Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Nackenschmerzen und Lähmung
Hellequin
17.10.2012, 07:59
Spannender Fall - Danke. Bei uns hätte es nachts auch nur ein CT gegeben. Bei V.a. auf Ischämie DD Dissektion bie den Nackenschmerzen aber definitiv mit CTA. Interessant wäre gewesen ob jemandem in diesen Bildern dann die Blutung schon aufgefallen wäre.
Dem schließe ich mich an, sehr spannend ... zeigt halt wieder mal deutlich wie sich klinische Befunde im Verlauf noch ändern können und dann auf was völlig anderes hindeuten. Die CTA wäre auch bei uns mit Sicherheit mitgelaufen.
Fand den Fall auch sehr realistisch geschildert - bin natürlich auch ein bißchen Stolz dass ich darauf gekommen bin ;-)
Habe bisher 2 fast identische Patienten gesehen: bei einem auch marcumarisierten Herrn zum Glück gleich aus der Aufnahme CCT und dann wirklich MR-HWS gemacht (bei hochgradiger HP und vollkommen unauffälligem HNST und stärksten Nackenschmerzen) - aber ich erinnere mich auch an einen Patienten, den wir bei normaler Gerinnung sogar noch lysiert haben, erst als dann das Blutbild kam mit bisher nicht bekannter Thrombopenie um 30 hatte man das dann doch überdacht....
psycho1899
17.10.2012, 20:00
Vielen Dank :-)
Toast, wie lange bist Du denn schon dabei? Oder in der NCH? Ich hab in 6 Jahren bisher diese einzige spinale epidurale Blutung gesehen und die Inzidenz ist ja echt gering. Aber trotz alledem... chapeau!
Ich denke, eine schwergradige Hemiparese hätte vielleicht auch bei unauffälligem HN-Status weitere Akutdiagnostik getriggert. Aber die beinbetonte Parese... hätte so herrlich gut zu einer ACA-Ischämie gepasst.
Hellequin und Firebird, CT-A hätte man machen können (wobei unser Chef das aus für mich nicht klaren Gründen ungern sah; er wollte dann direkt ein MRT haben und wir haben es in der Regel nachts auch häufig bekommen). Ein unauffälliger Gefäßbefund in der CT-A hätte aber eine Dissektion nicht ausgeschlossen. Ob man in der CT-A dann die Blutung hätte sehen können... keine Ahnung, wenn Du das als Radiologe sagst, glaub ich das mal :-) Das hätte uns natürlich ein paar heiße Stunden erspart.
Also ich habe in 4 Jahren Neuro jetzt diese beiden Fälle gesehen... aber ich fand das Krankheitsbild in beiden Fällen so eindrücklich, dass es mir wirklich im Gedächtnis geblieben ist....
Hoffe ich erkenne die nächste dann auch wenn sie nachts um 3 in die Notaufnahme kommt ;-)
psycho1899
17.10.2012, 21:29
Also ich habe in 4 Jahren Neuro jetzt diese beiden Fälle gesehen... aber ich fand das Krankheitsbild in beiden Fällen so eindrücklich, dass es mir wirklich im Gedächtnis geblieben ist....
Hoffe ich erkenne die nächste dann auch wenn sie nachts um 3 in die Notaufnahme kommt ;-)
Jo, das ist das coole an den vergleichsweise seltenen und eindrücklichen Fällen... wenn man so etwas gesehen hat, denkt man beim nächsten Fall definitiv direkt daran. :-)
Moorhühnchen
18.10.2012, 17:55
Bin ja erst am 14. in den Fall eingestiegen und hab leider auch nicht so genau gelesen (von mir kam die Frage nach erinnerlichem Zeckenbiß), aber ich hatte zumindest zu diesem Zeitpunkt für mich was "hirnisches" ausgeschlossen.
Hatte nur kurz gegooglet, ob es bei einer manifesten Borreliose denn zu solch symptomatischen Bradykardien kommen kann und bin sofort auf einen ähnlichen Fall gestoßen. Das mit der Gerinnung und dem plötzlichen Schmerzbeginn hatte ich gar nicht so wahrgenommen - wäre es nicht so gewesen, hätte ich es jedenfalls für einen mögliche DD gehalten... ;-)
Aber gut, meine Zeit in der Neuro war endlich und ist zudem auch schon ein paar Jahre her... *rausred* :-))
psycho1899
18.10.2012, 19:28
Bin ja erst am 14. in den Fall eingestiegen und hab leider auch nicht so genau gelesen (von mir kam die Frage nach erinnerlichem Zeckenbiß), aber ich hatte zumindest zu diesem Zeitpunkt für mich was "hirnisches" ausgeschlossen.
Hatte nur kurz gegooglet, ob es bei einer manifesten Borreliose denn zu solch symptomatischen Bradykardien kommen kann und bin sofort auf einen ähnlichen Fall gestoßen. Das mit der Gerinnung und dem plötzlichen Schmerzbeginn hatte ich gar nicht so wahrgenommen - wäre es nicht so gewesen, hätte ich es jedenfalls für einen mögliche DD gehalten... ;-)
Aber gut, meine Zeit in der Neuro war endlich und ist zudem auch schon ein paar Jahre her... *rausred* :-))
Tja, Anamnese, meine Liebe, Anamnese ;-)
Wie gesagt, fand Borreliose nicht komplett aus der Luft gegriffen. Wären die Schmerzen abendlich betont gewesen und der Onset eher protrahiert, wäre das durchaus ne sehr valide DD gewesen.
Apropos Borreliose... im Alltag wird man ja eher mit der Borrelienneurose irgendwelcher Psychos als mit der Neuroborreliose konfrontiert. Es gibt da eine m.E. sehr gute Reportage, die von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie kürzlich auch ausgezeichnet wurde. Sehr nett, insbesondere die Darlegung der fast sektenhaft-fundamentalistischen Strukturen der 'Selbsthilfegruppen'. Die Salafisten unter den Patienten :-D
Wirklich sehenswert.
http://www.ardmediathek.de/swr-fernsehen/betrifft/der-zecken-krieg-wie-gefaehrlich-ist-die-borreliose?documentId=10750616
Relaxometrie
18.10.2012, 23:27
Danke für den Link, psycho 1899. Daß Selbsthilfegruppen teilweise von der Pharmaindustrie unterwandert sein sollen, habe ich ja schon öfter gehört. Wenn man diversen Pamphlete der unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen liest, hat man auch oft den Beweis dafür, daß die Pharmaindustrie da ganz ordentlich mitredet :-nix
Die Borrelienmafia ist aber tatsächlich krass! Man muß es wohl leider realistischerweise so sehen, wie die Dermatologin der Uni München in dem Bericht sagte: (sinngemäß)
"Scharlatane hat es immer gegeben, man muß das wohl leider so hinnehmen."
Man kann sich nur als Schulmediziner nochmal vornehmen, den Patienten zu erklären, daß auch die moderne Medizin nicht alle diffusen Krankheitsbilder heilen kann, daß aber Therapien, zu denen man 1000e von Euro selbst zahlen soll, wohl eher unseriöser Natur sind.
Wie geht Ihr (Neurologen, Hausärzte.....) denn mit diesen Patienten um, die eine selbstdiagnostizierte Borreliose zu haben meinen, deren Laborbefunde diesbezüglich aber blande sind? Was steckt Eurer Erfahrung nach am ehesten hinter den diffusen Symptomen? Es wirkt ja immer nach "psycho", aber auch das sind Erkrankungen. Und wenn es nicht aus der psychosomatischen Ecke kommt? Was sind Eurer Erfahrung nach die häufigsten somatischen Gründe für diese pseudoborreliotischen Beschwerden?
Hellequin
19.10.2012, 08:53
Wie geht Ihr (Neurologen, Hausärzte.....) denn mit diesen Patienten um, die eine selbstdiagnostizierte Borreliose zu haben meinen, deren Laborbefunde diesbezüglich aber blande sind? Was steckt Eurer Erfahrung nach am ehesten hinter den diffusen Symptomen? Es wirkt ja immer nach "psycho", aber auch das sind Erkrankungen. Und wenn es nicht aus der psychosomatischen Ecke kommt? Was sind Eurer Erfahrung nach die häufigsten somatischen Gründe für diese pseudoborreliotischen Beschwerden?
Das Problem ist häufig das du dabei ein großes Potpourri an unterschiedlichsten Beschwerden hast, von tatsächlich organisch bedingten über subjektive Befindlichkeitsstörungen (die pathologisiert werden) bis hin zu psychosomatisch/psychiatrisch bedingten Symptomen. Bezüglich der neurologischen Symptome spielen häufig Polyneuropathien, Wurzelreizsyndrome, Sachen wie Karpaltunnel etc. mit rein. Bei "echten Borrelienneurotikern" hast du häufig sehr diffuse Beschwerden. Meiner Erfahrung nach ist ein Scheitern bei diesen Patienten fast zwangsläufig. Das fängt bei einer sehr zähen, wenig Zielführenden Anamnese an und du scheiterst bei der Abklärung oder Behandlung schlicht ergreifend an der Einstellung der Patienten. Wenn du auch nur andeutest das es keine Borreliose sein könnte, die bestimmte Symptome macht oder schlimmer noch das böse P-Wort ins Spiel bringst, hast du schon verloren.
Stellenweise hast du Leute die schon mehr als ein halbes Dutzend LPs hinter sich haben, weil sie von einer Klinik zur nächsten ziehen (erfährt man meist eher durch Zufall). Befunde die deren Weltbild nicht entsprechen werden einfach negiert. Bei den Leute geht es für dich als Arzt vorallem um forensische Absicherung und darum die Leute schnellstmöglich wieder aus der Praxis/Klinik herauszubekommen.
Relaxometrie
19.10.2012, 09:24
@Helle: Wow, danke für die ausführliche Beschreibung.
Genau so habe ich es mir vorgestellt: man arbeitet da manchmal gegen völlig verquere Patientenvorstellungen an und macht halt das forensisch nötige.
Um die Patienten dann vom bösen P (ich gehe mal davon aus, daß in dem Fall nicht "privatversichert" damit gemeint ist, sondern "psychiatrisch/psychosomatisch") zu überzeugen, dürfte oft fast nicht möglich sein.
Im Film hat die Patientin dann ja nach dreieinhalb Monaten die Antibiotikatherapie selbst abgebrochen und ihr konnte letztlich mit Schmerzmedikamenten geholfen werden.
Dieses "Borreliose Centrum Augsburg" (http://www.b-c-a.de/index.php) ist wirklich mysteriös :-(
schwarzwald
19.10.2012, 11:14
Danke für den Link, psycho 1899. Daß Selbsthilfegruppen teilweise von der Pharmaindustrie unterwandert sein sollen, habe ich ja schon öfter gehört. Wenn man diversen Pamphlete der unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen liest, hat man auch oft den Beweis dafür, daß die Pharmaindustrie da ganz ordentlich mitredet :-nix
Schliesse mich dem Dank an ! Sehr interessanter Film, gerade weil eine Bekannte auch meint sie sei betroffen, obwohl wissenschaftlich alles dagegen spricht.
In diesem Fall ist es aber weniger die Pharmaindustrie, als die "mysteriöse Zusammenarbeit" dieser Klinik mit den SHG. Immerhin fördern diese die privat gezahlte, wahrscheinlich unnötige, Langzeitantibiose mit den Publikationen in ihren SH-Magazinen. Und diese Gerät, dass "die Borrellien aus den Verstecken holen soll" ......:confused:
Relaxometrie
19.10.2012, 11:28
Und diese Gerät, dass "die Borrellien aus den Verstecken holen soll" ......:confused:
Ja!!! Das ist echt ganz großes Kino :-notify:-wand:-kotz
Du kannst Dir ja mal die Homepage von diesem Augsburger Borrelienzentrum angucken. Zuerst erscheint es noch seriös, aber irgendwann kommt es einem schon merkwürdig vor. Alleine schon, daß die dort arbeitenden Ärzte nicht wirklich erwähnt werden. Irgendwo steht, daß man mit Ärzten zusammenarbeitet, die wiederum irgendwo ihre eigene Homepage haben. Wenn ich als seriöses Institut mit seriösen Ärzten zusammenarbeite, würde ich die Ärzte ja einfach auf meiner Homepage vorstellen.
Echt tragisch für Patienten, die (vielleicht teilweise sogar zu Recht) stinkig auf die Schulmedizin sind, dann aber noch schlimmeren Scharlatenen zum Opfer fallen.
WackenDoc
19.10.2012, 12:14
Spätestens da wo es bei diesem Augsburger Zentrum um Morgellos und MCS geht sollte jedem klar sein,dass das mit seriöser Medizin nichts mehr zu tun hat.
Der Fragebogen ist auch klasse- würde ich das Dingen bei uns im Wartezimmer auslegen, hätte JEDER meiner Patienten (und auch die gesunden, die nur zur Begutachtung da sind) ne chronische Borreliose.
Borrelienneurotiker sind bei meinem Patientengut zum Glück selten. Wobei wir der Borreliose an sich schon hinterher sind- da geht´s aber mehr um die Sicherung von Ansprüchen und Erkennen der akuten Borreliose.
psycho1899
19.10.2012, 20:55
Sehe es wie Helle... meist sind es so diffuse Beschwerden, dass man schon recht früh weiß, woher der Wind weht. Häufig waren Zuweisungen bei diffusem, psychosomatisch anmutendem Beschwerdebild und teilweise positiven IgG-Borrelien-Titer mit Bitte zur LP. Haben wir dann auf Wunsch des Zuweisers und Patienten entsprochen, unauffällige LP, Patient gesagt, dass er keine Neuroborreliose habe und auch die übrigen Untersuchungen, die ggfs. ergänzt wurden (NLG, EVOPs) keinen Hinweis auf eine somatische Ursache geben. Pat. blockt und bockt. Jede Überzeugungsarbeit und engelszüngigen Reden vergebens, leider, da durch eine etwaige adäquate Therapie (PT) durchaus eine Besserung zu erwarten wäre. Stattdessen wird da Ärzte-Hopping so lange fortgesetzt, bis irgendein Scharlatan sie für teuer Geld mit unnötigen und unsinngen Therapien 'behandeln'.
Rein aus der Erinnerung haben die Patienten, die von extern zur Diagnosesicherung/Ausschluss Neuroborreliose geschickt werden, nie eine, während teilweise recht klassische Neuroborreliosen, wo man schon klinisch die Diagnose vermutet und schließlich liquordiagnostisch bestätigen konnte, meist mir irgendwelchen anderen Einweisungsdiagnosen vorstellig werden.
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