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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Warum wollen junge Mediziner keine Praxis auf dem Land führen?



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Lucida
08.08.2011, 08:24
Ich habe auch noch ein paar Sachen zur Allgemeinmedizin im hinterkopf, weiß aber nicht genau in wie weit das so stimmt. Vielleicht kann das auch jemand berichtigen/vervollständigen/Beispiele bringen? :-)
Und zwar meine ich mitbekommen zu haben, dass der Arzt nur eine bestimmte Anzahl an Patienten behandeln darf (pro, Jahr, Quartal,Monat, Tag?) und mehr von den Krankenkassen einfach nicht bezahlt wird. Er darf nicht mal mehr Patienten behandeln um mehr zu verdienen. Das heißt, er darf schon, aber dann halt für umme. Genauso wie dass man pro Patient pro Quartal nur einen bestimmten Geldbetrag zur Verfügung hat, alles was darüber ist muss der Arzt aus eigener Tasche zahlen. Was zwar bei jungen gesunden Patienten gut machbar wäre, bei mehreren chronisch Kranken aber nicht funktioniert, die pro Quartal einfach mehr brauchen für ihre Medikamente. Aber die einfach wieder heimschicken geht ja auch nicht!
Wir hatten auch mal eine Vorlesung, in der ein paar Sachen aufgezeigt wurden, wofür der Hausarzt (wie von den Krankenkassen festgelegt) wieviel bekommt. Das waren vielleicht so 16 Euro für einen Hausbesuch (egal wie weit er fahren muss!auf dem Land ja nicht immer gleich um die Ecke) und für andere Untersuchungen auch nur so ein paar Euro. Im Vergleich mit den Ausgaben für eine Praxis (Personal, Strom, Wasser, evtl. Miete etc...) bleibt da einfach nicht viel übrig. Also natürlich schon etwas, aber im Verhältnis zur geleisteten Arbeit (und schwierigem Studium) steht das eben nicht. Überall sieht es für die Allgemeinheit nur so aus, als ob alle Hausärzte nur rumjammern würden, dass sie zu wenig bekommen, aber eigentlich wissen die Leute auch gar nicht, wie wenig der Arzt für manche Sachen bekommt. Und gleichzeitig sind ihm durch die Krankenkassen die Hände gebunden in seinem "Wirkungssektrum" und in dem was möglich wäre.
Eigentlich finde ich Allgemeinmedizin sehr attraktiv, auch möchte ich später gerne wieder auf das Land, ich kenne die Vorteile. Aber es schreckt ab wenn man so etwas hört. Genauso wie der ganze Bürokratiekram, die ständige Präsenz (gibts/gabs da nicht mal sogar so eine Regelung, dass der Hausarzt im selben Ort wohnen muss wie da wo er arbeitet?) und auch ein bisschen das "Alleingelassensein", im fachlichen Sinne. Eine Gemeinschaftspraxis auf dem Land oder ein MVZ, das könnte ich mir aber schon vorstellen! Nur da muss man dann ja wieder jemanden finden, der mitmacht... :-keks

Gelbes_U
08.08.2011, 09:08
Deshalb wäre mein Lösungsvorschlag, die Praxen (auch gerne mehrerer Fachrichtungen) durch MVZs zu ersetzen mit angestellten Ärzten, die im interdisziplinären Team, in Teilzeit, als Pendler oder wie auch immer da arbeiten und ansonsten nicht in dieses archaische Rollenbild des ZDF-Landarztes (wer erinnert sich noch an Christian Quadflieg?) gepresst werden.

Da wirst Du aber erstmal unsere alten (archaischen) Kollegen in den KVen überzeugen müssen - die sind da nämlich die größten Bremsklötze... Ansonsten ist das ganz klar die Richtung, in die es gehen wird oder gehen muss.

Relaxometrie
08.08.2011, 09:21
dass man pro Patient pro Quartal nur einen bestimmten Geldbetrag zur Verfügung hat, alles was darüber ist muss der Arzt aus eigener Tasche zahlen. Was zwar bei jungen gesunden Patienten gut machbar wäre, bei mehreren chronisch Kranken aber nicht funktioniert, die pro Quartal einfach mehr brauchen für ihre Medikamente. Aber die einfach wieder heimschicken geht ja auch nicht!
Dieser "Betrag pro Quartal pro Patient" schimpft sich Regelleistungsvolumen und ist hier (http://www.rlv-2009.de/index.html) ganz gut erklärt. Jenseits des Regelleistungsvolumens können noch diverse andere Posten abgerechnet werden, und manchen Leistungen (Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen) werden wohl auch extra bezahlt.
Ob dieses komische Regelleistungsvolumen (RLV) der Wahrheit letzter Schluß ist, oder ob es nicht eher ein bürokratisches Monstrum ist, kann ich (arbeite nicht im niedergelassenen Sektor und kenne die Feinheiten der Abrechnungsmodalitäten nicht) nicht fundiert beurteilen.
Nach meiner Einschätzung ist es jedoch so, daß durch das RLV das Risiko, daß Patienten "viel Gesundheitsleistung" erfragen, ausschließlich auf den einzelnen, niedergelassenen Arzt, abgewälzt wird. Und das kann es meiner Meinung nach nicht sein. Wenn man davon ausgeht, daß die Volksgesundheit ein von der Gemeinschaft getragenes und finanziertes Gut ist, muß es auch von der Allgemeinheit bezahlt werden. Daß es ohne Priorisierung und einer Abspeckung des Leistungskatalogs langfristig nicht gehen wird, halte ich zwar für eindeutig. Aber das sollte ebenfalls in einem gesamtgesellschaftlichen Konsens geschehen, und nicht in der einzelnen Arztpraxis durch Mangelbezahlung des Leistungserbringers.

Herzkasperl
08.08.2011, 14:42
Dieser "Betrag pro Quartal pro Patient" schimpft sich Regelleistungsvolumen und ist hier (http://www.rlv-2009.de/index.html) ganz gut erklärt. Jenseits des Regelleistungsvolumens können noch diverse andere Posten abgerechnet werden, und manchen Leistungen (Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen) werden wohl auch extra bezahlt.
Ob dieses komische Regelleistungsvolumen (RLV) der Wahrheit letzter Schluß ist, oder ob es nicht eher ein bürokratisches Monstrum ist, kann ich (arbeite nicht im niedergelassenen Sektor und kenne die Feinheiten der Abrechnungsmodalitäten nicht) nicht fundiert beurteilen.
Nach meiner Einschätzung ist es jedoch so, daß durch das RLV das Risiko, daß Patienten "viel Gesundheitsleistung" erfragen, ausschließlich auf den einzelnen, niedergelassenen Arzt, abgewälzt wird. Und das kann es meiner Meinung nach nicht sein. Wenn man davon ausgeht, daß die Volksgesundheit ein von der Gemeinschaft getragenes und finanziertes Gut ist, muß es auch von der Allgemeinheit bezahlt werden. Daß es ohne Priorisierung und einer Abspeckung des Leistungskatalogs langfristig nicht gehen wird, halte ich zwar für eindeutig. Aber das sollte ebenfalls in einem gesamtgesellschaftlichen Konsens geschehen, und nicht in der einzelnen Arztpraxis durch Mangelbezahlung des Leistungserbringers.

Es sollte dafür gesorgt werden, dass der, der eine Leistung nachfragt auch zumindest anteilig an "Kosten" beteiligt wird - anders geht es nicht. Dieses "Beteiligen" muss nicht finanziell sein - es ist auch möglich, Gesundheits-Dienste umsonst mit langer Wartezeit oder schneller ohne Wartezeit anzubieten. Beides sind "Kosten" für den Patienten, die aber geeignet sind, die Allgemeinheit zu entlasten, weil die Leute nicht immer zum Arzt rennen, nur weil wieder das Knie ein bisschen zieht...

Herzkasperl
08.08.2011, 14:43
ääh, das war jett ordentlich off-topic, man möge es mir nachsehen...:knuddel:

Relaxometrie
09.08.2011, 09:31
Ahso, und falls der Artikel tatsächlich noch in einer OWL-Zeitung erscheint, würde mich das auch interessieren...
Das mit der OWL-Zeitung war entweder komplett gelogen (wobei ich den tieferen Sinn der Lüge nicht erkennen würde), oder Zwitscherliesel ist so dermaßen im Streß, nachdem sie die für sich nötigen Infos für den FAZ-Artikel hier bekommen hat, daß sie uns die OWL-Zeitung nicht mehr mitteilen kann :-nix

konstantin
09.08.2011, 10:08
Frischt mein Vertrauen in die Medien nochmal so richtig auf. :knuddel:

milz
09.08.2011, 19:56
Für mich wäre das auch nichts. Wenn ich überlege, wieviele Wochenenden ich schon mit einer banalen Steuererklärung verbracht habe, dann will ich gar nicht wissen, welch bürokratischer Wahnsinn und Gängelei von oben in der Praxis auf mich zukommen würde.

Die anderen Punkte wurden schon angesprochen, unterschreibe ich.