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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wann darf man sterben?



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luckyblue
14.09.2005, 02:59
Der Sachverhalt der Morphium-Gabe bei infauster Prognose entspricht der Rechtsfigur der "Indirekten Euthanasie". In der mir eigenen Bescheidenheit zitiere ich mich mal selbst und verweise auf Post #12 dieses Threads:

Zu 2aa): Indirekte Euthanasie betrifft den Fall, dass die Durchführung einer Handlung eine Lebensverkürzung zwar in Kauf nimmt, in erster Linie jedoch auf Schmerzlinderung und eine Erleichterung des Sterbens zielt . Die Zulässigkeit ist umstritten, im Ergebnis aber wohl akzeptiert. Die Argumentation für die Zulässigkeit stellt vor allem auf die soziale Verträglichkeit und Gebotenheit der Handlung ab: Eine Rechtfertigung aus Notstand (drohende Gefahr eines schmerzvollen Todes soll durch entsprechende Medikation gebrochen werden) sowie aus Pflichtenkollision (Pflicht zur Lebenserhaltung versus Pflicht zur Leidensminderung) soll hier greifen.

Till1982
21.11.2009, 12:30
Ich arbeite auf einer Station, in der viele Pflegefälle und sehr alte Patienten ankommen. Fast wöchentlich stirbt einer meiner Patienten. Manchmal bin ich sehr zufrieden, wenn z.B. einer leidend ankommt, präfinal, und es schnell und ohne großes Leid schafft. MO ist da wirklich ein Segen, wie letzte Woche, ein Patient, den ich vor ein paar Monaten schon auf Station hatte. Beide Beine marmoriert bis an die Hüften, Streckspastik, massive Schnappatmung. Durch eine Spritze wurde er ruhig, hat das Gesicht nicht mehr verzogen, konnte besser atmen und hat es dann in Anwesenheit seiner Kinder recht schnell geschafft. Hier war es aber klar, dass er stirbt und das auch darf.
Schwerer ist es bei Leuten, die seit Wochen auf Station sind, mal etwas besser, mal etwas schlechter, insgesamt aber Abwärtstrend. Eigentlich immer dement, uralt, aus dem Heim, oft gar nicht mehr ansprechbar. aber nicht präfinal. Allen, die diese Leute besser kennen - Ärzten, Pflegern, Angehörigen - ist vollkommen klar, dass es das beste wäre, wenn er/sie in Ruhe und schnell gehen könnte. Man kriegt sie nicht so stabil, dass man sie entlassen kann, aber wenn man nix mehr macht, würds auch nicht schnell gehen. Was soll man machen? Die Angehörigen sagen: "Es wär das beste, wenn er geht", trauen sich aber nicht, klar Therapieeinstellung und MO an zu sagen. Ist auch schwer. Dann ist man als Arzt gefragt, den Leuten die Entscheidung zu erleichtern oder sogar abzunehmen. Doch das ist schwer. So schwer. Ich treffe Entscheidungen, immer natürlich dann mit Einverständnis und bei niemanden, der nicht schwerstkrank ist, aber manchmal bringt mich das an die Grenze. Heute musste ich wieder weinen auf dem Weg nach Hause. Manchmal ist es einfach nicht klar, ob es jemand schnell schafft, und die Angst, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, wiegt doch ganz schön.

little_lunatic
21.11.2009, 14:04
ich möchte mal von einem etwas anderem fall erzählen.
einer meiner beste freunde hatte vor 3 jahren einen schlaganfall. geplatztes aneurysma. er war 27 hat einige jahre hart gearbeitet etwas weiter entfernt und gut geld verdient. er war sportlich. hatte aufgehört zu rauchen, ging jeden morgen joggen, ist dann um eine ausbildung zu machen wieder "nach hause" gekommen. tja und eines abends geschah es dann.... er wurde direkt operiert, hatte dabei noch 2 kleine infarkte und war lange zeit in lebensgefahr und im künstlichen koma. hatte pneumonie und was nicht alles. seine mutter ist vor schock und sorge in die wechseljahre gekommen. die beiden standen sich UNGLAUBLICH nah! sein vater (wenn auch nicht leiblich) ebenso. keiner konnte sagen ob er als pflegefall endet, ob er überhaupt wieder aufwacht.
schon da war die überlegung "was wenn?" wir hatten einige gespräche und wir wussten wenn nichts mehr zu machen ist.. hätte er den stecker gezogen haben wollen... aber er hatte glück! er wachte wieder auf. konnte nicht sprechen, und nur einen arm bewegen. er hat davon wenig mitbekommen weil er so derb auf medikamente war. es folgten endlose monate, ein jahr das er in krankenhaus und reha verbrachte. teilweise mit heftigsten schmerzen. schon nach kurzer zeit waren wir nur noch 2 oder 3 freunde die ihn besuchen kamen. er lernte den zweiten arm zu bewegen, dann einen fuß, letztlich ein bein. irgendwann rollstuhl, dann fing er an mit krücke zu laufen. so kam er letztlich zurück in die WG in der er wohnte... und wurde die woche drauf von seinem mitbewohner (der selbst psychisch belastet ist) rausgeworfen. er zog in das haus neben seinen eltern, hatte eine megacoole wohnung. aber er kam nicht klar. wir und vor allem seine eltern haben getan was wir konnten. aber er sah sich selbst als krüppel und wollte seinen zustand nicht akzeptieren. psychische hilfe wollte er partou nicht annehmen.
er meinte oft wenn er die entscheidung gehabt hätte - er hätte sich damals im krankenhaus schon umgebracht. wir haben uns immer sorgen gemacht und augen und ohren offengehalten. vor einem halben jahr kam dann die wende. er ging wieder raus, traf sich sogar mit frauen, leaste sich sein absolutes traumauto und war wieder der alte und schien richtig glücklich. machte sogar psychotherapie. sein studium das er im ersten anlauf nicht geschaft hatte sollte wieder anfangen. wir flogen in urlaub. und kurz nachdem wir weg wahren kam tag x. es gab keine anzeichen, er hat noch normal mit seiner mom telefoniert. NICHTS auffälliges...
kurz darauf versuchten seine eltern ihn zu erreichen. nichts. die tür war von innen verschlossen, der schlüssel steckte von innen. da wars seinen eltern eigentlich schon klar... ein nachbar stieg dann zum küchenfenster über eine leiter ein. er hatte einen kurzen nichtssagenden abschiedsbrief an die badezimmertür geklebt. war frisch geduscht und rasiert, hatte sich aus internetforen, icq, studivz abgemeldet, sich ein paar kissen in die badewanne gelegt, tür und fenster abgeklebt, den holzkohlegrill angemacht und 280 seiner betablocker genommen die er heimlich gesammelt hatte. ich weiß nicht ob er seinen schwarzen humor zeigen wollte oder es ernst meinte aber er trug sein shirt "ich bin mit der gesamtsituation unzufrieden"

es hat sich rausgestellt dass er seit einem jahr seine post nur noch gesammelt und nicht mehr geöffnet hatte. anstatt wie angekündigt sein studium anzufangen hatte er sich heimlich im märz exmatrikuliert.

der vermutliche grund waren seine nieren. er hatte zystennieren und mit 15 hat ihm ein arzt prophezeit er gäbe ihm mit den nieren noch 15 jahre. in den letzten wochen hatte er über probleme geklagt die anfänge des nierenversagens waren. er hat immer gesagt er möchte nie wieder an schläuche angeschlosse sein. hat mit seinen eltern auch geredet, dass wenn er wieder in der situation ist und nichts zu machen ist sie ihm ein kissen aufs gesicht drücken sollen weil er das nicht will. es war eine vereinbarung die für alle schwer war.

letztlich hatte er einen tollen letzten sommer. es gibt vermutungen und fragen. die "idee" mit holzkohlegrill und tabletten hatte er von einer freundin die eine schwere borderline störung hat und sogar mit ihren paarundzwanzig jahren schon berentet ist. sie wollte an silvester noch eine letzte party feiern und sich dann so umbringen. als wir das erfahren haben wollten wir sofort eingreifen und er meinte er fände es okay dass sie das tun will. sie hätte es sich schließlich lange genug überlegt. wir haben noch drüber diskutiert aber nie gedacht dass ... naja.

es war seine entscheidung und er ist erhobenen hauptes laufend gegangen. und nicht an schläuche angeschlossen. und wir akzeptieren es. wir versuchen uns an seinen letzten satz aus seinem brief zu halten "behaltet mich mit einem lächeln in erinnerung." diesen dezember wäre er 30 geworden.

Coxy-Baby
21.11.2009, 14:39
Wie kann man den Suizid eines (schwer) depressiven Freundes "akzeptieren" ?

little_lunatic
21.11.2009, 14:51
weil es seine entscheidung war. die zukunft die vor ihm stand war nicht zu ändern. und er wollte diese hölle nicht nochmal durchmachen. ohne das hätte er weitergekämpft. das ambivalente daran ist dass er das letzte halbe jahr solche vortschritte gemacht hat und einfach nicht mehr depressiv zu hause blieb sondern es momente gab in denen er sich sichtlich wohl gefühlt hat. frei von depressionen. vielleicht auch gerade weil er wusste er muss das was kommt nicht mitmachen. kein nierenversagen, keine dialyse und schläuche, keine transplantation, keine krankenhäuser, keine rückschritte, keine schmerzen. für ihn hat es mit dem schlaganfall eigentlich schon aufgehört. ein teil von ihm ist wohl damals schon gegangen. es war kein selbstmordversuch aus verzweiflung sondern eine selbstständige überdachte eigene entscheidung.

Coxy-Baby
21.11.2009, 15:01
Danke für die Erläuterung deiner Sichtweise.

little_lunatic
21.11.2009, 15:02
gerne...

hennessy
21.11.2009, 15:44
also ich verstehe sowohl die Sichtweise von lilu, als auch diejenige ihres Freundes.