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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : affektive Störungen



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Bine39
11.07.2003, 00:05
Hallöli!

Im Unterricht wurde uns was über affektive Störungen erzählt.

Kann mir jemand mit kurzen einfachen Worten sagen, was da alles dazu gehört?

Klar, ich könnte jetzt die Bücher wälzen, aber da steht ja auch alles so differenziert drin :-??? . Ich als Krankenschwester brauche aber nur die Grundbegriffe mit den wichtigsten Symptomen und Therapiemöglichkeiten.

Oder ist diese Bitte jetzt doch etwas unverschämt von mir?

Falls doch Antworten kommen, bedanke ich mich hier mal ganz herzlich!!! :-top

Liebe Grüße Bine

FataMorgana
11.07.2003, 00:31
Eine umfassende Abhandlung kann ich leider um die Uhrzeit nicht mehr von mir geben - sorry.

Affektive Störungen sind grob gesagt solche, die Stimmung und Antrieb betreffen. Die wichtigsten Vertreter sind Depression (Stimmung gedrückt, Antrieb meist vermindert - kann aber auch unverändert oder gesteigert sein) und Manie (Stimmung euphorisch, Antrieb gesteigert).

Wichtige Symptome sind z. B.:

Depression - grundlose Traurigkeit, Schlafstörungen, Gewichtsveränderungen, Suizidgedanken und -versuche, Antriebsveränderungen (s. o.), Konzentrationsstörungen, Gehemmheit des Denkens, "kreisende" Gedanken, Zwangsgedanken und -handlungen, Angst, Verlust sozialer Kontakte, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle bis zum Schuldwahn, Verarmungswahn etc.

Manie - grundlose Heiterkeit, geringes Schlafbedürfnis, Ideenflucht, sinnlose Geldausgaben, überhöhtes Selbstwertgefühl bis zum Größenwahn, Ausweitung sozialer Kontakte bis zur Umtriebigkeit etc.

Nach der Art der Entstehung unterscheidet man klassischerweise noch die endogenen, exogenen und psychogenen affektiven Störungen, wobei diese Unterteilung an Bedeutung verloren hat.

Therapie: Medikamente (Antidepressiva, Phasenprophylaxe mit Lithium, Carbamazepin oder Valproinsäure, Neuroleptika zur Behandlung der akuten Manie und teilweise auch der Depression, Benzodiazepine eher vorübergehend bei Depression), Psychotherapie (zunehmend Verhaltenstherapie, weniger Psychoanalyse), Soziotherapie, Ergotherapie.

So - das war's für heute.

Bine39
11.07.2003, 00:55
Damit kann ich schon mal was anfangen. Vielen Dank!

Ich bringe noch durcheinander:

Zyklotymie
Bipolar2 usw...

Warum hat es an Bedeutung verloren, ob die Depressionen nun endogen, exogen oder psychogen sind?

Gruß Bine

Froschkönig
11.07.2003, 07:10
Bipolar bedeutet, daß sich manische und depressive Phase abwechseln, wobei die einzelnen Phasen Monate Dauern.

Von den Bipolaren, der reinen Depression und der reinen Manie ist das letzte am seltensten.

FataMorgana
11.07.2003, 08:32
Original geschrieben von Bine39
Ich bringe noch durcheinander:

Zyklotymie
Bipolar2 usw...

Zyklothymie ist eine bipolare affektive Störung. Der Name impliziert nach traditioneller Auffassung ein bisschen eine endogene Ursache.

Was "Bipolar2" sein soll, weiß ich nicht. Oder war das ein Tippfehler?


Warum hat es an Bedeutung verloren, ob die Depressionen nun endogen, exogen oder psychogen sind?

Man hat festgestellt, dass diese Unterscheidung unter dem Aspekt der therapeutischen Konsequenzen nicht so wichtig ist, wie man einmal angenommen hatte. Trotzdem wird diese Klassifikation noch benutzt und hat sicher auch eine Berechtigung. Man nennt sie übrigens das "triadische System" der Psychiatrie. Dies kann auch auf andere Psychosen angewandt werden.

Btw: Finde ich gut, dass sich auch mal jemand vom Pflegepersonal hier ein bisschen einnistet. Das bringt mal ein bisschen Abwechslung und frischen Wind hier rein. Es gab vor längerer Zeit mal "Susannchen", aber die hat schon seit Ewigkeiten nichts mehr gepostet.

Bine39
11.07.2003, 11:17
Hallo FataMorgana!



Was "Bipolar2" sein soll, weiß ich nicht. Oder war das ein Tippfehler?

Nein, kein Tippfehler.
Ich hab noch einmal in meine Unterlagen geschaut:

Bipolar1:
Diese Diagnose wird gestellt, wenn der Betroffenen das volle Syndrom der Manie oder gemischte Symptome erlebt oder erlebt hat. Er kann aber auch depressive Phasen erlebt haben.

Bipolar2:
Sie zeichnet sich daduch aus, daß der Betroffenen wiederholte Episoden der Major Depression und episodisches Auftreten von Hypomanie erlebt hat. Der Betroffenen zeigt dabei nie das volle Syndrom der Manie oder gemischte Symptome

Boah ey, ich sollte mehr lesen und mich nicht so viel in Foren rumtreiben. :-))




"triadische System" der Psychiatrie. Dies kann auch auf andere Psychosen angewandt werden.

Darüber habe ich jetzt nichts gefunden. Kannst Du das bitte genauer erklären?


Btw: Finde ich gut, dass sich auch mal jemand vom Pflegepersonal hier ein bisschen einnistet. Das bringt mal ein bisschen Abwechslung und frischen Wind hier rein. Es gab vor längerer Zeit mal "Susannchen", aber die hat schon seit Ewigkeiten nichts mehr gepostet. [/B]

Danke, das gibt mir die Gewissheit, daß ich hier willkommen bin.
Anfangs hatte ich da meine Bedenken :-blush

Ich bin der Lehrntyp, der sich durch lesen nicht viel behält. Wenn ich aber darüber diskutiere, bleibt es bombenfest und sicher hängen.


Btw: Mit dieser Methode (hier im Forum rumfragen) habe ich mir gestern eine 1 in der Pharma-Klausur eingeheimst!!!! :-)


Bis bald mal

Lieben Gruß

Bine

PS: Booaaah ey, ich konnte einem/einer anhehenden Arzt/Ärztin was erklären, wenn auch nur abgelesen. :-lesen

hobbes
11.07.2003, 20:19
Zyklothymie ist eine anhaltende bipolare Störung, analog der Dysthymie.

(sorry, habe keine Zeit für weitere Erklärungen)

hobbes
11.07.2003, 23:31
Original geschrieben von Bine39
Bipolar1:
Diese Diagnose wird gestellt, wenn der Betroffenen das volle Syndrom der Manie oder gemischte Symptome erlebt oder erlebt hat. Er kann aber auch depressive Phasen erlebt haben.



Was du als Bipolar 1 bezeichnest ist im Prinzip die Definition der Manie. Die Manie ist eigentlich per Definition eine bipolare (zweipolige) Störung, d.h. sie beeinhaltet sowohl die Manie mit gehobener Stimmung, die von einer Depression gefolgt wird. Dabei können Depression und Mani unterschiedlich ausgeprägt sein.



Original geschrieben von Bine39
[B]Bipolar2:
Sie zeichnet sich daduch aus, daß der Betroffenen wiederholte Episoden der Major Depression und episodisches Auftreten von Hypomanie erlebt hat. Der Betroffenen zeigt dabei nie das volle Syndrom der Manie oder gemischte Symptome


Dies ist mehr oder weniger die Definition der Zyklothymia. Allerdings handelt es sich dort weniger um "major depressions" als um leichtere Formen derselben, welche von leichten Manien gefolgt sind. Die Phasen wechseln sich ab. Die Zyklothymia ist eine chronische affektive Störung. (Stimmungsinstabilität).


Das triadisches System wurde verlassen, weil psychiatrische Erkrankungen meistens nicht als eindeutig endogen, somatogen oder psychogen zu klassifizieren sind. Vielmehr handelt es sich um Erkrankungen mit multifaktorieller Genese; dieser Erkenntnis trägt das Vulnerabilitäts-Stress-Modell Rechnung.

Bine39
12.07.2003, 00:17
Das Vulnerabilitätskonzept wird bei uns im Unterricht nur zum Thema Schiziphrenien behandelt, sonst nirgends. Hat es woanders auch noch eine Bedeutung? :-((

Gruß Bine

hobbes
12.07.2003, 19:21
Ja, das Vulnerabilitätskonzept wird bei sehr vielen psychiatrischen Erkrankungen angewandt. Es bedeutet eine erhöhte Verletztlichkeit und damit ein erhöhtes Risiko an einer psychiatrischen Erkrankungen zu erkranken. Dies aufgrund von lebensgeschichtlichen Ereignissen, Störungen in der Kindheit, genetischen Faktoren, Umweltfaktoren u.s.w. Verletztliche Individuen können bei einem Auslöser (z.B. Ehescheidung) nun leichter z.B. eine Depression aquirieren.

Gerade hinsichtlich der Schizophrenie ist es wohl so, dass die Vulnerabilität v.a. aus genetischer Disposition besteht und kaum von der Umwelt beeinflusst wird. Hingegen kann der Ausbruch der Schizophrenie sehr wohl umgebungsbedingt sein und mit lebensgeschichtlichen Ereignissen assoziiert sein.

Bine39
12.07.2003, 20:43
Auch diese Vulnerabilitätsprinzip wird im Examen abgefragt. Der OA, der bei uns unterrichtet, hat schon angekündigt, daß ihm dieses Thema wichtig ist und er uns in der Prüfung zerpfücken wird :-((

Warum tue ich mir das alles bloß an? :-blush

(ich glaube, ich brauche gerade etwas Motivation)


Gruß Bine

Stela
13.07.2003, 12:32
Hi, habe die Beiträge gelesen und muss schon sagen dass für Leute die noch keine Facharztausbildung durchgelaufen sind war alles so ziemlich in Ordnung. Auf jeden Fall besser als die meistens Hausärzte die ich kenne. Wollte nur das hinzufügen, was meine Psychiaterin gemeint hat und die hat schon ein Paar Jahrzehnte Erfahrung und die meint, diese starre Teilungen, Bipolar I ist so und II ist so (übrigens in Amerika kennt man auch ein Bipolar III, wie ich in Internet gesehen habe) bewahren sich in der Wirklichkeit nur zum Teil und das es in diesem Bereich alles gibt und möglich ist, zum leidwesen der Kranken. Im schlimmsten Fall ist man Schizo-Affektiv mit einer Borderlinestruktur die sich auf eine Persönlichkeitsstörung(depressiv, hystrionisch,usw) legt, womit man besten Chancen hat, in irgendeinen Reihenfolge und Zeitfenster alle vier Psychosen durchmachen zu dürfen.
So jemand hat es wirklich nicht leicht im Leben und verdient die besten Ärzten. Will selber in ferner Zukunft in diesem Bereich tätig werden, deswegen meine Leserei. So, genug Trauriges für einen Sonntag. :-winky

Bine39
13.07.2003, 13:18
Hallo Stela!

Ich finde es toll, daß Du Dich evtl. für die Psychiatrie entscheidest. In diesem Zuge würde ich Dich einfach mal fragen, ob Du nicht daran interessiert bist, uns Weiterbildungsteilnehmer in der psychiatrischen Pflege zu unterstützen.

Ich habe vor einigen Tagen einen allgemeinen Aufruf gestartet.

Lies mal hier:
http://www.medi-foren.de/showthread.php?s=&threadid=7863

Liebe Grüße Bine

Stela
13.07.2003, 15:09
Hi Bine39,

Man war ich überascht das so schnell eine Antwort da war und dazu noch eine positive. Das zeigt dass die Leute hier wirklich nett sind. Habe mich schon natürlich bei Euch registriert, ich finde die Website toll. Als Betroffene und Hobbypsychiaterin helfe ich selbstverständlich gerne. Habe bestimmt über 250 Fachbücher gelesen, das hat mir sehr geholfen, meine Probleme zu verstehen. Der Mensch wächst über sich hinaus wenn es um das Überleben geht. Dank Arbeit und Schule kann ich nur sonntags am PC sein aber ich bin natürlich dabei. Ich denke, Du wirst es noch weit bringen :-top ,
Ps.: Mein Englisch ist besser......

Psycom24 :-dafür



:-winky
Maristela

FataMorgana
13.07.2003, 15:22
Original geschrieben von hobbes

Das triadisches System wurde verlassen, weil psychiatrische Erkrankungen meistens nicht als eindeutig endogen, somatogen oder psychogen zu klassifizieren sind.

Verlassen? Das ist aber eine sehr moderne Ansicht. In den Köpfen der meisten Psychiater existiert es noch. Und es ist ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich denke, es hat an Bedeutung verloren gegenüber anderen Konzepten, aber verlassen ist es (noch) nicht. Schwierig ist vor allem die Unterscheidung zwischen endogenen und psychogenen Psychosen. Aber dass es rein exogene Psychosen gibt, darüber sind wir uns wohl einig, oder?

Bine39
13.07.2003, 15:32
Hallo FataMorgana!

Ich bräuchte mal eine "Eselsbrücke" denn ich vergesse immer wieder den Unterschied bzw. die Bedeutung von endogen, exogen und psychogen. :-???

Mag jetzt der eine oder andere darüber lachen, aber nicht umsonst lebe ich nach dem Motto:

Wer ewig vorgibt klug zu sein, wird stets daran gehindert, es je zu werden! (chin. Weisheit)

:-meinung


Gruß Bine

FataMorgana
13.07.2003, 16:05
Original geschrieben von Bine39
Ich bräuchte mal eine "Eselsbrücke" denn ich vergesse immer wieder den Unterschied bzw. die Bedeutung von endogen, exogen und psychogen. :-???

Das ist dann ja schon das triadische System. Eigentlich recht einfach. Die Bedeutungen:

endogen = von innen her kommend (weder eine körperliche noch eine psychische Ursache erkennbar)

exogen oder auch somatogen = von außen bedingt, körperliche Ursache wie z. B. Tumor, entzündliche Erkrankung, Vergiftung...

psychogen = durch psychische Vorgänge verursacht bzw. erklärbar ("neurotisch"), z. B. psychisches Trauma, intrapsychische Konflikte etc.

hobbes
13.07.2003, 23:06
Original geschrieben von FataMorgana


Das ist dann ja schon das triadische System. Eigentlich recht einfach. Die Bedeutungen:

endogen = von innen her kommend (weder eine körperliche noch eine psychische Ursache erkennbar)

exogen oder auch somatogen = von außen bedingt, körperliche Ursache wie z. B. Tumor, entzündliche Erkrankung, Vergiftung...

psychogen = durch psychische Vorgänge verursacht bzw. erklärbar ("neurotisch"), z. B. psychisches Trauma, intrapsychische Konflikte etc.

Da stellt sich die Frage, was denn genau endogen von psychogen unterscheidet. Ich habe hier nie den Durchblick gewonnen. Es ist mir zwar klar, was unter psychogen (neurotisch) zu verstehen ist. Aber was ist endogen? Alles was übrig bleibt? Genetische Faktoren? Aber solche Faktoren verursachen einen affektive Störung nicht alleine, sie geben nur eine Vulnerabiliät vor, womit wir wieder beim Vulnerabilitäts-Stress-Modell wären.

capgras
20.07.2003, 00:40
ich denke, endogen ist letztlich somatogen, wobei die genaue aetiologie und pathophysiologie (noch) nicht bekannt sind. genetische faktoren koennen eine rolle spielen, aber auch andere somatische aetiologische faktoren werden diskutiert, z.b. praenatale viusinfektionen. man koennte endogen vielleicht besser als idiopathisch bezeichnen. ein anderer verwendeter begriff ist funktionell

milz
20.07.2003, 11:11
Gemäß dem Spruch "benennen heißt kennen" gibt man halt der Unwissenheit wenigstens einen schönen Namen.