vorallem bei unseren Ausbildungsbedingungen- nicht mehr geben kann.

Die Niere
01.03.2011, 13:23
An meiner letzten Stelle ist es normal ab 23 Uhr den persönlichen Sucher, den Dienstassistentensucher, den Oberarztsucher und den Gastro-Sucher auf sich zu tragen. Der Hepato-Sucher wurde netterweise direkt umgeleitet :-D.

War aber vom Arbeitsaufwand kein Problem und nicht vergleichbar mit der oben genannten Situation.

lg, niere

Kackbratze
01.03.2011, 15:35
Manchmal frage ich mich, ob das überhaupt möglich ist und wer sowas überhaupt mitmacht...

Rico
01.03.2011, 16:05
Das vormittags am Wochenende in der Inneren zu Fuß keine Patienten kommen halt ich mal für ein übles Gerücht. Bei uns (Innere Uni) sind immer 2 Innere Assis auf der Notaufnahme. Die braucht man auch. Gerade am Feiertag kippen einem doch die Pflegeheime alles was nicht bei 3 auf den Bäumen ist vor die Tür.Ach was?
Dachten wir auch, aber dazu sagte die Unternehmensberatung: "Das ist jetzt Ihre subjektive Wahrnehmung." :-wand

Außerdem geht es nicht nur um die, die zu Fuß kommen, sondern um alles internistische was nicht intensivpflichtig ist...

Sebastian1
01.03.2011, 17:20
Ich glaub, wir sollten alle Mal auf Unternehmensberater umschulen. Sowas hatten wir auch da, dazu tolle Umfragen, Ergebnispräsentationen, Gespräche. SUbjektiv Empfunden hat sich nicht wirklich etwas geändert, zumindet nicht in meiner täglichen Arbeitsroutine.

pottmed
01.03.2011, 17:28
Nach einem längeren Praktikum in einer großen deutschen Unternehmensberatung, dass ich in meinem vorherigen Studium absolviert habe, kann ich nur sagen.... wenig Substanz, viel heiße Luft.

Da werden Krankenhäuser von den ehemaligen Managern von Autokonzernen beraten. Ergebnis.... reine Zahlenanalyse -> Notaufnahme Samstags vormittags unbesetzt. Das Medizin nicht reine Zahlenanalyse ist, scheint dort nicht anzukommen.

Passend dazu eine Zahl aus der FAZ von vergangenem Samstag. Da behauptet doch glatt jene große deutsche Unternehmensberatung auf der Titelseite des Karriere-Teils, dass sich 23 % aller deutschen 1,0 Abiturienten nach ihrem Studium bei ebenjener Firma bewerben würden. Wer's glaubt :-keks

Kackbratze
01.03.2011, 18:23
Die anderen 77%, die sich nicht beworben haben.
Und der gesamte Rest.

Die Wahrheit interessiert doch nicht.